Bootsbau: Einrumpfer “mxNova” bald so schnell wie Multihulls?

Wellenschneider mit Turbokiel

Wellenschneiderbug und Flügelkiel © Speeddream

Wellenschneiderbug und Flügelkiel © Speeddream

Vlad Murnikov ist ein Mann, der seine Ideen durchsetzt. Widerstände wie kein Revier, keine Praxis, kein Geld oder kein Platz spornen Murnikov eher an. Hürden sind zum nehmen da.

Auch übliche Einwände „wie geht nicht“ oder „haben wir noch nie so gemacht“ kümmern den Russen kaum. Er zieht durch, was ihn interessiert.

Sein kühner Kurs in die Yachtwelt begann in einer kleinen Etagenwohnung in Moskau. Dort baute er in seinem sechs-Meter-Zimmer sein erstes Boot. Es war ein siebeneinhalb Meter langer Vierteltonner. Diagonal ging das.

1989 zeichnete er den russischen Whitbread-Renner „Fazisi“. Beeindruckend an diesem Last Minute-Projekt war, dass es nach neunmonatiger Bauzeit überhaupt in Southampton an der Startlinie erschien. Ausprobiert wurde das Boot auf der ersten Etappe von England nach Uruguay.

Hat die Zukunft fest im Blick. Der 63-jährige Vlad Murnikov neulich in seinem Büro © Speeddream

Hat die Zukunft fest im Blick. Der 63-jährige Vlad Murnikov neulich in seinem Büro © Speeddream

Der 25-Meter-Maxi war ein echter Murnikov: anders. Das Boot sah aus, als hätte sich King Kong an der Baustelle mal auf das Vorschiff gesetzt.

Die eigenwillige Hochseejolle segelte entsprechend nass. Zwei hohe Hutzen über den Niedergängen teilten die Flut wie U-Boot Türme. Die Russen absolvierten ihr Whitbread-Debüt mit einem respektablen 11. Platz von 23 Teilnehmern. Murnikovs Flunder bretterte ein Etmal von beachtlichen 386 Seemeilen. Sie wog die Hälfte der damals üblichen Bruce Farr-Ketschen und brauchte viel weniger Tuch.

Von Moskau nach Marblehead

Murnikov ging von Moskau nach Marblehead. Dort zeichnete er für Ted Hood. Es ist kein Zufall, dass der Russe ausgerechnet bei diesem beeindruckenden Selbermacher, Erfinder und unkonventionellen Selfmademan landete. Wie sein Skiff MX-Ray zeigt, blieb Murnikov bei seinem Thema leicht, schnell, anders. Spaßiger und gründlicher kann man unter Segeln kaum nass werden.

Mittlerweile hat Murnikov Ahnung, Praxis und Partner. 2011 gründete er mit Cam Lewis und Brian Hancock “Speeddream”. Lewis ist versierter Jollen- und Hochseesegler. Hancock segelte drei Whitbread-Regatten und ist versierter Kommunikations-Keyboarder.

“Speeddream” tritt mit dem unbescheidenen Claim “The future of sailing begins here“ an. Wahrscheinlich muss das in Amerika so sein. Leise wird bei ständig laut überhört.

Das kühne Ziel: Die drei wollen das Einrumpfboot im Schnellsegeln gegenüber dem Mehrrümpfer rehabilitieren und die französische Dominanz knacken. Murnikov sieht die Entwicklung des Einrümpfers  durch Formeln, Vorschriften und unnötig altbackenes Denken gebremst.

Diese Fesseln will Speeddream mit dem richtigen, sprich seinem Innovationsmix ablegen: Einem Dartpfeil-artig schlanken Boot, das mit einem gestreckten, die Wellen durchschneidenden Vorschiff widerstandsarm durchs Wasser geht. Das aufrichtende Moment bringt der moderne, aus dem Wasser gehobene Neigekiel, unterstützt von anstellbaren Schwertern.

Leicht wird es dank moderner Hightech Sandwichbauweise. Hierfür konnte “Speeddream” die Konstrukteure David Pedrick und Rodger Martin, für das Komposit-Knowhow die Spezialisten von Gurit (früher SP-Systems) gewinnen.

