Braschosblog: Neues Dijkstra-Projekt – “Exo”, gestalterischer An- oder Abtörner?

Projekt Glasboot - Aprilscherz?

GL kriegt Pickel

240 Tonnen, knapp 9 m breit am Wind: die 46 m Slup "Exo". © Dykstra/Claydon Reeves

240 Tonnen, knapp 9 m breit am Wind: die 46 m Slup “Exo”. © Dykstra/Claydon Reeves

Bereits bei großflächigen geraden oder leicht gewölbten Scheiben kriegen die Prüfer der Yachtabteilung des Germanischen Lloyd eigentlich schon Pickel. Bauch- und Kopfschmerzen wird der Schandeckel und das angrenzende Deck und die Bordwand darunter bereiten. Die sollen im breitesten Mittschiffsbereich der „Exo“ umlaufend Panorama verglast werden. Das macht den Salon zum Kristallpalast mit transparentem Übergang von der Bordwand zum Deck. Auch kommt schön viel Licht herein. Da Scheiben heute längst auf Knopfdruck oder App per Handy gedimmt werden können, braucht man bei der „Exo“ abends nicht mal Vorhänge.

„Wie bei einem Rennwagen soll eine art space frame Fahrgestell die Kräfte aufnehmen”, heißt es zu den yachtbaulichen Aspekten der kühnen Idee. Der Rumpf würde dann hauptsächlich als Schale fungieren, die im Wesentlichen das Wasser draußen lässt.

Das ist im Prinzip nichts Neues. Manches Regattaboot der 70er Jahre wurde mit einer Art Fahrgestell früher mal so gebaut. Das Röhrenboot wie die Ron Hollandsche „Imp“ (Spitzname „the unbeatable Boilerroom“) ist damit heute noch unterwegs. Nur mit einem Panorama verglasten Schandeckel hat es noch keiner bei einem knapp 9 m breiten, 240 t Segler gemacht.

Käme dieses Konzept nicht aus den Rechnern des angesehenen Yachtkonstruktionsbüro Dykstra, könnte man es für einen Aprilscherz halten. Wer aber die Arbeitsweise von Gerard Dykstra und seiner beiden Nachfolger kennt, weiß das die Holländer stets mit einer Machbarkeitsstudie beginnen. Die lancieren keinen computeranimierten Bullshit.

Phosphoreszierende Fugenmasse

Mit illuminierter Fugenmasse stimmungsvoll in den Abend.  © Dykstra/Claydon Reeves

Mit illuminierter Fugenmasse stimmungsvoll in den Abend. © Dykstra/Claydon Reeves

Achtern grüßt die von Wally entwickelte, gegen einige Skepsis durchgesetzte wassernahe Seeterrasse hinter der diesmal rund verglasten, von einer Art Spritzkappe beherbergten Achter- und Eignerkajüte. Es gibt bekanntlich kein größeres Kompliment für eine Idee, als die Tatsache, dass sie nachgemacht wird. Was eckig war, kann natürlich auch mal rund gemacht werden.

Neuartiger dürfe die illuminierte oder phosphoreszierende Fugenmasse zwischen den Decksplanken  sein. Wie es sich für ein Superyachtprojekt unserer Tage gehört, soll es zeitgeistig in naturnah amorphen Formen ausgeführt werden. Die futuristische „Exo“ wird eine Art segelnder Jugendstil, vom Bordlebensgefühl unter Deck nach außen gedacht und mal ganz anders, mit geschwungenen Formen der Panoramaverglasung clever verpackt.

Geschwungen amorphe Formen auch beim Layout: strakend und schurgerade kann ja jeder.  © Dykstra/Claydon Reeves

Geschwungen amorphe Formen auch beim Layout: strakend und schurgerade kann ja jeder. © Dykstra/Claydon Reeves

Markant, gradlinig und eckig ist derzeit praktisch jede große Segelyacht. Kündigt die „Exo“-Studie also einen neuen Stil bei großen Segelyachten an? Bei Motoryachten sind amorph geschwollene bis rund gelutschte Aufbauten mit ebensolchen Fensterformen derzeit so üblich, das sich keine der Funktion geschuldete gestalterische Logik mehr erkennen lässt. Zweitens zeichnet sich angesichts dieser Beliebigkeit schon wieder ein Trend zur klaren, strakenden Linie ab.

Wird die „Exo“ gestalterisch ein An- oder ein Abtörner? Schwer zu sagen. Es gab die vergangenen Jahrzehnte im Yachtbau manche Novität, die ihre Zeit brauchte. Vieles lässt sich auch erst in natura an Bord besichtigt und gesegelt und beim Blick aus dem Salon nach draußen verstehen. Sicher ist nur eins: Die Verwendung der kratzersparenden Fendersocke wird sich bei der „Exo“ in eng gepackten Mittelmeerhäfen lohnen.

 

Projektname Exo, Länge 46 m, Länge Wasserlinie 42,73 m, Breite 8,88 m, Tiefgang 6,50 m, Verdrängung 240 t, Karbonmast und -baum, stehendes Gut aus Faserverbundwerkstoffen, Kajüten für acht Gäste in vier Kajüten plus Unterkünfte für die 7-8 köpfigen Crew 

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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5 Kommentare zu „Braschosblog: Neues Dijkstra-Projekt – “Exo”, gestalterischer An- oder Abtörner?“

  1. avatar Klaus sagt:

    Schönes Beispiel dafür, dass man sich Geschmack und Kultur mit Geld nicht kaufen kann.

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    • avatar SR-Fan sagt:

      Naja, da gibt es aber deutlich schlimmere Beispiele (m. E. auch der Malteser Falcon).

      Grundsätzlich finde ich die Idee mit größeren transparenten Flächen aber gut und zukunftsweisend. Gerade mit dem “elektrischen Blindmechanismus” finde ich das interessant. Mal sehen wie es dann in Natura aussieht. Ich denke, eine Menge Leute hätten Luca Ende der 80er auch für verrückt erklärt und einige Jahre später galt er als Trendsetter.

      VG

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  2. avatar hurghamann sagt:

    Über Geschmack lässt sich streiten, über Seetüchtigkeit nicht. Wenn Materialien gefunden werden die im Rumpf die Schlagbelastung eines treibenden Objekts abkönnen, analog zu den normal verbauten Materuialien – why not? ( meins wärs nicht)

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  3. avatar Dietmar DL4HAO sagt:

    … und auf keinen Fall die Isoliereigenschaften (nicht elektrisch sondern Wärme/Kälte) vernachlässigen. Da sehen ich nicht klar sondern eher schwarz 🙂

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  4. avatar joe2236 sagt:

    endlich mal etwas mut zu neuem – jules verne läßt grüßen

    mir gefällts und wenn das mit den materialien auch hinhaut.

    ich würds kaufen.

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