Yachtporträt: Van Rietschotens Whitbread Veteran “Flyer”

Eine Legende kehrt zurück

Der Whitbread-Veteran „Flyer“ wurde von Kalifornien nach Holland gebracht, wo das Schiff jetzt in den Zustand von 1977 zurück versetzt wird.

Die 'Flyer' 1977 mit Spinnaker, Genua, Groß, Besanstagsegel und Besan © Royal Huisman

Die ‘Flyer’ 1977 mit Spinnaker, Genua, Groß, Besanstagsegel und Besan © Royal Huisman

Beim Finale des „Whitbread Round The World Race“ pflügt die 27 Tonnen Ketsch „Flyer“ bei deftigen Bedingungen übertakelt und riskant tief gesteuert der Ziellinie entgegen. „Flyer“ geigt arg, zieht mal die eine, mal die andere Fußleiste durchs Wasser. Diese Fahrweise geht wenn überhaupt, dann mit der ausgezeichneten Spurtreue einer S&S Ketsch mit Skeg-geführtem Ruder und einiger Übung gut. In der Le Maire-Straße am Kap Hoorn führte sie aber auch schon zur Patenthalse.

Diese Hochsee-Lokomotive, die legendäre „Flyer“ ex. „Alaska Eagle“, mit welcher der im Dezember 2013 verstorbene Cornelis „Conny“ van Rietschoten 1977/78 das zweite Whitbread Race gewann, wird jetzt zurück gebaut und hübsch gemacht.

Inspiriert vom Sieg der Swan 65 „Sayula II“ beim ersten Whitbread Race hatte sich der holländische Unternehmer van Rietschoten an das damals führende Konstruktionsbüro Sparkman & Stephens gewandt und sich eine modifizierte 65 Ketsch zeichnen lassen.

Spritzkappe für Southern Ocean

Flyer, van Rietschoten

Schnappschuß vom Finale: ‘Flyer’ bei den letzten Meilen der Whitbread Regatta 1978 © Sparkman & Stephens

Die Merkmale: Mehr Wasserlinienlänge, mehr Segelfläche und ein anderes, auf die Bedingungen im Southern Ocean zugeschnittenes Deckslayout mit einem Spritzkappen-artigen Aufbau achtern um den Besan. Gebaut wurde das Schiff bei der holländischen Leichtmetall-Schmiede Huisman. Seine Bedingung: Das Schiff musste am ersten Samstag des April 1977 ohne das übliche Wenn und Aber segelklar sein.

Dank konstanter und fast havariefrei gesegelter Etappen setzte sich die holländische Ketsch nach berechneter Zeit gegen Konkurrenten wie „Condor“, „Great Britain II“ oder „Gauloise II“ durch. Ein Steuerseil riss und besagte Patenthalse in der Le Maire Straße hinterließen bleibenden Eindruck. 15 Schiffe nahmen damals am 27.000 Meilen Meeres-Marathon teil.

Flyer, van Rietschoten

‘Flyer’ war von der S&S Konstruktion Swan 65 inspiriert, erhielt aber eine etwas längere Wasserlinie und mehr Segelfläche © Sparkman & Stephens

Die „Flyer“, die van Rietschoten den Spitznamen „Der fliegende Holländer“ einbrachte, absolvierte in den Händen eines neuen Eigners dann 1981/2 das dritte Whitbread als neunte von 27 Teilnehmern. Danach wurde sie der kalifornischen Orange Coast College’s School of Sailing and Seamanship gestiftet. Tausende segelbegeisterter Studenten lernten im Lauf von drei Jahrzehnten an Bord während 185.000 Meilen das seemännische Handwerk.

Mit 45 Jahren ausgesorgt

Anfang März wurde das zur Slup umgeriggte und weiß gestrichene Schiff während der Bootsmesse in Amsterdam gezeigt. Jetzt ist der 65 füßige Aluminiumschlitten bei der Royal Huisman Werft angekommen. Hier entstand die Sparkman & Stephens Konstruktion 1976/77, bevor sie auf dem Atlantik rigoros für den Ritt um die Welt ausprobiert wurde.

Flyer, van Rietschoten

Der 30 Tonnen Schlitten ‘Flyer’ ex ‘Alaska Eagle’ mit Flossenkiel und Skeg-geführtem Ruder 37 Jahre seit seinem Bau in den Gurten in Vollenhove © Royal Huisman

Die pünktliche Ablieferung des Schiffes, ihre Qualität und  professionelle Vorbereitung der Whitbread Regatta waren Bausteine für van Rietschotens Erfolg, der im Alter von 45 Jahren das Thema Geldverdienen erledigt hatte und mit dem Hochsee-Segeln eine neue Herausforderung fand. 10.000 Seemeilen auf dem Atlantik während eines Törns zu den Staaten und die Teilnahme an einem Rennen nach Europa zurück gehörten zur Vorbereitung.

Das Boot wird oft, auch auf der Website der Royal Huisman Werft , mit der zweiten “Flyer” verwechselt: jenem 76 Fuß Maxi, den Rietschoten von German Frers für das dritte Whitbread Race 1981/2 als Slup zeichnen und wieder bei der Huisman Werft bauen ließ. Mit „Flyer II“ gelang Rietschoten der souveräne Sieg nicht nur beim Zieldurchgang, sondern sogar nach berechneter Zeit und sogar bei sämtlichen Etappen.

