Historie: Albert Einstein und sein geliebtes “dickes Segelschiff”

„Wenn ich ersaufe, dann ersaufe ich ehrlich.“

Der Nobelpreisträger Albert Einstein war begeisterter Segler. So oft wie möglich legte er auf der Kieler Förde und auf Berliner Gewässern ab, wo er sogar ein eigenes Boot hatte.

Hermann Anschütz-Kaempfe (links) mit Albert Einstein unterwegs auf der Kieler Förde. Der Windrichtung und Stärke im Vergleich zur Segelstellung und Schotführung und auch der entspannten Haltung der beiden zufolge dürfte es sich hier um eine Fotomontage handeln © Archiv der Kieler Ratheon Anschütz GmbH

Jeder Segler weiß um den erstaunlichen positiven Effekt, den ein paar gehaltvolle Segelstunden auf die Gehirntätigkeit nehmen können. Diese Erkenntnis wird bestätigt, wenn man sich vor Augen führt, dass Albert Einstein seine Relativitätstheorie möglicherweise auf dem Wasser ausgeknobelt hat. Denn der Wissenschaftler war leidenschaftlicher Segler.

Und das kam so: Bald nach seiner Übersiedlung von Zürich nach Berlin im Jahr 1914 machte der angesehene Wissenschaftler als Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Gutachter anlässlich eines Patentstreits die Bekanntschaft mit dem Kieler Kreiselkompass-Fabrikanten Hermann Anschütz-Kaempfe.

Einstein und Anschütz wurden Freunde. Sie gingen auf der Kieler Förde segeln. Einstein trug bald mit eigenen Ideen zur reibungsarmen Lagerung und zum Antrieb des Kreisels zu diesem Kompass bei – mit sehr willkommenen Segelgelegenheiten. Nach einem Einstein-Aufenthalt im Haus von Anschütz in der feinen Bismarckallee im Kieler Stadtteil Düsternbrook bedankte sich Einstein:

„Das war eine schöne und hoffnungsfrohe Woche in Kiel in Ihrem Märchenhause. Die Aussicht auf ein geradezu normales menschliches Dasein in der Stille, verbunden mit der willkommenen praktischen Arbeitsmöglichkeit in der Fabrik entzückt mich. Dazu die wundervolle Landschaft, das Segeln – beneidenswert.“

Beim Segeln war Einstein sehr zufrieden. Hier vermutlich in den 20er Jahre in Berlin © Lomography

Einstein überlegte damals, nach Kiel zu ziehen und Anschütz vermittelte ihm die ehemalige Esmarch-Villa in der Nachbarschaft. In Kenntnis der antijüdischen Stimmung im Deutschen Reich verwirklichte Einstein diesen Plan aber nicht. Stattdessen hielt er den Ball flach und nutzte gern die von ihm liebevoll als „Diogenes-Tonne“ bezeichnete Gästewohnung  bei der Kompassfabrik im Heikendorfer Weg 23. Dort hatte Einstein direkten Zugang zu einem Bootsliegeplatz an der Schwentine. Wahrscheinlich hat Einstein hier von 1923 bis 26 während der Entwicklung des überarbeiteten Kreiselkompasses öfter gewohnt und auch abgelegt.

Schwimmwesten-Phobie

Natürlich ging der 1922 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Wissenschaftler auch in Berliner Gewässern segeln. Dabei lag Einsteins Interesse am Wassersport eindeutig auf der kontemplativen Seite. Ähnlich wie bei seinen ausgedehnten Spaziergängen fand Einstein an Bord die nötige Ruhe zum Nachdenken.

Albert Einstein (noch mit einem ordentlichen Haarschnitt) und Segelfreund Moritz Katzenstein, Mitte der 20er Jahre vermutlich auf dem Wannsee beim Segeln © Kurt Franke: Moritz Katzenstein

Einstein, dem viele schnodderig-originelle Sprüche zugeschrieben werden, soll Segeln einmal als „Sport“ bezeichnet haben, „der die geringste Energie beansprucht.“ Als der Nichtschwimmer unterwegs bei auffrischendem Wind einmal (vergeblich) nach Schwimmwesten an Bord gefragt wurde, entgegnete er. „Wenn ich ersaufe, dann ersaufe ich ehrlich.“ Mangels eigenem Untersatz war Einstein in Berlin an Bord der Jolle seines Segelfreundes, des Chirurgen Moritz Katzenstein auf dem Wannsee, oft auch allein oder in anderer Begleitung unterwegs.

Einsteins Jollenkreuzer

Nachdem er sich 1928 beim Entfachen des sogenannten Holzwinds beim Nachhause-Rudern überanstrengt hatte, bekam er im Jahr darauf anlässlich seines 50. Geburtstags (dem 14. März 1929) ein eigenes Boot mit 5 PS Benzinmotor geschenkt: Einen veritablen zwanziger Jollenkreuzer mit allem Drum und Dran, elektrischem Anlasser, Bord WC, Pütt und Pann.

