Jollenkreuzer-Törn Teil II: Wenig Boot und viel Genuss – 120 Meilen, Wangerooge und Spiekeroog

Sonnenball-Touchdown mit Dosenbier

Zwei Freunde leben ihren Traum vom Abenteuer nebenan. Auf dem Jolli bekommen sie ein wenig Abstand von der Familie und genießen einen Törn um die ostfriesischen Inseln.

Fortsetzung von Teil I des Jollenkreuzer-Törns

…Die Nacht beweist aufs Neue, dass Childers wusste, wovon er schrieb. Wind gegen Strom lässt ein Boot bei aufgeholtem Schwert und Ruder tanzen wie ein Korken. An Schlaf ist nicht zu denken, also fieren wir das Schwert und tatsächlich hört die Schaukelei auf. Dafür gibt es jetzt bei jeder Welle laute Schläge im Schwertkasten, wenn die Metallplatte abwechseln links und rechts anschlägt. Vom Lärm abgesehen machen wir uns Sorgen um den Schwertbolzen, da hier konstruktionsbedingt gerne Wasser eindringt. Also Schwert wieder hoch und weiter Achterbahn fahren.

Wattenmeer, Törn

Die Route durch die ostfriesischen Inseln. © Stefan Mauer

Bei Sonnenaufgang geben wir auf und segeln weiter. Segel hoch, Kaffee kochen, glücklich sein. Ein Fischer begegnet uns im Morgenlicht, ansonsten sind wir allein. Bald liegt Memmert in Luv, Borkum in Lee und wir sind wieder auf der Nordsee. Da wir so früh dran sind, wollen wir mit der einsetzenden Flut nach Wangerooge-Ost. Ist eine ziemlich lange Kreuz, aber müsste machbar sein, sagt die Seekarte.

Das Wetter ist traumhaft, 2 Windstärken und Sonnenschein. Wir machen ellenlange Schläge nach Nordosten, nur unterbrochen von kurzen Holern nach Süden. Die Sonne wird von den vorbei ziehenden Stränden reflektiert, was ein phantastisches Licht über den Inseln erzeugt, das aussieht wie eine Mischung aus Sandsturm und goldener Nebel.

Ab nach Spiekeroog

Irgendwann schläft der Wind ein, und wir biegen ab nach Spiekeroog. Die letzte Seemeile muss der Motor schieben, dann legen wir am Steg des örtlichen Segelvereins, der auch den Yachthafen betreibt. Nach einem Bad im Wattenmeer holen wir das restliche Eis aus der Kühlbox, hocken im Cockpit und erinnern uns bei Gin & Tonic an alte Travemünder Woche Empfänge auf der Passat.

Am nächsten Tag geht´s seewärts weiter nach Wangerooge. Die Ostspitze der Insel ist das Ziel, wo wir einfach Schwert und Ruder hoch ziehen und auf den Strand fahren. Der Reiz an Wangerooge Ost sind die Reste des alten Anlegers, die ein bisschen an Stonehenge erinnern und aus der Zeit stammen, als hier noch der Fährverkehr anlandete. Später lümmeln wir noch ein bisschen an Bord rum und beschauen uns unsere wenigen Nachbarn: ausnahmslos kleinere Meerrümpfer, Kimmkieler oder Jollenkreuzer, die den Luxus ermöglichen, in unmittelbarer Landnähe zu ankern und an den Strand zu waten.

Wattenmeer, Törn

Ankern mit wenig Tiefgang. Der Jolli passt perfekt zum Revier. © Stefan Mauer

Das letzte Stück zum Wangerooger Hafen wird ein neuerliches Spivergnügen und geht uns wieder viel zu schnell – es ist einfach cooles Segelwetter. Im Hafenmeisterbüro überrascht uns ein sehr freundlicher Eingeborener erst mit Altbier vom Niederrhein, dann mit zwei alten Rädern, die er uns für’n Appel überlässt und die uns später in den Ort tragen.

Sonnenball-Touchdown mit Dosenbier

Downtown Wangerooge liegt an der Seedüne und wir finden einen Tisch mit Meerblick. Jever aus der Flasche passt zum malerischen Sonnenuntergang und alles andere als der lupenreine Touchdown des Feuerballs hätte uns mittlerweile gewundert. Als wir zu vorgerückter Stunde an Bord zurückkehren, glitzert das Wattenmeer silbern, diesmal angefeuert vom Mondlicht. Wir genießen die Stimmung mit  Dosenbier und Kopfschütteln. So wenig Boot, soviel Genuss.

Wattenmeer, Törn

Kaffee kochen im Cockpit. © Stefan Mauer

Am nächsten Morgen weckt mich der Copilot bei der Rückkehr von der Morgentoilette – und es ist gerade mal 6h. Außer uns schläft noch alles, doch wie könnte es anders sein: die Sonne strahlt. Wir radeln zurück in die „Stadt“, holen uns Brötchen und frühstücken mit Blick auf Strand und Nordsee. Zurück im Hafen nervt uns der Nachbar zum wiederholten Male mit Kommandos, wie wir sein Boot um welche Tageszeit zu überqueren hatten: abwechselnd über Vordeck oder Cockpit. Wir überlassen ihn der restlichen Steggemeinschaft und legen ab.

