Régates Royales: Der 41 Meter Klassiker “Cambria” im Mittelmeer

Mit Charme, Seele, Stil

Nach dem 34. America’s Cup mit den rasenden Tragflügelkats vor San Fancisco ist fast vergessen, dass woanders auch ernsthaft, wenn auch wie gehabt, im Verdrängermodus gesegelt wird. Ohne Flügel, Helm, Sprechfunk und zig Knoten. Dafür schön wie früher. Mit Charme, Seele, Stil, vielen Leinen und einer Menge Spaß.

Cambria

Im Zeichen des Fife-Drachen: Cambria am Wind © Philip Plisson

Beispielsweise bei den Régates Royales vor Cannes, wo die 23mR Yacht „Cambria“ seit vielen Jahren eine konstante Größe der mediterranen Klassikerfestspiele ist und nach 2010 dieses Jahr nochmal die Saison mit Regatten in Antibes, Argentario, Neapel, Mahon und Cannes für sich entschied.

Belle Epoque Yachting

In den Tagen des Übergangs zwischen Spätsommer und Herbst war es wieder schön an der Côte d’ Azur. Die Sonne hatte noch Kraft, knallte aber nicht mehr wie die Monate zuvor. Das Licht war weich und ließ die Belle Époque Villen ebenso zur Geltung kommen wie die aus der gleichen Ära datierenden Yachten.

Cambria

Mustafa Kemal Atatürk 1937 (links sitzend), erholt sich an Bord von Cambria an der Ägäisküste. Außerdem sind der Bootseigner Harry Giraud (stehend) Freunde und der Bürgermeister von Izmir (rechts) zu sehen © Archiv Cambria

Wind und Wogen meinten es gut mit der Flotte fast 90 klassischen Yachten, die sich hier alljährlich zum Pläsier versammeln. Es ist wahrlich keine Strafe, hier mit einer 23 mR Yacht Regatta zu segeln, auch wenn die artgerechte Bewegung von 120 über gut 41 Meter Länge verteilten Tonnen auch eine Art „Arbeit“ ist.

Dabei treibt es Skipper Chris Barkham regelmäßig Schweißperlen auf die Stirn, wenn kleinere Teilnehmer mal eben wenige Meter vor dem Bug unter dem Klüverbaum seines Zossen durchzurutschen versuchen. 30 Meter weiter achtern sieht das ziemlich kriminell aus. Dabei ist der ringsum gelassene Australier als Steuermann eines Großseglers seit langer Zeit im Thema. Er weiß: Cool bleiben, Kurs halten und ab und zu mal die Hupe mit dem Sound eines Kreuzfahrtschiffes dröhnen lassen. Das hilft.

Schnell gegenüber dne Rivalinnen

Cambria

Mit Flieger, Klüver, Fock und hoch getakeltem Groß läuft Cambria am Wind gut © Erdmann Braschos

Barkham und seine eingespielten 21 Decksarbeiter sind seit einer Weile bei den Klassiker Events im Mittelmeer dabei. „Cambria“ segelte in den vergangenen Jahren 42 Regatten und entschied die meisten davon in ihrer Klasse gegenüber Rivalinnen wie dem Gaffelkutter „Moonbeam IV“ von 1920 oder dem 19er „Mariquita“ von 1911 für sich. Dank der modernen Hochtakelung und der vielseitigen, gut dosierbaren Vorsegelfläche bestehend aus Flieger, Klüver und Fock läuft „Cambria“ am Wind gut.

Entsprechend war die Stimmung bei der Siegerehrung. Sie erinnerte an die Sause bestens aufgelegter Korsaren nach einem einträglichen Beutezug. Zwar feierten die Segelhandwerker nicht mit Augenbinde und Holzbein, erschienen aber mit Sonnenbrand, Knieschoner und variantenreichem Schuhwerk auf dem Podium. Von den echtunpraktischen Docksides mit notorisch offenen Bändern über marinisierte Gesundheitslatschen bis zur normalen Adilette war auf der Siegertreppe viel vertreten.

Il Moro di Venezia Eigner Massimiliano Ferruzzi (links), Cambria-Skipper Chis Barkham in der Mitte und Leonore-Eigner Mark Faulkner umgeben von der Cambria Crew © Guido Cantini/Panerai

Il Moro di Venezia Eigner Massimiliano Ferruzzi (links), Cambria-Skipper Chis Barkham in der Mitte und Leonore-Eigner Mark Faulkner umgeben von der Cambria Crew © Guido Cantini/Panerai

Mit nach vorn durfte auch Massimiliano Ferruzzi. Mit der „Il Moro di Venezia“ segelt er einen namhaften  Maxi. Der stammt zwar nicht aus der Belle Époque, sondern der schillernden Ära italienischen Yachtings, als Raul Gardini noch geschäftlich und im Cockpit das große Rad drehte. Das Boot ist aus formverleimtem Holz und das hilft, um bei den Klassikern mitzumischen.

Für den 23er „Cambria“, der 1928 für den englischen Verleger und Kunstsammler Sir William Berry über den Strand von Fairlie rutschte, sich allerdings auf den Regattabahnen damals nicht durchsetzte, sind die Klassiker Regatten des Mittelmeeres eine schöne Bestätigung. Sie war eine Weile als elegantes Fahrtenboot im Mittelmeer unterwegs, hatte zahlreiche Eigner, galt eine Weile als verschollen, bis sie anlässlich des America’s Cup Jubiläums 2001 wieder zurecht gemacht im Solent auftauchte.

Das Boot gehört seit einigen Jahren einem Eigner, der dem australischen Skipper und seiner Mannschaft den Rahmen bietet, alles Erforderliche für „Cambria“ zu tun, beispielsweise mal einen neuen Mast zu bauen (47 m Sitka Spruce, drei Tonnen schwer, mit Salingen aus Esche), vor allem aber, es routiniert zu segeln. Das erklärt die berstende Freude von Barkham und „seinen“ Jungs auf dem Podium. Prima, wenn nur ein paar Mal gehupt werden musste und die Segelsaison so endet.

Technische Daten “Cambria”

Konstrukteur: William Fife III
Werft & Baujahr: Fife & Son Fairlie, Schottland 1928
Mischbauweise aus Honduras Mahagoni über Stahlspanten
Länge über alles: 41,15 m
Länge über Deck: 34,66 m
Länge Wasserlinie: 24,30 m
Breite: 6,10 m
Verdrängung: 120 t
freie Segelhöhe: 46,90 m
Großsegel: 390 qm
Am Wind Besegelung: 769 qm (Groß, Fock, Klüver, Flieger)
Segelfläche Raumschots: 1.274 qm
Maschine: 300 PS Cummins
Website

Ebenfalls nach der 1906 vereinbarten, 1919 revidierten International Rule als 23 mR Yachten gebaut: „Astra“ (Segelnummer K2, Charles Nicholson von 1928) und „Candida“ (K8, Nicholson 1929). Die Herausforderung zum America’s Cup durch Sir Thomas Lipton mit „Shamrock V“ in der J-Class gemäß amerikanischer „Universal Rule“ machte 1930 die größte Klasse der europäischen „International Rule“ obsolet.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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