Braschosblog: Die Geschichte vom geplanten Röhrenboot für Fiat Boss Agnelli

Die Welt der Traumyachten

Agnelli entschied sich schließlich für die "Stealth" vom Hauskonstrukteur Frers. © Green Marine

Aktive Struktur

„Unser Design war anscheinend ein bisschen zu abgefahren“ kommentiert der leidenschaftliche Raucher Brenta und steckt sich schnell noch mal eine an. Vielleicht war es besonders abschreckend, dass die beiden Mailänder die drei Karbonrohre nicht einfach starr im Schiff unterbringen wollten.

Sie würden mit einer hydraulischen Längenverstellung das Boot beim Segeln gezielt vorn und achtern zwischen dem Mast als „aktive Struktur“ auseinanderdrücken. Der Rumpf sollte bei Amwind-Kursen nicht die Banane machen, sondern fast torsionsfrei bleiben. Das würde das Vorstag mit idealem Windanschnitt schön grade auf Spannung halten.

Das Thema lag damals in der Luft. Für den spanischen America’s Cup Herausforderer 1995 hatte Giovanni Belgrano als seinerzeitiger Leiter des Southamptoner Yachtstruktur-Ingenieurbüros „SP Technologies, heute „Gurit“ ein solches System für die “Rioja de Espana” entwickelt und für große Cruiser Racer empfohlen.

Altes Prinzip

So abgefahren und konsequent die Idee erscheinen mag, einen Rumpf mit einem speziellen Fahrgestell von der Beanspruchung aus dem Rigg zu entlasten, so alt ist das Prinzip. Die beiden schwedischen Tüftler Lars Bergström und Prof. Sven Olof Ridder hatten Jahrzehnte zuvor aus der Not eine Tugend gemacht.

Röhrensystem 1977 im erfolgreichen Zweitonner "IMP" © Guy Gurney

Sie versteiften  den betagten 95er Schärenkreuzer „Britt Marie“ für Gotland Runt Regatten unter Deck mit einem Fahrgestell als Mastunterbau. Daraus wurden später die sogenannten „Space Frames“ im Ron Holland Zweitonner „Imp“ von 1977, der eine Weile als „unbeatable boiler room“ recht erfolgreich segelte.

Bei „Route 66“ wiederum wurde daraus ein dreibeiniges Stativ. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur aktiven Struktur, wie sie die beiden mailändischen Konstrukteure dem großen Agnelli empfohlen hatten. Nun muss es bloß noch einer machen.

Bei einem ambitionierten Leichtbau der „Visione“ Kategorie beispielsweise könnte das Konzept viel bringen. Die 2002 gebaute Baltic 147 des Software Kaufmanns Hasso Plattner gilt als Beweis der kühnen These, dass sich eine 45 m Slup mit ganzen 113 Tonnen (davon 53,5 t Blei) realisieren lässt.

Wunderwaffe als Psycho-Faktor

Möglicherweise bringt der Heizkeller mehr als ein insgesamt leichteres, verwindungsärmeres, also schnelleres Boot. Der psychologische Faktor von Wunderwaffen wie dem maßlos überschätzten Flügelkiel ist groß. Es dürfte auf der Regattabahn und im Club meist schon das Gerede von der aktiven Struktur reichen, auch wenn bloß Insider wissen, was das ist und was es bringt.

Tja, und wer so ein Boot mit ein paar sagenhaften Röhren hat, kann der düpierten Konkurrenz nach der Wettfahrt lächelnd erklären, dass es mit einer herkömmlich uncoolen Passivgurke eh keinen Zweck hat. Wer, bitte schön, wird in ein paar Jahren noch mit einer altbackenen Schüssel und unnötig vielen fest eingebauten Stringern, Spanten oder Knien antreten?

 

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

Ein Kommentar „Braschosblog: Die Geschichte vom geplanten Röhrenboot für Fiat Boss Agnelli“

  1. avatar Christian sagt:

    mit Superyachten und so’n Gedöns hab ich es ja eher nicht… aber das hier ist exzellenter Journalismus. Sowohl informiert als auch edelfedrig locker-flockig geschrieben.

    Die Formulierung “Passivgurke” merk ich mir. Der Tag wird kommen, an dem man sie jemandem an den Kopf werfen kann 😉

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 14 Daumen runter 0

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