Braschosblog, Video: 83-Fuß Traumyacht “Adventuress” von William Fife

Schöner Schoner

ADVENTURESS: A Thing of Beauty from OffCenterHarbor.com on Vimeo.

Unterwegs ins gelobte Land des amerikanischen Bootsbaues lasse ich mich, von Boston auf vielspurigen Autobahnen mitschwimmend Richtung Maine spülen. Es geht nach „downeast“. So heißt an der Küste Neuenglands der Kurs in nordöstlicher Richtung in die von Flüssen, fjordartigen Einschnitten und Buchten durchzogene Provinz der amerikanischen Ostküste.

Der 83-Fuß-Schoner `Adventuress´ in voller neuer Pracht. © Allison Langley

Der 83-Fuß-Schoner `Adventuress´ in voller neuer Pracht. © Allison Langley

Downeast, das war früher, in der beinahe vergessenen Ära der Segelschifffahrt ein komfortabler Raumschotskurs. Downeast, das ist heute für den gehetzten Städter die Verheißung entspannten, schönen Lebens mit einem Haus möglichst am Wasser und natürlich auch einem gescheiten Boot. Hier gibt es richtige Jahreszeiten, wobei das Spektakel wunderbar bunten Herbstlaubs besonders schön ist. Reklametafeln, geschweige denn beleuchtete, werden hier immer seltener.

Bald geht die Autobahn in eine wellige Schnellstraße mit breiten Shoulders zum Anhalten, Durchatmen und aufs Wasser blinzeln über. In der kleinen Stadt Newcastle wirkte einst Bruce King, der Schöpfer hinreißender Retroschlitten, die selbstredend aus formverleimtem Holz entstanden. In dieser Gegend, wo die Häuser und Kirchen aus Holz getischlert sind und man sich die Errungenschaften der modernen Welt erst mal anguckt, um sich – vielleicht – für eine zu entscheiden, wird die Tradition auch auf dem Wasser groß geschrieben.

Es ist kein Zufall, dass gerade hier der technisch von der modernen Chemiefaser überholte Holzbootsbau in Amerika von den Gebrüdern Gougeon mit der formverleimten und im Harz gekapselten Holz-Epoxidharzbauweise fortgeschrieben wurde. Und es passt, dass diese Machart vom gebürtigen Kalifornier King für hinreißend schöne und auch große Einzelbauten auch eben hier genutzt und perfektioniert wurde.

Wo Amerika noch in Ordnung ist

Die Straßen werden schmaler und ich begegne immer öfter dem prototypischen Pickup Fahrer im karierten Wohlfühlhemd und praktischer Schirmmütze, dem hands on guy. Ungeachtet der Erschütterungen der vergangenen Jahre, der Kriege, Wirtschaftskrisen und des 11. Septembers scheint Amerika hier nach wie vor in Ordnung zu sein.

Wer kann, lebt hier, wo die Sommer erträglich sind, in einer Art skandinavischen Gelassenheit. Und wer segelt, verbringt an dieser Küste eine wunderbare Zeit auf dem Wasser: trotz des Tidenhubs, der Strömung in alle möglichen Richtungen, der unzähligen Klippen und Lobsterbojen, des kühlen Wassers und der plötzlichen Nebel.

Rockport Marine

Die Penobscot Bay ist eine riesige, von schärenartigen Inseln gespickte Bucht. Hier verbrachte der passionierte Segler und IBM Boß Thomas J. Watson jr auf einer Insel den Lebensabend. Seine Admiral’s Cup Regattaboote und Blauwasserfahrtenyachten namens „Palawan“ sind Legende.

Die Buchten und Häfen hier sind tief genug zum Vertäuen großer Boote. Hier entstand 1978 bereits die 92 Fuß Ketsch „Whitehawk“ und einige Jahre später in einem umgebauten Hühnerhof die gleich lange Slup „Whitefin“. Hier wurden Boote bereits herrlich von gestern,  retro gedacht, bevor der Begriff geläufig war.

Hands on guy: Taylor Allen

In den ochsenblutroten Schuppen der 1962 gegründeten Werft Rockport Marine bauten Taylor Allen und seine Bootsbauer einen der beiden W-Class Retroschlitten, dem kleinere Varianten folgten und der nun eine größere Schwester bekommen soll. Der Inhaber des angesehen Betriebs ist einer aus der tendenziell ruhigen hands on–Abteilung.

Allen hat immer etwas schönes bis hinreißendes im Betrieb stehen: Die vergangenen drei Jahre war es „Adventuress“, ein 83-füßiger Willian Fife Schoner Baujahr 1924. Er war im zweiten Weltkrieg mal als Wachboot in deutscher Hand und wurde Ende des Krieges vor Villefranche versenkt, gehoben, erhielt ein handliches Ketschrigg und ist neuerdings wieder prächtig gefiedert unterwegs. Übrigens schöner und eine Welt umständlicher, als mit der ursprünglichen Bermudatakelung.

Das Video ist ein Werbefilm und beschäftigt sich eher mit den good vibrations, die man als solventer Kunde der Werft mehr haben kann, als mit Einzelheiten der Wiederherstellung, von der es ebenfalls en Video-Dokument gibt. Vor allem zeigt es Gänsehaut Bilder des hinreißend schönen filigranen Schoner Rumpfes.

Es hilft dieser Tage durch die dunkle Jahreszeit, wenn es regnet, schneit und friert während die Schiffe im Winterlager stehen. Außerdem erinnert das Video daran, worum es bei Bootsinstandsetzungen neben der eigentlichen Arbeit für den Eigner geht. Er möchte sich nicht ärgern und über den Tisch gezogen fühlen, sondern eine bestimmte Arbeit zu nachvollziehbaren Konditionen gut gemacht haben. Und er möchte eine schöne Zeit haben. Denn es ist seine – teuer erkaufte – Freizeit. Das ist nicht bloß in „downeast America“ an der schönen Penobscot Bay so, sondern überall, wo es um Boote gleich welcher Güte und Größe geht.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Braschosblog, Video: 83-Fuß Traumyacht “Adventuress” von William Fife“

  1. avatar Klaus sagt:

    Ein Boot zum Umarmen!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

  2. avatar AC90 sagt:

    Schön, einfach nur traumhaft schön.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

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