Knarrblog: Laser Medalrace bei der Kieler Woche. Gedanken an alte Zeiten

Ein großer Spaß

Für Simon Grotelüschen und Philipp Buhl lachen an der letzten Luvtonne. Für sie ist das bisher wichtigste Rennen ihres Lebens ein großer Spaß. © Marina Könitzer

Mann darf ja inzwischen zugeben, wenn er emotional angefasst ist, wenn es schon mal feucht wird hinter der Sonnenbrille. Manche kokettieren damit. Weichei ist in. Soll einen Schlag bei Frauen geben. Wie auch immer. Hilft eh nichts. Kathrin wird bestimmt petzen. Sie hat mich mit beschlagenen Gläsern erwischt. Also Selbstanzeige.

Es passiert beim Laser Medalrace. Gebannt verfolge ich das Rennen vor der Leinwand in Kiel, bevor der Mobo-Betreuer-Job auf die 470er Bahn ruft.

Simon startet stark. Philipp hängt zurück. Die Fronten scheinen geklärt. Da geht nichts mehr. Aber Buhl kommt zurück. Auf der ersten Vorwindstrecke verkürzt er den Abstand von 16 auf 6 Sekunden, segelt von 9 auf 3 vor und sitzt Grotelüschen im Nacken.

So wurde das sensationelle Medalrace in Kiel Schilksee auf der Audi Leinwand übertragen. Es kommentieren ZDF-Mann Nils Kaben und ex 49er Segler Marcus Baur.

Was für ein packender Zweikampf. Es ist ordentlich Druck in der Luft. Beide klappen ihre stattlichen Körper maximal aus. Pumpen, asten, kämpfen. Die deutschen Laser-Recken gehören inzwischen zu den Top fünf Starkwind-Seglern der Welt. Das will etwas heißen in dieser Klasse.

In einer Sequenz auf der zweiten Kreuz segeln sie Minuten lang nebeneinander her. Buhl will in Lee durchbrechen. Das Rennen steht auf Messers Schneide. Wer am Ende vorne liegt könnte schon eine Vorentscheidung für Olympia erzwingen. Drei Jahre harte Arbeit kulminieren in diesen Moment.

 

Locker bleiben, alle schädlichen Gedanken ausblenden, nicht an Olympia denken, keine Angst vor der Niederlage zulassen, nicht die schmerzenden Beine fühlen, das Abklemmen der Oberschenkel-Blutversorgung von der Bordkante ertragen, die Laktat-Übersäuerung aus den Muskeln wegdenken.

 

Nur die nächste Welle anpeilen, die Atmung beruhigen, den Griff am Pinnenausleger entkrampfen, die Bewegung des Bootes spüren, den Körper im Rhythmus pendeln lassen, das Wasser auf der Suche nach Böen scannen, die Winddreher antizipieren, in den Groove kommen…

 

Diese Szene reißt mich weg. Längst vergessene Gefühle tauchen plötzlich auf.

 

April 1996, Simonstown, ein Vorort von Kapstadt. Finale der Laser WM, Finale der nationalen Olympiaqualifikation. Alle Quali-Chancen wurden bisher verpasst. Wer nun unter die Top acht fährt, macht das Rennen. Wenn es keiner schafft, fährt niemandEs hackt mit sechs bis sieben. Eiskaltes Wasser klatscht ins Gesicht. Ich hänge, beiße und ackere. Es sind die Rennen meines Lebens. Zweiter und Dritter ergeben Gesamtplatz sieben. Es reicht nicht. Stefan Warkalla wird insgesamt vierter. Er ist besser und fährt verdient nach Savannah, wo er als fünfter knapp eine Medaille verpasst. Aber Philip Nocke wird damals neunter und Andreas Willim zwölfter, so gut waren die Deutschen noch nie. Niemand hätte es uns zugetraut. Aber zusammen haben wir uns im Team auf dieses Niveau gepuscht.

