Winterlager: Mein Freund, der Motor – Eine Leidens- und Liebesgeschichte

Lieber alter Rußrotzer...

 Du unbekanntes Wesen

Braschos Motor

Wenn sich unter dem Bodenbrett partout nichts regt, hilft ein fremder Stinker weiter © Swedesail E. Braschos

Dass es Dich heute noch gibt, verdankst Du dem Einbau der Zweikreiskühlung in Deinem zehnten Jahr. Ich habe sie gegen den Rat gleich dreier „Experten“ – „zu spät, lohnt nicht mehr“ – gemacht. Sie sagten, ich sollte Dich für kleines Geld in Zahlung geben und einen neuen Motor für großes Geld kaufen. Fies, was?

Bis dahin warst Du für mich ein unbekanntes Wesen. Ein Trumm in Göteborger Volvo-Grün. Vorn Dein kolossales Schwungrad, links die Luftfilter. Hinten der weiße Bürzel Deines Getriebes. Tja, viel mehr wusste ich nicht. Denn bald lag der Plichtboden wieder über Dir wie ein Sargdeckel.

Das sollte sich ändern. Denn im Lauf der Jahre wurdest Du unzuverlässig. Das war nicht fair. Denn Du weißt so gut wie ich, was ich die letzten beiden Jahrzehnte alles für Dich getan habe. Ich bin Segler, kein Schrauber. Ich wollte nur Dein und natürlich auch mein Bestes: Dass Du wieder prompt wie früher anspringst und – komme was wolle – ohne mucken tuckerst.

Parken in der Schusslinie

Braschos Motor

Seit einer Weile wird der betagte Bootsdiesel gehegt und gepflegt. Rechts in der Backskiste der Kühlwasserfilter © Swedesail E. Braschos

Einmal hast Du mich auf dem Rückweg von Kopenhagen draußen vor dem Smålandsfahrwasser einfach im großen Belt bei Flaute stehen lassen. Kein Problem dachte ich. Deckel auf. Entlüften, Pumpen und Schlüssel drehen. Von wegen!

Weißt Du wie stressig es ist, bei Garnix in der Schusslinie des viel befahrenen Kiel-Ostsee-Weges zu parken? Die Dünung schmatzte unter dem Heck. Das Plankton krümelte vorbei. Es war heiß wie bei Ballermanns. Die dicken Pötte schoben gnadenlos mit schäumender Bugwelle auf uns zu. Fandest Du lustig? Ich nicht.

Ist Dir klar, dass wir damals wegen Deiner Flausen das erste Spiel der Fußball WM verpasst haben? Ich guck ja kein Fußball. Aber meine Segelfreunde! Und ich mag die ganz gern. Ich tue denen fast jeden Gefallen. Hast Du eine Idee, wie dick die Luft damals an Deck draußen vor Flügge bei Fehmarn beim Anpfiff war? Wir machten keinen Knoten. Weißt Du, welche Perfidie mir da unterstellt wurde?

Jedes Mal, wenn ich wie damals arg spät vom Segeln nach Hause komme heißt es daheim: Schatz, war’s wieder der Motor? Freund, ich werde das nicht mehr los! Das haftet mir an wie Deine Diesel-Odeur nach einem Filterwechsel.

Anlassen als spiritistische Sitzung

Braschos Motor

Die elektrolytisch im Saildrive festgebackenen Inbusschrauben wurden soeben mit einem angeschweißtem Sechskant und entsprechenden Schlüssel herausgedreht © Klaus Herrmann

Du hast mir wahrlich Gelegenheit gegeben, mich mit fast allen Facetten Deiner Technik zu befassen. Jetzt machst Du Deine Sache ordentlich. Aber einen Punkt haben wir noch offen: Seit Jahren ist der an sich schlichte Vorgang Deines Anlassens eine spiritistische Sitzung. Ich beginne sie grundsätzlich ohne Eile und meist mit dem richtigen Motor-Karma. Konzentriert nehme ich im Fußraum neben Deinem Panel hingekauert eine meditative Haltung ein.

Braschos Motor

Der Saildrive ließ sich nur mit einem pneumatischen Schlagschlauber an eigens angeschweißten Schraubenköpfen zerlegen © Klaus Herrmann

Andächtig führe ich den Schlüssel zum Schloß. Ich schließe die Augen. Ich drehe, warte auf das metallische Klackern Deines Anlassers, höre seine surrende Mühe am Schwungrad. Ich bin ganz bei Dir. Sehnsüchtig erwarte ich die Meldung Deiner Töpfe: Deiner Eins, Zwei, Drei in Gang gesetzten Materie, das Rütteln und befreiende Losnageln.

Die Segelfreunde wissen: sie müssen uns bei diesem heiklen Akt in Ruhe lassen. Sie kennen Dich und mich. Sie sind taktvoll, diskret, gucken an Deck stehend weg. Meist springst Du an. Aber wehe, wenn Du mir dann wegstirbst! Dann geht das Elend los.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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14 Kommentare zu „Winterlager: Mein Freund, der Motor – Eine Leidens- und Liebesgeschichte“

  1. avatar Erbsenzähler sagt:

    …Tränen gelacht! Immer noch.
    So isses!
    Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel!

