Wrack: Uralter Foil-Trimaran in der Karibik wiederentdeckt – Der Zeit 30 Jahre voraus

Mutter aller Offshore-Foiler

Charles Heidsieck, trimaran, Foils,

1984 Jungfernfahrt – seiner Zeit weit voraus © vaton design

Ein 25-Meter-Renner aus den Achtziger-Jahren, der bereits auf Foils segelte, wurde jetzt in einem karibischen Fluß wiederentdeckt. Verlassen? Ein Wrack? Steht er zum Verkauf? 

Irgendwie haben die Franzosen schon immer ein Händchen fürs Futuristische auf und in den Ozeanen gehabt. Von Jules Verne und seiner imaginären, mit Brennstoffzellen angetriebenen „Nautilus“  über Jacques Cousteau und seine wochenlang bewohnte Unterwasserstation bis hin zu Alain Thébault auf dem faszinierenden Weltrekord-Tragflächen-Trimaran Hydroptère – immer waren sie Vordenker, Erfinder, mitunter auch risikofreudige Nachahmer, denen letztendlich kein Projekt zu wild erschien.

So konnte im Laufe der Jahrzehnte auch eine Hochsee-Regattaszene entstehen, wie es sie nirgendwo sonst gibt. Heute sind IMOCA mit Foils der Standard für die nächste Vendée Globe und mit einem Ultim-Trimaran, der nicht auf seinen Foils abhebt und über die Meere „fliegt“, ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen. 

Lange vor dem Foil-Hype

Apropos Foils: Natürlich ging der Hype um die „Stelzen“ erst nach dem America’s Cup 2012 vor San Francisco so richtig los. Und dass innerhalb kürzester Zeit nicht nur die filigranen AC-Katamarane damit abheben würden, sondern sogar auch 100-Fuß-Trimarane, die nonstop um die Welt brettern – damit hatten wohl nicht mal die Franzosen so richtig gerechnet. 

Charles Heidsieck, trimaran, Foils,

1984 – und was schaut da unter dem Schwimmer hervor? Eine von mehreren Foil-Varianten, die getestet wurden © heidsieck

Obwohl, mitunter gab es unter den älteren Designern, Ingenieuren, Bootsbauern und Hochsee-Segelhelden den Verweis auf einen Trimaran, der vor langer Zeit bereits mit seiner futuristischen Technik Furore gemacht hatte. 

Die 25,91 Meter lange und genauso breite „Charles Heidsieck IV“ raste bereits in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts mit 27 – 30 Knoten Geschwindigkeit über den Atlantik und das Mittelmeer. Und das bitteschön auf einer Art L-Foils unter den Schwimmern und einem rudimentären Foil-Schwert unter dem Hauptrumpf, die den Renner zwar nicht in seiner Gänze aus dem Wasser hievten, aber für entscheidenden Auftrieb des Boliden sorgten.

Charles Heidsieck, trimaran, Foils,

Aus einem Artikel in “Cahiers du Yachting” © cahiers du yachting

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Aus einem Artikel in “Cahiers du Yachting” © cahiers du yachting

Doch damit nicht genug: Der Maxi-Foiler des Skippers Alain Gabbay war seiner Zeit auch in anderen Dingen weit voraus und setzte mehr oder weniger erfolgreich Techniken ein, die erst heute als „ausgereift“ gelten.

So pflanzte der Konstrukteur Gilles Vaton bereits einen dreh- und kippbaren Flügelmast auf den Monster-Trimaran, „shapte“ die Querstreben zwischen Rumpf und Schwimmern wie die Tragflächen von Flugzeugen und setzte  – man lese und staune – (mitunter) ein aufblasbares Flügel-Großsegel. Ganz schön weit vorausschauend für ein Boot, das 1984 zu Wasser gelassen wurde. 

Opfer von Jeanne

Entsprechend häufig wurde in den letzten Jahren mit einem tiefen Seufzer der „Charles Heidsieck IV“ gedacht. Wie toll wäre es wohl gewesen, wenn man die Erfahrungen, die auf so einem Renner mit seinen futuristischen Techniken gemacht wurden, in die heutige Zeit übertragen könnte? Wenn es eine Art Vorbild gegeben hätte, an dem man sich praktisch orientieren könnte? 

Hätte, könnte, was wäre wenn… in Sachen „Charles Heidsieck IV“ konnte nur noch in der Vergangenheitsform geredet werden. Denn der Trimaran galt seit 2004 als verschollen bzw. zerstört – Opfer des karibischen Wirbelsturms „Jeanne“. 

