Mini 6.50: Neuer Serien-Mini mit Scow-Bug – Ein Signal für Großserienwerften?

Plattbug in Serie

Mini 6.50, Maxi Mini, Scow Bug

Scow-Bug jetzt auch in der Serienwertung: Maxi 650 © idbmarine

Er soll schneller, trockener und bequemer segeln als der bisherige Klassen-Primus Pogo3 – der Maxi 650 aus der Feder von David Raison macht schon auf dem Papier reichlich Furore. Bald auch für Fahrtensegler?

Dass die Classe Mini eine Art Versuchslabor für die Hochseesegelei ist, dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Wasserballast, Schwenkkiel, drehbarer Mast, Scow-Bug und zuletzt auch Foils, das sind spannende Innovationen, die immer wieder gerne auf den Minis, Abteilung „Prototypen“ getestet, geprüft und (meistens) für gut befunden werden. Sie sollen sich dort durch häufigen bis dauerhaften Einsatz fest etablieren und in anderen Klassen für weitere Furore sorgen (siehe Neigekiel und Foils auf IMOCA)

Doch nun warten die Ministen mit einer Neuerung auf, die auf den ersten Blick wenig spektakulär erscheint, letztendlich aber den (Serien)-Bootsbau nachhaltig beeinflussen könnte. Denn die Classe Mini hat ihr Okay zur Einführung des Scow-, Platt- oder Magnum-Bugs in ihrer Serienwertung gegeben. 

Schneller als der Klassenprimus?

In der französischen Segelszene wird dies mit einer weit hochgezogenen Augenbraue erstaunt und erfreut zur Kenntnis genommen. Denn so locker und buchstäblich offen die Classe Mini mit ihren Prototypen umging, so sehr hatte sie bisher auch ein Auge darauf, dass in der Serienwertung über eine möglichst große Bandbreite mit Booten aus unterschiedlichen Werften ein möglichst gleich hohes Bootspotential zum Einsatz kommt.

Das gelang auch über Jahrzehnte hinweg ganz gut bis zur Einführung des Pogo 3 aus der „Structure“-Werft, der mit seinem reichlich voluminösen Bug und weiteren Design-Neuerungen seit seiner Etablierung in der Mini-Serienwertung unter nahezu allen Bedingungen die Nase vorne hat. Eine Entwicklung, die von vielen Ministen, die mit Booten aus anderen Werften oder etwa mit der vorletzten Pogo-Generation unterwegs waren oder sind, oftmals kritisiert wurde. 

Mini 6.50, Maxi Mini, Scow Bug

Bei den Prototypen längst ein gewohntes Bild – hier Simon Koster mit seinem Plattbug-Mini © mini transat

Dass nun auch ein Scow-Bug in der Serienwertung Einzug halten wird, hat jedoch noch eine andere Qualität. Denn mit dem Magnum-Bug (sieht aus wie das berühmte Eis am Stiel) wird sich auch eine andere Segeltechnik in die Serienwertung der Classe Mini einschleichen. So zeigte sich etwa bei den Plattbug-Prototypen, dass selbst höchst erfahrene und erfolgreiche Ministen wie Simon Koster (Eight Cube)  oder zuletzt Jörg Riechers (Lilienthal) lange Umstellungszeiten auf ihren Scows benötigen.

Beide redeten mehrfach in Gesprächen mit SR von einem völlig anderen Segelverhalten – im positiven wie im negativen Sinne. Sogar Ian Lipinski, seit zwei Jahren auf seinem Plattbug in der Prototypen-Klasse ungeschlagen, berichtet seit jeher von einer völlig anderen Herangehensweise an die Langstreckensegelei, seitdem er auf der „neuen“ Bugform unterwegs ist. Auch bei ihm fällt öfters der Vergleich mit dem Segelverhalten von Katamaranen. 

Der Name ist Programm 

„Maxi 650“ wird der neue Serien Mini heißen, wobei der Name offenbar Programm sein soll. Konstrukteur ist David Raison, der bereits 2010 den ersten Plattbug-Prototypen baute und ihn selbst segelte, damit anfänglich auch unter den Ministen auf heftige Stilkritik stieß (siehe auch SR-Artikel “Darf schnell so hässlich sein?“) .

Er hatte gewisse Gewöhnungsschwierigkeiten, aber ein Jahr später gewann er prompt und überlegen die Mini Transat. Seitdem gilt der Franzose als einer der versiertesten Konstrukteure in der Klasse – kein Wunder also, dass die Werft IDBmarine (bereits erfolgreich mit Cruiser-Racern Malango und Mojito) ausgerechnet ihn ans Reißbrett bat. 

