52 Fuss Stahlyacht „Fortuna“, ein Sciarrelli Riss – Refit in Etappen

Simona, Michelangelo und Fortuna

Ein italienisches Paar braucht für die Überführung ihrer 16 m Slup helfende Hände für den Törn Lübeck – Terracina. In Terracina/ITA soll der in Bad Schwartau begonnene Refit fertiggestellt werden.

Im Herbst vergangenen Jahres kaufen der 28-jährige Michelangelo Minelli und seine Freundin Simona Di Lanzo eine klassische Stahlyacht. Sie ist fast 30 Jahre alt, oben aufgeschnitten und leer geräumt. Wie üblich paßt der Preis (günstig) proportional zur Arbeit (viel).

Der Rumpf hat Beulen, da und dort blüht der Rost, einige Bleche sind angefressen und bereits dünn. Das Interieur ist ein Haufen ausgebauter Bretter. „Fortuna“, so heißt das Objekt, ist ein baufälliges Kasko.

Liebhaber, Phantasten und ähnliche Träumer sehen in diesem Chaos ein „Boot“. Jeder andere hätte es als ein aus vielen Gewerken bestehendes 16 t Problem gesehen. So ein Puzzle unbekannter Teile lassen vernünftige Menschen wie es ist. Sie gehen und kommen nie wieder.

Es ist Ansichtssache, ob sowas ein Boot oder ein Problem ist: ‘Fortuna' im November 13 © Simona Di Lanzo/Michelangelo Minelli

Es ist Ansichtssache, ob sowas ein Boot oder ein Problem ist: ‘Fortuna’ im November 13 © Simona Di Lanzo/Michelangelo Minelli

Das Problem steht in einer Halle auf der Bad Schwartauer Teerhofsinsel. Eine Baustelle mitten im Schleswig-Holsteinischen  „Moin“-Land, etwa zwei Tausend Kilometer von der Heimat der beiden entfernt.

Damals, als die beiden beginnen, gehen an der Küste die Lichter aus. Die Tage werden kurz. Der erste Orkan zerrt die welken Blätter von den Bäumen. Es wird kalt, naß und finster an der Küste. Kein Ort für Italiener, die auf halber Strecke zwischen Rom und Neapel an einer weit geschwungenen Bucht zuhause sind. Definitiv nichts für Südländer, die sogar da unten in den Wintermonaten frieren.

Aber die beiden haben sich in die 16 m Slup verguckt. Jeder, der ein Auge für Schiffe hat, versteht das. Der Entwurf des italienischen Konstrukteurs Carlo Sciarrelli hat Klasse.

„Fortuna“ fängt rasant an: mit einem kühn geneigten, oben wie beim Kreuzfahrtschiff ausgekragten Vorsteven. Dahinter ein V-spantiges Unterwasserschiff, ein geometrischer Flossenkiel, ein skeggeführtes Ruder. Angetrieben von einer 80 qm Genua und fast so viel Groß. Ein moderat breites, formstabiles Schiff mit Tiefgang. Sowas geht mit Wumms zur Sache. Da fliegt dem Steuermann die Gischt direkt ins Gesicht. Gesteuert wird mit einem verblüffend kurzen Pinnenknüppel.

Ein Schiff aus den späten Achtzigern. Der Schlitten fährt schon auf dem Winterlagerbock. Sowas muß man haben, zurecht machen und nach Hause segeln, wenn man so besessen ist wie Michelangelo und Simona.

Die beiden fangen an. Die Halle ist nicht geheizt. Aber die beiden, ihre Helfer und „Fortuna“ haben Glück. Der Winter bleibt beinahe so mild wie in der Heimat, wo es „das beste Gemüse ganz Italiens“ (Zitat Michelangelo) gibt.

Der Rumpf wird abgeklopft, gezielt aufgeschnitten und mit eingeschweißten Blechen geflickt. Planken und Spanten werden sauber gemacht und grundiert. Damit die Farbe trotz der Kälte hält, wird der Stahl gezielt warm gemacht. Das spart wertvolle Wochen. Die vom Voreigner herausgeschnittene Plicht, das achtere Ende des Kajütaufbaues und der Niedergang entstehen komplett neu.

Michelangelo wurde mit dem Thema groß. Er segelte mit seinem Vater kreuz und quer durchs Mittelmeer. Übrigens weniger als bräsiger Yachtie, eher als neugieriger Mensch, der gemeinsam mit seinem Vater an fernen Küsten das Boot verließ, den Rucksack schulterte und sich Land und Leute anguckte. Das hat ihn geprägt. Er verdingt sich als Profiskipper und Bootsinstandsetzer im Süden. Ein Praktiker.

Nach vier Monaten sieht das Problem im Prinzip wieder aus wie ein Boot. „Fortuna“ wird aus der Halle ins Freie gezogen. Die Propellerwelle und das Ruder werden montiert. Die Maschine wird durch das Salonskylight an ihren Platz gehoben und auf dem Kiel abgestellt.

