Jollenkreuzer-Törn: Starkwind im Westfriesischen Wattenmeer – Nasses Vergnügen am Limit

"Aufgefiert, abgefallen und ab die Post"

Die Duisburger Stefan Mauer und Kai Cording haben das Wattenmeer für sich und ihren Jollenkreuzer entdeckt und schon intensiv auf SR berichtet. Zur Einstimmung auf die Saison beschreiben sie ihr letztes Abenteuer.

2015 hatten wir mit dem Jollenkreuzer die Ostfriesischen Inseln umschifft: bei Traumwetter und moderaten Winden waren wir 3 Tage lang nach Belieben durch die Seegatten ein und aus gefahren, hatten uns trocken fallen lassen und das Wattenmeer im wahrsten Sinne des Wortes von seiner Sonnenseite kennengelernt (Teil II).

Für 2016 war die Fortsetzung geplant: südwestlich von Borkum beginnen die Westfriesischen Inseln, die wir bis auf Schiermonnikoog kennen und lieben, also ist das Ziel schnell klar: Einslippen am Lauwersmeer, dann mit dem ersten Schlag soweit wie möglich nach Süd-Westen, um dann über die eine oder andere Insel zurück zum Ausgangspunkt zu segeln.

Der Tidenkalender hat einen Donnerstagmorgen als ideal auserkoren: 06:30h Hochwasser für kommodes Slippen, dann mit ablaufendem Wasser nach Vlieland, Terschelling oder Trockenfallen irgendwo dazwischen. Wir sind ja flexibel. Das Wetter dummerweise auch.

Nach den Sintfluten des Frühsommers sind wir sicher, dass uns ein rechtzeitiger Umschwung wie im letzten Jahr mit Kaiserwetter versorgen würde. Genau das prognostiziert der Windfinder in seiner 2-Wochenvorschau, allerdings verschiebt sich die Prognose täglich einen Tag nach hinten: statt Sonne und kommoder Brise verspricht der digitale Kachelmann nun Regen und ordentlich Wind genau aus der geplanten Stoßrichtung für den Hinweg

Amtliche Brise

Süd-West 4-6 sind eine amtliche Brise für Jollenkreuzer. Das Aufkreuzen bei der zu erwartenden Welle verbietet sich nicht nur aufgrund des stolzen Alters unseres Knickspanters. Da wir für die Reise nach Süd-Westen ablaufendes Wasser benötigen, hätten wir Wind gegen Strom – und die daraus resultierende Welle ist mehr als nur ungemütlich.

Kurzerhand verlegen wir den Ausgangspunkt in Windrichtung, also nach Südwesten. Harlingen, Fährhafen der Inseln Vlieland und Terschelling, verfügt über eine Sliprampe, die wir schon von unserer früheren Exkursion mit einem alten Kielzugvogel kennen.

Das sieht ungemütlich aus. Unter Sturmfock auf dem Weg nach Lauwersoog. © S.Mauer

Von hier aus sollte die Reise nach „Schier“ auch bei dieser Windprognose machbar sein. Sicherheitshalber machen wir uns auf die Suche nach einer Sturmfock. Segelfreund Kai spielt auch in seiner Freizeit Feuerwehrmann und leiht uns die von seiner Sprinta – sehr nett! Im Gegenzug erwartet er wieder einen SR-Bericht – bitte schön!

Kurz vor Mitternacht kommen wir an und inspizieren die Rampe bei Niedrigwasser. Dann folgt eine unruhige Nacht auf dem Trailer, die uns schon mit Windrichtung und –stärke vertraut gemacht hat, bevor wir morgens aufriggen und das Boot zu Wasser lassen. Immer wieder gießt es in Strömen und wir benötigen schon Ölzeug, um Auto und Trailer wegzufahren.

Sturmfock im Einsatz

Passend zum gerefften Groß kommt gleich die Sturmfock zum Einsatz, als wir 2 Stunden nach Hochwasser starten. Dummerweise weht der Wind am Anfang genau von vorn und wir müssen im engen Fahrwasser längst des Pollendams kreuzen. Weil wir nicht genug Fahrt ins Schiff kriegen und keine Höhe laufen, wechseln wir bald auf die Normalfock.

Dazu stellen wir das Boot in den Wind und lassen sicherheitshalber den Aussenborder mitlaufen, aber ds Gewicht des zwei-Meter-Menschen auf dem Vorschiff unseres kleinen Jollenkreuzers hebelt die Schraube in jeder zweiten Welle aus dem Wasser. Das macht deutlich, dass wir den Motor wirklich nur zum Anlegen benutzen sollten.

Unter Normalfock marschiert das Boot los wie eine eins. Unser Jollenkreuzer ist ein 43 Jahre altes 16m² S-Boot in Tourenversion. Trotzdem müssen sich viele konventionelle Segelyachten anstrengen, um mit dem 7-Meter Bötchen mitzuhalten. Aufgrund des geringen Gewichts springt es schnell an, lässt sich perfekt an der Windkante fahren und kommt raumschots zumindest bei Welle relativ schnell ins Rutschen.

Durch den Knickspant fühlt sich das Boot ein bisschen nach Zugvogel an, fährt aber viel steifer als selbst dessen Kielversion. Heute kreuzen wir im Zuidooststrak einer 9m Yacht davon, die gegen Wind und Welle anmotort.

Von oben herab gemustert

Als der Wind nachlässt und der Kurs im Vliestrom raumt, reffen wir aus. Die Sonne begrüßen wir mit dem Spi hoch, durchsegeln die West-Meep und Slenk und landen nach drei Stunden auf Terschelling. Passend zur Ankunft setzt der Regen wieder ein. Er begleitet unsere Radtour über die schöne Insel und hört erst auf, als wir ein paar Stunden später zurück an Bord kommen.