Schon damals auf der Fahrt in den Hafen übermannten mich die Gefühle. Der Stolz über eine Klasse Leistung, der Schmerz über die Niederlage, der Druck bei diesem immens wichtigen Wettkampf, alles bricht heraus. Diese Situation ist plötzlich so lebendig, so klar in der Erinnerung, obwohl längst vergessen.

Schwamm drüber. Sorry für den Ausflug in die Vergangenheit. Er mag aber den Emotionsausbruch erklären. Vor der Leinwand ist auf einmal alles wieder da. Die Kraft der Bilder dieses unglaublich spannenden Rennens reißt aber auch unbeteiligte Zuschauer mit. Grotelüschen sagt später in der Pressekonferenz: „An Land ist ein mir unbekannter Mann auf mich zu und sagte. Entschuldigung, ich muss Sie kurz umarmen.“ Das Rennen habe ihn so mitgenommen.

beiden Jungs messern auf einem unglaublichen Niveau. Auch sie vertrauen auf die Kraft des Team, die in der Laserklasse mit identischem Material wohl noch wichtiger ist, als in anderen. So gehört Coach Thomas Piesker mit dazu, aber auch Malte Kamrath. Er wird diesmal zwar nur 20. hat aber das Potenzial, ebenfalls in die Spitze zu segeln.

 

Toll, das Duell zu sehen. Hervorragend auf der Leinwand eingefangen, gut kommentiert und analysiert. Auf dem Weg mit dem Mobo zur 470er Frauen Bahn treffe ich die Laser Jungs auf dem Wasser.

Philipp Buhl hadert nach der Niederlage noch mit einer missglückten Halse. „Ich wollte auf einer Motorbootwelle schiften, habe sie aber nicht richtig erwischt.“ Vielleicht war das die fehlende Länge. Dann habe er auf dem letzten Vorwind ständig auf die entscheidende Böe gehofft, die dann doch nicht kam. „Aber eigentlich toll, dass wir wieder vorne an der Spitze racen.“

Er ist nach dem Ziel sofort zum Kollegen gesegelt, hat ihn abgeklatscht, Größe in der Niederlage gezeigt. Aber auch Grotelüschen macht deutlich: „Auch als Sieger habe ich die Verpflichtung, zu ihm zu fahren und Respekt zu zollen. Philipp hat ein tolles Rennen gesegelt.“

Es ist schon fast unheimlich, wie die Erzkonkurrenten miteinander umgehen. Auch während des Rennens hat Grotelüschen scheinbar bewusst vermieden, sich eng auf den Gegner zu legen. Daraus entstanden einige Chancen für Buhl, die er aber nicht nutzen konnte.

Grotelüschen erklärt: „Ich weiß, dass Phillipp bei diesem Wind besser wendet als ich. Deshalb wollte ich kein Wendeduell. Aber ich bin die zweite Kreuz auch nicht besonders gut gesegelt.“

Sein Vorsprung beträgt jetzt sechs Punkte, aber von einer Vorentscheidung will der Lübecker nichts wissen. „Philipp hat das Potenzial, die WM in Perth zu gewinnen. Dann muss ich auf jeden Fall mein Bestes geben, um da gegen zu halten.“

Was auch immer passiert. Etwas von der Lockerheit dieser Jungs hat mir damals vermutlich gefehlt. Auf den Fotos lachen sie im Zweikampf, als ginge es um eine spaßiges Trainingsrennen und nicht um den Lohn von Jahre langer Quälerei. Hut ab vor so viel Unbeschwertheit. Hoffentlich können sie sich diese Einstellung bewahren. Es gibt im Sport nicht viele, denen es gelingt.

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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3 Kommentare zu „Knarrblog: Laser Medalrace bei der Kieler Woche. Gedanken an alte Zeiten“

  1. avatar Jens sagt:

    sehr schön geschrieben! Ich glaube, ich muss jetzt spenden gehen!

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  2. avatar Philipp sagt:

    Auch ein dickes Lob von mir. Ich finde den Bericht auch sehr packend und spannend geschrieben. Gefällt mir super!

    Vg Philipp

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  3. avatar Tobias sagt:

    Super-spannender Bericht, steckt an, macht Spass!! Bitte mehr!

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