Bootsbau: Die „RúM“ ein hübscher Nostalgiker unter den Daysailern

"voll schräg"

Messerbug, Klüverbaum, viel patiniertes Segeltuch und Backstagen: Die „RúM“ ist ein spezieller Mix © Jachtbouw Vels

Messerbug, Klüverbaum, viel patiniertes Segeltuch und Backstagen: Die „RúM“ ist ein spezieller Mix © Jachtbouw Vels

Überall in der Welt versuchen sich Konstrukteure und Bootsbauer am Thema Daysailor. Das ist schön, weil sich mit solchen Nischenerzeugnissen für die Minderheit der Ästheten und Segler auf die Hauptsache besonnen wird. Denn muss ein Boot wirklich mehr können als aussehen und segeln? Alles Weitere ergibt meist faule Kompromisse. Die Nische jenseits der Mainstream-Fertigung von Familienkutschen als schwimmenden Wochenendhäusern mit selten wahrgenommener Segeloption (ein kurzer Scan der Dauerlieger unserer Gewässer genügt) mag nach wie vor klein sein. Sie wird aber mit jedem Daysailer größer.

Meist wird der Bootstyp als sportliches wie pflegeleichtes Spaßboot angeboten, oder als funktionales Designerstück à la Brenta. Es gibt ihn als mittelgroßes Mahagonimöbel über abgefahrene 60-Füßer bis hin zum 28 m Nettosegelgeschoß „Stealth“. Da sich die Konstrukteure und Werften hier ganz auf Form und seglerische Funktion konzentrieren können, weil keine oder allenfalls kleine Zugeständnisse an Komfortgesichtspunkte gefragt sind, kommen dabei interessante Boote heraus.

Spezieller Mix

Ein halber Meter Rumpftiefgang, eine lange Kielfinne und Ballastbombe in 2,60 m Tiefe: Das fährt © Jachtbouw Vels

Ein halber Meter Rumpftiefgang, eine lange Kielfinne und Ballastbombe in 2,60 m Tiefe: Das fährt © Jachtbouw Vels

Neulich haben der Holländer Theo Danel und Jachtbouw Vels in Medemblik am Ijsselmeer ein skurriles Patchwork aus traditionellen Elementen und zeitgemäßem Bootsbau zu Wasser gelassen. Einen konsequent U-spantig flachem Rumpf, unter dessen 50 cm Tiefgang des sogenannten „canoe body“ eine dünne Kielfinne mit einem Bleitorpedo in 2,60 m Tiefe hängen. Auch die Klinge des säbelartigen Ruderblatts achtern ist in etwa so zeitgemäß wie der Materialmix der Sandwich Bauweise, die Instrumente und die Deckshardware aus Niro. Abgesehen von der Spielerei des zum Deck hin zurückgenommenen Vorstevens in einer Form eines Indianer Kanu ist die „RúM“ auf charmante Art von gestern.

Schon speziell: die „RúM“ mit Messerbug, Klüverbaum und Bugsaling © Jachtbouw Vels

Schon speziell: die „RúM“ mit Messerbug, Klüverbaum und Bugsaling © Jachtbouw Vels

Der geschichtlich bewanderte Segler wird manche Unstimmigkeit an diesem Patchwork-Boot bemerken: ein moderner U-Spant mit T-Kiel passt nicht zu Backstagen und Gaffelrigg. Der Kanusteven mit dem Knick deutlich über der Wasserlinie (weshalb es nebenbei gesagt kein sogenannter Wavepiercerbug ist) passt nicht zum Klüverbaumstummel mit ebenso antiquierter Bugsaling. Der Sinn dieser Bugform ist es ja gerade, die Wasserlinie im Verhältnis zur Gesamtlänge des Bootes zu maximieren und zugleich den Windanschnitt zu verbessern.

Doch ist die seltsame Stevenform gerade schick, siehe hier oder den neulich vorgestellten australischen Daysailer „Red Hand“. Dieser seltsame Bug, diese gestalterische Anomalie ist ein Hingucker und garantiert jahrelanges Fachsimpeln am Kai, Steg oder Tresen.

Dieses Boot ist unpraktisch. Wie bei der „Essence 33“ gelangt man über den Klüverbaum schlecht über den Bug an Land. Auch würde ich mit diesem Boot an der Cote d Azur keinesfalls in einen Mistral geraten wollen. Wer möchte exponiert vor dem Schiff auf dem Klüverbaum hockend wild schlagende 50 oder 38 qm Tuch (wohin) bergen? Auch das Einbinden des Reffs am ellenlangen Großbaum wird kein Zuckerschlecken. Der Raumschotskurs ab vier Windstärken mit dem aufgefierten, auf das Wasser titschenden Großbaum ist nur etwas für die versierte Fraktion der Klassikerszene, den geübten Gaffelkuttersegler.

