Zweifelhafte Seenot: Was stimmt nicht mit der Story der geretteten US-Seglerinnen?

"In 24 Stunden wären wir gestorben"

Die komische Geschichte der beiden geretteten US-Seglerinnen ging um die Welt. Nun mehren sich die Zweifel an der abenteuerlichen Drift-Eskapade. Warum schalteten sie ihr EPIRB nicht ein?

Die Story von Jennifer Appel und Tasha Fuiaba und ihren beiden Hunden hat von Anfang an Fragen aufgeworfen. Warum sind sie nicht mehr gesegelt, wenn der Motor ausfiel? Der Mast ist nicht gebrochen, die Rollanlage sah nicht beschädigt aus. Es gab keinen Wassereinbruch. Konnte allein der ausgefallene Motor für eine fünfmonatige Drift verantwortlich sein?

Die ersten Interviews mit den Schiffbrüchigen sollten Antworten bringen. Stattdessen ist die Verwirrung nur noch größer geworden. “Wir hätten die nächsten 24 Stunden nicht überlebt”, sagt die 48-jährige Appel. Aber die genauen Gründe für diese Annahme werden nicht klar.

Jennifer Appel und Tasha Fuiava mit ihren Hunden auf der “USS Ashland” © US Navy

Das Schiff sah nicht so aus, als wenn es im Begriff gewesen wäre zu sinken, und es war auch keine gefährliche Leeküste in Sicht. Stattdessen sprachen die Frauen von Tigerhai-Angriffen. Sie seien von einer Gruppe umkreist und verfolgt worden. Schließlich habe es auch Angriffe gegeben.

Kein Sturm aufgezeichnet

Die Ungereimtheiten beginnen mit dem Sturm, der in der ersten Nacht mit Stärke elf über sie hereingebrochen sei. Er soll zwei Nächte und drei Tage gedauert haben. Tatsächlich bekundete ein Meteorologe vom National Weather Service gegenüber CNN aber, dass um diese Zeit im fraglichen Gebiet kein solcher Sturm aufgezeichnet worden sei.

Danach habe es einen Schaden an der Saling gegeben. 700 Meilen von Hawaii entfernt soll sich ein Bolzen gelöst haben und danach wollte die Crew nach Kirabati segeln, um den Schaden zu beheben. Aber das Schiff sei wegen seiner Größe nicht in den Hafen gekommen.

Also seien sie weiter Richtung Cook-Inseln gesegelt. Vier Knoten habe man gen Osten machen können, aber eine zehn-Knoten-Strömung habe sie nach Westen getrieben. Ende Mai seien sie dann erneut in eine heftige Regenböe, die das Cockpit flutete und die Elektrizität außer Kraft setzte. Der Motor ließ sich nicht mehr starten.

Hai-Angriff im Teufelsdreieck

So sei man in das “Teufelsdreieck” geraten “ein Gebiet aus dem Boote nur sehr selten – und wenn dann ohne Crew – wieder herauskommen”, erklärt Appel im Navy-Interview. Dort haben sich die Tigerhaie versammelt, weil sie nicht erfreut waren, dass sich ein langsames Segelboot in ihrem Revier befinde. Schließlich seien sie sogar gerammt worden.

Die Odysse der Hawaianerinnen.

Appel soll die “Sea Nymph” zweieinhalb Jahre für den Törn vorbereitet haben. Sie habe sechs Tonnen Kunststoff verarbeitet um den Rumpf zu verstärken und der Kiel sei für bessere Stabilität auf 2,5 Meter Tiefgang verlängert worden. Und sie bezeichnet das Schiff als ihr Zuhause. Das mag erklären, warum Lebensmittel für ein ganzes Jahr an Bord waren.

Aber warum lässt man sich dann fünf Monate treiben? Die Skipperin hat mehr als zehn Jahre Erfahrung auf Segelbooten, aber sie gibt zu, nicht so richtig abgeschätzt zu haben, auf was sie sich einlässt. Mitseglerin Fuiaba hatte schließlich überhaupt keine Segelkenntnisse.