Den 60 PS Volvo baut Michelangelo im wesentlichen an einem Tag ein, plus etwas Nacharbeit und die Montage fehlender Ersatzteile, versteht sich. Normale Freizeitschrauber (ich auch), brauchen dafür deutlich länger.

Faule Italiener?

„Weißt Du, wir Italiener arbeiten eigentlich nicht so gern“ erklärt Michelangelo allen Ernstes in einer Pause. Schallendes Gelächter. Kein schlechtes Intro. Ein strafender Blick seiner nicht ganz so mitteilungsfreudigen Freundin Simona. Sie kennt die halbjährige Fron halt aus erster Hand. „Wir Italiener hauen eigentlich nur rein, wenn es sein muß und sich lohnt“ präzisiert er.

Schön und übersichtlich: Der Sciarrelli-Klassiker von 1986 © Simona Di Lanzo/Michelangelo Minelli

Schön und übersichtlich: Der Sciarrelli-Klassiker von 1986 © Simona Di Lanzo/Michelangelo Minelli

Ob es sich lohnt? Diese Frage beantwortet der Blick an Deck: Der „Aufbau“ dieses Bootes ist gerade so hoch, daß die ovalen Bullaugen in seine Flanken passen. Er verschwindet in der Seitenansicht hinter der zur Fußleiste angehobenen Bordwand. So understated, betont von gestern und provozierend schlicht zeichnete Carlo Sciarrelli (1934 – 06), der melancholische Traditionalist unter den Yachtarchitekten. Jeder, der sich wirklich für Yachten interessiert oder in Mittelmeer segelt, kennt diesen Konstrukteur.

Carlo Sciarrelli

In seinem lesenswerten Buch „Lo Yacht“ zur Entwicklung der Yachtkonstruktion von der Anfängen bis in die Sechziger Jahre beklagte Sciarrelli damals den Trend zur „Konsumyacht“. Er beschrieb die Vernachlässigung ästhetischer, seglerischer und seemännischer Gesichtspunkte. Er kritisierte die modische Gefälligkeit, das Diktat der Verkäuflichkeit auf Bootsmessen. Sciarrelli verachtete den ganzen Quatsch, den es wie in der Auto- oder Konsumgüterindustrie einzig für den Kaufimpuls gibt, den schwimmenden Müll, der allein Landratten überzeugt. Aufgeblasene Boote und Formelschinder waren für ihn ein Alptraum.

Die deutsche Ausgabe „Die Yacht“ ist antiquarisch für etwa 20 € zu bekommen. Erstaunlich, daß es so ein gutes, gehaltvolles Buch so günstig gibt. Die Lektüre ist nach wie vor lohnend, orientierend. Also: Bestellen, auspacken und lesen. Es sind auch einige Sciarrelli-Risse drin.

Sciarrelli schrieb nicht nur, er zeichnete auch gegen den Trend zum multioptionalen Nutzwertbomber. Er entwarf sehenswerte, eigenwillige Schiffe. Boote wie die 52 Fuß Slup „Fortuna“ für einen italienischen Eigner. Ein flushdeck-artiges Kellerschiff mit Handbreit hohem Proforma-Aufbau und großem Skylight.

Der Auftraggeber behielt das Schiff jahrzehntelang. Gibt es ein größeres Kompliment für einen Entwurf? Dann kaufte es ein Norddeutscher, der sich in das Schiff verguckte, wie die beiden Italiener. Die Überholung blieb mit dem Bau einer beeindruckenden Halle, der Öffnung, Entkernung und Dokumentation des Schiffes stecken. Dann wurde „Fortuna“ unter anderem bei Ebay angeboten.

Michelangelo, Simona und ihre Helfer haben alles an „Fortuna“ gemacht, was ihnen zur Heimreise außen um Europa herum unverzichtbar erschien. Die Reise soll durch den Nord-Ostsee-Kanal, die Nordsee und Ärmelkanal, die Biskaya, um Portugal und Spanien, Gibraltar zum Thyrrenischen Meer führen.

Abgesehen von einigen Schotten und Trennwänden, einem WC, einer Küchenzeile, der Batteriebank, elementarer Technik, den Bodenbrettern und allem, was mit nach Italien muß, ist „Fortuna“ leer wie ein Cupper. In Terracina soll „Fortuna“ sofort wieder an Land: Für die Optik, den kosmetischen Teil und die Fertigstellung des Interieurs. Da hätten die beiden ihre Baustelle vor der Tür. Die Auberginen, Zucchini, Tomaten und noch ein paar andere Dinge wären auch besser.

Die Überführung kann gutgehen, sofern es unterwegs keine Überraschungen gibt. Nun kennt jeder Segler den feinen, im unpassenden Moment leider gravierenden Unterschied zwischen hafen- und seeklar, zwischen hoffentlich und hält. Die Natur, das Meer sind gnadenlos.

Ich meine: „Fortuna“ braucht zwei weitere, erfahrene, handwerkliche geschickte Segler, die mitkommen. Zumal Simona schwanger ist.

