Bootsbau: Neuer 11-Meter-Daysailer der Lütje Werft auf Kiel gelegt

Das Runde und das Eckige

Designerstück made in Germany. Der im Sommer mit kleinen Retuschen überarbeitete, jetzt knapp 11 m lange Daysailer Lütje 35 © Lütje Yachts

Designerstück made in Germany. Der im Sommer mit kleinen Retuschen überarbeitete, jetzt knapp 11 m lange Daysailer Lütje 35 © Lütje Yachts

Im Herbst 13 zeigte die Hamburger Lütje Werft das Konzept eines mit Judel/Vrolijk & Co. entwickelten Daysailers. Jetzt wird das hübsche Boot gebaut.

Es ist verblüffend wie aus vier Zentimeter breiten Leisten die gleichmäßige Form eines rundspantigen Bootskörpers wird. Die Leisten sind aus Balsa Hirnholz zwischen zwei Lagen Mahagonifurnier. Das Material nennt sich Dura Kore. In Längsrichtung läßt es sich gut über die Schablonen des Mallengerüsts legen.

Die schlanke Vorschiffspartie entstand unten aus mehreren Lagen Schaum, der Steven aus Hartschaum © Nicole Werner/Lütje Yachts

Die schlanke Vorschiffspartie entstand unten aus mehreren Lagen Schaum, der Steven aus Hartschaum © Nicole Werner/Lütje Yachts

Quer aber schmiegen sich die Leisten nicht an die Spantform an. Vier Zentimeter breite und 19 mm dicke Leisten lassen sich nicht biegen. Und beischleifen geht kaum. Wegen der dünnen Furniere kann man mal flüchtig mit der Maschine über das Gabun-Mahagoni ziehen. In Form bringen lässt sich das Material so nicht. Dann wäre das Furnier weg.

Dennoch ist die Illusion einer fertigen Schale in der Halle der Lütje Werft am ehemaligen Hamburger Holzhafen bereits beim Rohbau perfekt. An den annähernd ebenen Flächen des Vorschiffs sitzen die Leisten übergangslos nebeneinander. Erst wenn man mit der Hand über die Rundungen der Bordwand streicht, verrät der kritische Fingerspitzentest kleine Unebenheiten.

Die Schrauben zur Fixierung der Leisten auf den Schablonen aus Millimetergenau zugeschnittenen und aufwändig mit Augenmaß, Straklatten und Laserstrahl auf der Helling ausgerichteten MDF Hartfaserplatten sind bereits wieder heraus gedreht. Die Bohrungen sind geschlossen.

Ganz vorne, wo die Leisten im schlanken Unterwasserschiff enden wurde der Bug aus mehreren Schaumschichten gebaut. „Ihn so zu modellieren, dass es nachher makellos wie aus einem Guß erscheint ist nicht einfach“ erklärt Werftleiter und -inhaber Jan Böhm von Lütje Yachts.

Dreivierteljähriger Vorlauf

Im Sommer begeisterte sich ein Kunde für den zunächst als 33-Füßer gedachten Daysailer der Werft. Das von der Wallynano und Essence 33 inspirierte Konzept wurde bereits bei SR vorgestellt.

Der Rumpf wurde aus ästhetischen Gründen um zwei Fuß auf 10,80 m gestreckt – daher der neue Name Lütje 35 – und fünf Zentimeter breiter. Dank des behutsam angehobenen Freibords gibt es unter Deck eine Idee mehr Höhe. Auch der elegante Aufbau mit den farbig abgesetzten Schultern wird beim ersten Boot eine Idee anders.

Jan Böhm zeigt seinen Mitarbeitern die Vorbereitung des Kielausschnitts für das GfK-Massivlaminat © Nicole Werner/Lütje Yachts

Jan Böhm zeigt seinen Mitarbeitern die Vorbereitung des Kielausschnitts für das GfK-Massivlaminat © Nicole Werner/Lütje Yachts

Designer Jan Kuhnert von Judel/Vrolijk und Jan Böhm haben da eine Weile dran gefeilt. Anstelle des zunächst vorgesehenen Mastgartens vorne zwischen den Flanken des Deckshauses füllt der Aufbau den Platz rings um den Mast. Das bringt etwas Volumen unter Deck.

Ende vergangenen Jahres wurden die Mallen auf den beiden Schlitten-artigen Balken der Helling montiert. Parallel zur Einlagerung der letzten Boote für die Winterlager- und Bootsüberholungssaison wurde mit dem Zuschnitt der Balsahirnholzleisten und der Beplankung bei Lütje begonnen.

Biaxial laminiert

Jetzt ist die Form des aparten Retroschlittens real in der Halle zu sehen. Obwohl die Renderings mit dem markanten Steven und klassisch geneigten Yachtheck bereits eine schöne Form verhießen ist es immer etwas anderes, den Rumpf im Rohbau 1:1 vor sich zu haben.