Gute Miene zum bösen Spiel. © S. Mauer

Weil der Wind wieder deutlich aufgebrist hat, verholen wir uns in den Windschatten einer größeren Bavaria. Die Crew mustert uns von oben herab. Es sieht etwas geringschätzig aus. Ob es am Höhenunterschied liegt?

Die Kuchenbude ist lee- und heckseitig geöffnet und der Cobb Grill angeschmissen. Diese famose Erfindung hat uns schon oft gute Dienste geleistet, und zwar nicht nur kulinarisch. Nach dem Essen auf dem Cockpitboden platziert, gibt das Teil eine super Heizung ab. Bis ihm dieses Mal die Unterteile des 2-Meter-Menschen zu nahe kommen. Ergebnis: ein 5-Markstück großes Branding am Schienbein.

Für die am nächsten Tag geplanten knapp 30 Meilen nach Ameland hat der elektronische Co-Pilot und Watt-Flüsterer einen Start 2 Stunden nach Niedrigwasser ermittelt. Das ist erst am frühen Nachmittag. Also kümmern wir uns um das Boot und ersetzen Achterstagtalje und geschamfielte Spifall.

Ablegen bei 7 Windstärken

Dann spinnen wir Seemannsgarn, beim Nähen einer Lattentasche. Und da wir gerade dabei sind und es immer noch bläst, bringen wir hier und da ein paar Sorgbändsel an um uns auf den Segel-Schlag vorzubereiten. Als wir Ölzeug anziehen, geht über uns das Luk auf und ein Holländer fragt, ob wir den Wetterbericht nicht gehört hätten: es wären 7 Windstärken angesagt.

„Doch, natürlich“ beruhigen ihn die 2 Meter vom Vorschiff aus, „aber wir fahren ja nicht über die Nordsee, sondern innen durchs Watt, das hier ist ein Schwertboot“. Ob der irritierte Gesichtsausdruck an sprachlichen oder inhaltlichen Verständnisproblemen liegt, wird nie geklärt. Das Luk geht zu, und wir legen ab.

Das erste Stück Richtung Westen ist wieder eine Kreuz und die erste Meile harmlos. Ja, es bläst, aber im Schutz der vorgelagerten Bank Engelse Hoek steht überhaupt keine Welle. Um einen Sand herum knickt das Fahrwasser im rechten Winkel nach Süden in den Slenk. Als wir auf Halbwind abfallen, nimmt die Sache langsam Fahrt auf.

Von Flachwasser ist jetzt keine Rede mehr und wir fahren die Schoten auf dieser Buckelpiste lieber aus der Hand. Irgendwann kommt wieder eine 90 Grad Kehre und es geht mit achterlichem Wind durch das Noord Meep gen Osten: aufgefiert, abgefallen und ab die Post.

Ab und zu müssen wir halsen, während das Fahrwasser durch das Wattenmeer mäandert. Wir machen ordentlich Meter, weil das Boot auf den Raumkursen höllisch vorwärts geht und der Strom mächtig schiebt. Irgendwann sehe ich rechts voraus Schaumkronen, die ich als brechende Wellen auf Sandbänken deute. Ein Blick auf die Seekarte und die Erklärung des Wattflüsterers belehren mich eines Besseren. Da läuft nichts auf einen Sand, sondern fließt was zwischen zwei Sänden durch. Der Priel oder Siel oder was auch immer. Und zwar nicht zu knapp.

Strömung wie ein Gebirgsfluss

Die Theorie ist klar, durch diese Lebensadern wird das Watt be- und entwässert. In der Praxis sieht das aus wie ein uferloser Gebirgsfluss nach der Schneeschmelze, heißt Oosterom und führt uns über ein Wattenhoch. Auf diesem Wildwasser surfen wir kurz darauf die Strömungswellen runter und verholen uns beide nach achtern hinter den Reitbalken, um Stecker zu vermeiden.

Das Hand-GPS meldet 11,8 Knoten, bis wir es weg packen – die Rutschpartien erfordern volle Konzentration und alle Hände. Immer wieder ziehen wir die Fock nach Luv und segeln Schmetterling, da sie hinter dem Groß wie verrückt schlägt. In Luv bläht sie sich jedes Mal mit einem Mords-Ruck auf, wenn das Boot nach einer Rutschpartie im Wellental abstoppt.

Der kritische Punkt ist bald passiert, wir segeln durch das Boschgat und biegen rechts ab ins Borndiep, das breite Seegatt zwischen Terschelling und Ameland. Jetzt geht es bedeutend ruhiger zu, obwohl die Nordseedünung spürbar ist. Die nächste Abzweigung links heißt Molengat und führt uns erst weit unter Land, knickt dann noch mal Richtung Festland. Bevor wir nach 5h gegen 19h Nes erreichen, überholen wir ein Plattbodenschiff, das eine Stunde vor uns in Terschelling abgelegt hatte.

Der einzige „Yachthafen“ der Insel nahe dem malerischen Hauptort Nes besteht aus ein paar Stegen neben dem Damm, der zum Fähranleger führt. Wie fast den ganzen Nachmittag über regnet es ordentlich. Immerhin liegen wir halbwegs windgeschützt, bauen die Kuchenbude auf und machen Klarschiff.

Weiter gehts später im zweiten Teil

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2 Kommentare zu „Jollenkreuzer-Törn: Starkwind im Westfriesischen Wattenmeer – Nasses Vergnügen am Limit“

  1. avatar Mirko sagt:

    Herrlich! Bitte mehr davon.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 0

  2. avatar Christopher Roos sagt:

    Meine Rede, Jollenkreuzer machen Lust auf Meer!

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

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