Murnikovs Theorie zum ‘Turbokiel' seines Daysailers 'mxNova': Gezielter Auf- oder Abtrieb durch bewegliche Flossen © Speeddream

Murnikovs Theorie zum ‘Turbokiel’ seines Daysailers ‘mxNova’: Gezielter Auf- oder Abtrieb durch bewegliche Flossen © Speeddream

Wasser marsch Renner

Zur Erprobung und Publicity wurde das Boot auf einen achteinhalb-Meter-Prototypen geschrumpft. Er wiegt ganze 420 Kilo, wovon fast die Hälfte im gut drei Meter langen Neigekiel steckt. Den hebt das Boot ab zehn Grad Krängung aus dem Wasser.

Dann messern nur noch die Finnen der Schwerter und Ruderblätter durch das Wasser. Ein verrücktes, faszinierendes Konzept. Es reizt die Vorteile des Neigekiels aus.

Wie die Clips zeigen, ist das Boot ein echter Wasser Marsch–Murnikov. Der Wellenschneider taucht bereits bei annähernd glattem Wasser tief ein. Es erscheint fraglich, ob das Volumen im Vorschiff für schnelle Fahrt im Seegang reicht.

Wie auch immer: Murnikov interpretiert die Idee des sogenannten Leichtdeplacements, wie es der legendäre Uffa Fox bereits in den Dreißiger Jahren mit seinen 22er und 30er Schärenkreuzern in Cowes beschwor, auf zeitgemäße Weise für unsere Tage neu.

Ein 35 Füßer ist bereits ausgedacht. Ein Knüller wird der teleskopisch ausfahrbare Neigekiel mit einem variablen Kielhebel. Länge: 2,10 bis 4,20 m. Das Boot wäre mit der sagenhaften Segeltragezahl von “10” unterwegs. Nun muss sich bloß noch jemand finden, der diese abgefahrene Segelspaßmaschine verwirklicht.

Tausend Seemeilen-Etmale

Eigentlich wollen die Drei aber ein 30-Meter-Boot bauen, die Franzosen ärgern und Rekorde knacken. Das Geschoß soll ganze 18 Tonnen verdrängen und von 480 Quadratmetern bewegt werden. Segeltragezahl wäre “8,4”. Das Boot ist für mittleren bis viel Wind und eine Krängung von 15 bis 20 Grad optimiert. Damit sollen 50 Knoten drin sein und auf dem Atlantik tausend Meilen in 24 Stunden weggeputzt werden.

Keine Ahnung, wie ein derart leicht gebautes Boot das aushält. Am besten klont der kühne Russe auch gleich Segler dazu die solche Bedingungen ertragen. Wer mal bei 80 Stundenkilometern das Gesicht aus dem Fenster gehalten hat weiß, wie auszehrend das ist.

Ein zweiter Realitätsabgleich. Beim letzten America’s Cup beschleunigten die Tragflächen-Katamarane bei idealen Bedingungen auf etwa dieses Tempo. Entweder der Russe ist größenwahnsinnig oder ein Visionär, dessen Zeit kommen wird.

Die eigenartig wellige, an Luigi Colani erinnernde Decksform soll die Zeit draußen an Bord bei Wasser-marsch-Bedingungen erleichtern. Die Hutzen sind strömungsgünstig geformt. Sie werden das Meer oben herum möglichst ungebremst durch die Plicht spülen.

Murnikov steht mit seinem Konzept des schmalen Neigekiel-Nassseglers ziemlich allein da. Rolf Vrolijk beispielsweise setzt bei den erfolgreichen Judel/Vrolijk-Hochsee-Regattabooten auf Breite, sprich Formstabilität. Denn erst die bringt das wünschenswerte Segeltragevermögen und damit Power.

Auch Jim Clarks „New Cubed“ wird breit und von einem Neigekiel plus Wasserballast gerade gehalten. Der größere Widerstand und die asymmetrischen Unterwasserschiffslinien bei Krängung werden mit einem ausgefeilten Kompromiss in Kauf genommen und durch mehr Tuch ausgeglichen.

Vorschiff mit Wellenbrecher, Niedergang und Steuerstände für das durchrauschende Wasser optimiert © Speeddream

Vorschiff mit Wellenbrecher, Niedergang und Steuerstände für das durchrauschende Wasser optimiert © Speeddream

Speeddream Daysailer

Jetzt stellt “Speeddream” mit der “mxNova” einen Murnikov Daysailer vor. Der Russe und die beiden Amerikaner möchten im Gespräch bleiben. Das Boot sieht so anders aus, dass man zunächst nicht weiß wo oben ist und wo unten. Natürlich hat es ein schlankes Wavepiercer-Vorschiff und einen widerstandsarm schlanken Rumpf, der am breiten Heck endet. Anstelle des Neigekiels mit seiner aufwändigen Mechanik wird es ein Festkieler mit beweglichen Flügeln. Marnikow nennt ihn Turbokiel, weil sich mit den seitlichen Flossen gezielt Ab- oder Auftrieb erzeugen lässt.

