Bootsbau: 30 Fußer von Sparkman & Stephens nach 83 Jahre altem Vorbild

Schlicht schön

Ein Beispiel das bezahlbar, handlich und pflegeleicht nicht 0815, gesichts- und seelenlos wie ein Etap-Hotel sein muß, ist die neue S&S 30. Diese Sparkman & Stephens Konstruktion knüpft an ein altes langkieliges S&S Design von 1935 an.

S&S 30

Probeschlag des Prototyps vor Newport/Rhode Island © Bluenose Yacht Sales

Eigentlich sind Segler mit einem bezahlbaren, handlichen und pflegeleichten Boot am besten beraten. Das war schon immer so. Ganz einfach, weil die Konzentration auf das Wesentliche erst Zeit zum Segeln lässt. Denn für schöne Stunden auf dem Wasser braucht es kaum mehr als Wind, Sonne und ein benutzbares Boot.

Benutzbar heißt: Es darf nicht zu groß, nicht zu kompliziert und es darf nicht zu viel dran sein. Dann kann man es segeln statt pflegen, nutzen statt reparieren.

Es wäre verkehrt, diese Einsicht zum Daysailer-Trend hoch zu reden. Praktische Boote, mit denen man rasch zur Sache kommt gab es schon immer. Wer nur ausnahmsweise mal an Bord übernachtet, also Platz und Stehhöhe unter Deck selten braucht, bekommt auch bei zehn Meter Länge ein ansehnliches Gefährt mit dazu passendem Aufbau. Dazu muss nur die Bordwand niedrig und der Aufbau flach bleiben.

Nicht so seelenlos wie ein Etap-Hotel

Ein Beispiel das bezahlbar, handlich und pflegeleicht nicht 0815, gesichts- und seelenlos wie ein Etap-Hotel sein muß, ist die neue „S&S 30“. Diese Sparkman & Stephens Konstruktion knüpft an ein altes langkieliges S&S Design von 1935 an.

Damals zeichnete der junge Olin Stephens das kleinstmögliche Boot, mit dem sich an den Miami – Nassau und St. Petersburg – Havanna Regatten teilnehmen ließ. Dabei griff der Mittzwanziger zu einer radikalen Methode. Stephens kappte den achteren Überhang zugunsten eines kurzen und breiten Hecks. Den Papageienstock zur Führung des Achterstags hinter dem Großsegel ließ die Vermessung unberücksichtigt.

Als Olin Stephens anlässlich seines Buches „Lines“ , einer Betrachtung ausgesuchter S&S Konstruktionen von 1930 bis ‘80 gefragt wurde, welchen der vorgestellten Entwürfe er gern überarbeiten würde, nannte er den kleinsten seiner Entwürfe, das Design Nr. 97 von Anno ’35.

Im Frühjahr 2008 skizzierte der hundertjährige Olin Stephens wie er sich das überarbeitete Schiff vorstellte. Der lange Kiel mit achtern angehängtem Ruder wurde durch ein modernes, flaches Unterwasserschiff mit zeitgemäßen Anhängseln ersetzt. Der Vorsteven wurde steiler aus dem Wasser gehoben, das Boot endet direkt hinter der Wasserlinie mit einem senkrechten, breiteren Spiegel.

Stephens letzter Yachtentwurf

Der Optik halber wurde das geringe Freibord und das kastenförmige Deckshaus beibehalten. Die Skizze ist vermutlich der letzte Yachtentwurf des legendären Konstrukteurs, der die Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit seinen Booten das Zepter auf den Regattabahnen und im internationalen Yachtbau schwang. Stephens starb im September 08.

Die Sparkman & Stephens Mitarbeiterin Daniela Abbott machte aus dem Konzept eine Zeichnung. Die Wasserlinie wurde eine Idee gestreckt, die Spantform zum Deck hin aus optischen Gründen leicht eingeschnürt. Das Boot wurde leichter. Die Besegelung mit Selbstwendefock handlich, dank gestreckter Segelprofile effizient, die Garderobe insgesamt generöser als 1935.

Wie die Bilder des dunkelblauen Prototyps aus pflegeleichtem Kunststoff zeigen, ist die Adaption hübsch geworden. Sehr schön ist es auch, endlich wieder mal die goldene Ziergöhl mit den S&S Insignien der Klinge achtern und des stilisierten Pfeils vorn zu sehen. Um das berühmte Konstruktionsbüro ist es die vergangenen Jahre leider still geworden.

Als ich das Büro vor einer Weile einmal in der Fifth Avenue in New York besuchte, erklärten mir die damaligen Büroleiter Alan Gilbert und der sympathische Bill Langan: „Alle Boote, gleich welcher Größe, sind Daysailer“. Die S&S 30, eine moderne Interpretation eines S&S Klassikers, ist ab 135. Tausend Dollar, derzeit 99.700 € zu haben. Fünf Boote segeln bereits.

Technische Daten S&S 30

Länge: 9,30 m
LWL: 8,4 m
Breite: 2,50 m
Tiefgang: 1,70 m
Verdrängung: 2,63 t
Ballast: 1,09 t
Segelfläche: 43 qm
Maschine: 14 PS Yanmar/Saildrive
Dieseltank: 45 l
Frischwasser: 49 l
Fäkalientank: 23 l

Geschichte von Sparkman & Stephens

Die Sparkman & Stephens Inc. (S&S) wurde 1929 in New York von Olin (1908 – 2008) und seinem Bruder Rod Stephens  (1909 – 1995) gemeinsam mit dem Makler Drake Sparkman als Konstruktionsbüro, Yacht- und Versicherungsmaklerei gegründet. Ungeachtet der Weltwirtschaftskrise bestellte der Vater bei seinen Söhnen die 52-Fuß Yawl „Dorade“. Deren Sieg bei der Atlantik Regatta ’31 legte den Grundstein zu einer Erfolgsgeschichte, die ein halbes Jahrhundert andauerte. Zahleiche Hochsee-Regatta Boote folgten, zunächst als Dorade-Varianten.

