Braschosblog: “Marlene” das Vrolijk Traumboot von Werftchef Thomas Lütje

Irgendwo zwischen gestern und heute

Well done oder over done? Der Einzelbau im Sommer in Dänemark  © Lütje Werft

Well done oder over done? Der Einzelbau im Sommer in Dänemark © Lütje Werft

Seit etwa drei Jahrzehnten entstehen Einzelbauten im gern genommenen Mix aus traditioneller Anmutung und zeitgemäßem Yachtbau. Es gibt sehenswerte Beispiele für diesen anhaltenden Trend, aber auch solche, wo wahllos in die Schatz- und Zitatenkiste klassischen Yachtbaues gegriffen wurde.

Es gibt allzu rotstichig gebeizte, künstlich wirkende „Natur“ lackierte Mahagoniboote. Es gibt Seitenansichten mit übertriebenem Sprung, Decks und Aufbauten mit deplatziert erscheinenden Skylights und Lüfterhutzen. Es gibt Flushdecker, wo das glatte Deck mit erschütternd viel Freibord erkauft wurde.

Solche Boote aus der Abteilung gewollt statt gekonnt gefallen vielleicht auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick wirken sie so beliebig und wohlfeil wie die Erzeugnisse postmoderner Architektur, wo mit Gauben, Giebeln und ähnlichen Versatzstücken historischer Häuser eine rasch durchschaute Anmutung geschaffen, eine Emotion erzeugt wird, die sich leider schnell abnutzt.

Schmaler Grat zwischen well done oder overdone

Um einen überzeugenden Mix aus traditioneller Form und zeitgemäßer Funktion hinzukriegen, hilft die jahrzehntelange Beschäftigung mit traditionellen Fahrtenbooten. Der Konstrukteur sollte viele Exemplare gesehen haben. Es braucht Erfahrung, Liebe zum Metier und zugleich einen funktional-nüchternen Blick auf das was nötig und was entbehrlich ist. Vor allem braucht es bei diesem immer fragwürdigen Mix aus Alt und Neu die Gelassenheit eines, oder besser noch zweier alter Hasen, die ihr Metier überblicken. Die Grenze zwischen well done oder overdone ist schmal.

Natürlich befinden wir uns hier im unsicheren Terrain von Geschmacksfragen. Auf diesem weiten Feld ist es kaum diskutabel, was dem einen gefällt und dem anderen nicht. Nun kann sich der Betrachter der Bilderstory aber selbst ein Bild von der 47-füßigen „Marlene“ machen, die Thomas Lütje, der langjährige Chef der gleichnamigen Hamburger Werft vor einigen Jahren nach Plänen von Rolf Vrolijk für sich baute.

Das Boot liegt im Sommer in Gelting. Ich hatte Gelegenheit, es im Winterlager der Lütje Werft am ehemaligen Holzhafen im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort anzusehen. Etwa eine Handbreit ragt die oben klar lackierte Mahagonifußleiste über das Deck. In kräftigem Braun schimmert die Seitenwand des flachen, traditionell bis vor den Mast gestreckten Kajütaufbaues.

Fünf edelstählerne Rahmen der traditionell kleinen Fenster erinnern an die schlichte Strenge alter Fahrtenboote. Ebenso wie die Wölbung des weißen Dachs an die einst übliche Machart Leinen-beschichteter Aufbauoberseiten. Der flache Giebel des Skylights über dem Salon ist eine Anleihe vom klassischen Glattdecker. Es lässt viel Licht und gegebenenfalls auch Luft herein. Auch die Hutzen der Doradelüfter auf den traditionell getischlerten Entwässerungskästen erinnern an früher.

 Schön schiere Funktion

Die Relingsstützen sitzen zweckmäßig auf, nicht als Wasser- und Schmutzfänger innerhalb der Fußleiste. Vorn endet die Reling an zwei Bügeln, die das Vorschiff über die Bugspitze bequem von Land aus begehbar machen. Achtern sind die Relingszüge in lederbekleideten Enden neben dem hinten offenen Achterdeck hinab geführt. Das Bug- und Heckkorblose Schiff betont mit dem vorn und achtern offenen Arrangement den Deckssprung. Das kommen der Löffelbug und die gestreckt zum traditionell geneigten Spiegel geführten Achterschiffspartie zur Geltung.

Es gibt im wesentlichen weiß gehaltene Flächen, blondes bis interessant ergrautes Teak in naturbelassener Ausführung, lackiertes Mahagoni und glänzend polierten Edelstahl. Das recht große, moderne Steuerrad, es ermöglicht eine günstige Sitzposition auf dem leewärtigen Süll und sensibel angesteuerte Böen, bis zu den bündig ins Vordeck eingelassenen Prismen zur Beleuchtung der Eignerkajüte sind dann wieder schiere Funktion.

