Braschosblog: Der Wunder-Antrieb der “Hetairos” wird aus dem Rumpf geklappt

Bündig wie ein Elvströmlenzer

360 Grad rotierender Doppelschraubenantrieb

Dreißig Meter dahinter, mit vorteilhaft kurzen Hydraulikleitungen vom Maschinenraum zu den beiden Wasserschaufeln mit ½ m Durchmesser öffnen sich bei Bedarf zwei Klappen unter einem Schacht an Back- und einem an Steuerbord. Darin sind die Propeller ähnlich wie das Fahrwerk eines Flugzeugs verstaut. Nach einer Minute ragen die beiden Wasserschaufeln betriebsbereit ins Wasser. Die Schächte sind wieder bündig mit der Bordwand verschlossen. Aussparungen in den Klappen lassen Platz für die beiden „Fahrgestell“ Arme.

"Hetairos" bei der Inbetriebnahme im finnischen Pietarsaari im Juli 2011 © Baltic Yachts

“Hetairos” bei der Inbetriebnahme in im Juli 2011 © Baltic Yachts

Wie bei deutlich kleineren Booten lässt der flache Rumpf des 66 m Schlittens einzig unter dem angehobenen Fußboden des großen Deckshauses mittschiffs Platz für die insgesamt 2,60 m hohen Hydraulikantriebe von Ocean Yacht Systems. Ein Antrieb wiegt 1,6 t.

Im Prinzip sind das zwei große, in Längsrichtung des Schiffes montierte Außenborder, die bei Vollgas von den vier marinisierten Audi Achtzylindern mit zusammen 1.400 PS von 400 Bar Druck durch fünf Zentimeter dicke Hydraulikleitungen versorgt werden. Zum Vergleich: In Autoreifen stecken zwei bis drei Bar. Bei Vollgas werden in einer Minute tausend Liter Hydrauliköl durch die OYS Getriebe gedrückt. Die Flüssigkeit wird dann auf erträgliche 40 Grad gekühlt.

Bündig wie Elvströmlenzer

So, wie bei üblichen Booten nach dem Segelsetzen der Motor mit energischem Zug am Dekompressionshebel abgestellt, die Zündung ausgeschaltet und der Propeller mit eingelegtem Rückwärtsgang in die widerstandsarme Nullstellung gezwungen wird, heißt es bei „Hetairos“: Gang raus, bremsende Wasserschaufeln in die großen, unten offenen Backskisten schwingen.

Die Schächte und dazugehörigen, schön praktisch um Achsen in Längsrichtung bewegten Klappen sind so ausgeführt, dass Skipper Vincent Fauquenoy das beim Segeln machen kann. Nach einer Minute sind die Schächte im Rumpf so bündig geschlossen, wie der Jollenrumpf von einem Elvströmlenzer.

 Segelbetrieb mit Audi V Achtzylinder

Zur Versorgung des Bootes mit Strom und Öldruck langt jetzt eine der automatisch Drehzahl-geregelten Maschinen. Die anderen drei Achtzylinder Motoren springen unter den eigens extraleicht von den Hightechhexenmeistern der finnischen Baltic Werft laminierten Karbonschallschutzkapseln (- 200 Kilo Gewicht je Maschine) je nach Bedarf von selbst an. Das ganze wurde natürlich so gemacht, dass weder Eigner Otto Happel noch die beiden Ming-Vasen-Imitate unter Deck davon etwas merken.

Einmal von diesem Blick in den abgefahrenen „Hetairos“ Maschinenraum abgesehen: Was hat der normalsterbliche Segler von diesem ganzen Aufwand? Zunächst einmal nichts. Sollte sich das „Windward Passage“ Konzept aber wie für „Hetairos“ neu erfunden bewähren, empfiehlt es sich für kleinere Boote. Wozu beim Segeln permanent einen Saildrive oder Welle mit Wellenbock und Propeller durch das Wasser ziehen, wenn der ganze Kram nur zum Ab- und Anlegen oder gelegentlichen Flautenschieben gebraucht wird?

„Wir sehen viele Anwendungen für Einzel- und Doppelschrauben Arrangements in herkömmlich starrer oder unter dem Rumpf drehbarer Ausführung“ berichtet Iain Crowden, Leiter der Thruster-Abteilung des englischen Spezialisten Ocean Yacht Systems. OYS entwickelt und baut Takelagen, Hydraulik und Antriebe für große Yachten.

„Das Interesse an besserer Segelleistung dank reduziertem Wasserwiderstand ist da. Viele Eigner und Werften von Booten ab 70 Fuß mit 150 PS Maschine sehen sich das genau an. Wir haben uns 2 ½ Jahre mit dem Antrieb von „Hetairos“ beschäftigt. Das Projekt hat unsere Verständnis einer zeitgemäßen Propellerinstallation ziemlich geändert“ fasst Crowden zusammen.

Die OYS Triebwerke sind für Maschinen von 20 bis 900 PS mit elektrischem oder hydraulischem Antrieb ausgelegt. Der Spezialist im südenglischen Bournemouth entwickelte unter Wasser in sämtliche Richtungen schwenkbare Antriebe passend für Maschinen von 48 bis 460 PS und Yachten von 16 bis 66 m. Je nach Ausführung kostet ein System mit einziehbarem Propeller für einen 70 Füßer 95 bis 125 Tausend Euro. 2010 wurde der erste Joystick gesteuerte, 360 Grad schwenkbare Saildrive auf einem 16 m Boot vorgestellt.

 

Die beiden Propeller wurden ähnlich wie bei einer zweimotorigen Ausrüstung nebeneinander hinter dem Kiel platziert. In Nullstellung der beiden in 360 Grad unter dem Rumpf drehbaren Antriebe lässt sich das Boot wie eine Doppelschraubenyacht handhaben.

Eine Studie zum Thema Gewicht ergab, dass der Maschinenpark bestehend aus den vier VW Marine Dieseln und den beiden recht schweren OYS Schubeinheiten insgesamt etwas leichter ist als ein konventioneller Antrieb. Hinzu kommt die Ersparnis eines Heckstrahlers.

Den Verlust durch die Wandlung in hydraulisch übertragene Energie beziffert Ward Proctor vom finnischen Spezialisten Marine & Hydraulics auf 18 Prozent. Die Aggregate wurden entsprechend größer ausgelegt.

Zur Versorgung der hydraulischen Verbraucher wie Antriebe, der Kielhebevorrichtung oder Winschen einschließlich der Backups mit doppelten bzw. ringförmigen Leitungen wurden 250 m Titanrohr verlegt.

Die Motorisierung ist so ausgelegt, dass „Hetairos“ mit zwei Maschinen je Antrieb Vollgas fährt. Dann wird angeblich eine sogenannte  Pfahlzugkraft von gut zehn Tonnen generiert. Zur Not soll sich das Boot von einer Maschine je Antrieb mit sechs Knoten fortbewegen lassen.

Der erhöhte Wartungsaufwand von vier Maschinen wurde zugunsten der Betriebssicherheit (redundante Systeme) im Kauf genommen.

 

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

Ein Kommentar „Braschosblog: Der Wunder-Antrieb der “Hetairos” wird aus dem Rumpf geklappt“

  1. avatar Heini sagt:

    Danke für die vielen interessanten Informationen ! 🙂

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