1936/7 halfen die beiden Brüder bei der Verteidigung des America’s Cup mit der J-Class „Ranger“.

Zuvor hatte sich Olin Stephens mit erfolgreichen 6 mR Yachten einen Namen gemacht. Stephens setzte mit konsequenter Untersuchung seiner Entwürfe im Schlepptank auf die Empirie seiner Arbeit. Diese war Voraussetzung zur späteren Verteidigung des Amerika Pokal mit den 12ern „Columbia“ (1958), „Constellation“ (1964), „Intrepid“ (1967), und 1974 mit „Courageous“.

Die Zusammenarbeit von Olin Stephens mit seinem Bruder Rod als Außendienstler und legendär kritischem Praktiker (seine Abnahme seegehender Yachten forderte selbst Werften wie Nautor in Finnland), ihre Disziplin und Konzentration machte S&S weltweit erfolgreich. Heute blickt S&S auf mehr als 2.700 Konstruktionen zurück. Mittlerweile wurde die New Yorker Adresse zugunsten Niederlassungen in Greewich/Conneticut, Newport/Rhode Island und Fort Lauderdale/Florida aufgegeben.

Website S&S

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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11 Kommentare zu „Bootsbau: 30 Fußer von Sparkman & Stephens nach 83 Jahre altem Vorbild“

  1. avatar Holzwurm sagt:

    Der Innenausbau sieht ja mal so richtig schei… aus! Die schöne klassiche Optik sollte sich doch wohl in Teak/Mahagoni unter Deck fortsetzen. So richtig günstig finde ich jetzt 100TEUR für nen Daysailer auch nicht.

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  2. avatar stefan sagt:

    Wo da ausser dem Namen der Bezug zu den “langkieligen Klassikern” sein soll, erschliesst sich mir nicht. Das Boot ist eins wie viele andere die sich im US-Bootsmarkt tummeln.

    Und ganz ehrlich: für das Geld würde ich mir lieber eine J/100 kaufen. Da bekommt man das Selbe für den gleichen Betrag. Allerdings um das Wissen, das es das besser segelnde Boot ist.

    http://www.jboats.com/j100

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    • avatar SR-Fan sagt:

      Hm, das mit dem Wissen ist so eine Sache. Ich will Dir nicht widersprechen, da ich die Boote nicht kenne, allerdings sprechen die reinen Daten jetzt nicht gleich dafür. Die S&S 30 ist … 15 % leichter bei nur 4% weniger Segelfläche und hat dabei einen rund 13% besseren Ballastanteil.

      VG

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 1

  3. avatar x-claim sagt:

    Nur eine kleine Anmerkung: Hier oben im Text schreibst du es wäre das Design 95 von 1935, in der BilderStory schreibst du es wäre das Design 97 von 1935.

    Ansonsten hat stefan bereits alles gesagt.

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  4. avatar Friedrich sagt:

    Für einen Bruchteil des Preises gibt es seit einigen Jahren ein verdammt ähnliches und noch ein bischen hübscheres Boot von Knut Biehl als 8:8.

    Wer kauft diese sauteuren Spielzeuge eigentlich und wird es überhaupt gebaut und verkauft? Erzielen diese Boote auf dem Long Island Sound Stückzahlen?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  5. avatar Cat-Fan sagt:

    Ob einem das Boot gefällt oder nicht ist Ansichtssache, aber bezahlbar, handlich und pflegeleicht? Von welcher Welt sprechen wir? 10m Daysailer sind doch eher eine gehobenere Preisklasse. Um das mal mit der Autowelt zu vergleichen würde ich bei einem Golf noch von bezahlbar sprechen, aber nicht bei einer M-Klasse. Auch wenn es bei Booten noch wesentliche Steigerungen gibt. Bezahlbare Boote gibt es meiner Meinung nach nur gebraucht oder bei 20 Fuß

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  6. avatar Andreas Ju sagt:

    “Bezahlbar” – na, das ist bei 100.000 € leicht mal so gesagt.

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  7. avatar andreas borrink sagt:

    Ein hübsches, kleines Segelboot. Müsste mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht auch sehr schön segelt. Den minimalistischen Innenausbau finde ich durchaus gelungen und dem Zweck angemessen; vielleicht etwas zuviel Ähnlichkeit mit dem schwedischen Elch…..

    Nur der achtere Auslauf des Cockpitsülls ist völlig in Daniela Abbott’s Hose gegangen. Gewollt und nicht gekonnt. Man beachte dazu die Skizze des greisen Masters – der wusste noch, was “goldener Schnitt” bedeutet.

    Zum Preis: Naja, nicht gerade ein Schnäppchen. Aber das Finish des dunkelblauen Rumpfes sieht – zumindest auf den Fotos – erstklassig aus. Sowas kostet eben und ist mit Biligbooten aus dem (europäischen, nicht US-amerikanischen!) Osten nicht zu vergleichen. Mal (am Objekt) sehen, ob sich da nach der ersten Saison nicht auch brechreizfördernd die Gewebestrukur abzeichnet, wie bei Dunkelblau leider üblich!?

    Insgesamt finde ich die Philosophie hinter solchen Booten (wie von Erdmann einleitend treffend beschrieben) gut. Gibt es aber auch schon für 10% des aufgerufenen Kurses; heisst dann: gebrauchte Elb-H-Jolle!

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  8. avatar äh sagt:

    Im Text ist es ein Daysailer, und bei Bild 8 ein Overnighter.
    Häää wat denn nu??

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