 Das Duo Lütje/Vrolijk

„Marlene“ ist das Resultat zweier alter Hasen in Yachtkonstruktion und Bootsbau für eine traditionell gehaltene mittelgroße Fahrtenyacht, von Rolf Vrolijk und Thomas Lütje. Den von Admirals und America’s Cup Regattabahnen ausgewiesenen Mitinhaber des Bremerhavener Büros Judel/Vrolijk & Co kennt man eher als nüchternen Zahlenfuchs, als Konstrukteur moderner Boote und weniger als Interpreten charmanter Linien.

Die beiden sind aber seit Mitte der neunziger Jahre im Thema. Der 1996 aufgetakelten 41-füßigen „Bird of Dawning“ folgte im Jahr darauf der stilistisch modernere, eher an den siebziger Jahren orientierte 48 Füßer „Mamelie“. Das reizvolle Thema lässt sich halt immer nochmal neu anschauen und variieren. Eigentlich hatte Lütje von einem Flushdecker geträumt. Der wären aber mit 18 Metern etwas lang geworden, damit er aussieht.

Leistungsfähige Anhängsel

Das flache Unterwasserschiff mit L-förmigem Kiel und dem meisten Blei mit günstigem Hebel über der 2,25 m Kielsohle und das säbelartig schlanke Ruderblatt ergaben ein seglerisch reizvolles Boot. Die unten herum modernen Linien halten die wasserbenetzte Fläche klein, bieten Platz für wirksam gestreckte Anhängsel und entsprechenden Auftrieb bei Am Wind Kursen. Davon verrät die charmante Slup als „Wolf im Schafspelz“ mit ihrem geschwungenen Löffelbug und gestreckt aus dem Wasser zum klassischen Yachtheck geführten Achterschiff oben herum natürlich nichts.

Traditionelles Skylight, eingelassene Prismen, moderne Beschläge aus den Katalogen der Premium Hersteller, ein großes Rad, klar lackiertes Mahagoni und moderne Pendelrollenlager zur leichtgängigen Führung des Ruderblatts: Harmoniert das alles auf einem Boot? Der gestreckte Aufbau bietet Stehhöhe bei ansehnlicher Freibordhöhe, der Löffelbug mit dem angehobenen Vorschiff steckt die gelegentlich ruppige Welle auf der Elbe und Ostsee gut weg und der flach aus dem Wasser gehobene Überhang mit dem breiten Spiegel machen die „Marlene“ zum reizvollen Seekreuzer.

Boote sollten stilistisch irgendwo herkommen. Ihre Form sollte eine Geschichte erzählen und das Gefährt sollte gescheit segeln. Wenn dann auf den gut 14 Metern noch Platz für den gelegentlich von seiner Frau begleiteten Eigner und noch gelegentlicher mal mitkommende Freunde ist, langt das völlig, oder? Leider ist der Preis zum hinsetzen und tief durchatmen. „Aber es ist halt ein Einzelbau“, sagt Thomas Lütje. „Da stecken endlos viele Stunden drin“.

Baubeschreibung

Länge 14,35 m, Länge WL 9,70 m, Breite 3,80 m, Tiefgang 2,25 m, Verdrängung circa 10 t, Ballast 4,30 t, Frischwasser 400 l, Diesel 250 l, Fäkalientank 50 l, 54 PS Yanmar, Duracore Sandwich Bauweise mit Epoxydharz verklebten E-Glass Gelegen, Preis segelfertig 750.000 € zuzüglich MwSt.

Die 1956 von Günther Lütje auf dem Gelände der ehemaligen Schutenwerft Körner gegründete Werft begann mit der Fertigung von sechs Meter langen Sperrholz Motorbooten und stieg anlässlich der Ölkrise in den Segelyachtbau ein. Nach seiner Ausbildung in Max Bünners Hamburger Jollenwerft übernahm Thomas Lütje 1988 den väterlichen Betrieb und machte mit dem von den amerikanischen Lobsterbooten inspirierten „Classic Coaster“ und ansehnlichen Segel- wie Motoryachteinzelbauten von sich reden. Der neuerdings von Jan Hendrik Böhm geführte Betrieb blickt auf etwa 60 Motorboote und Segelyachten bis 20 m Länge zurück.

