Jollenkreuzer-Törn: Kumpels im Wattenmeer – das Zauberwort heißt “Trockenfallen”

Rätsel der Sandbank - reloaded

Zwei Freunde leben ihren Traum vom Abenteuer nebenan. Auf dem Jolli bekommen sie ein wenig Abstand von der Familie und genießen einen Törn um die ostfriesischen Inseln.

Wattenmeer, Törn

Das Zauberwort heißt “Trockenfallen” – ein echtes Abenteuer. © Stefan Mauer

Vordergründig ist das Boot als Feierabend- und Wochenend-Refugium für die 7 Weltmeere geplant, die in Duisburg 6 Seen Platte heißen. Mit Kaffee, Kuchen und Badeleiter soll das gelingen, was auf dem Laser nie geklappt hatte: die ängstlichen  Ehefrauen und den Nachwuchs für das Segeln zu begeistern. Hintergründig soll das Boot natürlich auch als sicherer Rückzugsort vor Kind und Kegel herhalten: mit Bier und Pizza statt Kaffee und Kuchen.

Wattenmeer, Törn

Ankunft in Neuharlingersiel. © Stefan Mauer

Dass es ein Jollenkreuzer wurde, ist kein Zufall. Einmal im Jahr soll es auf große Fahrt gehen, und zwar nicht irgendwo, sondern im Wattenmeer. Durchgefahren zu den holländischen Inseln oder auf dem Weg nach Helgoland waren wir schon oft, und jedes Mal hatten uns die Prickenwege gejuckt und der Tiefgang geärgert, der sie uns verwehrte.

Auf den Spuren von Erskine Childers

Selbst mit einem alten Kielzugvogel und nur einem Meter Tiefgang hatten wir uns nicht weit jenseits der Fahrwassertonnen getraut, um das Boot nicht ins Jenseits zu befördern. Trockenfallen heißt das Zauberwort – Trockengefallen sind wir noch nie. Davon gelesen hatten wir jeden Winter auf’s Neue: Erskine Childers „Rätsel der Sandbank“ hatte uns regelmäßig durch die dunkle Jahreszeit geschippert.

Irgendwann ist das passende Boot beschafft  und eines schönen Augustmorgens geht es nach Neuharlingersiel. Laut Clubkameraden ein guter Startpunkt für Wattfahrten und der einzige Fixpunkt unserer „Planung“. Um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, haben wir Seekarten und Gezeitentabellen aller ostfriesischen Inseln und Sielhäfen dabei, slippen den über vierzig Jahre alten 16er Jollenkreuzer und stecken um 15:30h den Bug ins Wattenmeer, so wie es Carruthers und Davies rund 100 Jahre vorher in einem der ersten Spionageromane der Weltliteratur getan hatten.

Wattenmeer, Törn

Die Route durch die ostfriesischen Inseln. © Stefan Mauer

Das Wetter ist prächtig, die Stimmung auch – deswegen erscheint uns das benachbarte Spiekeroog als Tagesziel zu nah und wir biegen gleich am ersten Prickenweg links ab Richtung Langeoog. Sonnenschein und 2 – 3 von achtern schreien nach Spinnaker, also wecken wir den antiken Spi aus seinem Dornröschenschlaf. Der stammt ursprünglich von einer ganz frühen Varianta, passt aber vom Schnitt und Alter perfekt in die Landschaft: auch die restliche Segelgarderobe aus den frühen 70ern stammt von de Vries und bewegt uns ordentlich vorwärts.

Das Hand-GPS loggt ständig zwischen 7 und 9 Knoten, während wir die Rutebalje runtergespült werden. Eh wir uns versehen, verbleibt nur noch ganz wenig Strecke für ziemlich geiles Segeln – warum also nicht noch das Stückchen weiter bis nach Baltrum? Kurzer Kriegsrat: Perfektes Wetter, mitlaufende Tide, keine Welle – da könnten wir doch außen rum. Karte gecheckt, Wasserstände geprüft: klar zur Halse.

Langeoog zur Rechten

Unter Spi geht’s durch die Accumer Ee auf die Nordsee. Langeoog zur Rechten, Baltrum zur Linken, um uns herum Seehunde und keine Wolke am Himmel – wir können es kaum fassen, halsen zurück auf Westkurs und passieren Baltrum. Was ist mit Norderney, bis auf ein kleines Stück Gegenstrom passt das zeitlich eigentlich auch noch. Gesagt, getan, wir lassen Baltrum links liegen und haben bald den endlosen Strand von Norderney an Backbord.

Wattenmeer, Törn

Karten-Navigation über flachen Bänken. © Stefan Mauer

Irgendwann sehen wir eine Najad unter Groß motoren. An Bord 5 oder 6 Jungs im Studentenalter, im Rigg ein schwarzer Kegel, den ich mir erst erklären lassen muss. Irgendwie uncool, wenn man bei so einem Wetter motort und dann von zwei alten Säcken in einer Nussschale überholt wird. Die wollen auch nach Norderney, was uns zusammen mit der Beton-Optik der Kurpromenade ins Grübeln bringt.

