Besonderes Boot: Der 19 Meter lange Doppelender “Francis Lee”

+++ Daysailer mit Enten-Popo +++

Leichter, schlanke 19 Meter Daysailer mit maximaler Wasserlinie und Farr 40 Rigg mit zwei Spitzen. Heiße Konstruktion eines passionierten Kanuten.

Francis Lee, Doppelender

Leicht überlappende Fock, Pinne und Schoten in Reichweite. Konstrukteur Robert Perry am Steuer seines neuesten Doppelenders. © Katie und Dick Pratt

Mit Doppelendern ist es so eine Sache. Entweder man mag sie, oder nicht. Mancher angelsächsische und auch deutsche Segler steht auf diesen Bootstyp. Als Uffa Fox in Cowes und Francis Lewis Herreshoff in den Staaten in den Dreißiger Jahren Schärenkreuzer zeichneten, gaben sie ihren Entwürfen das eigenwillig spitz endende Heck. Auch der Olympia-Achter „Angelita“ (Gold in Los Angeles 1932) ist mit so einem Enten-Popo unterwegs.

[ds_preview] (Ab hier Text für SR Clubmitglieder)

Seit dem Bau des norwegischen Lotsenversetz- und Rettungsbootes vom Typ Colin Archer gelten Doppelender als legendär seetüchtig. Beim Ablaufen im Sturm soll das spitze Heck die Wellen wie ein Bug zerteilen. Aber diese Theorie ist seit Bernard Moitessiers legendärer Reise 1965 mit „Joshua“, nachzulesen in „Kap Hoorn der logische Weg“, längst überholt.

Als der Amerikaner Kim Bottles vor einigen Jahren mit seinem langjährigen Segelfreund und Konstrukteur Robert „Bob“ Perry im fernen Seattle über ein neues Segelspielzeug nachdachte waren die beiden abonniert auf dieses Achterschiff. „Mein Vater Francis Lee war Doppelender-Fan“ berichtet Bottles. Und Perry begann seine Karriere in den siebziger Jahren mit diesem speziellen Heck.

Außerdem ist Bottles passionierter Kanute. Er ist angeblich jahrelang jeden morgen von zu Hause über den Puget Sund zur Arbeit nach Seattle gepaddelt und abends wieder zurück. Gibt es eine gesündere, schönere und wassernähere Art zu pendeln?

Passionierter Schmalböötler

Bottles lebt auf einer Insel gegenüber von Seattle direkt am Wasser mit eigenem Bootssteg. Er wurde mit schönen Schiffen wie dem Folkeboot oder Drachen groß. Später segelte er Schärenkreuzer wie Swede 55  und einen 30er der Bodensee-Werft Beck & Söhne. Als passionierter Schmalböötler ist Bottles auf schnittig schlanke Linien abonniert.

Hässliche Nutzwertbomber ,wie die heute üblichen schwimmenden Dixi-Klos, kommen ihm nicht an den Steg. Da er beruflich und privat aus dem gröbsten raus ist, brauchte er eine interessante (Boots-) Baustelle wo alles noch mal gründlich angeguckt und neu erfunden wird.

Auch muss er die normalblöden Kompromisse hinsichtlich Liegeplatz, Tiefgang und Übernachtungsmöglichkeit an Bord nicht eingehen. Bottles möchte nur schön und schnell segeln. Dafür langt bekanntlich ein konsequent auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittener Daysailer.

Doppelender-Marotte

Eigentlich gibt es seit den Wikinger Schiffen kaum Gründe Doppelender zu bauen. Die Methode, den Rumpf hinten mit einem schräg angesetzten Schnitt abzusägen und das Boot breit enden zu lassen, ist bewährt. Sie bietet Formstabilität, Platz und Power für schnelle Raumschots-Kurse.

Natürlich sehen die beiden Amerikaner das genau anders herum: „Der Doppelender ist eine organische Bootsform. Früher ließen die Konstrukteure die Linien achtern spitz zulaufen und schnitten das Heck dann ab. Das ist unnatürlich“ meint Perry, der zugibt, die Form einfach zu mögen. Doppelender sind seine Marotte.

Zwar erkennt man beim Doppelender nicht auf Anhieb wo vorn und wo hinten ist. Aber das ist Bottles und Perry ziemlich schnuppe. Sieht man doch am Mast, am Kajütaufbau, Baum, Süll und der Pinne. Einzig die Rollen für die Ankerleine an der Bug- und Heckspitze können Landratten irritieren.

