Anders leben: SegelReporters Kontrastprogramm zu La Base – kleine Fluchten auf dem Laser

Vom Ozean ins "Kleine Meer"

Der französische Jollenclub SNL bat zur Ausfahrt. Zum Glück gab es noch zwei Deutsche, die das halbe Dutzend Boote voll machten. Was für ein Tag – voller “savoir vivre”, Glück und „laissez-faire“.

Manchmal muss man eben wieder näher ans Wasser ! © f.denis

Sogar im ansonsten meist öden Leben eines SegelReporters, der sein Home-Office in Lorient aufgeschlagen hat, gibt es mitunter Lichtblicke, von denen man tage-, vielleicht sogar wochenlang zehren kann. Mental und physisch – wenn man Hüftgold zur Physis zählen darf.

So war der gestrige Tag von einer gewissen Abwechslung geprägt, die im krassen Kontrast zu den anderen Tagen in Lorient, dem Mekka des Hochseesegelns steht. Und der vielleicht deshalb im wahrsten Sinne der Worte Balsam für die Seele war. 

Man muss sich das so vorstellen: Das SegelReporter-Auge wird nun schon seit Wochen von den Hochsee-Boliden und Ozean-Flitzern des Regattahafens „La Base“ in Lorient ermüdet. Woran man sich in den ersten Tagen nicht sattsehen konnte, wird irgendwann zum Alltag und schreit förmlich nach Abwechslung.

Da liegen Mini 6.50 (Serienboote und Prototypen der allerletzten Generationen) in 5er- und 6er-Päckchen im Schatten der alten Bunkeranlagen, Dutzende nagelneue Figaro 3 mit ihren stylischen Foils glänzen in der bretonischen Sonne vor sich hin, die beiden Ultim-Trimarane Sodebo und Baron de Rothschild schlummern noch eine Runde vor der nächsten Trainingseinheit für die Jules Verne Trophy, die Class 40 zerren unruhig an ihren Festmacherleinen und einige IMOCA ruhen sich an ihrem neuen Steg von der VALSO-Regatta in nördlichen Gefilden aus. So viel Schönheit, so viel Rasanz, so viele technische Meisterleistungen und seglerische Herausforderungen… da braucht man(n) doch dringend mal Abwechslung, oder nicht? 

Besser als Hafenkino

Copain/Kumpel Francois Denis hatte das schon früh erkannt und bietet mir zwischendurch ein paar ästhetisch erholsame Stunden auf einem seiner Uralt- Laser (Jahrgänge 1975 und 1980) an – wenn Ministen sich das mit der Ausfahrt bei knapp 30 Knoten Wind nochmal überlegen, slippt Francois lässig seine “Kühlschranktüre” in die Fluten und rockt die See. Neuerdings gerne auch mit der deutschen Hochsee-Seglerin Anna-Maria Renken als Sparrings-Partnerin auf dem zweiten Laser.

Der Ausblick vom Club SNL bei Laser-Wetter © le Laye/SNL

Bei Francois’ Heimatclub SNL (Socièté Nautique Larmor Plage, einer der ältesten Clubs in Frankreich, gegründet 1872) macht – wieder im Vergleich respektive Kontrast zu La Base – vor allem die Aussicht richtig was „her“. Liegt der weltberühmte Regattahafen La Base wenig idyllisch im Schatten von martialischen und oft auch als gruselig empfundenen U-Boot-Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg, punktet der SNL mit einem der schönsten Ausblicke der Region. Direkt gegenüber liegt das Fort von Port Louis und dazwischen die fieseste Ausfahrt zum Ozean für Segler, die mit keinem oder nur schwachem Motor unterwegs sind. Wie zum Beispiel unsereins Ministen

Wenn sich andere Segler in ihren Clubs mit klassischem Hafenkino begnügen müssen, haben die Segler des SNL den ganzen Tag Breitwand-Kino mit den schärfsten Booten unter Segeln, einem irrsinnigen Verkehr  aus- und einfahrender Segel- und Motorboote aus den umliegenden Marinas und, logisch, die Aussicht auf die Segelkünste ihrer Mitglieder. Denn es gibt einige Preparateure und sogar Skipper großer Kampagnen, die hier auch ihre kleinen Spielzeuge liegen haben: Moths, Hobies, Finns, Regatta(!)-Vaurien und eben Laser!