Technische Kenntnisse scheint die Skipperin nach dem langen Refit durchaus vorweisen zu können. So ist es ihr unter anderem offenbar gelungen, aus zwei beschädigten Entsalzungsanlagen eine funktionierende zu machen. Das Gerät hat das Überleben auf Dauer gesichert.

Rätselhaft ist auch ein vermeintlicher Kontakt mit einer US-Dependance auf Wake Island mitten im Pazifik. Zwei Meilen vor dem Hafen sei jemand an das Funkgerät gegangen und habe Hilfe versprochen, wenn sie zum Hafeneingang auf der anderen Seite der Insel kämen. Aber es sei ihnen nicht gelungen, den Ort zu erreichen. Der Kontakt sei dann abgebrochen. Eine Suche wurde offenbar auch nicht eingeleitet.

EPIRB nicht eingeschaltet

Aber besonders erstaunlich ist die Entdeckung, dass durchaus ein funktionierender EPIRB Notrufsender an Bord war. Die Frauen sagen, sie hätten jeden Tag einen Notruf abgesetzt, aber niemanden erreicht. Das Handy war am ersten Tag ins Wasser gefallen und die Antennen für Funk- und Satellitengerät sollen im Sturm beschädigt gewesen sein. Deshalb war die Kontaktaufnahme nicht gelungen.

Das EPIRB hätten sie nicht aktiviert, weil ja eigentlich kein echter Seenotfall vorgelegen habe. Andererseits sagten sie der Navy nach der Rettung, in den nächsten 24 Stunden wären sie gestorben.

Komisch  mutet auch die Begegnung mit den taiwanesischen Fischern an, die sie 900 Meilen vor Japan offenbar auf den Haken genommen haben. Dabei soll die Yacht schwer beschädigt worden sein. Es ist aber immer noch nicht klar, wie genau die Beschädigung aussieht. Ist die Ruderanlage nicht mehr intakt? Das Schiff wurde jedenfalls aufgegeben, und Appel hofft, es irgendwie später bergen zu können.

Was ist nun von der Geschichte zu halten? Was sollte es für ein Motiv geben, so etwas zu erfinden? Lange und langsam genug waren die beiden schließlich auf See. Das bestätigt der bewachsene Rumpf. Kann es der Wunsch nach Medien-Präsenz sein? Einmal richtig im Mittelpunkt stehen? Es wird vielleicht noch einige Tage dauern, bis viele Fragen dieser erstaunlichen Odyssee beantwortet sind.

 
 
 
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Carsten Kemmling

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3 Kommentare zu „Zweifelhafte Seenot: Was stimmt nicht mit der Story der geretteten US-Seglerinnen?“

  1. avatar Uwe R. sagt:

    Die Geschichte erschien mir von Anfang an dubios. Ich bin die Strecke selber gesegelt und möchte behaupten, dass es, solange der Mast steht, das Ruder heile ist und das Boot nicht sinkt, keinen Grund für eine solche Irrfahrt gibt. Peinlich für unsere “Qualitätspresse”, dass in den ersten Meldungen völlig unhinterfragt die Version der beiden Seglerinnen wieder gegeben wurde.

    Siehe hier bei der SZ: http://www.sueddeutsche.de/panorama/seenot-us-marine-rettet-zwei-frauen-nach-fuenf-monaten-in-seenot-1.3726764

    Oder hier bei der FAZ: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/seglerinnen-nach-monatelanger-irrfahrt-auf-pazifik-gerettet-15265589.html

    Genau jene Medien, die sich als Bollwerk gegen “Fake News” inszenieren…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 1

  2. avatar eku sagt:

    Eine nicht uninteressante Meinung dazu:
    http://sailinganarchy.com/2017/10/31/ding-and-dong/

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

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