AG2R: Zweihand-Transat im Figaro II – Talentschuppen für die ganz Harten

"Zärtlichkeitsmodus macht nicht schneller"

19 Boote starteten zur legendären Zweihand-Figaro-Transat AG2R. Sprungbrett für die jungen Wilden und Bestätigung für die älteren Champs, dass sie immer noch was „drauf haben“. Eine Deutsch-Französin gehört zu Favoriten.

Irgendwann landen sie doch alle wieder bei den Figaros, die mächtig Gas geben können (Video).  Zumindest die französische Hochsee-Elite kann es nicht lassen und gibt sich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ein „Rendez-Vous“ in der härtesten Hochsee-Einheitsklasse. Verlockend ist dabei nicht unbedingt die Bootsklasse als solche – die „Figaro II gilt, wie ihr Vorgänger, eher als zu robust und etwas lahm in den Manövern, dennoch zickig und mit ihrem klassischen Spinnaker einhand nur schwer zu beherrschen – nein, es ist vor allem die hohe Leistungsdichte unter den Skippern dieser Klasse, die anziehend wirkt. Zudem steht die Klasse mit der erst kürzlich „verabschiedeten“ Foil-Figaro aus dem Hause Beneteau (SR-Bericht) vor einer längst fälligen Auffrischung des Bootsmodells.

Bilderbuchstart © courcoux

Nahezu die gesamte Avant-Garde der französischen „Course au Large“-Szene hat ihre Duftmarken im Figaro hinterlassen und überprüft ihr Können in den stets stark besetzten Figaro-Feldern. Auch dann, wenn längst in anderen, oftmals spektakuläreren Bootsklassen eifrig Lorbeeren gesammelt werden. Und für junge, aufstrebende „Wilde“ gibt es kein besseres Terrain, um sich ordentlich die Hörner abzustoßen. 

Somit ist die AG2R-Transatlantik-Regatta, die gestern im bretonischen Concarneau startete, mehr als nur ein weiteres dieser inflationären „Rüber-über-den-großen-Teich“-Rennen. Vielmehr hat die alle zwei Jahre stattfindende Zweihand-Regatta bereits einen legendären Ruf und erhält in der französischen Szene entsprechend hohe Aufmerksamkeitswerte.

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Leichte Winde bestimmten die erste Nacht auf See © AG2R

Erneut wurde im Vorfeld der Regatta eifrig in den großen französischen Tageszeitungen berichtet und gleich drei TV-Sender schickten ihre Teams auf die Begleitboote, um den Start des Rennens zu verfolgen. 

Die Transat AG2R führt über eine eher „klassische“ Route: Von der Bretagne zu den Kanaren (La Palma), um dann den großen Sprung zur französischsprachigen Karibikinsel Saint Barthelemy (St. Barts) zu wagen. 

Talentschuppen 

Bei der ersten Ausgabe 1992 siegten zwei unbekannte Rookies: Jacques Caraes und Michel Desjoyeaux. Letztgenannter wurde in den darauf folgenden Jahren so etwas wie ein Superstar in der Szene. Die nächste Ausgabe gewannen Jean Le Cam und Roland Jourdain – mit 63 Sekunden Vorsprung vor den Cousins de Broc (mittlerweile IMOCA-Urgestein) und Guillemot – ziemlich knapp nach einer (theoretisch) 3.800 Seemeilen langen Strecke.

Le Cleac’h, Elies, Gautier, Cammas, Poupon, Arthaud… alle haben sie irgendwann bei der AG2R mit KollegInnen teilgenommen. Oder anders ausgedrückt: Vier Route-du-Rhum-Sieger, vier Vendée-Globe-Gewinner und siebzehn Solitaire du Figaro-Champions waren bei der AG2R schon dabei. 

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Startmodus © ag2r

Was natürlich anziehend vor allem auf junge Segler wirkt, auch wenn sie nur wenig oder gar keine Erfahrung mit der Klasse sammeln konnten. Schafft man es bei der Regatta als Underdog in die Top-Ränge der AG2R, kann davon ausgegangen werden, dass es bei den Figaros eine Zukunft geben wird. Und danach folgen bekanntlich die Class 40, IMOCA, Ultim-Trimarane… 

So oder ähnlich muss Erwan le Draoulec gedacht haben. Der erst 21-jährige Mini Transat-Sieger in der heiß umkämpften Serien-Wertung hat sich mit dem 24-jährigen „Preparateur“ von Thomas Coville (Ultim-Einhandstar) Louis Berrehar zusammengetan, um die „Alten“ aufzumischen. Mit gar nicht mal so geringen Chancen, wie aus den Reihen der Figaristen zu vernehmen ist. 

Auch Draoulecs direkte Konkurrentin in der Mini-Klasse, Clarisse Cremer, ist dabei. Die 28-jährige Französin, die erst vor drei Jahren mit dem Segeln begonnen hatte und als Zweite bei der letzten Mini Transat die Karibik erreichte, ist an Bord ihres Lebensgefährten Tanguy Le Turquais mit von der Partie.