Kleine Clubausfahrt vom Ozean ins Meer

Neulich also der Anruf von Francois, es gebe da eine jährliche Club-Ausfahrt, bei der man (ein wenig) im Regatta-Modus erst die eine oder andere Seemeile auf den Ozean segelt und dann ins „Kleine Meer von Gavres“, wo man dann picknicken würde. Dieses Jahr sei nicht mit vielen Booten zu rechnen und ob ich nicht mitmachen wolle. Er stellt mir den einen Laser, opfert sich selbst an der Vorschot des erwähnten Vauriens auf und überlässt den anderen Laser Anna-Maria. Zur Not akzeptieren französische Clubs sogar deutsche Verstärkung auf dem Wasser. 

Typischerweise malte ich mir direkt nach dem Telefonat dann aus, wie das wohl so werden könnte: 30-40 Jollen kurz nach dem Start, eng nebeneinander im Luvkampf Richtung Tonne, 20 Knoten Wind, Wellen, Dauerdusche in der Gischt. Doch die Realität war dann mal wieder ganz anders: Treffpunkt 10 Uhr? Booof, französische 10 Uhr, also nicht vor 12 Abfahrt! Dutzende Teilnehmer? Bon, diesmal müssen eben viele mitten in der Woche arbeiten.

Und die Gezeiten liegen so ungünstig! Also nur sieben Boote oder so! Aber einen Kurs gibt es doch, oder? Ja, ja, also Du segelst zu der Tonne da hinten, Du weißt schon, die da rechts von den Felsen, dann weit außenrum zu der Roten Tonne unter Land und dann ins Kleine Meer. Alles klar? Alles klar.

Bodensee- kontra Atlantik-Erfahrung

Hatte ich schon erwähnt, dass es nur mit ein paar Knötchen säuselte? Nix hängen im Luvkampf mit Renken, sondern dümpelnd zur ersten Tonne. Der Vorsprung des Autors dieser Zeilen war dann auch ganz annehmbar (Bodensee- kontra Atlantik-Erfahrung), doch als er sich dann in einer besonders windstillen Phase mal gnädig zu den Konkurrenten umdrehte, hatten die schon alle eine Abkürzung sozusagen „über die Felsen“ genommen und segelten mit ziemlich frischem Wind und einer halben Seemeile Vorsprung Richtung Küste. Na toll. Äh, und wie war das mit der Boje, die gerundet werden sollte? Avis de course? Bof, da war doch kein Wind, haste doch gemerkt!

Die Boote warteten geduldig © f.denis

Dann Einfahrt ins „Petite Mer de Gavres“. Ein flaches, buchstäbliches Meer (ist schließlich kleiner als der Ozean), das bei Ebbe vollständig leer läuft. Idylle par excellence: Einige wenige Boote, die trockenfallen an der Muring, kleine Fischerkähne am Ufer, wenige Häuser und die auch noch erfreulich bretonisch, einfach, lässig dastehen. Sogar bewaldete Inselchen sind zu erkennen. Vorne legt der Hobie am Strand an, wo schon einige weitere Club-Gesichter warten, die mit Kind und Kegel und reichlich Futter den Weg übers Land genommen haben. 

Noch auf dem Wasser, den Blick rundum und ich merke, wie sich Augen und Sinne von dem ganzen Regatta-Kampagnen-Presse-Sponsoring-Bunker-Gedöns mit einem Schlag erholen. Die Sonne scheint, es ist heiß, das Wasser glasklar – einatmen, ausatmen, aufatmen!

Picknick am Strand?