Eine Versuchung

Aber Mittschiffs auf der  angehobenen Kante der „RúM“ in einer sich zur Brise verstetigten mediterranen Thermik vor der „Leinwand“ von 120 qm stilsicher schmal-bahnig vernähtem Altair-Cream hocken: es wäre ein abgefahrenes, süchtig machendes Vergnügen. Auch weil der insgesamt knapp 15 m lange Zossen auf 9 1/2 m Wasserlinie mit der Segeltragezahl sprich Agilität eines Starboot unterwegs ist.

Die „RúM“ ist ein hübscher Nostalgiker unter den Daysailern © Danel Design

Die „RúM“ ist ein hübscher Nostalgiker unter den Daysailern © Danel Design

Wer vor dem blauen Himmel des Südens die klar lackierten Oregon Pine Spieren in der Sonne schimmern sieht, wird sich am herzerwärmenden Anblick freuen und seglerisch ins 19. Jahrhundert zurück gebeamt. Um in die Gegenwart zurück zu kehren, genügt der Blick ins Wasser, wo das Bleitorpedo wie ein weißer Hai durch die türkise Flut rast. Schon abgefahren und verrückt, was Theo Danel sich da ausgedacht hat für Augenmenschen und Nostalgiker, die sich entscheiden können. Dieser schräge, skurrile Mix ist eine Versuchung.

„RúM“ in Zahlen

D&D 43 One Design, Konstruktion Theo Danel, Werft Jachtbouw Vels/Medemblik, Länge über alles (Klüverbaum – Großbaumende) 14,80 m, Länge 13,14 m, Deckslänge 12,80 m, Länge Wasserlinie 9,54 m, Breite 2,25 m, Rumpftiefgang 0,49 m, Tiefgang 2,60 m, Groß 71 qm, Genuas 1-3: 50, 38 und 28 qm, Spinnaker 80 qm, Am Wind Besegelung 99 – 121 qm, Verdrängung 4,36  t, Segeltragezahl circa 6

Kanubug, flacher U-Spant und moderne Anhängsel mit tiefen Kielhebel. Die „RúM“ ist ein spezieller Mix aus Alt und Neu © Danel Design

Kanubug, flacher U-Spant und moderne Anhängsel mit tiefen Kielhebel. Die „RúM“ ist ein spezieller Mix aus Alt und Neu © Danel Design

Das Boot lässt sich komplett mit Bugsaling und abgenommenen Anhängseln (Kiel und Ruderblatt) in einem Speditions-üblichen 45 Fuß Container (Innenmaße: 13,55 x 2,34 m Breite x 2,69 m Höhe) verstauen und problemlos wie preiswert weltweit (zum Beispiel im Winter in die Karibik) verschicken.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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15 Kommentare zu „Bootsbau: Die „RúM“ ein hübscher Nostalgiker unter den Daysailern“

  1. avatar andreas borrink sagt:

    hhhhmmmm…..naja, Geschmacksache, der Steven. Wie so eine Kreuzung aus Meteryacht und AC 72.

    Ich hatte neulich das große Vergnügen, auf dieser:

    http://www.hafen-hamburg.de/sites/default/files/heti1009hmarzz468-korrigiert.jpg

    Lady segeln zu dürfen.

    Die Stevenvariante finde ich deutlich gelungener. Wenn das holländische Gerät auch mit Sicherheit etwas agiler auf dem Ruder liegt…….

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      • avatar Erdmann sagt:

        Den Löffelbug unterm Klüverbaum gibt’s schon – ziemlich lange. Mit diesem vertrauten Anblick holt man als Newcomer im Konstruktionsgeschäft niemand vom Ofen weg.

        Deshalb hat Theo Danel etwas ganz anderes gemacht. Der Yachtentwurf funktioniert ähnlich wie das Autodesign oder die Konsumgüterindustrie: Die Anomalie, die Andersartigkeit, der Hingucker zählt. Und sei sie auch noch so unpraktisch.

        Dennoch hat der Bug m.E. nur in der Seitenansicht etwas mit den Wavepiercer Bügen zu tun. Denn die echten Wavepiercer-Büge sitzen vor einem schmalen Vorschiff und haben so wenig Auftrieb, das sie widerstandsarm durch das Wasser schneiden. Bei der „RùM“ geht die Stevenform aber rasch in ein voluminöses Vorschiff über, was den Bug im Normalfall herkömmlich über das Wasser schiebt. Es ist in meinen Augen eher ein Gadget, ein Hingucker, Design.

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        • avatar andreas borrink sagt:

          Schön und gut – aber ein bewährtes Designprinzip lautet nunmal “form follows function”. Erstaunlicherweise sehen im Umkehrschluss gut funktionierende Dinge auch fast immer gut aus – und umgekehrt.

          Ein gutes Beispiel ist dafür das Fahrrad; da gibt es schon lange nichts mehr zu optimieren und darum sehen vernünftige Drahtesel auch im wesentlichen noch immer aus wie vor 100 Jahren, trotz mannigfaltiger Ansätze es anders und vermeintlich besser zu machen.

