Knarrblog: Team Revival nach 19 Jahren. 505er-Premiere beim Pfingstbusch

Wieder am Draht

Fast wie im FD. Wieder vereint an Draht und Rohr. Jollen-Revival im 505er. © SegelReporter.com

Wow, die Kiste macht Eindruck. Die Anzahl der bunten Strecker, Blöcke, Klemmen, Gummis scheint unendlich. Die Trimm-Optionen sind unüberschaubar. Tampen, dünn wie Kugelschreiber-Mienen winden sich durch das 505er Cockpit.

Eingenähte Fäden markieren Positionen, die mit Edding auf weißes Decks-Gelcoat geschrieben sind. Sie korrelieren mit Zahlen, die im 505er Lager kursieren. Wanten auf 55, Holepunkte 48, oder so ähnlich. Willkommen auf einem Boot von Klassen-Pabst Holger Jess.

Der Mann aus Eckernförde brachte diese Schiffe auf ein technisches Niveau, mit dem am laufenden Band WM Titel ersegelt werden. Er hat es selber am Draht von Wolfgang Hunger geschafft. Inzwischen segelt Jess mit Meike Schomäker in der Fiven Weltspitze.

Kumpel Willi wie zu alten Laser-Zeiten, mit dem Körper die Jolle durch die Welle schiebend. © SegelReporter.com

Er hat mir und Kumpel Willi ein Schiff von Hasso Plattner für den Pfingstbusch in Kiel überlassen. Frisches Blut in der Klasse sei ja immer gut, meint er. So taufrisch sind wir zwar nun auch nicht mehr. Und bei dieser Regatta, die heutzutage Young Europeans Sailing heißt, kommt man sich inmitten der hübschen, jungen Menschen auf den anderen Bahnen etwas deplaziert vor. Aber die Idee, alte Zeiten real werden lassen, hat Scharm.

Wir haben schon häufiger rumgesponnen. Anno 92 kämpften wir zusammen im FD um die Olympiafahrkarte. Ich am Draht, Willi am Rohr. Schöne, erfolgreiche Zeiten mit EM-Bronze und WM-Holz (4.) im Olympia-Jahr 92 allerdings dem blöden Quali-Platz zwei.

Danach waren wir ständige Gegner im Laser und Match Race aber immer noch beste Kumpels. Warum es nicht mal wieder zusammen probieren? Mit 74 und 87 Kilo soll unser Gewicht optimal sein, sagt Holgi. Und eine echte Alternative zur Five gibt es im Norden nicht, wenn man sportlich auf hohem Niveau Jolle segeln will.

Das Feld ist mit 28 Schiffen nicht besonders groß. Vorher segelte ein Teil der Flotte intensiv am Gardasee und nächste Woche beginnt schon die Kieler Woche. Deshalb lassen viele die Pfingst-Regatta diesmal aus. Dafür ist echte Qualität am Start, sagt Holgi. Toll, das ist eigentlich nicht nötig für unsere Premiere.

Gut eine Stunde dauert der Törn zum Start. Irgendwo beim Kiel Leuchtturm. Wie lange waren eigentlich die Piraten und Europes unterwegs? Schön ist das nicht. Dieses Übel des Jollen Segelns ist nach den vielen ufernahen Match Races längst verdrängt.

Wir sind spät dran. Das Großfall war verhakt. Also am Steg gekentert und Segel oben festgebunden. Dann hektisch zur Linie, kurz Windrichtung und die Position gecheckt und los geht’s.

Trimmleinen und der blöde Schwertkasten erschweren die Wenden © SegelReporter.com

Hunger klemmt uns ab. Wende in die Mitte, aber das ist nicht so schlecht. Top fünf vermutlich. Holgi ruft schon rüber: „Hey ihr Talente.“ Wenn diese blöden Wenden nicht wären. Kein Platz in diesem Schiff. Beim FD fehlte der hohe Schwertkasten und es gibt ein durchgehendes Trapez, aus dem man sich nicht mehr aushaken muss. Hier klemmen die Füße unter Tampen, und die Schot fummelt sich irgendwo fest.

Ich versuche sportlich ohne Haken an den Draht zu springen. So machen es doch die Guten. Habe ich im 49ern gesehen. Aber dann hänge ich da außenbords. Einen Hand am Griff und die Schot in der anderen. Wie soll man sich jetzt einhaken?Wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, eins zwei Wenden vorher zu üben.

Aber ein Steuermann beruhigt mich später. Sein Schotte springt auch nicht. Der verliert erstmal die Mütze, setzt sie in Ruhe wieder auf, haut die Schot in die Klemme, setzt sich auf den Tank, hakt sich ein und geht dann ins Trapez. Und Top Ten fährt er auch. Nun gut.

