Braschosblog: Gaffelkutter “Mariquita” vom mysteriösen Griechen-Eigner

Marienkäfer - Glühwürmchen

"Mariquita", das "Glühwürmchen" in ganzer Pracht. Gaffelkutter mit 38 Metern "spreaded length". © Rick Tomlinson

Abgesehen von ihrer offensichtlichen Schönheit wäre die prächtig mit Groß, Topsegel, Fock, Klüver und Flieger gefiederte 19 mR Yacht „Mariquita“ kaum weiter der Rede wert, würde sie nicht jahraus, jahrein unbeirrt von sämtlichen Springnipptiden des bei der schönsten Sache der Welt leider immer wieder störend maladen Wirtschaftslebens nicht so professionell von Jim Thom und seinen Jungs gesegelt.

Thoms Frau Lucy, bringt als „Shore Managerin“ den nötigen Background von der Marine und als Logistikerin vom Militär mit. „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, braucht es eine, die die Sache regelt“ pflegte Altbundeskanzler Helmut Kohl zu sagen. Was wären Lenker ohne Denkerinnerin und Backup?

Apropos Lenker. Es ist schon toll, auf dem dachschräg geneigten Deck der „Mariquita“ hinter diesem kleinen Sportlenkrad zu stehen und ziemlich weit vorn den im Takt des Seegangs federnden Klüverbaum zu sehen. Aber wie ich mal bei einem Probeschlag vor Palma herausfand, macht das Abfallen mit diesem schwergängigen Bonsai- und Sportlenkrad etwa so viel Spaß, wie das Losdrehen der Radmuttern bei meinem Golf.

„Mariquita“ (spanisch für Marienkäfer oder Glühwürmchen) ist eines dieser Boote, für die es drei Längenmaße von der sogenannten „spreaded length“ zwischen der Nock von Klüver- und Großbaum (gut 38 m), über die Länge über Deck (29 m) bis hin zur Wasserlinie (gut 19 m) gibt.

Gerade ist sie wieder in Südengland beim Westward Cup in muddy waters unterwegs, wo die Wolken richtig tief hängen können und sich das Meer farblich nicht ganz auf Himmelgrau oder Channel Graugrüngrau festlegen mag.

Ist ja offenbar kein Thema, den relingslosen Gaffelkutter von der südfranzösischen Sonnenküste außen um Spanien herum gegen den üblichen Nordwind vor der portugiesischen Küste, dann durch die Waschmaschine der Biskaya in den graugrünen Ärmelkanal zu segeln, wenn man das Segelhandwerk so beherrscht, wie unsere Vorvorfahren. Dieses Glühwürmchen ist für die 14 bis 20-köpfige Crew ein exponierter Arbeitsplatz.

Eine Art Onassis

Es heißt, das Schiff gehöre einem vermögenden Griechen, der so gut wie nie an Bord gesehen wird, aber sich das Ganze ab und zu aus der gehobenen Warte einer sagenhaft großen Motoryacht anschauen würde. Dieser Herr, eine Art Onassis, würde sich das köstlich antiquierte Segelfestspiel von seinem Logenplatz aus irgendwo im Schatten der Poop verfolgen, zufrieden nicken und dann nochmal einen Scheck für die nächste Saison ausstellen.

Ich hab da interessiert zugehört, auch normal investigativ nachgefragt, bin aber nicht sicher, ob es stimmt. Bei diesen Privataudienzen im Angesicht der dicken Schlittens wird kein Segelreporter geduldet. Gut möglich, das es eine geschickte Tarnung für einen anderen Eigner ist, der dieses wunderbare Schiff mag und seine Ruhe haben will.

Der Grieche an sich muss ja heute für alles Mögliche hinhalten. Glühwürmchen, die Krise, den Euro. Übrigens wurde bei Segelreporter schon mal darauf hingewiesen, dass  Mobo-Menschen ganz sympathische Leute sein können. Die sitzen eben nicht nur Prosecco-schlürfend mit jungen Dingern im Blubberbecken rum. Die lassen angeblich sogar mal stilvoll auftakeln und segeln.

Die Geschichte mit dem Griechen lässt an Otto Friedrich Wilhelm von Bayern (1845 – 1866), weithin bekannt als Ludwig II. denken. Dieser Märchenkönig vertrieb sich die Zeit mit mancher Privatvorstellung aus der Loge eines ansonsten leeren Theaters.

Ist Segeln also gar nicht so weit von den schönen, den leider flüchtigen Künsten des Tanzes, der Bühne, des Gesangs und sonstiger konzertanter Musik entfernt? Sie erinnert zugleich an Herbert Weld Blundell Esq., Kommodore des Königlichen Yachtclubs Dorset und zweiten Eigner der heute als „Lulworth“ bekannten „Terpsichore“.

Blundell war ein etwas engagierterer Eigner als dieser angeblich existente und passivsegelnde Grieche. Der passionierte Zeitungsleser Blundell pflegte sich gleich nach dem Auslaufen mit einer druckfrischen „Times“ in den Salon zurück zu ziehen. Dort ließ er sich von dem ganzen Getrampel, dem Keuchen, Stöhnen und Schnaufen an Deck über sich nicht stören.

War ja kein Kinderspiel, im engen Solent mal eben tausend qm von Hand himmelwärts zu zerren und seglerisch vorteilhaft zu schoten. Nach ein, zwei Tassen Tee erschien er wie ein Passagier seiner eigenen Yacht mit einem freundlichen „Hello“ wieder an Deck. „Oh, are we started“ stellte er, sich zufrieden an Deck umsehend, fest.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

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