Am Strand erwarten uns unsere Gastgeber für das „Picknick“. Ein über alle Backen grinsendes, älteres Paar in den Achtzigern. Sie im luftigen Strandkleid, er im T-Shirt der letzten Snipe-WM am Gardasee. Nein, es werde nicht am Strand gegessen, es sei alles „preparé“ oben am Haus.

Haus? Tatsächlich, hinter den hohen Hecken verbirgt sich eines dieser Anwesen, dem man gleich das Besondere ansieht. Schlicht schön, aber nicht stylisch, zurückhaltend in der Architektur, aber überlegt. Großer, leicht verwilderter Garten, aber kein Park. Einige Blumenbeete, aber bloß nicht akkurat ausgerichtet. Typisch – unsere Gastgeberin ist Künstlerin. Mehr Boheme geht nicht. 

Hinter der nächsten Hecke, im Schatten einer Pinie, der obligatorische lange Tisch für französische Picknicks . Salate stehen bereit, Dips, Melonen… Futter bis zum Abwinken. Roséflaschen, frisch aus den Eiskübeln, warten perlend auf die Korkenzieher. Das Baby im Kinderwagen nagt schon mal zufrieden an seinen Zehen und mit einem Trinkspruch auf „Beluga“, das Begleitboot (mit Motor), das tatsächlich so aussieht wie es heißt, wird die Tafel eröffnet. 

Savoir Vivre am Kleinen Meer

Es folgen drei Stunden Savoir Vivre, wie man es nur aus alten Hulot-Filmen oder allenfalls von Sempés Zeichnungen kennt. Alles sitzt beisammen – Corona-Abstand wurde wirklich eingehalten! – das Essen mundet, der Rosé steigt zu Kopf, die Geschichten über Heldentaten längst vergangener Zeiten werden immer wilder und irgendwann – die Ersten haben sich bereits für eine Power-Nap-Siesta in den Heckenschatten gelegt – hängen die Übrigebliebenen förmlich an den Lippen der beiden Gastgeber.

Wie er früher sein Geld mit Vaurien- und Snipe-Bau verdiente. Und wie erfolgreich sie als Bildhauerin gewesen war. Wie er sie vor Jahrzehnten kennenlernte. Und warum die beiden trotzdem erst seit fünf Jahren zusammen wohnen und miteinander leben. Doch das sind alles Geschichten, die eigentlich nicht diesen reich gedeckten Picknick-Tisch verlassen sollten. 

Göttliches Kontrastprogramm © wikipedia

Und die doch letztendlich den Wert so eines Nachmittags ausmachen: Es sind nicht nur die Menschen im Rampenlicht, die wirklich was aus ihrem Leben machen. 

Die Ebbe wartet nicht

Irgendwann deutet jemand auf die Uhr, die Ebbe komme garantiert und ob wir unsere Boote nach Hause tragen wollen? Der Einwand, die nächste Flut käme auch bestimmt wieder, es sei doch so schön hier und bis dahin hätten wir dann auch das ganze Essen verdaut, wird geflissentlich ignoriert. Noch ein schneller Gang durch den Garten und draußen warten ungeduldig die Jollen vor Anker (!)  auf uns. Mit den letzten Wassertropfen vom Meer zurück auf den Ozean, noch ein Blick in die schon reichlich trocken gefallene Idylle hinter mir. Der leicht gebeugte Mann mit dem Snipe-Shirt ist in der Ferne nur noch an seinem Winken zu erkennen. 

Als wir in der Hitze bei eher sehr leichten Windverhältnissen rosé-ig beseelt nach Hause dümpeln, im ablaufenden Wasser teils kaum voran kommen, fahren zwei IMOCA wie Wände unter Motor und gesetztem Großsegel an uns vorbei. Die Plicht voller Menschen in Rettungswesten – eindeutig das Ende einer VIP-Ausfahrt. 

War bestimmt toll, draußen in der Flaute. Aber ich kenne welche, die einen deutlich entspannteren Tag hatten. Manchmal ist ein anständiges Kontrastprogramm eben elementar! 

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *