“Neutrogena” liegt beim Barcelona World Race im Mittelfeld

Weg sind sie

Das Feld an der Linie. "Neutrogena" in Lee der schnelleren "Foncia". © Jean Marie Liot/DPPI

Vor hunderttausend Zuschauern an Land und auf 450 Begleitbooten wurde am Freitagmittag (31. Dezember) in Spanien das Barcelona World Race 2010–2011 gestartet. Unter den 28 Teilnehmern auf 14 Booten ist erstmals überhaupt auch ein Deutscher: Boris Herrmann (29) segelt mit Ryan Breymaier (35) aus den USA auf der 18,29 Meter langen IMOCA Open 60-Yacht „Neutrogena“.

Vor ihnen liegen fast 25.000 Seemeilen, das sind mehr als 46.000 Kilometer über den Atlantik rund um das Kap der Guten Hoffnung nach Australien und Neuseeland. Von dort geht es um das berüchtigte Kap Hoorn zurück nach Barcelona. Nach knapp 90 Tagen werden die Besten im Start- und Zielhafen zurückerwartet.

"Foncia" und "Groupe Bel" haben sich mit überlegenem Leichtwind-Speed vom Feld gelöst. © Jorge Andreu

Norddeutsch grau in grau mit Nieselregen präsentierte sich die Mittelmeerküste am Silvestertag, aber immerhin wehte beim Startschuss eine leichte und drehende nördliche Brise, und sogar die Sonne strahlte einen Moment zum Abschied. Herrmann und Breymaier kamen durchschnittlich über die Linie und kämpften im Mittelfeld um jeden Meter.

Eine obligatorische Wendemarke rundeten sie nach einer halben Stunde als Zehnte. Angeführt wurde das Feld von der französischen „Groupe Bel“ mit Kito De Pavant und Sébastien Audigane, die schnell etliche hundert Meter Vorsprung herausholten, und zehn Minuten vor der „Neutrogena“ ihren günstigsten Kurs in die Straße von Gibraltar suchten.

Michel Desjoyeaux auf "Foncia" und Kito de Pavant auf "Groupe Bel" beharken sich um die Führungsposition an der ersten Marke. "Foncia" verliert. © Jorge Andreu

Nun muss sich zeigen, ob in der einjährigen Vorbereitung auf eine der härtesten Segelregatten der Welt alles richtig gemacht wurde. Segeltests und Manövertraining lagen längst hinter den Probanden, nur noch Kleinigkeiten standen am Ende zur Disposition. „Zwei oder drei Tuben Zahnpasta?“, fragte sich der gebürtige Oldenburger, vielleicht ließe sich noch 100 Gramm überflüssiger Ballast am Bord sparen, um noch einen winzigen Hauch schneller unterwegs zu sein. Insgesamt machte sich Zuversicht im Lager der „Neutrogena“ breit. „Ich glaube, wir haben an alles gedacht“, so Breymaier beim endgültigen Gang an Bord. Fester Wille prägte die Atmosphäre schon an Land. In engem Schulterschluss verabschiedete sich das Duo von mehr als hundert Angehörigen und Freunden. Auch die gegnerischen Skipper wünschten sich persönlich gute Fahrt und zollten einander hohen Respekt. „Wir wollen und werden unterwegs vor allem auch viel Spaß zusammen haben“, nannte die deutsch-amerikanische Freundschaft einen weiteren wichtigen Aspekt.

Nach einer stilvollen Teamparty am Mittwoch in der eleganten Tapas-Bar „Mirabé“ hoch oben mit traumhaftem Ausblick über die Stadt Barcelona hatten sich die Skipper am letzten Abend vor dem Start still und leise in ihre eigenen Gemächer zurückgezogen. Boris Herrmann nutzte die Gunst der Stunde noch für einen flotten Haarschnitt beim Friseur, während Freunde letzte Besorgungen von Batterieladegerät und Werkzeugtool erledigten. „Aufregend wird es erst, wenn wir an Bord die ersten Entscheidungen über Segelwahl und Taktik treffen müssen.“

Die eine oder andere Träne nicht nur im Knopfloch wurde dann schon vergossen, als die Yachten ab halb zehn Uhr vom Dock in der Barceloneta ablegten. Als besonders standfest und mutig entpuppten sich dabei die beiden Mütter der Skipper. „Ich bin stolz auf Boris, dass er seinen Jugendtraum so konsequent verfolgt hat und verwirklicht“, sagt Heide Härtel-Herrmann, „natürlich mache ich mir Sorgen, und mir schlottern jetzt beim Start auch ein wenig die Knie. Ich weiß aber auch, dass er klug und umsichtig ist und kein unnötiges Risiko eingehen wird.“ Ähnlich sieht es Martha Fisher, die Mutter des Co-Skippers: „Ryan weiß, was er tut. Warum sollte ich Angst haben? Ich würde ihn auch nicht abhalten wollen.“

Als ihr Sohn dann kurzfristig noch mal in den 26 Meter hohen Mast klettern musste, um ein verdrehtes Fall zu entwirren, an dem ausgerechnet die Eventflagge gehangen hatte, mochte sie aber nicht hinschauen. „Da wird mir von hier unten schwindelig.“ Boris Mutter war um kurz vor 8 Uhr die Erste im Hafenvorfeld und nahm ihren 29-Jährigen Schützling in den Arm. Der hatte noch ein letztes Mal für das nächste Vierteljahr sieben Stunden im Stück geschlafen und wirkte kurz vor dem vorläufig bedeutendsten Moment seines Lebens sehr relaxt, schon gespannt, aber kaum angespannt. Boris Herrmann: „Ich bin hundertprozentig von der Aufgabe überzeugt und habe keinerlei Restzweifel oder Skepsis. Das wird eine phantastische Sache.“

So viel Rückendeckung von den wichtigsten Personen im persönlichen Umfeld stärkt auch das Selbstbewusstsein. „Dieses Vertrauen wollen und werden wir nicht enttäuschen“, so Boris Herrmann, der noch einmal betont, dass das Hauptziel sei, heil und unbeschadet ins Ziel zurück nach Barcelona zu kommen. Er danach komme die Platzierung, die immer noch Top fünf als Wunsch vorgibt.

