Jörg Riechers gewinnt mit “Mare.de” den German Offshore Award

And the winner is...

Jörg Riechers bestaunt neben Staatsrat Reincke sein neues Silber-Tablett. © C. Kemmling

Der Mann mit der Glatze schreitet mit einem strahlenden Lächeln zum Podium. Vorbei an vielen grauen Haarschöpfen und blauen Blazern. 460 Gäste applaudieren laut im großen Festsaal des Hamburger Rathauses, der mit seinen dunkel getäfelten Wänden, dem gediegenen Holzparkett, den historischen Wandgemälden und protzigen Säulen so ehrwürdig daherkommt, dass man kaum husten mag. Kirchen-Atmosphäre.

Jörg Riechers steuert auf eine Art goldenen Altar zu, vor dem Staatsrat Rolf Reincke wartet. Auf dem großen silbernen Tablett in seinen Händen spiegelt sich der riesige Lüster, dessen Licht sich aus 15 Metern Höhe im großen Saal fast verliert. Reincke überreicht den 4. German Offshore Award.

Die Auszeichnung mag nicht das Ziel aller Anstrengungen von Jörg Riechers gewesen sein. Aber gerade für ihn bedeutet der Auftritt vor den honorigen Damen und Herren der deutschen Offshore-Szene eine besondere Genugtuung. Denn dieser Kreis galt ihm lange Zeit nicht unbedingt gewogen.

Als Einhandsegler ließ Riechers während seiner Jugend- und Junioren-Zeit in Hamburg wenige Fettnäpfchen aus. Sein Ruf verselbstständigte sich. Auf deutschen Hochseeyachten fasste er keinen Fuß. So segelte er lieber im Ausland und war erfolgreich mit britischen und französischen Skippern besonders in der starken Mumm 36 Klasse.

Aber auch diese Ergebnisse ebneten ihm nicht den Weg nach Deutschland. Auf seiner Website schreibt Riechers in seiner Segel-Vita: „Da ich auf wundersame Weise für die deutsche Segelszene immer noch ein “Misfit” war, was ich mir eigentlich nicht erklären konnte, blieb für mich nur eine Möglichkeit – Einhandsegeln.“

Es war eigentlich ein Abschied von der deutschen Seesegelszene. Riechers entdeckte sein Spielfeld in Frankreich. Sein Engagement wurde vielerorts belächelt. Zumal er folgerichtig wie von vielen erwartet mit seinem ersten Projekt in der Mini6.50-Klasse scheiterte.

Er wollte mit einem Boot aus einer deutschen Werft die Franzosen aufmischen. Aber die Konstruktion entpuppte sich als Schrotthaufen, der heute in Frankreich Kindern als Klettergerüst dient. Riechers hatte nicht bekommen, was er bestellt hatte.

Es wäre wohl wieder an ihm hängen geblieben. Aber im Unterschied zu früher steht Nikolaus Gelpke inzwischen eng an seiner Seite. Der Chef von Mare hat Gefallen gefunden an dem wenig stromlinienförmigen Mann aus Hamburg. Er unterstützt ihn und Riechers dankt es mit absolutem Einsatzwillen.

Es ist seine Chance. Mit 40 Jahren kann er doch noch allen beweisen, dass er es drauf hat. Er ist nicht mehr der Chaot von früher. Er hat mit dem Offshore-Einhandsegeln die maßgeschneiderte Disziplin gefunden. Sein Umfeld stützt ihn. Freundin, Mutter, Sponsor, Team. Endlich hat er das Vertrauen, das er benötigt.

Folgerichtig kommen die Erfolge. Nicht von alleine. Das kennt er schon. Beim ersten großen Höhepunkt, dem Mini Transat 2009 muss er nach einem Kielschaden aufgeben. Aber Nikolaus Gelpke hält weiter zu ihm.

Und er setzt noch einen drauf. 2010 darf Riechers neben dem Mini6.50 auch noch die Route du Rhum segeln mit einem gecharterten Class 40. Es läuft sensationell für eine Premiere. Der Podiumsplatz ist möglich. Am Ende wird es Platz sechs.