Rings um die Kielaufhängung wurde das leichte Balsa-Sandwich durch Glasfaser-Massivlaminat ersetzt. Dann wurde die Schale mit zwei Lagen 400 Gramm biaxialen Glasfasergelegen laminiert. Biaxial heißt in zwei Hauptzugrichtungen über kreuz, in 0 und 90 Grad verlegten Fasern. Das ergibt ein Laminat mit 0,90 und jeweils den Winkelhalbierenden ausgerichtetem Faserverlauf. Und zwar innen und außen.

Die pfiffige Bauweise bringt die Notwendigkeiten bezahlbaren Einzel-oder Kleinstserien-Bootsbaues mit den heutigen Erwartungen an zeitgemäß leichte, pflegeleichte und haltbare Hardware in Einklang.

Im Dezember wurde die Schale von den Mallen abgenommen gedreht und Platz gemacht für die Fertigung des zweiten Rumpfes. Demnächst wird das Deck gebaut und mit dem Spachteln und Schleifen des ersten Exemplars begonnen. Die Bootsbauer der Lütje Werft werden das erste Boot zur Segelsaison 2015 auftakeln.

Es versteht sich von selbst, dass für etwa 300 Tausend Euro heute deutlich mehr Schiff mit mehr Platz und mehr Optionen zu bekommen ist. Mehr, mehr, mehr für weniger ist ja heute die Devise. Leider ist sie auch das Motto für unschöne Massenware. Das Angebot des Großserienbootsbaues hierzu ist so endlos wie austauschbar.

Die markante Form der Lütje 35, im Hintergrund die zweite Schale © Nicole Werner/Lütje Yachts

Die markante Form der Lütje 35, im Hintergrund die zweite Schale © Nicole Werner/Lütje Yachts

Mit Herzklopfen zum Steg

Das Thema wurde ja bereits mehrfach bei SR behandelt, wie etwa in den Artikeln „Segeln statt motoren“ und „Kalle Dehler im Gespräch mit Erdmann Braschos“. Aber wie im sonstigen Leben auch gilt beim Bootsbau: Wer ein ringsum ansehnliches Segelspielzeug, ein Designerstück von Judel/Vrolijk & Co. Made in Germany mit farblich abgehobener Dachflanke für die nächsten zehn oder zwanzig Jahre segeln möchte, muss halt etwas tiefer in die Tasche greifen.

Wenn die Konstruktion gelungen, vielleicht sogar zeitlos hübsch ist und die handwerkliche Qualität stimmt, relativiert sich der Preis ohnehin. Weil er sich auf ein halbes bis ganzes Seglerleben umlegt. Man möchte doch Jahr für Jahr mit Herzklopfen zum Steg gehen und sich am Anblick seiner Schönheit erfreuen.

Tja und dann ist es doch prima, dass die Lütje Werft endlich mal wieder ein Segelboot baut. In den vergangenen Jahren entstanden hier ansehnliche Retro-Motorboote wie die „Classic Coaster“, flotte Edelbarkassen oder die gestalterisch wie technisch raffinierte 40 Knoten Motoryacht „Feara“.

Das letzte Segelboot der Werft war die schöne „Marlene“. Die hat Thomas Lütje aber für sich selbst gebaut.

Website Lütje Werft

 

Technische Daten Lütje 35

Länge 10,80 m, Breite 2,75 m, Tiefgang 1,80 (alternativ 1,60) m, Motor 14 PS Yanmar Saildrive, 40 l Dieseltank, Verdrängung ca 2,5 t, Ballast/Ballastanteil ca 1 t/36 Prozent, am Wind Besegelung circa 50 qm, Gennaker 60 qm, Konstruktion Judel/Vrolijk & Co., 298 Tausend Euro segelfertig inkl. MwSt.

Die 1956 von Günther Lütje am ehemaligen Hamburger Holzhafen gegründete Werft blickt auf zahlreiche gediegene Motorboote wie die „Classic Coaster“ Range, anspruchsvolle Einzelbauten wie beispielsweise die 40 Knoten schnelle „Feara“, zeitgemäß interpretierte Edelbarkassen wie „Elbe Eins“ und hochwertige Segelyacht-Einzelbauten zurück. Beispielsweise den 41 Füßer „Bird of Dawning“, den 70-Füßer „Yasooda“ und den 47 Füßer „Marlene“.

 

 

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Bootsbau: Neuer 11-Meter-Daysailer der Lütje Werft auf Kiel gelegt“

  1. avatar Segler sagt:

    Schönes Boot!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  2. avatar Capnio sagt:

    Guten Abend,
    läßt sich das große Rad noch entfernen? Pinne würde dem Boot gut stehen.
    Ansonsten, prima.
    Viele Grüße,
    Capnio

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