Mini 6.50, Maxi Mini, Scow Bug

Eis am Stiel in Serie © idbmarine

Die Werft ging dabei zunächst von einem typisch-kommerziellen Gedankengang aus. In mehreren Interviews mit französischen Fachzeitschriften und (immer wieder an Neuerungen in der Segelszene interessierten) regionalen Zeitungen äußerten sich die Initiatoren innovativ: „Wer bei den Serienminis als Konstrukteur und Werft erfolgreich sein will, muss an den Pogo 3 vorbei. Doch das sind gute, ziemlich ausgereizte Boote, die nur schwer zu schlagen sein werden. Also dachten wir uns, einen völlig neuen Weg zu beschreiten!“ 

Auf diesem wolle man auch von gewissen Nachteilen profitieren, die man dem Pogo 3-Mini nachsagt. So wiederholt David Raison immer wieder, dass der Pogo 3 zwar sehr schnell sei, aber als wenig komfortabel und vor allem als sehr nass in der Welle gilt. Dagegen sei Scow-Segeln eine trockene Angelegenheit und die Stabilität auf raumen Kursen unter großer Spi-Segelfläche ein wahres Erlebnis – auch für gestandene Ministen. Er wolle einfach wieder mehr Spaß in die Serienwertung der Classe Mini bringen, sagt Raison PR-trächtig. 

Mehr Spaß auf raumen Kursen

Konstruktionsbedingt müssen sich Raison und die IDBmarine-Werft an die vorgeschriebenen Maße (Länge 6,50 m, Tiefgang 1,60 m bei fest installiertem Kiel) halten. Raison will nun – in Konkurrenz zu Verdiers Pogo 3 – in gleichen Gewichtkategorien bleiben, was trotz der breiteren Fläche im vorderen Bereich mit modernen Infusionsverfahren kein Problem sein dürfte. 

Mini 6.50, Maxi Mini, Scow Bug

Dürfte für reichlich Furore sorgen: Maxi 650 © idbmarine

Skeptiker sehen jedoch ein Stabilitätsproblem auf den Maxi 650 zukommen, da die bisher gesegelten Scow-Minis alle mit Schwenkkiel segeln. Doch auch hierzu gibt sich Raison optimistisch. Im Prinzip würde man dem mit der sowieso vorgeschriebenen, geringeren Segelfläche entgegen wirken, argumentiert er. Außerdem gebe das breite, vordere Viertel des Bootes enorm mehr Stabilität in der Krängung und vor allem Auftrieb auf raumen Kursen. Was ebenfalls für Stabilität und Sicherheit sorgen soll. 

Mini 6.50, Maxi Mini, Scow Bug

Auch Jörg Riechers bescheinigte den neuen Scow-Minis eine relativ lange Eingewöhnungszeit und ein völlig anderes Segelverhalten © mini transat

Um offiziell als Serienboot in der Classe Mini und bei Regatten aufgenommen zu werden, müssen mindestens zehn Boote des selben Typs fertig gebaut sein. Für 2018 will die Werft bereits zwei Boote auf dem Wasser haben – es gilt als sehr wahrscheinlich, dass bei der nächsten Mini Transat bereits vereinzelte Serien-Scows am Start sein werden. Denn schon einen Tag nach Bekanntgabe der neuen Konstruktion waren offenbar zehn feste Bestellungen bei der Werft für das 55 -60.000 Euro teure Boot (Preiskategorie Pogo 3) eingegangen. 

Beginnt jetzt also eine neue Ära? Für kleinere Boote dürfte die Scow-Form auch im Cruising-Bereich spannend sein. Die sicherheitsrelevanten Vorteile auf raumen Kursen unter den immer beliebteren asymmetrischen Spinnakern wird die eine oder andere Großserienwerft zum Nachdenken bringen. Es wäre nicht das erste Mal, dass von der Classe Mini eine kleine Revolution ausginge.

Website IDBmarine

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Mini 6.50: Neuer Serien-Mini mit Scow-Bug – Ein Signal für Großserienwerften?“

  1. ??? Skeptiker sehen jedoch ein Stabilitätsproblem auf den Maxi 650 zukommen, da die bisher gesegelten Scow-Minis alle mit Schwenkkiel segeln. ???

    Hmh, das habe ich nicht verstanden – ich sehe das Problem vor allem bei weniger Wind, wo man die Stabilität eher nicht gebrauchen kann und im Gegensatz zum Proto kann man in der Serienklasse den Kiel nicht nach Lee schwenken (um das Boot auf der Kante zu segeln) Das ist ja auch das Problem der Naciras – dass sie im Vergleich zu P2/Argo/P3/Ofcet im achteren Bereich viel zu stabil sind – gut für harte Downwinds (Transat 2013) – eine Katastrophe für wenig Wind und alte Welle.

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