Und nun steht er hier. Vor der versammelten Hochsee-Prominenz. Mitten im Rathaus. Mitten in seiner Heimatstadt, wo man seine Erfolge im Mini lange ignorierte. Er parliert erfrischend locker am Mikrofon auf der Bühne und dankt artig seinen Eltern, Sponsor und Freundin.

Das Beherrschen des Class40 hat die Juroren offenbar überzeugt. Platz sechs bei der Route du Rhum. Unter der Leitung des Hamburger Segler Verbandes entscheidet eine Jury aus Mitgliedern großer Hamburger Segelvereine über die Hochseeleistungen.

Zwölf Yachten waren nominiert. Darunter starke Konkurrenz wie die beiden WM-Titelträger “Beluga” (Christian Plump) und „Patent 3“ (Jürgen Klinghardt) und Jochen Schümann mit seinen Erfolgen im Audi MedCup, der allerdings keine Abordnung schickte.

ONSAILCTM
Aber Riechers war nicht nur mit der Class40 erfolgreich. Seine Mini6.50-Saison war vielleicht noch erstaunlicher. Erstmalig steht er in der Rangliste 2010 an die Spitze der gesamten Mini-Klasse. Das ist noch keinem Deutschen gelungen. Und so ist der Weg geebnet zur Vendee Globe, die er für 2012 angepeilt hat.

Genau wie Boris Herrmann. Der Vorgänger als Award-Preisträger stiehlt seinem Konkurrenten zwar wieder einmal ein wenig die Show, als er sich per Liveschaltung im Gespräch mit Organisator Volker Andreae aus dem Southern Ocean meldet. Aber er bringt einen Hauch von Salzwasser-Geschmack in den ehrwürdigen Saal. Er erinnert daran, worum es hier eigentlich geht.

Die weiteren Preise:

hanseboot Baltic IRC Preis für den norwegische König Harald V für die beste Ostsee Punktwertung des Jahres. Die TP52 „Fram XVI” hatte drei große Regatten in Skandinavien gewonnen. Skipper Kjell Myrann nahm den Preis entgegen.

Den SGS-Jugend Preis für die “Norddeutsche Vermögen Hamburg” vom Hamburgischen Verein Seefahrt. Skipper Eike Holst belegte Platz in einer von Sturm geprägten Regatta rund um England und Irland .

Die nominierten zwölf Yachten für den Offshore Award:

“Rockall” (Christopher Opielok)

“Early Bird” (Dr. Christian Nagel/ Dr. Hendrik Brandis)

“Y3K” (Claus-Peter Offen)

“Hexe” (Norbert Plambeck)

“Illbruck” (Matthias Huhn)

“Varuna” (Jens Kellinghusen)

“Patent 3” (Dr. Jürgen Klinghardt)

“Mare.de” (Jörg Riechers)

“Audi A1” (Jochen Schümann)

“Norddeutsche Vermögen Hamburg” (Eike Holst)

“Beluga” (Christian Plump)

“Tzu Hang” (Alex Strauss)

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Spenden
http://nouveda.com

2 Kommentare zu „Jörg Riechers gewinnt mit “Mare.de” den German Offshore Award“

  1. avatar Manfred sagt:

    Bravo!
    Der Preis ist verdient. Der Bericht beachtlich offen geschrieben. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.
    Eine Wohltat für jemanden, der die seglerische Leistung von Jörg schon früher zu schätzen gelernt hat.
    Ein SR Sahnestück.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  2. avatar Andreas sagt:

    Klasse Jörg, was für ein Triumph. Man schaue sich nur die Liste der Nominierten an – alles gestandene Leute, viele davon mit der vollen Untestützung großer Kapitalgeber. Und da kommt ein so ein Underdog mit Glatze, der noch schnelerl segelt als er spricht……Chapeau, wie der Franzose sagt.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0