300.000 Meilen im Kielwasser

Flyer, van Rietschoten

Das Boot als slupgetakelte “Alaska Eagle”, wie es derzeit aussieht © Royal Huisman

Mit von der Partie bei der ersten „Flyer“ war damals auch Gerard Dykstra. Er trug als Wachführer und Navigator zum Erfolg bei und warf damals in der Le Maire-Straße auf dem ziemlich schrägen Deck die Schoten los.

Annähernd vier Jahrzehnte seit dem Bau steht eine Überholung des Aluminiumrumpfs an. „Flyer“ soll insgesamt 300.000 Seemeilen im Kielwasser haben.

Nach intensiver Nutzung bei zwei Whitbread Regatten und als Ausbildungsschiff, letzteres oft die Endstation im Logbuch eines Bootes, wird die Inspektion der Yacht und seiner Struktur interessant. Aluminium gilt als durables Material und wird von Blauwasserseglern für seine Schlagfestigkeit geschätzt. „Flyer“ soll seine ursprünglich dunkelblaue Lackierung erhalten und auch die originale Ketsch-Takelage mit Papageienstock für das Besan-Achterstag am Heck.

Flyer, van Rietschoten

Der original S&S Segelplan mit Papageienstock für das Achterstag des Besanmastes von 1976 © Royal Huisman/Sparkman & Stephens

Hinter dem Projekt steht die Stiftung „Revival of Flyer“. Die gründete Diederik Nolten gemeinsam mit Els Vroegindewey und Gerard Schootstra, um das Schiff nach Holland zu holen, es wiederherzustellen und als maritimes Monument zu betreiben.

Ein schönes Projekt, das an den französischen Segelstar Eric Tabarly und seinen Booten namens „Pen Duick“ gewidmeten Verein erinnert.

 

“Flyer” technische Daten

Sparkman & Stephens Konstruktion 2273
Werft: Royal Huisman, Vollenhove, Baunummer 297
Baujahr: 1976/77
Länge über alles: 19,90 m
Wasserlinie: 15,20 m
Breite: 5 m
Tiefgang 2,8 – 3 m
Verdrängung 27 t
Ballast: 11,4 t
Segelfläche: 170 qm

Die Inspektion und Überholung des Bootes erfolgt bei Huisfit, einer 2010 von Royal Huisman für Umbauten und Instandsetzungen gebrauchter Yachten gegründeten Abteilung. Hier werden Schiffe komplett, vom Rumpf, Deck und Aufbauten über die Beschläge, Rigg, Systeme (Maschine, Generatoren, Pumpen, Hydraulik) bis hin zum Interieur und Finish modernisiert und hübsch gemacht.

Bei Huisfit wurde beispielsweise der Motorsegler „Acharné“ um 4 m verlängert, das Ruderblatt einer großen Jongert durch eine Doppelruderanlage aus Karbon ersetzt. Auch wurden große Motor- und Segelyachten renoviert. Darunter der 70 m Lürssen-Werftbau „Skat“ oder der 93 m Schoner „Eos“.

Auch andere namhafte Werften wie beispielsweise der finnische Kompositspezialist Baltic Yachts bieten Eignern technisch anspruchsvoller, großer Yachten diese Dienstleistung. Bei den Finnen heißt er Lifecycle Service. Hasso Plattners 45 m FD „Visione“ wurde bereits zur Inspektion nach Finnland geschickt. Derzeit wird die 30 m Wally „Nariida“ ex. „Wallygator II“ zur bevor stehenden Saison zurecht gemacht.

Bei Nautor heißt das Angebot „Customer Care“ . Die Swans werden in Finnland, im französischen Villefranche oder in der toskanischen Marina Scarlino gewartet, repariert und zurecht gemacht.

Der zuverlässige Betrieb großer, yachtbaulich ausgereizter Schiffe ist auf einen regelmäßigen Check sämtlicher Systeme angewiesen. Etwa der Mechanismus von Hub- oder Neigekielen, Schwertern, aus- und einfahrbarer Bug- und Heckstrahlruder, semi-automatischer Roboter zum Aussetzen oder Bergen des Ankers. Gleiches gilt für moderne Riggs mit stehendem Gut aus Faserkabeln oder die komplizierte Technik unter Deck.

Für Eigner großer Yachten, für die Qualität und Termintreue an erster Stelle stehen und die ihr Schiff ähnlich wie ihr Auto nutzen möchten statt sich mit der komplizierten Technik zu befassen, sind solche Adressen die richtige Wahl.

Den Werften bieten solche Abteilungen die Gelegenheit, ihren Betrieb kontinuierlich mit dem weltweit beliebten Reparaturgeschäft auszulasten anstatt es anderen Betrieben im sonnigen Süden zu überlassen. Sie bleiben mit den Eignern ihrer Erzeugnisse in Kontakt  und begeistern ihre Kunden für einen Neubau.

Lesenswert: Stephen Chipperfield: Royal Huisman. 125 Years. The Spirit of Individuality. Holland 2009: ISBN: 978-90-814486-1-1

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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Ein Kommentar „Yachtporträt: Van Rietschotens Whitbread Veteran “Flyer”“

  1. avatar porkus66 sagt:

    Geiles Teil! Ich find das gut wenn so ein Schiff mit Geschichte wieder in seinen Ursprungszustand versetzt wird und dann weitergenutzt wird.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

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