„Wir haben Freunde und Bekannte, die gesagt haben, daß Sie uns helfen, aber Du weißt ja wie das ist mit Freunden. Vielleicht sind sie da, vielleicht auch nicht“ faßt Michelangelo lakonisch zusammen. „Außerdem kannst Du nicht alle Freunde für sowas gebrauchen. Das hier wird keine Kreuzfahrt. Wir servieren unterwegs keine kühlen Drinks.“

Das Groß hat fast 80 Quadratmeter und sieben Meter Unterliek. Sowas refft man nicht mal eben allein oder zu zweit. Hätte ich Zeit und kein eigenes Segelspielzeug würde ich zumindest eine Strecke auf „Fortuna“ mitsegeln und helfen.

Bordsprache ist italoenglisch, unterstützt von Gestik, Mimik und ein paar Brocken deutsch. Die Reise soll bald beginnen. Keine Ahnung wie Michelangelo & Co bis zum Ablegen die Kurve kriegen. Miracolo italiano eben.

Neulich ist sein angehender Schwiegervater aus Italien gekommen. Domenico Di Lanzo ist Metallbauer und hat auf dem Boden neben dem Boot hockend eine ordentliche Halterung für die Batterien geschweißt und an die Spanten geheftet. Dort, wo irgendwann mal die Salonsitzbänke drüber kommen. Tja, solche Väter oder Schwiegerväter gibt es.

Selfie zum Nikolaus: Simona Di Lanzo und Michelangelo Minelli auf der Baustelle © Di Lanzo/Minelli

Selfie zum Nikolaus: Simona Di Lanzo und Michelangelo Minelli auf der Baustelle © Di Lanzo/Minelli

Gestern wurde der Mast gestellt. Ein wahres Trumm mit zwei Salingen und Jumpstag.

Wozu so ein Törn gut sein kann? Nun, er könnte perfekt zementierte Vorurteile auf unerwartete Weise bestätigen, andere auf verblüffende Art korrigieren. Michelangelo ist ein gewinnender, angenehmener, ein sehr sympathischer, aber nicht zu unterschätzender Kerl. Er ist sensibel, polyglott, easy, aber nicht glatt. Er fackelt nicht. Der macht. Der fährt. Am besten rasch melden.

Also, wer diesen Sommer noch nichts richtig unvernünftiges vor hat und den beiden sympathischen Italienern zur Hand gehen möchte, hier der Facebook Link und hier die E-Mail Adresset:  kawa28(at)virgilio.it

„Fortuna“ in Zahlen

16 m Stahlslup „Fortuna“. 1986 von Carlo Sciarrelli gezeichnet. Bei der venezianischen San Marco Werft aus 4 mm Stahl gebaut. 4,18 m breit. Tiefgang 2,45 m. Verdrängung circa 16 t, Ballast 5 ¼ t, Groß 76, Genua 80 qm. Sturmfock und Spinnaker, 60 PS Volvo Penta MD31A, 300 l Wasser, 250 l Diesel, Grauwassertanks, ursprünglich 11 Kojen in vier separaten Kajüten, 2 Toilettenräume, Salon für 14 Personen

Dank an die Hamburger Fotografin Nicole Werner. Sie hat sich bereit erklärt, diese Schanghai-Maßnahme für „Fortuna“ mit einigen Fotos auf eigene Kappe zu unterstützen.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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3 Kommentare zu „52 Fuss Stahlyacht „Fortuna“, ein Sciarrelli Riss – Refit in Etappen“

  1. avatar wiedermalsegeln sagt:

    Ich würde ebenfalls glatt mitfahren wollen. Jedoch kann ich einen Stechbeitel nur mit Mühe von einem Meissel unterscheiden und habe schon mal minutenlang versucht, meinen Akkuschrauber auf Schlagbohren zu stellen. Wozu habe ich eigentlich einen Akkuschrauber? Und meine Hochseesegelerfahrung ist auch eher begrenzt. Außerdem habe ich keine Zeit.
    Diese beiden sympathischen Menschen – ich durfte sie kennen lernen – haben jedoch Hilfe nötig. Es ist also eine tolle Idee, ihre Geschichte hier zu erzählen und einen Aufruf zu starten. Außerdem ist die Geschichte auch wieder gewohnt einfühlsam als auch pointiert erzählt. Schön!
    Simona and Michelangelo, may Fortuna be with you, always!
    Frank

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Alex sagt:

    Da kommt mein Refit gerade mal einer Politur vom Freibord gleich.

    Es ist halt einfach was Anderes, wenn man eine Scherbe wieder aufmöbelt, als ein Neukauf.
    Mit jeder Arbeitsstunde verwächst man mehr. Vielleicht oder gerade weil man in wirklich jedem Eck seiner Kiste die Finger hatte.

    Die werden sicher noch viel Spaß mit dem Boot haben.

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  3. avatar Stephan Röpke von picture-coast sagt:

    da kann man nur Daumen drücken

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