Mittlerweile ist Sonntag, das heißt Heimreisetag, allerdings ist Niedrigwasser und wir brauchen für das Stück nach Neuharlingersiel noch ein ordentliches Stück Tidenhub. Den wollen wir aber nicht im Hafen abwarten, sondern zum Abschied noch mal auf eine Sandbank fahren. Wir suchen uns eine passende, steigen aus und wandern auf die andere Seite, wo wir einen Mast erspäht haben.

Wattenmeer, Törn

Kumpel Kai mischt den Bord Drink. © Stefan Mauer

Der steht auf einem fürchterlich hässlichen Kimmkiel-Wohnwagen, der zwei Kitern gehört. Die suchen sich schöne Flachwasser-Spots, setzen den Kahn auf Sand, riggen ihre Kites und ab geht die Post. Dieses sehr geile Konzept taucht die schwimmende Homebase schnell in ein ganz anderes Licht: ungeahnte Möglichkeiten für vermutlich wenige Euro bei Ebay Kleinanzeigen.

Starkwindwarnung

Mittlerweile hat es zum ersten Mal seit Tagen aufgebrist und der Wetterbericht meldet 5 bis 6 zunehmend als Vorbote einer Schlechtwetterfront mit Starkwindwarnung in den nächsten Tagen. Der Wasserstand reicht noch nicht, aber wir wollen uns ein bisschen bewegen und fahren deshalb noch ein Stück spazieren.

Wattenmeer, Törn

Ankern vor den Überresten eines Bauwerkes. © Stefan Mauer

Der Halbwindkurs durch das Seegatt gibt einen eindrucksvollen Vorgeschmack darauf, wie schnell sich bei Wind und Strom mächtig Welle aufbaut, wenn die Nordsee plötzlich flach wird. Zu Recht ist die Passage durch die Seegatten grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen und nur was für laue Winde und ruhige See. Das mahnt auch uns zum Umdrehen, wir nehmen Kurs  Neuharlingersiel. Bei diesem Wasserstand verläuft der Prickenweg so nach am Strand von Spiekeroog, dass unsere „Hecksee“ dort bricht.

Ist auch eine ganz ehrliche Welle, die wir hinter uns herziehen. Mal surft der Jollenkreuzer, mal schiebt er ordentlich Wasser zur Seite. Wir machen richtig Meter, was bei allem Spaß ein Problem darstellt, da wir viel schneller als geplant voran kommen und deshalb das Fahrwasser an ein paar Stellen noch nicht tief genug ist. Daran erinnert uns immer wieder das aufkommende Ruderblatt.

Irgendwann kommt die Steinmole in Sicht – und in der Hafeneinfahrt die auslaufende Fähre auf Kollisionskurs. Mittlerweile bläst es ganz ordentlich und wir halten mit killenden Segeln auf den Dampfer zu. Der Käptn hat ein Einsehen, geht vom Gas, stellt die Fähre leicht nach Luv an und lässt uns in seinem Windschatten passieren.

120 Meilen in vier Tagen

Dann sind wir auch schon zurück. Einer geht das Auto holen, der andere klariert schon mal drauf los. 1,5 Stunden später ist das Boot verpackt und hängt am Haken Richtung Heimat. 4 Stunden Autobahn bieten Zeit für Manöverkritik.

Wattenmeer, Törn

Der Spi wird vorbereitet. © Stefan Mauer

Mit dem alten Jollenkreuzer haben wir von Donnerstag bis Sonntag 120sm abgerissen und es war einfach nur traumhaft. Mir hat mal ein Belgier von seinen ergrauten Clubkollegen im Königlichen Yacht Club erzählt. Die hatten alle stattliche Yachten, bekamen aber immer leuchtende Augen, wenn sie von den Ausflügen ihrer seglerischen Anfangszeit berichteten. An sein Fazit müssen wir denken: „je weiter man vom Wasser weg sitzt, desto weniger hat es mit Segeln zu tun“.

Das hatten wir schon auf dem alten Kielzugvogel gespürt, als wir vor ein paar Jahren nach Vlieland gesegelt waren (SR Artikel). Aber selbst da hatte uns der Kiel das ultimative Faszinosum versperrt: das Watt mit seinen Fahrwassern, Gatten, Wattenhochs, Sielen, Sänden und Bänken. Der Freiheitsgrad namens Schwertfall eröffnet ein unvergleichliches Erlebnis. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass man das quasi ganz für sich alleine hat.

Childers liegt nun wieder als Ispirationsquelle parat. Als nächstes wollen wir ins westfriesische Watt, Schiermonnikoog soll so schön sein…

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3 Kommentare zu „Jollenkreuzer-Törn Teil II: Wenig Boot und viel Genuss – 120 Meilen, Wangerooge und Spiekeroog“

  1. avatar Max sagt:

    Ihr bzw. Du müsst hier definitiv mehr schreiben.

    Gefühlt der zweite interessante und mitreißende SR Artikel des letzten Jahres (der erste stammt vom selben Autor).

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  2. avatar hhhl sagt:

    Das war ein Lesespaß, der träumen lässt, was das eigene Schwertboot möglich machen kann…

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  3. avatar Jevertrinker sagt:

    das hat Stil – das einzig wahre Bier aufm Tisch !

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