Einstein vor seinem geliebten Jollenkreuzer auf der Slipbahn © Yachtsportarchiv

Das Boot hieß offiziell „Tümmler“. Für Einstein war es einfach nur sein „dickes Segelschiff“. Auf den Bildern, die es von ihm beim ersten Einwassern, am Liegeplatz oder beim Segeln gibt, ist ein stolzer und zufriedener Mann zu sehen. Es war ein Geschenk von der Berliner Handelsgesellschaft, einer namhaften Bank, und soll 15.000 Reichsmark gekostet haben.

Das Boot war nach Plänen des Schiffbauingenieurs Adolf Harms und unter dessen Aufsicht in der Werft Berkholz & Gärsch in Friedrichshagen bei Köpenik gebaut worden. Der Motor war mit günstigem Schwerpunkt unter dem vorderen Ende der Plicht eingebaut. Der Propeller (es soll sich damals schon um einen Verstellpropeller gehandelt haben) ragte am Ende des skegartigen gleich unter dem Spiegel Wellenbocks vor das Ruderblatt.

Einstein mit einem Segelfreund an Bord der Tümmler. Deutlich zu sehen die verlängerten Mastbacken der Mastlegevorrichtung © A. Harms/Yachtsportarchiv

Es gab zwei Kojen, einen Tisch für vier Personen, eine kleine Pantry mit versenkbarem Kocher und Geschirrschränke. Auf Einsteins Wunsch war sogar an eine Bordtoilette gedacht worden. Die Mastlegevorrichtung war mit verlängerten Backen und einem Bleigewicht am Mastfuß so ausgeführt das sich das Rigg bequem und flott wegklappen und hochdrücken ließ. So waren Revierwechsel in Berliner Gewässern mit seinen zahlreichen Brücken kein Thema.

Einstein an der Pinne seiner Tümmler nach dem Ablegen beim Absenken des Ruderblatts, vermutlich auf dem Schwielowsee 1929 oder Anfang der Dreißiger Jahre © AKG

Abweichend von der damals noch üblichen Takelage mit einem Steilgaffelrigg war Einsteins Jollenkreuzer mit einem durchgelatteten Großsegel am modern hochgetakelten Rigg unterwegs. Das erleichterte die Handhabung und das Lattengroß war effizient. Das Boot wurde segelklar „mit Geschirr, Schüsseln, Bürsten und Lederlappen“ übergeben.

Der Motor bewährte sich bereits bei der Überführung von der Werft nach Caputh an den Schwielowsee mit muckenlosem Lauf, wo Einstein damals sein neues Sommerhaus bezog. Ende 29 bedankte sich Einstein in einem Brief an Adolf Harms: „Das Boot hat meine höchste Anerkennung und auch die aller, die mit ihm gefahren sind. Es vereinigt große Stabilität mit verhältnismäßig großer Beweglichkeit und Bequemlichkeit für die Bedienung.”

Vierjähriges Eignerglück

In Erinnerungen der Familie wird der Eigner als versierter Segler beschrieben: “Während seine Hand das Ruder hält, erläutert Einstein mit Freude seinen anwesenden Freunden seine neuesten wissenschaftlichen Ideen. Er führt das Boot mit der Geschicklichkeit und Furchtlosigkeit eines Knaben. Er hisst die Segel selbst, klettert im Boot herum um die Taue und Leinen zu straffen, und hantiert mit Stangen und Haken, um das Boot vom Ufer abzulegen. Das Vergnügen an dieser Beschäftigung spiegelt sein Antlitz, es klingt in seinen Worten und in seinem glücklichen Lachen wieder.”

Einstein in den 30er Jahren mit einer Freundin beim Segeln in Berliner Gewässern © Privat

Das Glück in der sommerlichen Segel-Enklave im Südwesten Potsdams wird ganze vier Segelsommer dauern. 1932 empfängt Einstein Besuch aus den Staaten. In Caputh wird Einsteins Emigration mit einem Angebot zur Gründung eines neuen Instituts an der amerikanischen Eliteuniversität Princeton eingefädelt. Ende 32 verlässt Einstein das Deutsche Reich.

Unmittelbar nach seiner Übersiedlung in die Staaten versucht Einstein vergeblich, sein geliebtes „dickes Segelschiff“ nach Holland zu bekommen. Das Boot wird beschlagnahmt. Die „Vossische Zeitung” berichtet im Ton der Zeit: „Das Rennmotorboot von Professor Einstein, das an einer Bootswerft in Caputh bei Potsdam verankert lag, wurde beschlagnahmt und für das Reich sichergestellt. Einstein soll die Absicht gehabt haben, das Boot, das einen Wert von 25.000,- RM hat, ins Ausland zu verschieben.” Aus Einsteins Jollenkreuzer war ein Motorboot geworden, der Wert rasant gestiegen und aus Einsteins legitimem Wunsch, wenigstens sein Boot zu behalten, war ein krimineller Akt geworden.

