Historie: Der Kult-Verklicker Windex feiert 50. Jubiläum

Pfiffiger Pfeil

Jeder Segler kennt ihn. Er dreht sich auf den meisten Masten. Vor 50 Jahren wurde der Windex erfunden. Hier die Geschichte der Erfindung des perfekten Verklickers.

Die 95er Schäre 'Britt Marie'. Auf diesem 21 m Geschoß wurde 1963 der Windex erfunden © Esko Klipi

Die 95er Schäre ‘Britt Marie’. Auf diesem 21 m Geschoß wurde 1963 der Windex erfunden © Esko Klipi

1963 segelt Sven Olof Ridder mit der 95 qm Schäre „Britt Marie“ die Langstrecken-Regatta Gotland Runt. Gemeinsam mit Segelfreunden hat er das Wrack der betagten Dame einige Jahre zuvor für 5 Schwedenkronen gekauft, gehoben und das 21 m Geschoss flott gemacht.

Damit der Mast des mächtig aufgebretzelten Bootes mit deutlich mehr Segelfläche und entsprechender Beanspruchung des Rumpfes nicht durch den Kielbalken drückt, hat sich die segelbegeisterte Eignergemeinschaft mehrerer Ingenieure eine Art Fahrgestell ausgedacht. Pfosten zwischen den Rüsteisen der Wanten und dem Mast verteilen den Druck in der Tore Holm Konstruktion von 1921. Die Aussteifung wird zum Vorläufer des Strongback bei modernen Cuppern und Prototypen des Bergström-Ridder Riggs. Mehr dazu im Infokasten.

Grübeln beim Schären-Segeln

Windex

Ohne den pfiffigen Pfeil geht’s nicht

Als Spezialist für Strömungslehre an Stockholms Technischer Hochschule grübelt Ridder beim Segeln von „Britt Marie“ über eine präzisere und besser erkennbare Windrichtungsanzeige. Die üblichen Wimpel langen ihm nicht. Die gut 21 m lange und 2,68 m schlanke „Britt Marie“ ist aufmerksam die Windkante entlang zu steuern. Ein gescheiter Verklicker würde sich lohnen.

Ridder baut einen Pfeil aus dünnem, miteinander verklebtem Aluminiumblech, stellt ihn in den Windtunnel und steigert das Gebläse auf Orkanstärke. Als Experte für Aerodynamik hat er Zugang zu entsprechenden Einrichtungen. V-förmig nach hinten ragende Referenzarme sollen eine Grad-genaue Orientierung bieten. Nach ein paar Feinheiten ist der Windex erfunden. Ridder, sein Jugendfreund Harald Unden und Segelfreund Lars Bergström gründen mit der Stockholmer „Research and Development Aktieblog“, kurz Radab, die Firma zum Produkt.

Bergström stellt den Verklicker in Segelclubs vor. Ab 1972 wird der Windex in der heute bekannten Bauweise mit der Windfahne aus Kunststoff gefertigt. Seitdem verkauft sich der pfiffige Pfeil wie warme Semmeln. Der leichtgängig gelagerte Verklicker ist so gut, daß er ungeachtet des patentrechtlichen Schutzes von bis zu 30 verschiedenen Anbietern nachgemacht wird. Dennoch hält das japanische Blaupausen-Engineering den Siegeszug des Windex nicht auf. Das Original hat sich bislang weltweit mehr als 1,5 Millionen mal verkauft.

Windex

Der Windex Pfeil zeigt die Richtung des scheinbaren Windes an. © Windex Development AB

Es gibt ihn in drei verschiedenen Größen: vom 10 Zöller mit 25 cm langer Fahne für Jollen und kleine Kielboote über das gängigste 15 Zoll Modell mit 38 cm langer Windfahne für normalgroße Boote bis zum Typ mit knapp 60 Zentimeter langer Windfahne für Masthöhen von 17 bis 30 m.

Ohne Windex geht’s nicht

Ich kann mir nicht vorstellen, ohne Windex zu segeln. Trotz der Vibrationen am Top des flexiblen Masts hält er erstaunlich lange. Dank genauer und reaktionsschneller Anzeige lassen sich bei tief gesegelten raumen Kursen Patenthalsen meistens vermeiden. Einzig die sinnvolle Windexbeleuchtung mit zusätzlicher Kabelage bis zum Top habe ich weggelassen. Nachts hilft das gezielt eingeschaltete Ankerlicht.