Aber auf dieser Kreuz lassen mich die Gedanken an die nächste Wende auch den taktischen Überblick verlieren. Kurz vor der Tonne versacken wir nach einem fiesen Linksdreher im Feld. Vor dem Wind sticht einer der beiden Spibäume durch den guten, blauen Spi und hinterlässt einen Unterarm langen Riss. Dann noch mal Anschlag auf die falsche Seite und fertig ist der 18. Platz.

Na ja. Es wird besser. Danach 13. und beim Schweinerennen am nächsten Tag 8. Drei Rennen dann am letzten Tag.

Immer noch herrscht wenig Wind. Die Leichtgewichte stehen zwar gestreckt im Trapez ich aber hänge ganz hoch am Draht, die Blöcke der Talje eng zusammengezogen, und mache pro Rennen gefühlte 785 Tiefkniebeugen. Auch die Bauchmuskeln fühlen sich stahlhart an. Die Überzeugung wächst, dass sich da irgendwo unter dem Neogummi und Fett ein Waschbrett entwickelt.

Diese Motiviation reicht aus für ein exzellentes erstes Rennen am Finaltag. Start am Schiff, schnell nach rechts raus, zweiter an der Luvtonne. Aber der Speed reicht nicht, um so etwas nach Hause zu fahren. Es fehlt manchmal die nötige Höhe, um sich aus brenzligen Situationen zu befreien. Aber Platz acht ist Okay.

Holgi hat inzwischen den neuen Spi mit Loch gegen ein älteres, faltiges Modell ausgetauscht. Aber das haben wir auch verdient. Auf dem tiefen Vorwindkurs bremst er auch nicht. Schwieriger würde es bei mehr Druck, wenn der Vorschoter Downwind im Trapez steht.

Mit einem taktisch schlechten Rennen (16.) und Rang zehn im letzten liegen wir am Ende auf Platz elf, und es fühlt sich eigentlich nicht so schlecht an. Immerhin habe ich es noch geschafft, im letzen Lauf mit der Spibaum-Fletsche den Steuermann zu erwischen. Voll aufs Ohr! Bingo. Das war dafür, dass wir den letzten Start fast verpasst hätten. Nebenan auf der Laser Radial Bahn wollte er nach seinem Sohn sehen und dann konnte er auch wieder einmal den Pipi-Vorstart-Reflex nicht unterdrücken.

Meike (hier im Bild) und Vorschoter Holgi brillieren mit Top-Leichtwindspeed. © SegelReporter.com

An der Spitze ziehen Meike Schomäker und Holgi Jess souverän ihre Bahnen. Die Bojsen Moellers (Jorgen gewann Gold und Bronze im FD) rutschen durch einen Frühstart von zwei auf sieben. Und Wolfgang Hunger sucht mit Julien Kleiner noch nach seinem Leichtwind-Speed für die Kieler Woche. Platz vier stellt ihn nicht so richtig zufrieden.

Das Fazit dieses Ausflugs in die Fiven Klasse: Ein schönes, wenn auch etwas kompliziertes Boot. Wir kennen das aus dem FD und es spricht wenig dagegen, dass man nicht einigermaßen schnell die gängigen Einstellungen draufhaben sollte. Immerhin konnten wir auf Anhieb so mitfahren, dass es Spaß gemacht hat.

Leider wehte der Wind nicht stark genug, um das Geschoss im Adrenalin-Modus erleben zu dürfen. Aber die Menschen in der Klasse sind nett und die Qualität ist so hoch, dass sie allemal als Herausforderung taugt.

Aber vor der Entscheidung für den Einstieg in eine Klasse sind noch andere Fragen zu klären. Reicht die Zeit aus, um auf dem gewünschten Niveau zu segeln? Reicht das Geld, um in neues regattafähiges Schiff zu investieren, das rund 25.000 Euro kosten soll?

Immerhin bestätigen die Segler, dass die Bastelstunden kürzer ausfallen als befürchtet und der Wiederverkaufpreis eines schnellen Schiffes dem Neuwert entspricht. Na ja, mal sehen. Reizen könnte es schon.

Ergebnisse

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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3 Kommentare zu „Knarrblog: Team Revival nach 19 Jahren. 505er-Premiere beim Pfingstbusch“

  1. avatar Birgit sagt:

    netter Bericht! Gruß Birgit

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  2. avatar Holger sagt:

    Moin Carsten
    schöne Story – schade das ihr nicht erleben konntet wie eine Five
    bei 20 oder 25 Knoten Wind abgeht
    aber vielleicht auch erstmal besser so……..
    das holen wir nach
    Gruss aus dem Vor KiWO Stress
    denn am Montag müssen die neuen 505er für Autralier abgeliefert werden hier

    Gehe mal davon aus das Meike euch beeindruckt hat Pfingsten
    sicher eine die eine Einladung für Sichtung Skiff Damen Disziplinen bekommen wird

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  3. avatar Plan B sagt:

    @Holgi: Wie können wir Dich den pimpen, das Du auf’m 29XX nicht auffällst?

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