Pretty stealthy

Nun ist Bob Perry seit Jahrzehnten im Thema. Und er ist ein Fuchs. Er hat sich die historischen Doppelender näher angesehen und kennt deren Schwäche. „Sie haben an den Schiffsenden wenig Volumen im Unterwasserschiff. Da saugt sich das Heck fest.“ Deshalb gab Perry der „Francis Lee“ achtern keine eingeschnürten Wasserlinien, sondern eine möglichst füllige, U-spantige Form. Wie beim modernen Boot.

Wobei das Längen-Breitenverhältnis von 6,3 statt 2,8 zu 1 etwas anders aussieht als beim heute üblichen Dixi-Klo. Das ist ziemlich von gestern und „pretty stealthy“. Dank symmetrischer Linien fährt so ein Geschoß auch mit reichlich Krängung gut geradeaus.

10 kn Rumpfgeschwindigkeit

Mit 16,70 m Wasserlinie bei ganzen 8,3 Tonnen Verdrängung und Perrys geballtem Doppelender-Know How schob sich „Francis Lee“ letzten Samstag widerstandsarm und leise durch den Puget Sund. Leider fehlte für die 10 Knoten Rumpfgeschwindigkeit der Wind. Aber die Saison hat ja noch nicht angefangen.

Nach gemeinsamer Entwicklung des Bootes von der ersten Skizze bis hin zur Diskussion der Bauweise einigten sich die Beiden auf den heute bei Einzelbauten üblichen Leistenbau bei gnadenloser Gewichtskontrolle. Der Konstrukteur wollte des Gewichts halber Karbon, Bottles der Tradition wie Kosten halber Holz.

Auch beim Rigg und Ruder schien guter Rat teuer. Es fand sich aber eine pfiffige Lösung, die sich auch für andere Einzelbauten empfiehlt. Zufällig passt das Karbon-Rigg der Farr 40 Klasse zum Boot. Dieses One Design hat das gleiche aufrichtende Moment wie die sehr schlanke „Francis Lee“. Was nicht neu konstruiert und gebacken werden muss, weil es das als bewährte Regalware schon gibt, spart ebenso wie beim Ruder. Das hatte Perry „zufällig“ von einem anderen Projekt übrig.

46 Prozent Ballast-Anteil

Die Nutzung vorhandener Komponenten erinnert an „Heroina“, das Patchwork-Boot von German Frers. Das Manko schlanker und entsprechend ranker Boote gleichen 3,4 t Blei in 3 m Tiefe am Ende der 450 kg schweren Nirosta-Kielfinne aus. Wer ein leichtes und schnelles Boot mit herkömmlich starrem Fest- statt Neigekiel segeln möchte, braucht Tiefgang. Wenn die Verdrängung von 8,32 t stimmt, wäre das Boot mit stattlichen 46 Prozent Ballast-Anteil unterwegs.

Beim Interieur, sofern bei diesem ganze drei Meter „breiten“ Geschoß mit etwa zwei Metern Stehhöhe unter dem 5 m langen Aufbau davon die Rede sein kann, waren die zwei sich nicht einig. Der minimalistische Kanute Bottles meint, so was brauche er zum Segeln nicht.

Eine Stullendose und Thermoskanne für unterwegs und ein vielseitiger Eimer reichen bekanntlich. Bottles ist einer der wenigen Segler, die auch im fortgeschrittenen Alter sympathisch auf die Hauptsache fokussiert bleiben.

Nur die allernötigste Ausrüstung

Seine Frau Susan und Bob Perry wollten es aber schon etwas komfortabler. Denn Perry möchte sein Alterswerk ab und zu auch mal segeln. Die Sache wurde mehrheitlich entschieden und das allernötigste kam rein. Bloß keine schweren, teuren und komplizierten Sachen, die einzig Bootsausrüster und Monteure glücklich machen.

Meist sind die Präferenzen genau umgekehrt. Der Konstrukteur ist der Purist. Der komfort-orientierte Eigner verwässert oder killt das Konzept mit Gadgets, Extras und Komfort. Tja, solche Auftraggeber wie Kim Bottles gibt es, jedenfalls im fernen Seattle.

