Youth America’s Cup: Mit der Kraft der Community – Eine der schönsten Segel-Stories

Gegen das Establishment

Der Youth America’s Cup 2013 war eine starke Geschichte für den deutschen Segelsport. Damals sammelte die Community Geld, um jungen Sportlern zu helfen, die allen Widerständen zum Trotz antreten wollten.

All In Racing

All In Racing beim Speed Run mit möglichst viel Gewicht achtern. © Jens Hoyer / All In Racing

Ursprünglich war das Jugend-Team um Skipper Philipp Buhl und Steuermann Erik Heil mit dem Sailing Team Germany und dem NRV im Rücken angetreten, um den ersten Red Bull Youth America’s Cup in San Francisco zu bestreiten.

Nach kürzester Vorbereitungszeit gewann das Team entgegen aller Erwartungen die Qualifikation für das Hauptevent. Die Mannschaft war mit heißer Nadel zusammen gestrickt und die Teilnahme stand immer mal wieder auf der Kippe. Die Vorbereitung fiel durch ein limitiertes Budget deutlich begrenzter aus, als ursprünglich geplant. Aber die Jungs nutzten dennoch ihre Chance.

Zu gefährlich?

Eine tolle Geschichte für den deutschen Segelsport. Aber plötzlich strichen STG und NRV die Unterstützung. Als Anlass für den Ausstieg nahmen sie den Todesfall von Andrew Simpson, der bei einer Kenterung des Artemis-AC72 verunglückte. Oliver Schwall, Geschäftsführer beim STG sagte damals: „Die Kräfte, die beim Segeln eines 22-Meter-Rennkatamaranes wirken, sind selbst für Profis kaum beherrschbar. Das Risiko eines Unfalls ist ständig ‚mitgesegelt’. Hoffentlich nimmt das Management des America’s Cup diesen Vorfall als Anstoß für die Zukunft, das Format und die Sportgeräte gründlich zu überdenken“.

Aber die neuartigen 72 Fuß großen America’s Cup Foiler haben wenig mit den AC45 gemein (Kommentar). Zumal der Youth America’s Cup damals sogar noch ohne Tragflächen ausgesegelt wurde. Die Begründun schien weit hergeholt. Die jungen Segler waren vor den Kopf gestoßen. Sie erfuhren aus der BILD von der Absage und vermuteten nicht kommunizierte Budget-Probleme als wahren Grund.

Erik Heil (l.) und Phikipp Buhl im ZDF Sportstudio

Erik Heil (l.) und Phikipp Buhl im ZDF Sportstudio mit Michael Steinbrecher. Jochen Schümann ist live zugeschaltet.

So entschlossen sie sich, auf eigenen Faust weiterzumachen. “Wir glauben nicht, dass es zu gefährlich ist und können es schaffen”, sagte Heil damals. Allerdings musste das Team nun in kürzester Zeit das Budget von nahezu 100.000 Euro aufbringen.

Schwall kommentierte: “Unseren Segen haben die Jungs nicht. STG und NRV stehen nicht zur Verfügung. Aber wir können das Engagement auch nicht verhindern.” Selbst von Jochen Schümann kam unerwarteter Gegenwind. Er vertrat im ZDF-Sportstudio die Ansicht, dass der Youth America’s Cup die Segler vom Wesentlichen ablenkt, dem Ziel eines Medaillengewinns in Rio 2016.

Welle der Sympathie

Aber das Jugend-Team surfte auf einer Welle der Sympathie und SegelReporter konnte viele Spenden bei den Lesern einsammeln. Die Jungs starteten schließlich noch die Aktion “Wir geben unser letztes Hemd” und zogen sich aus. Am Ende konnte SR 17.425,53 Euro an das ALL IN / Racing Team überweisen. Insgesamt wurden knapp bis zur Deadline die geforderten Zusagen für insgesamt 48.000 Euro erbracht.

