Braschosblog: Der Wunder-Antrieb der “Hetairos” wird aus dem Rumpf geklappt

Bündig wie ein Elvströmlenzer

Der "Hetairos"-Antrieb kann aus dem Rumpf geklappt und gedreht werden. © Ocean Yachts Systems

Der “Hetairos”-Antrieb kann aus dem Rumpf geklappt und gedreht werden. © Ocean Yachts Systems

Die entscheidenden Widersacher von Agilität, Geschwindigkeit und Segelspaß sind Gewicht und Wasserwiderstand. Deshalb ist die 66 m Ketsch „Hetairos“ so leicht. Die geringe Verdrängung von 230 Tonnen, etwa ein Drittel des üblichen Gewichts bei knapp 50 m Wasserlinienlänge und 10 ½ m Breite wurde erstmals vor der Montage von Kiel und Ruder sichtbar. Erst draußen vor der Halle konnte man dem Schiff mal mit Abstand unter den Bauch gucken.

Verblüffend wenig ist unter dem weißen Strich des Wasserpasses zu sehen. Der sogenannte „canoe body“ wie der Rumpf ohne Anhängsel (Kielflosse und Ruderblatt) genannt wird, geht bei dem schlanken Schiff ganze 1,30 m tief.

Zweitens erstaunt der absolut plane Rumpf. Nichts ragt heraus, weder eine Propellerwelle noch der dazu gehörigen Wellenbock, der unter dem Rumpf jeder großen Yacht zu sehen ist, geschweige denn ein Propeller. Es gibt nichts, was bremst.

Antrieb hinter Klappe verborgen

66 Meter lange Traumyacht "Hetairos" von Otto Happel. Die Kieloberkante ist unter dem Esstisch zwischen vorderem Aufbau und Großmast versteckt.  © Baltic Yachts

6 6Meter lange Traumyacht “Hetairos” von Otto Happel. Die Kieloberkante ist unter dem Esstisch zwischen vorderem Aufbau und Großmast versteckt. © Baltic Yachts

Bei bis zu 30 Meter langen Regattabooten wie „Alfa Romeo II“, „Wild Oats“ „Highland Fling“ oder „Genuine Risk“ sind heute einziehbare Propeller oder Wasserstrahlantriebe üblich, mit denen sich das Boot aus dem Hafen schubsen und später wieder an den Liegeplatz zurück bugsieren lässt. Ein Kompromiss zugunsten des Segelns, der bei Dauerbetrieb unter Motor nicht überzeugt.

Die Idee, eine Manövrierhilfe beim Segeln hinter einer bündig im Rumpf sitzenden Klappe zu verstecken, ist ein alter Hut. Bereits der 73 Fuß Maxi „Windward Passage“, ein Alan Gurney Entwurf, der 1969 am Strand auf den Bahamas aus formverleimtem Holz entstand, wurde mit Maschine von einem einzieh- und ausfahrbaren hydraulischen Antrieb bewegt.

Der Kalifornische Konstrukteur Alan Andrews war damals mit einem der wiederholten Umbauten der legendären Regattayacht beschäftigt. Er bestätigt, dass „eine Art Schacht mit einer beweglichen Hydraulik zum Antrieb des Bootes“ eingebaut war. Allerdings gab es wiederholt Probleme mit Leckagen in der Hydraulik. Die machten sich immer dann unangenehm bemerkbar, wenn Druck auf der Leitung war: beim Einsatz der Maschine. Deshalb hatte die „Windward Passage“ Crew außer schnellem Segeln damals Routine beim Ab- und Anlegen unter Segeln. Da war die Ketsch-Takelage hilfreich.

Faltpropeller seit den 70er Jahren

Die pfiffigen Falt-, Klapp- oder Drehflügelpropeller zur Minderung des Wasserwiderstands, die heute jeder anspruchsvolle Segler montiert hat, waren damals entweder nicht erfunden, oder ihre Entwicklung steckte noch in den Kinderschuhen.

Der weithin bekannte Gori Faltpropeller oder der Max Prop wurden Mitte der siebziger Jahre entwickelt. Ebenso der sogenannte Variprop, ein Drehflügler, der mit individuell justierbarer Steigungsverstellung beim Vor- und Rückwärtslauf punktet. Einmal unterstellt, die Propellerflügel werden vom vorbeiströmenden Wasser tatsächlich in die widerstandsarme Stellung geklappt oder gedreht (mancher fluchende Praktiker hat da eigene Erfahrungen) bleibt der Widerstand der aus dem Rumpf ragenden Welle oder des Saildrive Z-Triebs. Hinzu kommt, dass man beim Manövrieren großer Yachten in engen Häfen auf ein Bugstrahlruder angewiesen und oft auch ergänzend seitlicher Schub unter dem Heck wünschenswert ist.

"Hetairos" beim RORC Caribbean 600 2012 © Tim Wright

“Hetairos” beim RORC Caribbean 600 2012 © Tim Wright

1994 demonstrierte Luca Bassani die Manövriereigenschaften seiner 32 m Ketsch „Wallygator II“, der heutigen „Nariida“.  Es hatte unter dem Vorschiff und achtern ausfahrbare und in verschiedene Richtungen drehbare Antriebe montiert. Damit ließ sich das Schiff auch bei ungünstig auf den Liegeplatz drückendem Seitenwind seitwärts von der Pier schieben und souverän wie ein Schottelschlepper auf engem Raum drehen.

Ming-Vasen Imitate aus Karbon

Für „Hetairos“ galt es, einen widerstandsarm beim Segeln hinter der Bordwand zu verstauenden Antrieb zu finden. Dieser hatte erstens dank entsprechender Backups unbedingt zuverlässig zu sein. Zweitens sollte er sich für den Dauerbetrieb eignen, wenn mal mit Maschinenhilfe flott Strecke gemacht werden muss.

Im Interesse der Segeleigenschaften (Stichwort Massenkonzentration zum Kiel hin) durfte das gesamte Packet nicht so schwer wie üblich geraten. Vibrationsarm laufen sollte es natürlich auch. Die Mingvasen-Imitate (aus Karbon, das ist kein Scherz!), die der Eigner selbstredend kippsicher unter Deck stehen hat, müssen auch bei erhöhter Drehzahl und 15 Knoten ruhig auf ihren Konsolen stehen.

Vier Audi V8 Zylinder

Im Unterschied zu üblichen Fahrtenbooten, wo Diesel hauptsächlich zum Motoren und Laden der Batterien (für den Kühlschrank und weitere weniger Amperestunden fressende Aufgaben) verfeuert wird, braucht „Hetairos“ allerhand Power. Sie ist ein schwimmender Arbeitsplatz der zahlreichen Stammcrew und Meeresnebenwohnsitz des Eigners und seiner Freunde. Energie wird vor allem allem für die Motorwinschen, das gelegentliche Hochwuchten des 86 t Kiels und das minutenschnelle Umpumpen des flüssigen Ballasts (11.220 l Diesel, etwa 5 ½ t Frisch- und zusätzlich in Luv gestaute 20 t Seewasser, insgesamt 36 t)  benötigt.

Die wird von vier VW Marine TDI 350-8 Achtzylindern bereitgestellt. Das 370 Kilo schwere Aggregat mit 4,2 l Hubraum und seinen  bärenstarken Drehmoment kommt sonst im durchzugsstarken Audi zum Einsatz.

Man besann sich auf das „Windward Passage“ Konzept mit einem VW Marine Maschinenpark als Generator für Druck in den Hydraulikleitungen und Amperestunden für die zahlreichen Verbraucher. Zum Glück war der Stand der Technik im Lauf jener sieben Jahre, in denen „Hetairos“ entwickelt und gebaut wurde, deutlich weiter als Ende der sechziger Jahre, als die Amis erstmals krude Caterpillar Bagger- und Landmaschinentechnik für die Anwendung auf Yachten adaptierten.

Vier Jahrzehnte nach dem „Windward Passage“ Experiment waren die Komponenten im Prinzip alle da. Sie mussten nur nochmal gründlich angesehen und überarbeitet, sprich gezielt leicht gebaut werden. Ins Vorschiff wurde ein eigens unter Gewichtsgesichtspunkten überarbeitetes Hundested Bugstrahlruder mit 170 PS in der heute üblichen Scharnierversion eingelassen.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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Ein Kommentar „Braschosblog: Der Wunder-Antrieb der “Hetairos” wird aus dem Rumpf geklappt“

  1. avatar Heini sagt:

    Danke für die vielen interessanten Informationen ! 🙂

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