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Mit Satelliten-Aufnahmen wiedergefunden © google maps

Zuvor hatte „Charles Heidsiek IV“ einen für die damalige Zeit typischen Werdegang erfahren. Denn wenn die Technik einerseits vielleicht vorausdenkend war, so überforderte sie offenbar in der Praxis. Bei der ersten vorgesehenen Regatta Quebec-St.Malo ging der Tri nicht an den Start, weil er nach Ansicht seines Skippers für so ein Rennen „noch nicht ausreichend getestet sei“.

Kurz darauf kam der Mast von oben – ausgerechnet bei einem dieser Tests in der Biskaya. Man hielt zwar am ursprünglichen Konzept des drehbaren Mastes fest, die neue „Palme“ war aber deutlich schwerer als die vorherige und reduzierte das Geschwindigkeits- und Flugpotential auf den Foils erheblich. 

In den nächsten Jahren folgten Havarien auf Havarien: Struktur-Probleme im Hauptrumpf, ein weiterer Mastbruch. 1988 wird die „Charles Heidsieck“ verkauft, vollständig refittet und unter dem Namen „Mars“ ohne Probleme zu den Antillen gesegelt. Dort segelte man mehrere Regatten, bevor der Tri nach Marseille überführt wurde. 1992 legte ihn der französische Zoll wegen Steuerschulden des Eigners an die Kette.

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Schwimmt zwar noch, aber ansonsten eher etwas angegammelt © our life aquatic

1998 setzte ein neuer Eigner den Trimaran – erneut unter dem Namen „Charles Heidsieck IV“ und komplett restauriert – auf den Antillen für Tagescharter-Fahrten ein. Heimathafen ist Santo Domingo in der Dominikanischen Republik. 

Dann das Desaster: In der Karibik wütete 2004 der Wirbelsturm „Jeanne“ und zerstörte dort u.a. einige alte Hochseeregatta-Veteranen, die wie die „Heidsieck“ ihr Gnadenbrot verdienten. Fleury Michon VII, Sofati Quebec, Charente Maritime und eben die Charles Heidsieck IV wurden angeblich vollständig zerstört. Von den Booten sei nur „Kleinholz“ übrig geblieben, hieß es damals. Auf einem anderen Blatt steht allerdings, wie gut die Boote und insbesondere die „Charles Heidsieck IV“ damals versichert waren. 

Wie auch immer: Einer der innovativsten Trimarane seiner Zeit war offiziell und endgültig Geschichte.

Wundersame Auferstehung

Doch dann meldete im November 2017 in einem kleinen Rundschreiben ein gewisser Marc Fazilleau (offenbar ehemaliger Besitzer des Ultim Trimarans „Royale“), dass die Charles Heidsieck am Ufer eines dominikanischen Flusses wiedergefunden worden sei. Fazilleau habe die Yacht zwar selbst nicht gesehen, doch scheinen die Aussagen des angeblichen „Wiederentdeckers“ glaubwürdig. Eine Info, die kaum Aufsehen erregte – zu oft gibt es derartige Verwechslungen mit heruntergekommenen Yachten jüngeren Jahrgangs. 

Dem französischen Blogger Fred Monsonnec ließ die Nachricht keine Ruhe. Er googelte auf Maps und suchte nach dem angegebenen Fluß „Cumayasa“ und fand schließlich auf Satellitenbildern den mitten im Dschungel am Ufer vertäuten Trimaran. 

Zeitgleich hatten andere Blogger und Bootsfanatiker, die Monsonnec in die Suche eingeschaltet hatte, auf YouTube ein Touristenvideo ausgemacht, auf dem während einer Bootsfahrt auf dem Fluss der Trimaran kurz ins Bild kommt.

ab ca. 1:05 Min. ist der Trimaran zu sehen:

Et voila, die wundersame Auferstehung des Trimarans „Charles Heidsieck IV“ war vollzogen. 

Doch der Zustand des Schiffes erinnert eher an ein Wrack als an ein segelfähiges Boot. Immerhin schwimmt der Trimaran noch und sogar der Mast steht. Was wiederum Hoffnung bei Hunderten Kommentatoren auf den Blogs von Monsonnec und der Fachsite „Ultim“ weckte. 

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War mal der Stolz der französischen Segelszene, galt als verschollen und wurde jetzt wiedergefunden: Charles Heidsieck IV © HEIDSIECK/Fevrier

Bis heute rätselt die französische Szene, ob das Boot wirklich aufgegeben und vergessen wurde, ob es einer Versicherung oder einer Privatperson gehört und ob es überhaupt zum Verkauf steht. Die Hochsee-Segelgemeinde ist jedenfalls elektrisiert – man spricht schon von Crowdfundings, mit deren Hilfe der Trimaran erworben und zur Restauration nach Frankreich gebracht werden soll. 

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Michael Kunst

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