Auch wenn sich die beiden im Vorfeld  ernsthaft (und vor laufenden TV-Kameras) gefragt haben, ob ihre Partnerschaft gefestigt genug ist, um so eine Beziehungskiste zu schaukeln, wird diesem Duo ebenfalls reichlich Hunger auf Top-Platzierungen nachgesagt. Nicht zuletzt, weil Tanguy bereits im dritten Jahr erfolgreich als Figarist unterwegs ist. „Das wird keine Turtel-Ausfahrt,“ stellte der ebenfalls 28-Jährige noch kurz vor dem Start klar. „Das ist eine Regatta – der Zärtlichkeitsmodus macht dich dabei nicht unbedingt schneller, ganz im Gegenteil!“ 

Power-Duo

Bleiben wir noch ein wenig bei den Teilnehmerinnen. Ein wahres „duo de choc“ hat sich mit dem Team Justine Mettraux (Schweizerin) und Isabelle Joschke (Deutsch-Französin) auf diese Transat AG2R eingelassen. Beide haben sich ebenfalls ihre Sporen bei der Mini Transat verdient, beide haben sich folgerichtig in der Figaro-Klasse mit harten Ellbogen behauptet. Justine hat zudem viele Erfahrungen beim vorletzten Volvo Ocean Race mit dem Frauenteam SCA gesammelt, während Isabelle eher im Einhandmodus geblieben ist. 

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Isabelle Joschke (angelehnt) und Justine Mettraux bei einer Benefiz-Foto-Veranstaltung © AG2R

Überhaupt hat Isabelle Joschke derzeit so etwas wie einen „Lauf“. Nach bangen Monaten im letzten Jahr, als ihr treuer Sponsor „Generali“ nach einem Management-Wechsel sein Geld lieber in den Fußballsport stecken wollte, hat sie nun mit dem Sirup-Hersteller „Monin“ einen neuen Titelsponsor für ihre Vendée Globe-Kampagne gefunden.

Zudem konnte sie durch einen Besuch der Sportministerin Laura Flessel bei ihr auf dem IMOCA in Lorient den Bekanntheitsgrad in Frankreich enorm verbessern. Die beiden Sportlerinnen – die Ministerin ist ehemalige Elite-Fechterin, fünffache Olympiasiegerin und sechsfache Weltmeisterin – machten bei ihrem in vielen Medien dokumentierten Gespräch die „Gleichstellung der Frauen im Sport“ nicht nur zum Thema, sondern zu einem persönlichen Anliegen. 

Justine und Isabelle wird ein vorderer Rang bei dieser AG2R zugetraut. Beide haben „Biss“, beide „ticken“ ähnlich, beide gelten als Arbeitstiere und sind ehrgeizig. Zudem haben sie bereits Im Mini in mehreren Zweihand-Regatten (wie etwa Mini Fastnet 2013) zusammen gesegelt. 

Einhandqualitäten gefragt

Aller vielbeschworenen Zweisamkeit und Teamwork zum Trotz, werden auch bei dieser Regatta letztendlich vor allem Einhand-Qualitäten gefragt sein. Mal ganz abgesehen davon, dass die Figaro-Klasse vor allem wegen ihrer Einhand-Serie „Solitaire du Figaro“ bekannt geworden ist und somit per se nahezu ausschließlich Einhand-Piloten am Start dieser AG2R sind, fordert eine Zweihand-Transat eben vor allem Einhand-Performance.

Das hat vor dem Start in einer Pressekonferenz Thierry Chabagny  schon sehr zum Ausdruck gebracht. Der Sieger der vergangenen AG2R, dieses Jahr immerhin schon zum achten Mal dabei, hat sich zum wiederholten Male Erwan Tabarly als Co-Skipper an Bord genommen (ja, genau, den Neffen des „großen“ Eric). 

Ab heute werden stärkere Winde erwartet © ag2r

Thierry formuliert das Leben an Bord so: „Wir sind eigentlich immer alleine draußen, während sich der Partner unten im Boot entweder ausruht oder sich um eine möglichst geniale Wettervorhersage oder Strategie kümmert. Ungefähr alle vier Stunden wird gewechselt, wenn einer mal eine Stunde mehr Schlaf braucht, ist das auch okay. Aber dieser Rhythmus muss doch strikt eingehalten werden, damit steht und fällt ein gutes Ergebnis. Man sieht sich höchstens mal bei einem Manöver oder wenn wir die nächsten Strategie-Schritte besprechen. Ansonsten macht jeder „sein Ding“.

Doch ein ganz, ganz großer Unterschied zum Einhandsegeln besteht: Wenn du dich hinlegst, kannst du beruhigt einschlafen. Du weißt dein Boot in sicheren, menschlichen Händen. Und musst nicht auf einen Autopiloten vertrauen, der letztendlich ja doch nur eine Maschine ist. Und glaubt mir: so schläft es sich einfach um Klassen besser!“ 

19 Teams machten sich am Sonntag ziemlich bedächtig auf den Weg, um zunächst die Biskaya zu durchqueren. In der ersten Nacht blieb das Feld aufgrund des sehr leichten Windes noch dicht beieinander. Es wird damit gerechnet, dass sich im Laufe des Tages ein vier bis fünf Beaufort starker Wind durchsetzen wird, der die Karten neu mischen dürfte.  

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „AG2R: Zweihand-Transat im Figaro II – Talentschuppen für die ganz Harten“

  1. avatar breizh sagt:

    Jetzt wissen wir was Erwan und Clarissa anstatt Mini segeln machen. Aber was macht der Dominator der Mini Szene der letzten Jahre Ian Lipinski? Der will doch nicht noch ein Jahr Mini segeln?

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

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