Mini Globe Race: Alle erschöpft vor St. Helena – dennoch: Seglerin schwimmt 30 sm um die Insel

Segeln im Energiesparmodus

Fast ein Jahr sind sie unterwegs, mehr als ein halbes davon auf See. Die Einhandsegler des Mini Globe Race überqueren den Atlantik zum zweiten Mal – nicht als Sprint ins Ziel, sondern als letzte große Einordnung eines Rennens, das längst im Schlafdefizit entschieden wird.

Ganz offensichtlich im Chill-Modus: Christian Sauer © Sauer

Es geht dem Ende zu. Nein, das soll jetzt nicht dramatisch klingen, sondern ist eher als Einordnung des Mini Globe Race gemeint. Also Klartext: Die Teilnehmer dieser Einhand-Weltumseglung auf 5.80m kurzen, selbst gebauten One-Design-Booten überqueren derzeit zum zweiten Mal den Atlantik. Der erste Transatlantik-Törn war noch als Qualifikation gedacht – das Rennen startete schließlich in der Karibik, die Boote wurden in Panama von Ost nach West getrailert, danach Pazifik, Indischer Ozean und nun eben erneut der Atlantik.
Was muss das für ein Gefühl sein, was geht einem durch den Kopf, wenn man nach 330 Tagen unterwegs, davon durchschnittlich 170 Tage auf See, nach einer fast vollzogenen Globus-Rundung den Atlantik erneut gen Westen besegelt? Euphorie? Erschöpfung? Ein letzter Versuch, seine Platzierung zu verbessern? Oder will man einfach nur noch ankommen, alles hinter sich lassen, abhaken, den Mund abwischen und mit einem anderen Leben weitermachen?
Wirft man einen Blick auf die Facebook-Posts der einzelnen Teilnehmer, ist ein gemeinsamer Gefühls-Nenner rasch ausgemacht: Der Race-Modus ist längst verlassen, alle sind erleichtert, dass man es bis zu dieser vorletzten Etappe überhaupt geschafft hat. Und alle sind müde, erschöpft, x-mal an ihre physischen und mentalen Grenzen gegangen.

Race-Modus aus, Erschöpfung an

Christian Sauer, einziger deutscher Teilnehmer im Rennen, beschrieb das vor dem Start in Kapstadt so: „Ein hervorragendes Ergebnis ist schön, aber zweitrangig. Mein Ziel ist es, sicher in Antigua anzukommen.“ Nach mehr als 300 Tagen unterwegs weiß der Einhandsegler, dass diese letzte Etappe nicht über Speed entschieden wird. „Alle sind müde. Genau das macht sie gefährlich.“ Schlaf bleibt fragmentiert, Erholung begrenzt. Sauer setzt deshalb auf Kontrolle statt Tempo.

Ankern vor St. Helena © mini globe race

Die Passage von Kapstadt nach Antigua ist die letzte Etappe des Mini Globe Race. St. Helena und Brasilien dienen als offene Zwischenstopps, mit anschließendem Känguru-Start. Dass die meisten Teilnehmer längst nicht mehr auf Platzierung und Zeiten schauen (die konsequent in allen Etappen Führenden wie der Schweizer Stitelmann oder der Brite Turner einmal ausgenommen), zeigt sich deutlich bei der Nutzung dieses Pit-Stopps auf der Atlantik-Insel. Denn kaum jemand muss großartig an den Booten basteln (das wurde im letzten Etappenhafen Kapstadt schließlich ausgiebig erledigt), alle sind eher mit sich selbst beschäftigt. Das dann allerdings auf unterschiedlichste Art. Manche wandern tatsächlich ein paar Kilometer, andere, wie Christian Sauer, holen das (ein wenig) nach, was sie seit fast einem Jahr in steigendem Maße vermissen: Schlaf. Auf St. Helena schaltete der Deutsche mental bewusst einen Gang zurück.

St. Helena: Pflichtpause, kein Reset

In einem Post sprach er von der „chilled-out island vibe“ – ein Kontrastprogramm im permanenten Schlafdefizit. Race-Konkurrenz? Gibt es schon lange nicht mehr in dieser Regatta. Davon zeugen gemeinsame Abendessen, reichlich Einladungen von den örtlichen Klubs und viel Zeit, zum Miteinandersein, für Gespräche, gemeinsame, kleine Ausflüge.

Und was soll die blaue Linie rund um die Insel? © mini globe race tracker

Rennleiter Mac Intyre hat die Pflicht-Liegezeit in St. Helena ganz bewusst auf relativ lange sieben Tage festgelegt: „Mir war klar, dass diese letzte Etappe von Erschöpfung bei allen Teilnehmern geprägt sein wird. Und da Regattasegler meistens auf Zeiten und eben nicht auf ihre Verfassung achten, muss man sie mit so einer Pflichtpause zur Ruhe zwingen. Danach starten die Teilnehmer wieder in der Reihenfolge ihrer Ankunft – es gibt also niemanden, der vom Schlafmangel des anderen profitieren kann.“

 

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