„Gracias Barcelona“, Danke Barcelona, stand auf einem langen Banner, den Boris Herrmann und Ryan Breymaier genau in dem Moment entrollten, als die Leinen am Steg losgeworfen waren. „Wir haben hier viel Warmherzigkeit und Begeisterung sowie die notwendige Unterstützung erfahren“, bilanzierten die beiden Skipper die letzten Tage in der katalanischen Hauptstadt. Dort wurde der Start live im Fernsehen übertragen. Das Großereignis wird von den Stadtvätern unter Führung von Bürgermeister Jordi Hereu auch materiell maximal unterstützt.

Vor den Skippern liegt jetzt zunächst die Mittelmeerpassage bis zur Straße von Gibraltar. Besonders bis zur Höhe Valencia werden trickreiche Bedingungen mit löchrigen, stark drehenden Winden erwartet. „Schwierig könnte es aber auch im Atlantik werden, da die typischen Passatwinde derzeit überhaupt nicht in Sicht sind“, meinte Herrmann nach dem abschließenden meteorologischen Briefing mit Wetterguru Marcel van Triest aus den Niederlanden.

Ein eher taktisch geprägter Rennverlauf wäre vielleicht auch eine Chance für das Team Neutrogena, gegen die Topfavoriten auf der „Foncia“ mit Michel Desjoyeaux und François Gabart oder „Virbac-Paprec 3“ von Titelverteidiger Jean-Pierre Dick / Loïck Peyron (alle aus Frankreich) zu bestehen. Denn das deutsch-amerikanische Boot entstammt der Vorgängergeneration der neusten IMOCA Open 60. „Vom Potential her müssten wir fünf Prozent schneller als die alten Schiffe sein“, schätzt Desjoyeaux, der wegen seiner zwei Siege bei der Einhand-Weltumseglung Vendée Globe in der Hochseeszene „der Professor“ genannt wird.

Wie dicht Erfolg und Misserfolg beieinander liegen können, zeigt das banale wie heikle Schicksal des „Hugo Boss“-Skippers Alex Thomson. Der Engländer hatte am Dienstagabend Bauchschmerzen. Am nächsten Morgen unterzog er sich einer Operation, in der der Blinddarm entfernt wurde – und das zwei Tage vor dem Start einer Weltregatta. Schnell wurde klar, dass Thomson zum Auftakt nicht an Bord sein konnte.

Das Team stellte bei der Jury einen Antrag, Thomson für die ersten Tage ersetzen zu dürfen und erfuhr dabei eine breite Zustimmung bei der Konkurrenz. „Für Alex tat es mir sehr leid, und ich bin voll und ganz dafür, dass er ungestraft zu einem späteren Zeitpunkt eingewechselt werden darf“, meint Boris Herrmann. Der erfahrene Niederländer Wouter Verbraak springt nun vermutlich bis zu den Kapverdischen Inseln ein.

Nachdem die bunten Yachten am Horizont verschwanden, stürzte sich die Fangemeinde aufs Internet. Auf den einschlägigen Websites, unter anderem www.barcelonaworldrace.com und www.borisherrmannracing.com läuft rund um die Uhr ein Fleettracker mit den Positionen. Fünfmal pro Tag werden diese über Satellit aktualisiert, jeweils um 5, 9, 13, 17 und 21 Uhr deutscher Zeit. Aber mehr noch, per Email und Iridiumtelefon bebildert von drei Videokameras und zwei Fotoapparaten werden Boris Herrmann und Ryan Breymaier von ihren Erlebnissen rund um die Welt berichten.

Zum NDR Radio-Beitrag von Mathias Steiner

Die 14 Teilnehmer am Barcelona World Race 2010-11

Central Lechera Asturiana: Juan Merediz / Fran Palacio (beide Spanien)

Estrella Damm: Alex Pella / Pepe Ribes (beide Spanien)

Foncia: Michel Desjoyeaux / François Gabart (beide Frankreich)

Fòrum Marítim Català: Gerard Marín / Ludovic Aglaor (Spanien/Frankreich)

GAES: Dee Caffari / Anna Corbella (Großbritannien/Frankreich)

Groupe Bel: Kito De Pavant / Sébastien Audigane (beide Frankreich)

Hugo Boss: Alex Thomson* (Wouter Verbraak/Die Niederlande) / Andrew Meiklejohn (Großbritannien/Neuseeland)

Mapfre: Iker Martínez / Xabi Fernández (beide Spanien)

Mirabaud: Dominique Wavre* / Michèle Paret* (Schweiz/Frankreich)

Neutrogena: Boris Herrmann / Ryan Breymaier (Deutschland/USA)

Président: Jean Le Cam / Bruno García (Frankreich/Spanien)

Renault: Pachi Rivero / Antonio Piris (beide Spanien)

Virbac-Paprec 3: Jean-Pierre Dick* / Loïck Peyron (beide Frankreich)

We are Water: Jaume Mumbrú (ESP) / Cali Sanmartí (beide Spanien)

Links:
Eventseite
Racetracker
Boris Herrmann Racing
Ryan Breymaier

Spenden
http://nouveda.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *