Mini Transat: Tessloff bester Deutscher in der Serienwertung – großes Kino auf kleinem Boot

Die grüne Hand hat zugeschlagen!

Oliver Tessloff, Mini Transat

Hatte “ganz normale Mini-Abenteuer” während der ersten Etappe zu bestehen: Oliver Tessloff auf seiner Pogo 3 © mini transat

Oliver Tessloff über gebrochene Spi-Bäume, fiese Spinnaker-Killer, ausreichende Essenrationen und einfache Taktiken auf See. Das ist Minisegeln!

Nach der wohl längsten, ersten Etappe einer Mini Transat hat Oliver Tessloff endlich wieder eine Nacht in einem „halbwegs ordentlichen Bett“ verbracht und prompt bis in den Vormittag durchgeschlafen. Bei einer ersten Tasse Kaffee erzählt er von seinen Erlebnissen. 

Erstmals nach zehn Jahren… 

Nachdem ich sozusagen die Startkreuz durch die Biskaya prima platziert hinter mich gebracht habe, kam dann das berüchtigte Kap Finisterre. Dort wehten zwar die Winde nicht so stark wie prognostiziert, und dennoch war die Passage richtig hart. Die Windstärke pendelte sich bei 25 Knoten ein, alles war also noch sehr gut kontrollierbar, dafür hatten wir eine miserable Kreuzsee. Das Meer war aufgewühlt, die Wellen kamen von allen möglichen Richtungen, schüttelten das Boot durch… und dann passierte mir etwas, das ich zum letzten Mal vor zehn Jahren genießen durfte: ich wurde seekrank! 

Oliver Tessloff, Mini Transat

Ankommen ist dann aber doch schön © mini transat

Und wie. Das zieht dich sofort runter, jegliches Selbstvertrauen verschwindet, man ist nur noch ein Häufchen Elend. Bei mir dauerte die schlimme Phase zwar nur vier oder fünf Stunden, die hatten es aber in sich. Ich wollte kein Risiko für das Boot eingehen und hab erstmal den Spinnaker eingeholt und mich ins Boot gelegt, um die Situation irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Was dann auch einigermaßengelang, jedenfalls fühlte ich mich einen halben Tag später wieder „auf der Höhe“ , um den Spi erneut zu setzen. Einige Federn, auch in Form von Platzierungen, musste ich hier schon lassen. 

Die grüne Hand 

In der Nacht nach Kap Finisterre das nächste Malheur. Ich weiß nicht, ob es noch Nachwirkungen von der Seekrankheit waren, jedenfalls hab’ ich da richtig Mist gebaut. Ich fuhr unter großem Spi, nahm gerade wieder eine Mütze voll Schlaf unten im Boot und als mich mein 120-Dezibel-Wecker zum Kontrollgang nach draußen schickte, hatte sich der Spi zur Eieruhr verwandelt. Um das zu beheben, lässt man den Spi etwas runter und versucht sein Glück mit „ziehen“ – nur dass mein Spi vollständig  nach unten raste. Kaum berührte das Tuch das Wasser, kam auch schon diese eklige grüne Hand aus den Fluten, zog an dem Spi, riss ihn unters Boot, zerrte nach unten. Und „tschang“  klang es Sekunden später von vorne wenig verheißungsvoll nach geknicktem Alu und der Gennakerbaum war durchgebrochen! 

Sowas war mir noch nie passiert. Muss also die Premiere ausgerechnet bei der wichtigsten Regatta sein? Als ich den Spinnaker endlich im Boot hatte, konstatierte ich noch lange Risse im Tuch, vorne hingen die traurigen Überreste vom Baum… na suuuuuper. 

Reparatur hält

Das hat mich erstmal mental buchstäblich runtergezogen. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich den Baum je wieder reparieren könnte. Es war zum Verzweifeln, zwischendurch habe ich sogar mal Richtung Portugal bzw. Nothafen gehalst, weil mein Selbstvertrauen völlig im Eimer war. Irgendwann berappelt man sich in solchen Situationen aber wieder und ich fing an, zunächst am Baum zu basteln. Ich hatte keinen Ersatzbaum an Bord, sondern eine Glasfiberhülse, die über den gebrochenen Baum geschoben wird. Hört sich leicht an, war es aber nicht: Zuerst muss alles sauber gesägt und passend gebogen werden. Eine Schweine-Arbeit, fünf Stunden hab ich mindestens damit verbracht. Aber dann, halleluja, stand der Baum wieder in voller Pracht, ich setzte den mittleren Spi und… alles hielt bombenfest! Das baut auf! 

Oliver Tessloff, Mini Transat

Ein schöner Spi-Flicken kann auch entzücken © mini transat

Weitere zwei Tage später kam auf Höhe südliches Portugal die Sonne lang genug hinter den Wolken hervor und ich konnte den großen Spi trocknen, um ihn schließlich zu tapen. So ein großer Lappen soll ja helfen, wenn die Winde immer schwächer werden! 

