Heiko Zimmermann, Kopf des ancora Yacht Festivals, gab im SR Podcast Podcast tiefe Einblicke in die Mechanismen der Branche, den Wandel der Käuferschichten und die Zukunft des Segelns an der Ostsee. Das Podcast-Gespräch zusammengefasst.

Redaktionelle Zusammenfasung. Das ganze Gespräch gibt es hier als Podcast zum anhören.
Messen gelten als Spiegelbild der Branche. Wer mit Heiko Zimmermann spricht, bekommt ein solches Spiegelbild erklärt, eine ziemlich nüchterne Bestandsaufnahme – und gleichzeitig viel Zuversicht.
Zimmermann, heute Veranstalter des ancora Yachtfestivals in Neustadt, hat die Szene aus verschiedenen Perspektiven gesehen. Segler, Marketingmann bei Dehler, Stationen bei Pantaenius und im Hamburger Stadtmarketing, schließlich die Hamburg Messe und damit die Hanseboot. Die Hanseboot, die viele heute vermissen, sei am Ende ein System gewesen, das sich selbst zerredet habe. „Wir haben uns wahnsinnig angestrengt, ein gutes Produkt auf die Beine zu stellen, und gleichzeitig hörst du von allen Seiten, das ist alles schlecht. Das macht was mit einem.“ Dazu kam die wirtschaftliche Realität. „Eine Hallenmesse ist extrem teuer. Und Publikumsmessen sind grundsätzlich schwierig zu refinanzieren.“ „Wenn Veranstalter, Aussteller und Besucher gleichzeitig sagen, das ist alles mühsam und schwierig, dann funktioniert es irgendwann nicht mehr“, sagt er. Viel sei Psychologie gewesen, aber eben nicht nur.

„Die Boote sind dort, wo sie hingehören“
Dass sich „sein“ Messeformat verändert hat, sieht Zimmermann deshalb nicht als Verlust, sondern als Anpassung. Die ancora ist für ihn genau das Gegenmodell. „Der größte Unterschied ist, dass wir im Wasser sind“, sagt er. „Das klingt banal, ist aber entscheidend.“
Die Boote liegen dort, wo sie hingehören. Besucher steigen direkt ein, setzen sich ins Cockpit, schauen aus der Perspektive des späteren Eigners. „Du bist nicht mehr in einer künstlichen Umgebung, sondern im echten Leben. Das verändert alles.“
Und es funktioniert. Die ancora hat sich in wenigen Jahren zu einer der wichtigsten Plattformen im nordeuropäischen Markt entwickelt, nicht nur wegen der Größe, sondern wegen der Mischung. „Wir haben eine enorme Bandbreite, gerade im Segelbereich“, sagt Zimmermann. „Das ist das, was viele Aussteller schätzen.“

Tatsächlich ist die Messe für viele Werften mehr als ein Pflichttermin geworden. Gerade skandinavische Marken nutzen Neustadt gezielt als Zugang zum deutschen Markt. Kurze Wege, passende Reviere, ein Publikum, das weiß, worauf es schaut. „Die kommen gern zu uns“, sagt Zimmermann. „Das ist kein Zufall.“ Außerdem sind die Transportkosten auf dem Wasser erheblich geringer als zu Land. Dazu kommt ein Aspekt, den klassische Messen kaum abbilden können: die Nähe. „Viele Aussteller schlafen sogar auf ihren Booten“, sagt er. „Die sind morgens am Steg, trinken ihren Kaffee, und bis 10 Uhr, wenn die Besucher kommen, ist das Boot wieder klar gemacht. Das ist keine Show, das ist echt.“
Dieses „Echte“ ist Teil des Konzepts. Die ancora ist bewusst keine sterile Verkaufsfläche, sondern ein Ort, an dem sich Szene, Kunden und Produkte treffen. „Natürlich geht es um Verkauf“, sagt Zimmermann. „Aber es geht eben auch darum, das Thema zu erleben.“

Mut zu neuen Ideen
Gerade neue Projekte profitieren davon. Boote wie die neue Pure zeigen sich hier nicht als isoliertes Produkt, sondern im Kontext. „Solche Konzepte funktionieren im Wasser einfach besser“, sagt Zimmermann. „Die Leute verstehen sofort, worum es geht.“ Die Pure steht dabei exemplarisch für eine Entwicklung, die Zimmermann ausdrücklich begrüßt: mehr Mut zu neuen Ideen, mehr Fokus auf Nutzung statt reiner Ausstattung. „Wir brauchen solche Boote“, sagt er. „Die sprechen ganz andere Leute an.“
Überhaupt sieht er in der ancora eine Plattform für genau solche Impulse. „Wir wollen nicht nur zeigen, was es gibt, sondern auch, was kommt“, sagt er. Neue Konzepte, neue Ansätze, auch neue Zielgruppen. „Wenn du immer nur das Gleiche zeigst, erreichst du auch immer nur die gleichen Leute.“
Talsohle erreicht? „Ich bin mir nicht sicher“
Das passt zu einem Markt, der sich gerade neu sortiert. Zimmermann beschreibt die Lage nüchtern. „Wir haben schwierige Zeiten. Ich dachte, wir hätten die Talsohle schon erreicht, aber ich bin mir nicht sicher.“ Große Yachten liefen stabil, kleinere Segmente hätten es schwerer. „Gerade im unteren Bereich merkst du die Zurückhaltung.“ Hingegen sehe die Lage bei Servicebetrieben rosig aus.
Ein Teil der derzeitigen Probleme seien hausgemacht. „In der Corona-Zeit sind die Preise auch aufgrund er hohen Nachfrage stark gestiegen. Das war damals nachvollziehbar, fällt uns jetzt aber auf die Füße.“ Gleichzeitig verändere sich das Freizeitverhalten. „Segeln ist nicht mehr automatisch gesetzt. Es konkurriert mit vielen anderen Dingen.“
Und doch sieht Zimmermann genau hier auch Chancen. „Der Einstieg war noch nie so einfach“, sagt er. „Es gibt einen riesigen Gebrauchtmarkt.“ Boote aus Jahrzehnten stehen zur Verfügung, oft zu Preisen, die den Einstieg erleichtern. „Das ist für Einsteiger ideal.“ Für Werften mache das den Absatz zwar nicht leichter, aber letztlich profitieren auch die langfristig von neuen Seglern.

Das eigentliche Problem liegt für ihn woanders. „Wir haben ein Altersproblem“, sagt er. „Der Durchschnitt liegt über sechzig. Da müssen wir uns fragen: Wer kommt nach?“ Seine Antwort ist pragmatisch. „Die Vereine sind entscheidend“, sagt er. „Da kommen Menschen aufs Wasser, da entsteht Begeisterung.“ Und genau diese Begeisterung sei der Schlüssel. „Ein Boot kaufst du nicht rational. Das ist immer Emotion.“
Messen wie die ancora können diese Emotion transportieren – vielleicht besser als jedes andere Format. „Du kannst darüber reden, oder du kannst es erleben“, sagt Zimmermann. „Und erleben ist immer stärker.“ Deshalb sieht er die Zukunft klar in solchen Formaten. „In-Water-Shows werden an Bedeutung gewinnen“, sagt er „weil sie das liefern, was heute gebraucht wird.“
Am Ende bleibt für ihn eine einfache Erkenntnis: „Wenn wir es schaffen, Menschen für das Segeln zu begeistern, dann funktioniert auch der Rest.“
Und genau daran arbeitet er – in Neustadt, am Steg, zwischen Booten, die nicht nur ausgestellt werden, sondern bereits das tun, wofür sie gebaut sind.

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