Etwa die Hälfte des Bootes, das Vor- und Achterschiff, blieben leer. Dazwischen blieb vor dem Motorraum und Niedergang auf sieben Metern Platz für eine zweiflammige Kochgelegenheit, einen Eisenbahn-Abteil ähnlichen Salon und ein WC mit Waschbecken gegenüber. Dieses bietet wie auch die Garderobe davor Stehhöhe. Vorn gibt es eine Doppelkoje.

Mit Strohhut und Cordhose

Neulich war es nach langer Beschäftigung mit dem Projekt und dreijähriger Bauzeit dann so weit. Das Geschoss mit dem interessant langen Kielhebel schwebte im Travellift über seinem Element. Bottles und Perry standen vor ihrer Kreation. Der eine im Strohhut und Cordhose. Perry mit schottischer Glengarry Mütze, amerikanischem Holzfällerhemd und Jeans. Der eine Mitte, der andere Ende 60.

Es gibt eben noch echte Kanuten und unbeirrte Dünnschiffer, die sich richtige Segel- statt Wohnboote ausdenken: Kein schwimmendes Dixi Klo, das angeblich alles, außer Stehhöhe aber leider nichts richtig kann.

„Francis Lee“ ist eine spezielle, amerikanische Neuinterpretation schlanker Leichtdeplacement-Boote, wie von Uffa Fox und Blondie Hasler in den Dreißiger Jahren und nach dem Krieg mit klassischen Schärenkreuzern zum Hochsee-Segeln entdeckt. Ihre Erkenntnis: Ein schlanker Leichtbau braucht wenig Tuch und wenig Crew zum vergnüglichem Spaß- und Schnellsegeln. Mit seinem Segelkanu hat Perry die Überhänge weggelassen, die Wasserlinie und damit die Rumpfgeschwindigkeit gestreckt.

Das eigentliche Kompliment an Konstrukteur und Bootsbauer aber zeigte sich abends nach dem Probesegeln am Liegeplatz vor Bainbridge Island. „Francis Lee“ schwimmt keinen Zoll tiefer als vorgesehen. Das ist selten.

Nur hinsichtlich der amerikanischen Doppelende-Marotte bleibe ich unschlüssig. Was meint der SR-Leser? Ist das schön? Geht so? Oder geht das überhaupt nicht?

 

“Francis Lee” Datenblatt

Länge: 18,90 m
Länge Wasserlinie: 16,70 m
Breite: 3 m
Tiefgang: 3 m
Verdrängung: 8,32 t
Ballast: 3,85 t
Ballastanteil: 46 Prozent
Motor: 36 PS Yanmar mit Saildrive
Segelfläche am Wind: 103 qm
Segeltragezahl: 5
Bauweise: Mit Glasfaser und Epoxidharz überlaminierter Holz Leistenbau mit Deck und Interieur aus Faserverbundwerkstoffen
Werft: Northwest School for Wooden Boatbuilding, Hadlock/ Washington

 

Der Doppelender Spezialist

Der gebürtige Australier Robert H. Perry ist ein alter Hase der Yachtkonstruktion. Er machte sich mit beliebten Doppelendern wie der „Valiant 40“ (1973) und „Tayana 37“ (‘75) einen Namen und zeichnete auch einige der gewichtigen, betont traditionellen Hans Christian Yachten. Auch die Fahrtenketsch „Scorpio 72“ stammt von seinem Reißbrett. Seine Entwürfe, meist aus der Abteilung traditionell und robust wurden insgesamt etwa Fünftausend mal gebaut.

Wie der 70 Fuß ULDB „Meridian“ und weitere moderne Boote zeigen, kann Perry aber auch zeitgemäß leichte Yachten zeichnen. Perrys bislang hundertmal in China gebaute „Flying Tiger 10 m“ wird derzeit um ein 7,50 m Segelspaßboot ergänzt. Am 13,8 m Exemplar arbeitet der 69-jährige gerade. Perry zeichnet auch Motorboote und Motorsegler für eine solvente, ältere Klientel, die es gern gemütlich an Bord hat.

Das kurioseste Projekt des vielseitigen Konstrukteurs ist ein 35 m langes „Fautassi“ Kanu, das von 43 fitten Samoanern bis zu 14 kn schnell über eine 5 sm Rennstrecke gerudert werden soll. Es ist – natürlich – wieder ein Doppelender.

avatar

Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
Spenden
https://yachtservice-sb.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *