Yachtkonstruktion: Porträt der Konstrukteurin Juliane Hempel

"he" wie Hempel

Juliane Hempel an Bord der von ihr für Hans Spitzauer gezeichneten 'Lago 26' auf dem Neusiedler See © Championships

Juliane Hempel an Bord der von ihr für Hans Spitzauer gezeichneten ‘Lago 26’ auf dem Neusiedler See © Championships

Letztes Wochenende wurde ein cooles 12 m Bodensee-Spaßboot aufgetakelt. Entworfen wurde es von Juliane Hempel. Das Porträt der Konstrukteurin

Der materialintensive technische Segelsport ist längst keine exklusive Männersache mehr. Siehe Elisabeth Meyer, deren „Endeavour“ den J-Class Relaunch einleitete. Oder beispielsweise die Segelamazonen Florence Arthaud, Ellen MacArthur, Dona Bertarelli und Justine Mettraux.

Wie im Arbeits- und Landleben blieb auch der Bootsbau keine Männerdomäne. Kirsten Dubs beispielsweise verwirklicht seit Jahren bei Peenemünde ihren Traum vom eigenen Holzbootsbau-Betrieb. Alice Huisman steht auf der Brücke der angesehenen holländischen Royal Huisman Werft. Die Französin Albane Leclerc laminiert Hightech Masten und beseitigt manchmal auch Männer-Murks.

Yunikon

‘Yunikon’-Probeschlag mit Konstrukteurin Juliane Hempel (2. von vorne) am Samstag vergangener Woche © Peter Minder/Heinrich Werft

 

Ausgedacht und gezeichnet werden Yachten aber wie gehabt exklusiv von Männern. Mit einer Ausnahme: Juliane Hempel, der einzigen selbstständigen Yachtarchitektin. Im Unterschied zu den meisten ihrer Kollegen entwirft sie keine kompromißlerischen Komfortkreuzer oder Hafen-Datschen. Sie zeichnet richtige, schöne, tolle Boote.

Hempels Daysailer, ihre mittelgroßen, soeben noch Bodensee-kompatiblen Kajütboote, ihre Jollenkreuzer oder Meteryachten haben Klasse. Das liegt an ihrer seglerischen Prägung, die in Radolfzell am Bodensee erfolgte. Da war der Abschluß ihres Schiffsbaustudiums in Kiel mit dem Entwurf eines Achters logisch.

Nach eingehender Beschäftigung mit Peter Norlins „Golden Feather“, Pelle Pettersons „Mystery“ und Ed Dubois „Gefion“ entwickelte sie ein Schiff mit möglichst flachem U-Spant und gestrecktem, sprich wirksamen Kielprofil.

Da die Meterklassenformel die moderne Hauptspantform anhand der Differenz zwischen dem sogenannten Gurt- und Kettenmaß zulasten der Segelfläche saftig bestraft, war das eine kniffelige Aufgabe.

Im Thema geblieben

Dennoch geriet der Rumpf ihres Achters flacher als üblich. Zugleich gelang es ihr, das Boot besser als vergleichbare Schiffe zu besegeln. Aus diesem im Kieler Schlepptank untersuchen Entwurf wurde 97/98 der Martin Werftbau „Spazzo“, der erste deutsche Achter seit den A&R Werftbauten der Dreißiger Jahre.

Hempels Erfahrung mit dem Elvström-Kjaerulff Sechser „La Différence“ und der Ben Lexcen Konstruktion „Pacific Highway“ führten 2002 zum Wilhelm Wagner Werftbau „Kontrapunkt 5“. Mit dem englischen Achter „Ganymede“ 2007, weiteren Konstruktionen, Optimierungen klassischer Exemplare wie der berühmten ehemaligen Krupp-Yacht „Germania III“ blieb Hempel im Thema.

Hempels Spezialität sind moderne Meteryachten. Hier der englische Achter ‘Ganymede' beim Stapellauf 2007 © Yachtkonstruktion Juliane Hempel

Hempels Spezialität sind moderne Meteryachten. Hier der englische Achter ‘Ganymede’ beim Stapellauf 2007 © Yachtkonstruktion Juliane Hempel

Hinzu kamen beeindruckend viele Holzmast-Konstruktionen für Zwölfer wie „Anitra“ oder „Blue Marlin“, für 10er und 9er, eine stattliche Achter-Flotte und 6er.

Die Diplom-Ingenieurin konstruierte Masten für große Seefahrtskreuzer, Schärenkreuzer, Nationale Kreuzer oder Sonderklassen. Auch in Schweden ist ihre Expertise gefragt. Derzeit konstruiert sie einen neuen Holzmast für den 150er Schärenkreuzer „Beatrice Aurore“, Liegeplatz Stockholmer Schären.

Wie bei vielen kreativen Berufen – sei es Architektur, Journalismus oder Werbung – helfen auch im weiten Feld der Yachtkonstruktion Ego und Ellenbogen. Wer blufft, sich am besten darstellt, wer laut und überall präsent ist, hat es leichter.

Juliane Hempel ist ein sensibler Mensch, eben nicht laut. Ihr Vater lehrte Komposition, ihre Mutter unterrichtete Klavier an der Stuttgarter Hochschule für Musik. Da zählt weniger der Schein, eher was man kann.

Was sie kann wird an ihrem Portfolio vom 8 m Sportboot „Lago 26“, ihren Binnenrennern bis hin zur 18 m Ketsch „Tioga von Hamburg“ deutlich. Nicht jedes der Boote, in denen entweder die maßgebliche Konzeption und Konstruktion oder Knowhow und Engineering, also viel Hempel steckt, wird nach außen auch so dargestellt – siehe oben.

Mit Brenta- oder Wally-Genen

Letztes Wochenende wurde „Yunikon“, das Boot eines schweizer Ehepaares bei der Heinrich Werft in Kreuzlingen probegesegelt. Ein abgefahrener 12 m Hubkiel Daysailer. Juliane Hempel zeichnet halt nicht „nur“ Meterklasse, Jollen und Jollenkreuzer, Sportboote, Weekender oder „Overnighter“ mit dem Sex Appeal rasant geneigter R-Yacht Spiegel. Hempel kann auch mailändische Alta Moda, abgeräumte Flundern mit Brenta oder Wally Genen.

„Yunikon“ ist ein 3 1/2 t Geschoss, dessen Ballast hydraulisch vom 1,80 m Hafentiefgang auf 2,60 m zum Segeln abgesenkt wird. Mit 90 qm Am Wind Besegelung und einer Segeltragezahl von 6,2 hat es richtig Feuer. Für wenig Wind gibt es einen 60 qm messenden Code Zero und einen 160 qm Gennaker.

Wann immer ich Juliane Hempel in den vergangenen Jahren anrief, sei es, um als Fachjournalist etwas von der Fachfrau erklärt zu bekommen oder zur Recherche dieses Artikels, war sie entweder auf dem Sprung oder in Nord und Süd, in Schleswig-Holstein oder am Bodensee unterwegs.

Die sympathisch bescheidene Ingenieurin hat gut zu tun, hängt das aber nicht an die große Glocke. Längst ist sie aus dem Schatten ihres früheren Chefs Georg Nissen heraus getreten, für den sie in Laboe viele Jahre grübelte, rechnete und zeichnete. Jetzt gibt sie richtig Gas.

Als ich ihr dieses Porträt vorschlug, erwischte ich sie per Handy. Sie war gerade mit dem Fahrrad unterwegs zur Brücke über den Nord-Ostsee Kanal. Ihre zögerlichen Antworten erklärte sie mit der Bemerkung: „Ich wußte gar nicht, daß bergauf so anstrengend sein kann.“

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Hempel Design

Konstruktionen entstehen bei Josef Martin in Radolfzell, der Bootswerft Heinrich in Kreuzlingen bei Konstanz, der Friedrichshafener Michelsen Werft , Thomas Bergner im Schleswig-Holsteinischen Trappenkamp, oder bei Championships am Neusiedler See.

Derzeit baut Thomas Bergner ein klassisches 12 m Motorboot. Sehenswert sind auch ihre 6 ½ m Wanderjollen, kurios ist der kleine Gaffelkutter. Als Klassiker-Spezialistin digitalisierte und glättete sie vor einigen Jahren im Auftrag der Klassenvereinigung den Reimersschen „Bijou“ Riß des 30er Schärenkreuzers.

Homepage Hempel Design

 Als Yachtarchitektin hat Hempel mit Eva-M. Hollmann übrigens eine Vorgängerin, die bei Abeking & Rasmussen, Britton Chance und Gary Mull arbeitete und 1974 bis Anfang der Achtziger.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Yachtkonstruktion: Porträt der Konstrukteurin Juliane Hempel“

  1. avatar Alex sagt:

    Da wird demnächst auch ein richtig heißes Sportboot aus Holz und Carbon, von ihr, am Bodensee an den Start gehen.
    Ich bin mal richtig gespannt wie das fertig aussieht und auch läuft.

    Und zur Bescheidenheit, diesen Winter kam ein Mädel mit dem Motorrad zu mir um ein paar Beschläge ab zu hole. Erst im Laufe des Gesprächs wurde mir klar, das da Juliane Hempel vor mir steht.

    Ich bin mir sicher, wir werden noch viel Spannendes aus ihrer Feder sehen.

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  2. avatar stefan sagt:

    …kleine Korrektur:

    Pacific Highway ist ein Ed Dubois design, das lediglich durch Ben Lexcen in Sachen Kiel und Trimklappe ergänzt wurde. Im Unterschied zur Australia II bei den 12ern hat das Kielkonzept aber bei dem 6er nie so richtig funktioniert und ist seit 10 Jahren einem Ian Howlett Kiel (und Ruder) gewichen.

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