Traumschiff: 37 Fuß Edel-Schlitten “Race Horse” für 600.000 Dollar

Weder Fisch noch Fleisch?

Das 11 Meter “Sportboot”, das die Konstrukteure Robert Stephens und Paul Waring als Einsteigermodell in die sogenannte W-Klasse propagieren, ist einen zweiten bis vierten Blick wert.

W 37 Race Horse

Die W 37 Race Horse mit großer Plicht, reichlich Platz und einer Crew mit signalgrünen Shirts © Stephen Waring Yacht Design

Dabei sind sogenannte Fusion Boats mit ihrem Mix aus gestrigem Look und moderner Technik weder Fisch noch Fleisch, nicht wirklich modern und auch nicht richtig von früher. Puristische Fans moderner Renner oder klassischer Yachten dürften ihre Probleme haben mit dieser Konstruktion.

Andere sehen darin eine charakterstarke Collage aus einem Jollenkreuzer-artig formstabil breiten Rumpf mit riesiger an ein Segelschulboot erinnernder Plicht, dem barkassenartigen Heck, der generösen Besegelung mit Fat Head Großsegel und wünschelrutenartiger Bugverlängerung. Gut 80 qm Groß-Fläche bei knapp vier Tonnen versprechen Agilität. Dreieinhalb Meter Breite und der tiefe Kiel halten das Edelholzmöbel aufrecht am Wind.

W37 Race Horse

Immer der Wünschelrute nach: Mit leicht überpappender Fock und Fat Head-Groß zieht der 37-füßige Daysailer gut © Allison Langley/Stephens Waring Yacht Design

An der Ostküste der Staaten, wo man der Tradition besonders verbunden ist und es auch das nötige Kleingeld für manch schönen Spleen gibt, denkt und baut man gern in Holz. Deshalb ist das Boot mit einem noch nie gesehenen Klüverbaum in Wünschelrutenform aus lamellierten, ansehnlich geschliffenen und anschließend hochglanzversiegelten Teakstreifen unterwegs.

Wie bereits an dieser Stelle zur Essence 33 bemerkt, ist die unübliche Konfiguration unpraktisch, weil man schlecht vorwärts anlegen, geschweige denn von Bord gehen kann. Damit lässt sich nur längsseits gehen oder wie im Mittelmeer und bei Mobos üblich rückwärts einparken. Das Wasserstag wiederum ist an der Mooring oder beim Ankern lästig, weil die Leine oder Kette garantiert scheuert. Dafür bietet der Klüverbaum einen weit vorn angeordneten Segelfuß des Gennakers mit reichlich, 115 qm Fläche.

Charme und Grandezza

W37 Race Horse

Flushdecker mit Wünschelrute und ebenfalls selten gesehenem Tandem-Wasserstag: Die frisch aufgetakelte W 37 vor einigen Jahren im amerikanischen Seglermekka von Newport/Rhode Island. © George Bekris

„Wir haben uns von Yachten des 19. Jahrhunderts inspirieren lassen und versucht das Konzept in den modernen Bootsbau zu übersetzen. Moderne Regattaboote opfern aber leider Charme und Grandezza der schieren Funktion“ sagt Robert Stephens, ein Freund des universell getragenen Holzfällerhemds.

Er wägt seine Worte wie ein Bootsbauer aus der Abteilung ernst und fleißig das Holz bei der Materialauswahl. „Deshalb haben wir uns lange mit der Formgebung, beispielsweise der Vorstevenrundung und Heckpartie beschäftigt, um dem Boot das gewisse Etwas mitzugeben.“

W37 Race Horse

Dieser 11 m Daysailor punktet mit einem Mix aus ansehnlich verarbeitetem Holz mit modernen Beschlägen © Stephens Waring Yacht Design

Dazu trägt achtern ein Hauch von Tumblehome, also eine zum Deck hin eingeschnürte Spantform bei. Oder der Vorsteven mit der angedeuteten Krümmung eines Kanu. Tja, so kann zeitgemäßer Bootsbau im ehemaligen Indianerland aussehen. Das kann man sich – god bless America – lange ansehen, ebenso übrigens wie die Rundung des Achterdecks über dem gewölbten Spiegel oder das Schiebeluk als Zitat der bei den Flushdeckern des 19. Jahrhunderts üblichen Niedergangshutze.