Trockenfallen war ja eh der Plan, warum nicht gleich am ersten Abend, warum nicht im Juister Inselwatt. Also wieder gehalst und ab ins Wattfahrwasser. Planmäßig sollte uns das ablaufende Wasser mitziehen, aber Tonnen und Pricken sprechen eine andere Sprache: hier kommt uns der Strom entgegen. Nach einer Weile stellen wir fest, dass die Tide wieder mit uns läuft: wir haben die Spitze eines Sandes oder Wattenhochs passiert – und damit eine Wasserscheide.

Wattenmeer, Törn

Es ist angerichtet. © Stefan Mauer

Eigentlich logisch und trotzdem abgefahren. Langsam wird klar, wieviel Wissen vom Segeln Erskine Childers in diesen Gewässern hatte, da er das im „Rätsel der Sandbank“ minutiös beschreibt: unsere Passage ist identisch mit einem Kapitel, in dem die beiden Spione die Tide nutzen und im Nebel von Norderney bis Memmert rudern.

Das Ruder klappt hoch

Das Schwert ist  längst oben, als das Ruderfall mit einem Knall auslöst und das Blatt hochklappt. Das mahnt uns, den Spi zu bergen, um nicht unter Vollzeug im Sand stecken zu bleiben. Mittlerweile sind die Muschel- und Sandbänke um uns herum zum Greifen nah. Sie wirken wie Flussufer, als wir bei einsetzender Dämmerung kaum schneller als die Strömung durch den Priel treiben. Die Sonne sieht ihrem Untergang entgegen und taucht die Welt in ein surreales Licht. Außer Seevögeln hört man kein Geräusch, die Pricken ziehen lautlos vorüber, und wir fragen uns, was sich an wem vorbei bewegt – die Zeit scheint jedenfalls still zu stehen.

In der Ferne kommt eine Tonne in Sicht und weckt uns aus unserer Hypnose – der Prickenweg ist zu Ende. Ungläubig und ein bisschen traurig sehen wir uns schon in der Juister Hafenkneipe, als das Boot ganz sanft abstoppt. Jetzt bewegt sich nur noch das Wasser, das uns gerade noch bis an die Knöchel geht. Wir holen das Groß ein, bringen den Anker zu Fuß aus,  dann schauen wir uns um. Unsere Füße stehen auf festem Sand. Hinter uns die letzte Pricke, die in einem kleinen Hügel steckt. Vor uns liegt das Boot.  Hoch und trocken.

Wattenmeer, Törn

Befahrensgebot für das Wattenmeer. © Stefan Mauer

Das Wasser ist weg. Ist ja auch logisch bei Ebbe. Hängt irgendwie mit der Anziehungskraft des Mondes zusammen. Dass das Wasser kommt und geht, wissen wir seit Kindesbeinen vom Sandburgenbauen am Strand. Und die Strömung hatten wir uns ja den ganzen Tag zunutze gemacht. Trotzdem ist das jetzt gerade irgendwie unfassbar. Vor einer Stunde war hier ein Meer, eben noch ein Fluss und jetzt Sand.

Wir fühlen uns wie kleine Kinder und machen zig Fotos und Filme, um diesen Zauber fest zu halten. Da liegt der alte Jollenkreuzer vor uns, es wird Nacht und keine Menschenseele weit und breit. Die einzigen Anzeichen von Zivilisation sind Lichter am Horizont: Norddeich im Süden, Juist im Norden. Wir ziehen eine Petroleumlaterne ins Rigg, um uns als Ankerlieger zu identifizieren, und essen zu Abend. Das Boot schwimmt längst wieder, als wir in die Kojen kriechen und das Licht löschen. In der Dunkelheit sehen wir ein Funkeln im Schwertkasten und Sekunden später sind wir wieder an Deck.

Die Natur beglückt uns an diesem Abend mit Meeresleuchten. Es leuchtet grünlich, wenn kleine Wellen brechen oder wir das Wasser mit Händen und Füßen aufwühlen. Ich habe das erst zweimal erlebt, davon einmal als Kleinkind, und es ist und bleibt ein phantastischer Anblick. Ausgelöst durch Mikroorganismen, sind die genauen Rahmenbedingungen für das Phänomen bis heute nicht restlos geklärt. Fest steht, dass es selten ist – und wunderschön. Für uns ist es die Krönung des Augenblicks.

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4 Kommentare zu „Jollenkreuzer-Törn: Kumpels im Wattenmeer – das Zauberwort heißt “Trockenfallen”“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    sehr schön! Ein schön geschriebener Bericht, welcher sehr viel Sehnsucht in mir auslöst. Ich will auch! … und mehr davon lesen. Vielen Dank!

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  2. avatar Jan Erdwiens sagt:

    Schöne Tour aber die schönste perle wurde ausgelassen

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  3. avatar max sagt:

    Grandioser Bericht der den Kern des Reviers trifft!

    SR, wenn ihr mehr solche Berichte organisiert und euch dafür das ganze öde Regatta-, Foil, Bundesliga-Gedrösel spart habt ihr in mir einen weiteren Zahler.

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  4. avatar Sven sagt:

    Toller Bericht, mehr davon. Sowas kommt hier viel zu kurz. Segeln auf eine kleine aber feine Art!

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