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  2. Super.

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  3. avatar Kluchschieter sagt:

    Grossartig! Warum kommt mir das alles nur so bekannt vor…?

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  4. avatar guido sagt:

    also wenn ich jöckel nich persönlich kennen würde….
    dann hab ich wohl die kleine zickenschwester an bord
    toll geschrieben!!!

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  5. avatar Joop sagt:

    Tja, unsere Senioren brauchen eben Zuwendung.

    Nur gut, dass man die Kleenex-Rollen nicht bei Volvo kaufen muss – dann wäre ich pleite.

    Danke für den schönen Beitrag

    Joop (der gelegentlich um seinen MD11C, Bj. 82, tanzt)

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  6. avatar andreas borrink sagt:

    Lustiger und treffender Artikel, schön geschrieben. Erinnerte mich irgendwie an “Die sonderbare Welt des Seglers Gustav”, falls das noch einer kennt.

    Habe ich gleich meinem Ruggerini vorgelesen, diesem italienischen Nichtsnutz………

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  7. avatar Klaus sagt:

    Ich bete für den alten Rußrotzer, lieber Erdmann Braschos, wenn Sie dann auch für meinen MD7A ein kleines Gebet sprechen.

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    • avatar Erdmann sagt:

      Klaus, Dank für Deine Vintage-Bootsdieselempathie. Irgendwann empfahl einer der mitleidenden Segelfreunde eine Art „Motorchronik“, wo wesentliche Ereignisse und Maßnahmen festgehalten sind. Das hat die Sache auf die Spur gebracht. Kann ich nur jedem empfehlen, der über einen langen Zeitraum Probleme hat. Damit stellte sich heraus, das es nicht eine, sondern verschiedene Ursachen waren. Wer erinnert schon im Detail, was vor 6, 8 oder 12 Jahren passierte oder gemacht wurde?

      Eigentlich muß man sagen: Die Motoren – vielleicht nicht alle, aber bestimmte Typen – sind erstaunlich robust: Lange Stand- und in der Regel sehr kurze Laufzeiten.

      Ich habe aber noch ein echtes Aß im Ärmel. Einer aus dem „Syndikat“ hat schon mehrere VW Porsche restauriert. Der fängt da an, wo ich das Werkzeug resigniert weglege.

      Sollten weltliche Mittel wie Logik, Empirie und fortgeschrittene Schrauberei nicht helfen, würde ich dann auf’s Beten umsteigen. Ansonsten wünsche ich ein gutes Motor-Karma.

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  8. avatar Werner Görlich sagt:

    Erst gestern habe ich im Internet nach preiswerten Angeboten für Bootsmotoren gesucht, da fiel mir direkt http://www.yachtzubehoer24.eu/ ins Auge. Dort gibt es super Angebote und die Auswahl ist groß. Ich habe mich dort auch direkt telefonisch beraten lassen, einfach top! Sehr nette Menschen die einem die Fragen ausführlich beantworten. Ich kann http://www.yachtzubehoer24.eu/ nur empfehlen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 7

  9. avatar skiffsailor sagt:

    Hallo Dazu kann ich nur sagen nannidiesel einbauen der ist halb so schwer, halb so laut, säuft halb so viel und hält wieder 30 jahre! wir haben auf unser vindö auch etwa ein gleich alter volvo ist ne katastrophe lärm unkonstante energie verliert öl in der bilge quwalmt und stinkt!!!! auf unserem boot in der schweiz das wir jetzt gerade umbauen haben wir in den letzten 10 jahren ein nannidiesel drin gehabt super motor hat mehr leistung wie der alte, wiegt halb so viel (etwa 120 kilo) und hat 29 ps also mehr wie der alte paeter motor!! Die heutige technik ist ja zum glück auch nicht stehen geblieben!

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  10. avatar Ole H. sagt:

    Klasse. Hab Tränen gelacht.

    BTW.: Ich wäre ja für das Gerücht, daß VP das Wechseln der Saildrive Membrandichtung alle sieben Jahre nur aus dem Grund vorschreibt, damit Mechanikers die völlig verrotteten Gehäusebolzen durch neue ersetzen und mit Tikal Tef Gel einsetzen.
    Ebenso ist die Werkstoffqualität der unteren Propellerwelle für mich ein Grund, an der Qualität von “Swedish Steel” zu zweifeln. Und 650 Tacken für ein Ersatzteil schmerzen doch sehr. (Ich weiß, es gibt Passhülsen).

    Andererseits sind die Maschinchen echt robust, nehmen auf vielen (Charter-) Yachten tagelanges Motoren bei Rollbewegungen oder MoSeln bei 20° Lage erstaunlich gelassen. Und lassen sich normalerweise auch ohne eine sündhaft teure Ausstattung mit Spezialwerkzeugen in entlegenen Gebieten der Welt reparieren.

    Ole

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