Ein 2,40 m tief gehender Festkiel ist in Newport oder den tiefen Gewässern von down east der neuenglischen Küste kein Thema, an unseren Seen oder an der Ostsee, wo solch ein Daysailer in Frage kommt, schon. Doch gibt es zur Anpassung des Tiefgangs heute praktische wie bewährte Lösungen. Mit einem ausfahrbaren Bugspriet und Hubkiel geriete das Boot zwei Ideen praktischer.

W37 Race Horse

Generöser Segelplan, Massenkonzentration mit der Maschine mittschiffs und wohlgeformtes Holz. © Stephens Waring Yacht Design

Schiere Funktion sind die Rollfock mit unter Deck sitzender Trommel, die Regatta-Displays unter dem Lümmelbeschlag, der geschickt neben dem Niedergang versteckte Plotter oder beispielsweise die gepfeilten Salinge. Letztere machen wie beim Segelschulboot Achter- und Backstagen entbehrlich. Zum Abhängen lässt sich nach dem Segeln eine Couchgarnitur a la Brenta in die Plicht heben. Natürlich sind die Polster bei den Amis etwas flauschiger.

Tja, und wenn es mal wirklich nicht mehr regnet, etwas Wind, Sonne und Zeit gibt, dirigiert man dieses glänzend im Lack stehende Mahagonimöbel auf dem teakbelegten Deck hockend durch das Wasser. Frevelhafterweise ist der Pinnenausleger bei dem gerade secondhand angebotenen Prototypen der W 37 Klasse namens „Race Horse“ in teleskopischer Ausführung als Regalware aus silber eloxiertem Alu. Der sollte bei diesem Boot aus honigfarbener Esche mit einem dunklen Knauf sein.

Datenblatt “Race Horse”

Länge 13,25 m
Deckslänge 11,27 m
Wasserlinie 10,13 m
Breite 3,56 m
Tiefgang 2,44 m
Verdrängung 3.865 kg
Segelfläche am Wind 82,3 qm
Gennaker 115 qm
10 PS Nanni Diesel mit Saildrive
T-förmiger Kiel mit Stahlfinne
high aspect Karbon-Ruderblatt
Karbonrigg
Konstruktion Stevens Waring Yacht Design
Werft Brooklin Boat Yard, Baujahr 2010
Einzelbau segelfertig 600.000 US Dollar, Serienbau segelklar 350.000 US Dollar.

Die „Race Horse“ entstand als Prototyp der W-37 Klasse im Auftrag der Vertriebsfirma W-Class des Immobilienkaufmanns Donald Tofias in der Brooklin Boat Yard als Einsteigermodell in die sogenannte W-Klasse, die in verschiedenen Größen angeboten wird.

Die Typenbezeichnung hat dabei nichts mit der Universal Rule zu tun, deren verschieden große Boote anhand von Buchstaben bezeichnet wurden. Sie erinnert vielmehr mit dem Initial des Nachnamens an Joel White  (1930 -97) den Gründer der angesehenen Brooklin Boat Yard und Konstrukteur zahlreicher Boote, auch der 76-Füßigen W-Class, von der in den neunziger Jahren mit „White Wings“ und „Wild Horses“ zwei Exemplare entstanden.

Diesen Exemplaren folgte eine ansehnliche kleine 46 Fuß Schwester, gezeichnet von Joel Whites langjährigem Mitarbeiter Robert Stephens. Als Konstrukteur führte er die Arbeit von Joel White eine Weile in der Brooklin Boat Yard fort, löste sich aber gemeinsam mit Kompagnon Paul Waring von der Werft. Das Büro ist heute in Bristol/Maine angesiedelt und bemüht sich jetzt selbst um den Vertrieb des 11 Meter Sportbootes, das als Einzelbau oder Kleinserie entstehen soll.

Website Stephens Waring

W37 Race Horse

Die Konstrukteure nehmen den Vertrieb des vor drei Jahren als W 37 vorgestellten Daysailers jetzt selbst in die Hand und bieten ihren Entwurf als 11 Meter Sportboot an. © Stephens Waring Yacht Design

W37 Race Horse

Die W 37 namens Race Horse raumschots. So richtig ins Laufen kam das Einsteigermodell in die W-Klasse nicht. Es blieb beim Prototypen, der jetzt als Gebrauchtboot zu haben ist © Stephens Waring Yacht Design

W37 Race Horse

Das breite Heck bringt neben Platz und Formstabilität einen raumschots günstigen Wasserablauf © Stephens Waring Yacht Design

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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