Windex

Das Präzisionsinstrument zeigt die Windrichtung bis zu einem halben Grad genau an © Windex Development AB

Der Windex macht die auf praktisch jedem Boot eingebaute Windmeßanlage entbehrlich. Wie viel Wind es gibt, sieht und spürt man ja. Woher er kommt, zeigt der vor 50 Jahren an Bord der rasanten 95er Schäre „Britt Marie“ erfundene Bestseller analog und wunderbar genau. Man muß bloß hochgucken.

Die Erfinder

Der pfiffige Verklicker ist Auftakt für mehreren Entwicklungen zum Segeln und Fliegen: 1966 probiert Sven Olof Ridder auf seinem 9 m Halbtonner Typ „Fingal“ den Prototyp des Bergström-Ridder Rigg aus. Es nutzt das Eulersche Prinzip einiger Einspannpunkte mit mehreren statt einer Saling mit einem aufwendig von Diamonds verstagten Mast.

Ähnlich wie ein Sender wird das B&R-Rigg aus drei Richtungen im 120 Grad Winkel vom Vorstag und den um 30 Grad nach achtern gepfeilten Wanten gehalten. Das macht Achter-, Back- und Checkstagen entbehrlich und ermöglicht weit nach achtern ausgestellte Großsegel mit mehr Fläche. Die amerikanischen Hunter Serienboote werden schon lange mit diesem Rigg geliefert.

In der gekrümmten Ausführung mit permanenter Biegung kommt es mit vergleichsweise schlanken, dabei dünnwandigen Mastprofilen aus, was das Rigg-Gewicht bereits bei herkömmlichem Alu halbiert.

Außen an die Bordwand geführte Wanten vergrößern die sogenannte „shroud base“, reduzieren damit die Wantenspannung, den Stauchdruck und die Belastung der Struktur. Das macht das Prinzip besonders für große Yachten interessant. Seit Michael Fays 36 m America’s Cupper „New Zealand“ 1988 vor San Diego setzt sich das B&R Rigg in unterschiedlich konsequent ausgeführter Form weltweit durch. Siehe beispielsweise „Mirabella“, „Philanderer“ oder die innovative Luca Brenta Ketsch „Wallygator II“. Der Nachteil: Es kann nicht mehr platt vor dem Laken geseget werden. Heute wird praktisch jedes Serienboot mit etwa 10 bis 20 Grad gepfeilten Salingen aufgetakelt.

Mit „Thursdays Child“ von 1983 (Ostar Sieger bei den Einrümpfern 1984 und Bestzeit von New York nach San Francisco rund Kap Hoorn 1989), dem 50 Füßer „Hunter’s Child“ (2001) von Hunter Chef Warren Luhrs und „Route 66“ (http://www.yachtroute66.com/) von 1993, einem komplett von Bergström und Ridder entwickelten schnellen Tourenboot oder der B&R 23 (http://torkelblogg.blogg.se/category/br-23.html) macht das innovative, nach Flordia übersiedelte Duo von sich reden. B&R Design beschäftigt zeitweise bis zu 13 Leute. Namhafte Konstrukteuer wie Ron Holland und German Frers oder Segler wie Eric Tabarly suchten Ridders Rat.

Der Backdecker „Windex 92“ wird ähnlich wie die „Windexpress 48“, letztere mit einem auf einem Stativ stehendem B&R Rigg allerdings kein Erfolg. Es bleibt bei Prototypen.

Das Space Frame Fahrgestell

1977 werden die Ideen von Lars Bergström und Sven Olof Ridder für den Ron Holland Cupper „Imp“ genutzt. Das Boot ist mit einer Art separatem Fahrgestell unterwegs und wurde zum Prototypen sogenannter „strongbacks“ bei  modernen Booten.

Seit den 1970er Jahren beschäftigt sich Ridder mit der Entwicklung eines ultraleichten Motorseglers. Die „Windex 1100“ absolviert 1985 ihren Testflug, das für die Serienfertigung und Selbstbauer vorgesehene Nachfolgemodell Windex 1200 startet 1989 erstmals, ist kunstflugtauglich und zeigt ausgezeichnete Flugleistungen. Es wird heute in Västervik gebaut.

Lars Bergström kam 1997 beim Fliegen in Florida um Leben. Professor Sven Olof Ridder starb 2012. Weitere Informationen:  Windex Development AB

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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Ein Kommentar „Historie: Der Kult-Verklicker Windex feiert 50. Jubiläum“

  1. avatar Manfred sagt:

    Die Windex hat mich schon oft aus der Schei..e geholt… Tolles Gerät

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 1

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