Die “mxNova” soll mit ein paar „fresh ideas“ an die Erfolge des Starbootes, Drachen, Etchells oder Soling anknüpfen. „Die meisten offenen Kielboote sind beballastete Jollen. Diese Boote funktionieren eigentlich nur aufrecht gesegelt richtig“ meint Murnikov. Sein Konzept nimmt die Krängung in Kauf und macht das Beste draus.

Der Turbokiel

Die mxNova ist als moderner, elegant schlanker Daysailer gedacht, der dank seines aufrichtenden Moments aus dem tiefen Kiel mit Krängung leistungsfähig ist. Der schlanke Rumpf bietet bei Krängung symmetrische Linien.

Der Clou: Individuell neben dem Ballast verstellbare Flossen sollen gezielt Auf- oder Abtrieb erzeugen, weshalb Speeddream von einem „Turbokiel“ spricht.

Beim Am-Wind-Kurs ziehen die Flügel das Boot gezielt nach unten und lassen es aufrechter segeln. Raumschots heben die entsprechend angewinkelten Flügel das Boot eine Idee an und lassen es eher gleiten. Die Steuerung der Flügel soll ähnlich wie bei den Flugmotten automatisch erfolgen. Eine interessante Weiterentwicklung des altbekannten Flügelkiels.

Bevor dieses Konzept verwirklicht wird, bittet Speeddream die Seglerwelt um ihre Meinung. Input und Verbesserungsvorschläge sind ausdrücklich erwünscht. Dann erst soll aus den ersten Skizzen ein Prototyp werden.

Die “mxNova” ist ein echter Murnikov. Selbst gedacht, ungewöhnlich, sehens- und bestimmt segelnswert. Der schlanke, lange Wavepiercer-Bug ist als futuristisches Design ein Hingucker. Leider ist so ein Vorschiff unbegehbar. Man möchte das Geschoß aber in der Pause zwischen den Regatten oder nach dem Segeln gern problemlos (meist vorwärts) in die Box bugsieren, anbinden und von Bord gehen. Das ist mit den heute üblichen Kuttern mit starrem Klüverbaum oder Bugspriet schon problematisch. Mit der “mxNova” ließe sich nur längsseits gehen oder rückwärts anlegen.

Daten Speeddream 27 Prototyp:

Länge 8,50 m, Breite 2,10 m, Tiefgang (Neigekiel) 3,10 m, Ballast 180 kg, Gesamtgewicht des Bootes 420 kg, Crewgewicht 170 kg, Verdrängung mit Crew 690 kg, Großsegel 26 qm, Fock 19 qm, Gennaker 75 qm

Daten Speeddream 35:

Länge 10,80 m, Breite 2,7 m, Tiefgang (teleskopisch einziehbarer Hub- und Neigekiel) 2,1 bis 4,2 m, Ballast 200 kg, Gesamtgewicht des Bootes 582 kg, Großsegel 42 qm, Fock 29 qm, Gennaker 90 qm, Segeltragezahl 10

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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3 Kommentare zu „Bootsbau: Einrumpfer “mxNova” bald so schnell wie Multihulls?“

  1. avatar bläck sagt:

    Frage mich immer, warum man bei solchen Projekten draussen stehen muss zum steuern….es wuerden sich viele -egal wie noch so strömungsguenstige- Aufbauten abbauen lassen…

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  2. avatar Firstler sagt:

    Juhu, ein Video meines früheren Bootes aktuell auf Segelreporter. Vor Jahren war ich stolzer Besitzer einer MX-Ray 🙂

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  3. avatar Super-Spät-Segler sagt:

    Ich glaube dem kein Wort. 50 Knoten… Muhahaha!

    Schnell aussehen heißt noch lange nicht schnell fahren. Sieht man am ersten Entwurf:

    http://segelreporter.com/panorama/speeddream-von-inshore-nach-offshore-50-fuss-renner-soll-im-laufe-des-jahres-vom-stapel-laufen/

    Es fehlt schlicht die Breite um ein großes aufrichtendes Moment mit wenig Gewicht zu realisieren.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 7

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