          In diesem Fall kann ich die Umsatzung dieses Prinzips nun wirklich nicht erkennen und darum halte ich diesen Bug für vollkommen schwachsinnig. Aber vermutlich werde ich einfach nur alt……..

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          • avatar Erdmann sagt:

            Man ist halt bei unterschiedlichen Dingen unterschiedlich rigoros. Auch wenn der Klüverbaum auf dem Kanubug der “RúM” wie dargestellt unpraktisch ist, ist er doch ein Hingucker. Vielleicht liegt es daran, daß ich diese Stevenform hübsch finde. Es gab mal einen 5,5er, wo damit glaube ich angefangen wurde.

            Bei Deckssalon-Booten, bei denen ich nicht nach vorn gucken kann, drücke ich dagegen kein Auge zu:

            http://segelreporter.com/blogs/moody-54-ds-fuer-die-mobofahrer-und-hafenlieger-unter-den-seglern/

            Da gelten aus meiner Sicht eher Gesichtspunkte der Segelpraxis und Sicherheit.

            Genau so seltsam ist es, Boote mit senkrechtem Vorsteven anzubieten und sie zugleich mit einem starren klüverbaumartigen “Vorbau” für die Ankerhalterung, den Gennaker und die Stegleiter abzuliefern. Ist ja gerade Messesaison, da kann man sich das auf fast jedem Stand ansehen. Man kann das auch für viel Geld nachrüsten.

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          • avatar Stefan sagt:

            Bei dem Bug in Verbindung mit einem Bugspriet um das J Maß zu ermöglichen geht es vor allem um die Gewichtsersparnis. Es gab auch schon bei den modernen 6ern und 8ern Entwürfe in der Form.

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    • avatar Stefan sagt:

      Schöne Linien hat sie schon die Heti! Aber vielleicht sollte die Dame sich einmal entscheiden was sie sein möchte. Ich denke mehr als ein Klassenzeichen braucht eine Dame die was auf sich hält nich 😉

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      • avatar andreas borrink sagt:

        Da mein Verhältnis zu der Dame eher flüchtig ist, kann ich da nichts zu sagen, ohne ihr möglicherweise zu nahe zutreten.

        Auf dem Foto kann ich allerdings tatsächlich (pro Seite) nur EIN Klassenzeichen erkennen, nämlich die unterstrichene 12 – ist das nicht das Klassenzeichen der 12er? Bei der “E3” handelt es sich doch wohl um eine Registrierung!?

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        • avatar Erdmann sagt:

          Die Meterklassen wurden zunächst alphabetisch unterschieden:

          Das A war für ganz großen, jenseits dieser Vermessung reserviert, die sogenannte “Big Class” wie Lulwoth, auch Britannia, die Rennschoner wie Elena, Meteor, Germania usw.

          B für die 23er (wie Astra, Candida oder Cambria)
          C für die 19er (wie Mariquita)
          D für die 15er
          E für die 12er

          “Heti” hat gleich beide Klassenzeichen im Groß, was doppelt gemoppelt ist.

          Das E wäre richtig für diesen first Rule 12er.

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          • avatar Olaf sagt:

            ist doch echt egal was da im Groß steht Hauptsache sie schwimmt und segelt!

            Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 5

          • avatar Stefan sagt:

            Zudem gilt die unterstrichene 12 erst als Klassenzeichen ab der Second Rule. Hierzu müsste Heti aber entsprechend auch den Regeln dieser Rule vermessungsfähig sein. Was sie nicht ist, denn die Unterschiede von First- zu den darauffolgenden Vermessungsregeln sind erheblich.

            Es ist nicht einfach “ein segeln mit doppeltem Klassenzeichen”, sondern die 12 hat da einfach nichts zu suchen.

            Mal Abgesehen davon das sie so wie sie im Gesamtbild Klassenzeichen, Nationenzeichen und Nummer fahren, als 12er aus Spanien gelten. Was natürlich gar keinen Sinn ergibt

            Wenn man so sehr auf “Tradition” wert legt, dann sollte man das auch sauber spielen. Keiner wird ohne die 12 im Segel der Heti absprechen, das sie zu der Klasse dazu gehört (was ja mangels Vermessung immer ein bisschen das Identitätsproblem der First Rule Boote in allen MeterR-Klassen ist), denn man hat sich ja lieb. Und was sich die Segler auf ihre Jacken drucken, ist ja jedem selbst überlassen 😉

            Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

      • avatar Erdmann sagt:

        Genau Stefan. Nagelschere nehmen, die unterschrichene 12 den Winter über aus dem Groß nehmen und gut ist’s! Bin ganz Deiner Meinung: Wenn schon, denn schon!

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  2. avatar andreas borrink sagt:

    Das nenne ich Insiderwissen. Im Internet konnte ich darüber nichts finden…..

    Egal, für mich ist “Heti” ein 12er, und zwar ein sehr schöner. First Rule, Second Rule, Spanien oder was auch immer……

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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