Derzeit entsteht mit der „Elbe 33“ das erste Exemplar eines von den klassischen Barkassen inspiriertes Motorboot für Flüsse und Küstengewässer. Der Betrieb verfügt über zwei Schlengel mit Liegeplätzen für zwanzig Boote, einen Slip und drei Hallen zur Winterlagerung die üblichen Arbeiten am Schiff, Reparaturen und Neubauten.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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9 Kommentare zu „Braschosblog: “Marlene” das Vrolijk Traumboot von Werftchef Thomas Lütje“

  1. avatar Minifahrer sagt:

    …was für ein Prachtstück. Schade, dass kein aussagekräftiges Bild vom Skylight über dem Salon dabei war. Und ich hätte den Achtersteven von etwas rausgezogen und den Spiegel schmaler gemacht (a la Spirit), das hätte das Heck noch einmal eleganter gemacht. Aber allein der ‘Himmel’ im Salon… Einfach schön. Und wenn das Gerät dann auch noch ordentlich fährt (wie anhand der Beschreibung der Anhänge irgendwie zu vermuten ist) – klasse.

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    • avatar Torsten sagt:

      Wunderschön – ein echtes Traumschiff!
      Was den “Retroklassiker” verrät und historisch nicht ganz zusammenpasst sind wohl vor allem der flache Aufbau, der an Seefahrtskreuzer oder frühe KR-Yachten erinnert, und das voluminöse Heck mit recht großem Spiegel, das eher aus den 1960er Jahren stammen könnte. Aber was solls – es passt schon (wobei mir selbst die 1960er Jahre Boote mit am besten gefallen). Schön auch der weiße Anstrich. Es war ja eine zeitlang gang und gäbe, alles was irgendwie “classic” sein sollte, ziemlich unhistorisch dunkelblau anzumalen.

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  2. avatar Christian1968 sagt:

    Ist es nicht so, dass an der Ampel alle eher auf den alten MG oder Morgan schauen, als auf den viel perfekteren und teureren Porsche ? Ist es nicht so, dass die meisten von uns vor “klassischen Villen” viel eher staunend und bewundernd stehen bleiben, als vor einem aktuellen PassivNiedrigEnergieÖkoFertighaus ? Dass wir eine alte Rolex aus den 60ern auf Anhieb als schön erachten und die heute oft überladenen, mit viel mehr (meist nicht gebrauchten) Funktionen ausgestatteten Uhren als protzig empfinden !?
    Diese Yacht ist zwar nicht perfekt, aber sehr schön und sie könnte aus den 60ern sein. Ich habe leider nicht genügend Geld, um mir uberhaut eine Yacht leisten zu können, aber Träumen tu’ ich nur von solchen.
    Ahoi

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  3. avatar Seemester sagt:

    Hm, der Begeisterung für dieses Schiff kann ich mich nicht so recht anschliessen. Riß und Linien gleichen Booten wie sie – zum Glück immer noch – zu Hunderten auf den Weltmeeren zu begucken gibt. Und hey, segeln ist ein heller, sonniger, luftiger Sport. Da möchte ich nicht in eine dunkle, hölzerne Höhle hinabsteigen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 7

    • avatar Minifahrer sagt:

      Klar gleichen die Linien vorhandenen Schiffen. Der Spaß daran ist ja, dass es unter Wassser ‘schneller’ gebaut ist und damit für so manche Überraschung sorgen kann (habe ich selbst mehrmals mit einer Spirit erlebt, auf der einem im Hafen schon mal vorgeworfen wurde, dass so neumodische Beschläge auf einen solchen Klassiker nix zu suchen hätten*gacker* ‘Und wieso ist der Mast nicht entspannt?’ – war er, aber die Kohlefaserpeitsche war eben so geformt…).
      Und ein solcher Salon hat dann seine Vorteile, wenn man nach einem heftigen Ritt in Regen und/oder Hagel endlich im Hafen angekommen ist und es mal warm und gemütlich haben will. Da ist der Ballsaal eines modernen 45ers zwar auch nett, aber bei weitem nicht so heimelig. Bei Sonnenschein ist man eh eher draussen, das ist klar.

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  4. avatar martin sagt:

    vielleicht hätte sich der Autor zu einem klareren bekenntnis durchringen können, wenn er sich einmal nach Gelting aufgemacht hätte, um das schiff in seinem Element zu betrachten, anstatt eine Geschichte aus der winterlager-Konserve zu produzieren?
    Dann hätte er durchaus erkannt, dass diese Yacht absolut stilsicher und zum niederknien schön daliegt.
    Aber das nennt sich dann Recherche. Und die ist aufwändiger, als aus produzierten Geschichten für andere Magazine noch eine Zweitverwertung rauszupressen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 0 Daumen runter 11

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