Im Februar 34 erschien in der „Potsdamer Tageszeitung” folgende Anzeige: „Jollenkreuzer mit Hilfsmotor, Zubehör. Sofort. Massiv Mahagoni, guter Zustand, 20 qm Segel, lagert Caputh, Potsdamer Straße 27. Preisangebote an Gemeindeverwaltung Caputh bis 8. März.” Das geliebte „dicke Segelschiff” ging nach einigem Hin und Her im Mai für 1.300 Reichsmark an den Zahnarzt Wilhelm Fiebig aus Potsdam-Nowawes.

Einstein in den USA beim Segeln

Einstein vergaß sein Boot nicht und erkundigte sich nach Kriegsende bei der Gemeinde Caputh. Bis Ende der dreißiger Jahren ließ sich der Verbleib des Bootes klären. Weitere Nachforschungen blieben erfolglos. Vermutlich ging das Boot entweder im Krieg verloren, gelangte als eine Art Reparationsleistung in die Sowjetunion oder ist im Lauf der Jahre vergammelt.

Es ist aber nach wie vor möglich, das Einsteins geliebtes „dickes Segelschiff“, der 20er Jollenkreuzer „Tümmler“ mit diversen Extras, anhand denen sich das Boot leicht identifizieren lässt, doch noch irgendwann als sogenannter Scheunenfund auftaucht. Ein Modell des Bootes, das liebevoll wiederhergestellte Sommerhaus und die wenigen Bilder von Einstein beim Segeln mit Anschütz-Kaempfe, mit dem Segelfreund Moritz Katzenstein und als stolzer Eigner erinnern an den begeisterten Segler Albert Einstein.

 

Bootsdaten „Tümmler“

Zeichnung von Einsteins 20er Jollenkreuzer mit komfortablen Extras wie Einbaumaschine, Skeg zur Wellenführung, WC und modifizierter Mastlegevorrichtung © Adolf Harms/Yachtsportarchiv

20er Jollenkreuzer, entworfen von Adolf Harms, gebaut 1928/29 von Berkholz & Gärsch in Friedrichshagen bei Köpenick, Länge 7 m, Breite 2,35 m, Tiefgang 1,25 bis 0,33 m, durchgelattetes Groß, Groß 16,05 qm, Fock 3,95 qm

Albert Einstein wurde 1879 in Ulm geboren, verdingte sich nach dem Studium in der Schweiz im Berner Patentamt und beschäftigte sich nebenher mit theoretischer Physik. 1905 wurde seine Dissertation von der ETH Zürich angenommen. Mit einem im gleichen Jahr in einer Fachzeitschrift veröffentlichten Aufsatz skizzierte der 26-jährige die Grundlage einer Quantentheorie der Strahlung. Sie wurde von maßgeblichen Physikern wie Max Planck zunächst abgelehnt, später aber bestätigt. In einem weiteren bereits 1905 veröffentlichten Artikel legte Einstein das Fundament für seine Relativitätstheorie, die zu einem neuen Verständnis von Raum und Zeit führte. Wenig später veröffentlichte der 27-jährige einen Artikel mit der berühmten Formel von der Äquivalenz von Masse und Energie “E = m · c2“.

1914 zog er auf Betreiben maßgeblich von Max Planck nach Berlin, wo Einstein dann seine Relativitätstheorie ausarbeitete. 1919 wurde diese während einer Sonnenfinsternis bestätigt. 1922 erhielt er den Nobelpreis. Die weltweite Anerkennung des schrullig individualistischen Wissenschaftlers schützte den Juden Einstein lange vor antisemitischen Anfeindungen, wie sie damals bereits im Deutschen Reich üblich waren.

1929 bezog Einstein mit seiner Familie in Caputh, einem kleinen Ort südwestlich von Potsdam ein Blockhaus, wo er sehr gern war und vom Frühjahr bis Herbst lebte, Spaziergänge machte und mit seinem „Tümmler“ segeln ging. 1932 bekam Einstein Besuch vom Amerikaner Abraham Flexner, der Einstein für das zu gründende “Institute for Advanced Study” in Princeton im US Bundesstaat New Jersey gewann. Als Einstein Nazi-Deutschland Ende 1932 anlässlich einer Vortragsreise in die USA verließ, war dem bekennenden Pazifisten und Musikliebhaber klar, dass er nicht mehr zurück kehren wird.

Bei der von Goebbels organisierten „öffentlichen Verbrennung undeutschen Schrifttums“ wurden im Mai 1933 auch Einsteins Schriften demonstrativ ins Feuer geworfen. Einstein trat aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften aus und übersiedelte nach Princeton, wo er bis zu seinem Tod 1955 lebte. Solange es sein Alter und seine Gesundheit zuließen, ging Einstein auch in den Staaten gelegentlich noch segeln.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Historie: Albert Einstein und sein geliebtes “dickes Segelschiff”“

  1. Sehr, sehr feiner Artikel. Danke!

    Ich hatte keine Ahnung davon, dass A.E. Segler war.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 17 Daumen runter 0

    • avatar Physiker sagt:

      Mit Schwimmweste zu ersaufen, finde ich aber nicht grundsätzlich unehrlich.

      Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

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