Im Öl

Hab ich schon erwähnt, dass mein Weltempfänger nur unzuverlässig funktionierte? Entsprechend war es dann ein wichtiges Ereignis, als ich endlich meine Positionierung erfuhr… und merkte, dass mich meine Kotz- und Spinnaker-Abenteuer viele Plätze gekostet hatten. Und Aufholjagden können zwar prickelnd sein, aber nur, wenn es korrekten Wind dafür gibt – doch die Brisen wurden zusehends schwächer.

In den Flautenzonen vor den Kanaren hatte ich eigentlich noch ein wenig Glück. Oder vielleicht war es ja auch ausgleichende Gerechtigkeit wegen meiner vorherigen Probleme. Jedenfalls hing ich nur in zwei Nächten jeweils für acht bis zehn Stunden bei totaler Flaute im „Öl“. Andere durften 24 bis 36 Stunden totale Windstille erleben. Das war richtig unheimlich: Die Luft stand förmlich, ich war in der Mitte des Nichts. 

Oliver Tessloff, Mini Transat

Das Boot muss laufen. und zwar immer! © mini transat

Zu diesem Zeitpunkt war ich mal wieder wegen schwachem Empfang völlig von der Außenwelt abgeschlossen. Ich dachte wirklich, dass ich der Einzige der ganzen Flotte sei, der in einer privat-Flaute dümpelt. Auf dem AIS konnte ich keine anderen Boote erkennen, war ich denn wirklich ganz, ganz allein in dieser Wasserwüste? 

In der zweiten Nacht habe ich wieder meine Platzierungen erfahren und hörte stundenlange Gespräche der französischen Teilnehmer untereinander über Funk mit. Was dann irgendwann auch nervenaufreibend ist: Die reden viel zu schnell, ohne Punkt und Komma, ohne Luft zu holen. Was bleibt einem Deutschen mit eher rudimentären Französischkenntnissen da anderes übrig, als auszuschalten? 

Es muss laufen. Und zwar immer!

Nein, es gab keine geistigen Ausfälle, keine Halluzinationen und erst recht keine Verzweiflung, wie das wohl auf einigen anderen Booten geschah, während der Schwachwindphasen. Du bist allein – und das haben wir ja alle von Anfang an gewusst – und du bist auf dich und nur dich gestellt. Minisegeln, eben. Auch wenn ich manchmal tagelang keine Ahnung hatte, wo ich denn platziert bin, gab es für mich immer nur den einen Job: Das Boot in jeder Situation so schnell wie möglich zum „Laufen“ zu bringen. Und mit meinem geflickten großen Spi ging das mitunter richtig gut, es fand – rückwirkend betrachtet – wirklich so etwas wie eine Aufholjagd statt. Ohne dass ich eine Ahnung hatte, wen oder was ich eigentlich jage, weil die Informationslage ausgesprochen bescheiden war. 

Überhaupt war das mit der Taktik so eine Sache. Im Großen und Ganzen habe ich mich an meinen Anfangsplan gehalten, der nach Kap Finisterre zum Einsatz kam: 15 Grad nach Westen, dann halsen und Anlieger Gran Canaria fahren. Einfach, oder? Natürlich kamen mir an den Schwachwindtagen Zweifel, doch einmal auf der westlichen Seite hatte ich ja nun nicht mehr so viele Möglichkeiten. Vor allem nicht bei 0,5 Knoten Fahrt. 

Oliver Tessloff, Mini Transat

Reach-Kurse auf dem Mini – endgeil! © mini transat

Gegen Ende hatte ich dann aber doch das Gefühl, dass es das Schicksal wieder richtig gut mit mir meint. Vor allem, als ich meine neunte Futterration anbrach. Denn eigentlich wollte ich vor dem Start Gewicht sparen und hatte schon die Portionen für Tage neun und zehn wieder von Bord gebracht. Schließlich hatte es ja noch nie so eine lange erste Etappe bei der Mini Transat gegeben – warum sollte das dann ausgerechnet bei mir der Fall sein? Wieso ich die beiden Portionen doch wieder zurück an Bord genommen habe, kann ich mir bis heute nicht erklären. Meiner Moral tat’s jedenfalls gut, nicht auch noch Hunger leiden zu müssen. 

Zuletzt wurde es dann nochmals richtig klasse. 24 Stunden erfrischendes Spi-Segeln und ein paar Meilen vor dem Ziel noch ein regelrechtes Matchrace mit meinem Dauerrivalen Tom Dolan, der eine Viertelstunde vor mir über die Ziellinie rutschte. Hinter mir habe ich stundenlang den heißen Atem von Germain Kerleveao gespürt, den ich mir aber mit einem Abstand von 20 Minuten „vom Leib halten“ konnte. 

Und, ja klar, bin ich zufrieden, sehr zufrieden sogar mit dem Ergebnis. Ich weiß jetzt, dass ich auch nach miesen Phasen wieder auf „meinen Platz“ im Feld zurückkehren kann. Das gibt Vertrauen für die nächste, lange Etappe. Außerdem war das – allen Widrigkeiten zum Trotz – cooles, tolles Segeln. Ein echtes Mini-Abenteuer!

Oliver Tessloff beendete die erste Etappe der Mini Transat La Boulangere nach 10:11:13 Tagen auf Rang 13. 

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Michael Kunst

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