HanseYachts Gründer Michael Schmidt im Interview mit SegelReporter.  © SegelReporter.com

HanseYachts Gründer Michael Schmidt im Interview mit SegelReporter. © SegelReporter.com

Eine Berliner Spenderin sagte 15.000 Euro zu, und die letzte Lücke füllte Hanse-Gründer Michael Schmidt mit einem Scheck über 10.000 Euro. “Die jungen Leute haben bei der Qualifikation in San Francisco einen guten Job gemacht, und dann wird ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen”, sagt Schmidt im Interview bei SR.

“Ich finde es traurig, wie mit ihnen umgegangen wird. So kann man keine Elitenförderung betreiben. Die Reaktion der Jungs finde ich Klasse. Es gehört etwas Verrücktheit dazu, das in die eigene Hand zu nehmen. Aber nur so wird heutzutage noch etwas bewegt. Diese Eigeninitiative gegen ein sogenanntes Establishment hat für mich großen Charme.”

So schafften es die Sportler, getragen von der deutschen Segel-Community in San Francisco an den Start zu gehen. SegelReporter berichtete intensiv von dem Auftritt in San Francisco, den die das ALL IN / Racing Team am Ende auf Rang neun absolvierte.

Basis für späteren Erfolg

Es wäre sportlich wohl mehr drin gewesen. Die Vorbereitung war einfach zu knapp im Vergleich mit den konkurrierenden Teams, die entweder von den teilnehmenden America’s Cup Teams selber unterstützt wurden, oder ein größeres Budget zur Verfügung hatten.

Das deutsche Juniorenteam segelte beim Youth America's Cup auf Rang neun. © Jens Hoyer / All In Racing

Das deutsche Juniorenteam segelte beim Youth America’s Cup auf Rang neun. © Jens Hoyer / All In Racing

Aber geschadet hat es den deutschen Nachwuchsseglern sicher nicht. Philipp Buhl entwickelte sich zu einem der weltbesten Lasersegler, Justus Schmidt und Max Böhme holten den EM-Titel im 49er und stießen in die Weltspitze vor und Erik Heil gewann die olympische Bronze-Medaille im 49er.

Allein diese Entwicklung ist ein guter Grund, die aktuelle deutsche Initiative gerade von offizieller Seite zu unterstützen. Nach der Auflösung des Sailing Team Germany könnte der Deutsche Segler-Verband als Vermittler in die Bresche springen, um zu zeigen, dass er es ernst meint mit einem neuen, frischen Ansatz zur Förderung des Leistungssegelns.

Sprungbrett für die große Karriere

Dieses Programm ist sinnvoll. Das zeigt nicht nur die Erfolg-Story von Erik Heil und dem Neuseeländer Peter Burling, der schon damals dominierender Jugendsegler war und inzwischen der vielleicht beste Segler der Welt ist. Auch Jugendweltmeister Jason Waterhouse hat den Youth America’s Cup als Sprungbrett für die Karriere genutzt.

Der Australier segelte 2013 im Red Bull Youth America’s Cup für das Objektive Australia Team auf Rang sechs. Danach stieg er rasant die Erfolgsleiter in der Nacra17-Klasse empor und verpasste mit seiner Partnerin in Rio die Goldmedaille nur um einen Punkt. Kurz danach wurde er vom japanischen Softbank America’s Cup Tea geheuert.

Red Bull Youth America's Cup

Start zum Red Bull Youth America’s Cup 2013 in San Francisco. © ACEA/Martin-Raget

Diese Chance könnte sich auch einem Talent wie Paul Kohlhoff bieten mit dem neuen Projekt. Der Kieler Nacra17-Steuermann hat jedenfalls schon eine unglaubliche Entwicklung hingelegt, indem er mit seiner Partnerin die Weltspitze in Rekordzeit erklommen hat. Zudem ist er als Katamaran-Spezialist schon deutlich weiter als seine Vorgänger von 2013.

Aber das gesamte Team ist mit den aufstrebenden 49er-Seglern und den beiden starken Finn-Dinghy-Recken Philip Kasüske und Max Kohlhoff auch kräftemäßig bestens bestückt für die anspruchsvollen AC45-Foiler, die im Gegensatz zu San Francisco inzwischen auf Tragflächen segeln. Es wäre dem Team zu wünschen, dass es den steinigen Weg bis zur Startlinie in Bermuda tatsächlich bewältigt.

 

 

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *