Bootsmotoren: Schraubst du noch oder segelst du schon?

Die Einschraub-Verschraubung

Nach beharrlicher Störungssuche an seinem Bootsdiesel kehrt Erdmann Braschos zur einfachsten Ursache zurück. Er erneuert die Spritleitungen und montiert einen speziellen Anschluss richtig.

Bootsmotor, Bootsbau,

Der im Schiff angehobene Volvo mit dem Radgehäuse hinten am Motor beim Zusammenbau im April 14 © Swedesail

Wie im üblichen Leben gibt es auch auf dem Wasser einen Unterschied zwischen dem Ideal- und Normalfall. Die Reklame der Bootsbranche zeigt entspannt auf großen Komfortkreuzern sitzende Ehepaare, meist sogenannte Best Ager oder glückliche Kleinfamilien – den seltenen Idealfall. Die Botschaft: So kannst du auch leben, wenn du richtig Geld versenkst und es zufällig drei Windstärken, Sonne, kaum Welle und auch sonst keine Ausreden gibt.

Leider muss man sich im Normalfall um die Technik bestehend aus Pumpen, Winschen, Kühlbox und Motor kümmern. Je weniger man davon hat, desto mehr bleibt für den schönen Idealfall.

Tapfer abgearbeitete Störungssuche

Seit einer Weile beschäftige ich mich mit einem Volvo Penta. Ein robuster und zuverlässiger Flautenschieber, an den Liegeplatz Schubser und dort Abbremser. Wenn er mal tuckert, läuft er wie der berühmte VW Käfer. Leider verlor er vor einigen Jahren die Lust zum anspringen. Und wehe, wenn er nach den ersten Takten wieder ausging.

Jahrelang habe ich alles Mögliche für den Idealfall getan: Die Spritleitung an den üblichen Stellen entlüftet. Die Kompression von einem Fachmann prüfen lassen. Die Einspritzdüsen, die Einspritzpumpe und die sogenannte Kaltstartvorrichtung wurden überprüft. Dieser Mechanismus arbeitet öldruckabhängig und befindet sich bei diesem Motor im Radgehäuse zwischen Motorblock und Getriebe. Sie war in Ordnung. Es blieb alles beim Alten und ich war richtig bedient.

Nachdem alle Möglichkeiten mit tapfer abgearbeiteter Störungssuche ausgeschlossen waren, kam nur noch der naheliegende Grund in Frage: Irgendwo auf der Strecke vom Tank zum Motor zieht die Spritleitung vermutlich Luft.

Schraubst du noch oder segelst du schon?

Also baue ich die vor einigen Jahren erneuerten Leitungen mit dem Gegenstück am Tank und der Halterung des Vorfilters aus. Bei der Gelegenheit gleich eine weitere Leitung mit mittlerweile überdrehten Schlauchschellen. Ich fahre zu Hansa Flex. Diesen Spezialisten empfahl Jan Böhm von Lütje Yachts, ein angenehm gelassener Bootsbauer, der mir bezüglich meines Ruders schon mal einen guten Rat gegeben hatte.

Bootsbau, Bootsmotoren

Vor dem Absetzen im Motorraum wurde der bei dieser Gelegenheit gleich mit überholte Saildrive montiert © Swedesail

Die Jungs am Hansa Flex Tresen gucken sich die Muster an, kratzen sich skeptisch am Kopf und verschwinden zwischen den Regalen. Sie bleiben verdammt lange weg. Das Frühjahr ist fortgeschritten. Neulich erhielt ich von Segelfreund Guido eine Postkarte aus Göteborg mit dem Tenor: „Na, schraubst Du noch oder segelst Du schon?“

Gut gemeint ≠ gut

Nach einer Weile kommen die drei Hansa Flexis zu dritt aus dem Labyrinth ihres Lagers mit Werkstatt wieder. Der mit der meisten Ahnung legt die Schläuche fertig auf den Tresen. Ich gucke mir die neue „Muffe“ an, die ich bald mit dem dazu gehörenden Schlauch am Tank montieren werde. Die bezeichnet der Fachmann als „Einschraub-Verschraubung“. Sie hat ein kleines Gewinde, am anderen Ende ein ½ Zoll Feingewinde für den neuen Spritschlauch und einen Sechskant für den Schraubenschlüssel in der Mitte. Es gibt viele Gewinde- und Steigungskombinationen. Deshalb ist es wichtig, alles, auch die Anschlüsse, auszubauen und als Muster beim Neukauf dabei zu haben.

Wenige Tage später bauen Segelfreund Klaus und ich den Kram ein. Klaus ist Zahntechniker und hat eine kleine Kollektion selbst restaurierter VW Porsche. Klaus regt sich nie auf, bleibt immer ganz ruhig. Das sind drei gute Voraussetzungen zum wirklich überfälligen Abschluss dieser Sache.

Bootsbau, Bootsmotoren

Die Dieselleitung mit dem Hanf-Fermitgemisch an der alten Einschraub-Verschraubung (‘Muffe’) © Swedesail

Er rät mir, den Schlauch und die „Muffe“ am Tank ohne zusätzliche Dichtmittel wie Hanf, Fermit oder Teflonband zu montieren. Weil die Dichtigkeit durch die Dichtflächen hergestellt wird und nicht durch Sachen, die das komplette Reinschrauben der Muffen verhindern. Weil gut gemeint hier das Gegenteil von gut wäre. Wieder was gelernt.

Dann pumpe ich Sprit, entlüfte am Feinfilter und drehe den Zündschlüssel. Das altbekannte Surren des Anlassers. Der Volvo-grüne Öttel schüttelt sich kurz und nagelt verblüffend rasch mit seinem kernigen Treckersound los. Er läuft – langsam, mittel, schnell. Er geht auch im Standgas mit 800 Touren nicht aus. Ich mach ihn aus, starte, aus und wieder an. Ich glaub’ es nicht.

“Es spratzelt nicht mehr!”

Dann breiten wir Plastikfolie in der Motorbilge aus und entlüften die Rücklaufleitung oben, am hintersten Zylinder bei laufender Maschine. Man muss viel Sprit rauslaufen lassen. Eine ziemliche Schweinerei, die ich aus Angst vor Dieselgestank im Schiff früher ungern zuließ. Diesmal landet sie in der Folie unter dem Motor.

Meist drückt blasenfreier Sprit durch die geöffnete Leitung, mal kommt in Schüben Luft. Irgendwann spratzelt es nicht mehr. Der Diesel pladdert in die Folie. Nach einer Weile schließt Klaus die Rücklaufleitung. Auch einige Stunden später und am nächsten Vormittag springt der Motor schön an. Die beiden „Muffen“ haben mich 6,60 gekostet, die beiden neuen Schläuche mit aufgepressten Endstücken 28,94 €.

Bootsbau, Bootsmotoren

Auch die Schellenlösung des Schlauchs vom Feinfilter zur Dieselpumpe erschien nicht koscher und wurde ersetzt © Swedesail

Ursache für die andauernden Startschwierigkeiten der vergangenen Jahre war wahrscheinlich das Hanf- und Fermitgemisch, das ich auf Empfehlung eines ortsansässigen Motorenmannes am Gewinde der Einschraub-Verschraubung am Tank angebracht habe.

Vier Erkenntnisse: Man soll nur Sachen machen, die man kann. Wenn etwas was nicht kann, muss man sich Zeit nehmen, um es zu lernen. Man müsste als Laie „irgendwie“ die hilfreichen von den richtig schlechten Ratschlägen unterscheiden können. Denken hilft.

PS: Ich werde oft von Interessenten gefragt, ob sie sich auch ein Boot zulegen sollen. Meist haben sie schon das entsprechende Exposé dabei. Ich gucke mit eher der Interessenten als die Bootsbeschreibung an und frage ihn, ob er bereit ist, sich für schöne Stunden auf dem Wasser mit einem unglaublichen „Kleinscheiß“ zu befassen. Mein Rat: Mach es nur, wenn Du wirklich angefressen bist.

avatar

Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
Spenden

Ein Kommentar „Bootsmotoren: Schraubst du noch oder segelst du schon?“

  1. avatar Helmut sagt:

    Moisen,
    schön geschrieben… so eine Unterdruckleitung “dicht” zu bekommen wird häufig unterschätz.
    Anders rum ist es einfacher wenn es rausdröppelt ist jedem klar das da Handliungsbedarf ist… Luftlecks sind gemeine Gegner..
    Hoffe der Störungsfrei Motorbetrieb bleibt lange erhalten..

    Handbreit / äh allzeit leckfrei ….- Helmut

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *