Erst besegelten die beiden Laserdeutschland, dann den Zugvogel. Aber mit jedem Kind rutschten sie 10 Ranglistenplätze zurück. Ein Back-to-the-roots-Törn erinnert an alte Zeiten.
Irgendwann hatten sie die Idee: Einen Segeltörn über die holländische Nordsee. Mit dem uralten Holzkielzugvogel. Ja doch, genau das Boot, das hinten in der Scheune schon seit Jahren vor sich hin leidet. Baujahr 1966. Ohne Motor.
Nach Vlieland, der abgelegensten westfriesischen Insel zwischen Texel und Terschelling. Der Plan wird jedes Jahr aufs Neue von Stefan und Kai diskutiert. Irgendwann heißt es: „Wenn das dieses Jahr wieder nichts wird, dann nie.“ Also gut.

Das Boot wird in seinem Mausoleum aufgeriggt und kritisch begutachtet. Uraltes Rigg mit zu kurzen Salings und schlackernden Diamonds. Angebrochener Mastfuß und Moritz-Segel aus der Zeit vor der Mondlandung. Mit Unterwanten sähe die Welt schon anders aus, aber wo schlägt man die an? Und wie kommt man an eine Genua, die wie früher die Riggspannung aufnimmt?
Ein Bekannter baut neue Salinge. Für die Unterwanten werden passende Original-Decksdurchführungen eingesetzt. Eine junge Genua von 1992 wird ihrer Stagreiter entledigt und ein stabiles Drahtvorliek eingezogen. Das Groß passt gerade so eben in den alten Mast. Mit einer neuen Bohrung im Mastfuß macht das stehende und laufende Gut einen stabilen Eindruck.
Nur Trimmen kann man es nicht: weder Mast noch Holepunkte bieten eine Chance auf Druckabbau und Reffen ist nicht vorgesehen. In der heimischen Garage fällt der Blick auf ein 420er-Groß – gar nicht schlecht als Sturmsegel.
Lenzer zum Auftreten
Man wendet sich dem Rumpf zu. Zugvögel dieser Generation sind für die Wanderfahrt konstruiert und haben weder ein abgeschottetes Vorschiff noch einen Doppelboden. Überkommendes Wasser wird bei genügend Fahrt per Lenzer entsorgt. Es sei denn die sind zugespachtelt – dann eben doch Handpumpe und die Option, die Lenzer zur Not aufzutreten.
Die Sicherheitsausstattung besteht aus Signalraketen, Lifebelts, GPS und einem Handbuch der Niederländischen Küste. Die Ausgabe von 1971 warnt ausdrücklich vor dem Wattenmeer mit seinen Untiefen und Strömungen. Den Skippern kleinerer Boote wird der Umstieg auf die regelmäßig verkehrenden Fähren empfohlen. Soweit kommt das noch – man liest immer wieder von schrecklichen Fährunglücken!

Läuft voll – auch ohne Wellen!
Nach einer Nachtfahrt über die Autobahn wird das Boot an einem Freitagmorgen in der Hafenstadt Harlingen aufgeriggt und geslipt. Der Wetterbericht meldet sonnige 3-4 aus der richtigen Ecke und günstige Gezeiten. Alles läuft exakt nach Plan bis auf das Wetter, das die Vorhersage entweder nicht kennt oder kein Deutsch versteht: 6 Windstärken lassen die Wellen am Nordseedeich brechen. Ein Anruf daheim bestätigt den ursprünglichen Wetterbericht, aber der holländische Himmel zeigt sich unbeeindruckt. Als es wie aus Eimern zu schütten beginnt, steigen Kai und Stefan in ihr Ölzeug und beobachten, wie das Schiff auch ohne Wellen voll läuft.
Etwas später überzeugt ein Silberstreif am Horizont und der Blick auf die Uhr zu einem Probeschlag mit „Mädchen-Segel“. Entweder es geht bald los oder gar nicht, sonst macht die Tide einen Strich durch den Zeitplan. Das 420er-Segel und die neu verdrahtete Genua machen eine ausgesprochen gute Figur und halbwinds geht es hinaus ins Watt.

Bodenbretter als Signalgeber
Die Stimmung ist famos, bis das Wetter zu seiner alten Form zurück findet: Regen und mächtig Wind bedeuten Wasser von allen Seiten. Die Bodenbretter mutieren zum Signalgeber: Wenn sie aufschwimmen, wird die Kiste hoch an den Wind gestellt und einer geht nach Lee und pumpt, bis sie wieder an ihrem Platz liegen.
Der Kieler läuft prächtig und mit dem Strom im Rücken ist das Land bald außer Sicht. Nach einer Weile hellt sich das Wetter auf und der Windspeed sinkt auf 4-5 Bft.
Die Stimmung steigt: Zeit für Filmaufnahmen. Klappe die erste: „Kamera schaut nach achtern. Der Rudergänger starrt hypnotisierend auf das Hand-GPS. Er kommentiert hysterisch und mit Nachkommastellen die zweistellige Reisegeschwindigkeit“. Als der Kameramann bei rund 11 Knoten bugwärts schwenkt, entdeckt er eine riesige Fahrwassertonne direkt voraus. Das Manöver des letzten Augenblicks verdient seinen Namen, vermeidet Kleinholz und bringt die Frage auf, ob das Boot überhaupt versichert ist.
Zwischen Insel und Sandbank laufen knapp 4 Knoten Strom und die Kreuzerei wird eine zähe Angelegenheit. Es geht so gut wie nicht voran, aber der Stolz verbietet, vorbei motorende Yachten um Schlepp zu bitten. Nach 1 Stunde ist es geschafft.
Kopfschütteln nach 50 Wenden
An der Mole stehen zahlreiche Segler, die das schlechte Wetter am Auslaufen gehindert hat. Die tun das, was Yachties bei solchen Anlässen tun: Hände in die Hosentaschen und aufs Wasser gucken. Das Verfolgen der letzten 50 Wenden muss der Grund dafür sein, dass einige immer noch den Kopf hin und her drehen, als das Boot endlich in den Hafen segelt.
Zugvögel sind in Holland so gut wie unbekannt, und das Holzschiff ist mit seinen Decksintarsien eine echte Augenweide. Rund 20 Seemeilen Abstand zum Festland bei gefühlten 2 Windstärken zuviel für eine Nussschale, die bei 4 Knoten Strom von einer außenbords hängenden Besatzung in den Hafen gesegelt wird – die Yachties gaffen wie die Ölgötzen.
Sind Sie lebensmüde?
Der Hafenmeister weist einen Liegeplatz am Hauptsteg unterhalb der Mole zu. Innerhalb der nächsten 15 Minuten schlendert der gesamte Hafen vorbei, um einen Blick auf das schöne Boot samt Inhalt zu werfen.

Rasch ist der Steg mit Ausrüstungsgegenständen bedeckt, dann werden die Bodenbretter aufgenommen. Eine holländische Yacht spendiert heiße Senfsuppe. Als Revanche wird wassergekühltes Bier aus der Bilge gereicht.
Vorsichtige Fragen werden gestellt: Von „wo schlafen Sie denn?“ (ein deutscher Segelschüler) über „sind Sie eigentlich lebensmüde?“ (eine rüstige Holländerin) bis zu „is this a four-twenty“ (ein englischer Einhandsegler). Als die Pumpe trocken läuft, kommt das Parkett wieder rein und wird trocken gewischt, um zwei Isomatten und Schlafsäcke aufzunehmen. Eine Ganz-Persenning bedeckt die Schlafstatt, als die beiden mit Bierdosen bewaffnet dem Dörfchen Oost Vlieland zustreben.
Die Dosen sind nur der Anfang, denn es gilt, die Nacht kurz und den Schlaf fest zu gestalten. Das geht eine Weile gut, bis Schauerböen um 7 die Baumwollpersenning so beackern, dass es im Schiffsbauch zu tropfen beginnt…

Morgens signalisiert das Heulen in den Wanten eine mehr als steife Brise, die sich laut Bericht erst im Tagesverlauf abschwächt. Der Folgetag soll sonnig werden, die Vernunft befiehlt Ruhe bewahren.
Als nachmittags wirklich der Wind nachlässt, wird die Persenning leeseitig aufgemacht. Die beiden nutzen den Layday im windgeschützten Cockpit zum Chillen. Sie kontrollieren die Bilge und stellen fest, dass das Bier schön kalt ist und am besten schmeckt, wenn gute Freunde in Ruhe quatschen können. Und die Zeit dann wie im Flug vergeht.

Eine Armada durchs Watt
Der nächste Morgen bestätigt die Vorhersage. Strahlender Sonnenschein und 3-4 Windstärken aus Süd-West sind wie gemalt für den Heimweg. Auch die Tide läuft gut. Gegen Mittag ist alles aufgeklart, von Sturm- auf Normalgroß gewechselt. Im Gegensatz zum Hinweg nutzt diesmal eine Armada von Yachten und Plattbodenschiffen das gute Wetter zur Reise durch das Watt.
Der Zugvogel kommt bei Wind und Welle leicht ins Gleiten. Die Bedingungen sind wie gemalt und der alte Knickspanter macht im Nordseeschwell leichte Beute. Ein ums andere Schiff wird kassiert und viele der Passierten entpuppen sich als Schaulustige vom Vortag, die begeistert winken.
Irgendwann nähert sich die Katamaranfähre „Vlieland“ in Luv und belegt den Kieler mit einer gnadenlosen Abdeckung. Diese Chance nutzt eine moderne 14m Yacht und zieht vorbei. Ein hartes Rennen beginnt. Die Crew kämpft um jeden Meter und pumpt den Zugvogel mit raumen Schoten die Wellen hinunter. Auf den geringen Tiefgang bauend verlässt die Crew die Fahrrinne um Weg zu sparen. Zu ihrem Erstaunen kopiert der mehr als doppelt so lange Goliath die Idee und fährt kurzerhand den Hubkiel ein.
Die perfekte Welle
Die ungleichen Konkurrenten sind noch 4 sm von Harlingen entfernt. Durch den niedrigen Wasserstand und die schützenden Sandbänke haben selbst drei bis vier Windstärken keine Auswirkungen mehr auf die Wasseroberfläche. Zu wenig Welle, um den wanderfahrenden Kieler ins Gleiten zu bringen. Goliath setzt sich ab.
Da passiert etwas ganz Erstaunliches. Eine Welle taucht auf. Eine große Welle. Eine lange Welle. Fast surreal anzusehen mitten in diesem Flachwasser: Die Heckwelle der Katamaranfähre. Die perfekte Welle!
Rangefahren, abgefallen, angepumpt und ab geht die Post. Die beiden reißen an den Schoten und surfen das alte Holz bis zum Kiel aus dem Wasser. Wieder und wieder die gleichen Bewegungen: Anluven, dichtholen, abfallen, fieren und pumpen, pumpen, pumpen, um diese eine Welle ja nicht zu verlieren. Wellenreiten ohne Strand!
Goliath hat das Rennen verloren; die Welle hat die beiden Davids vorbei gespült und 500m Vorsprung verschafft, die sie locker nach Hause fahren. Die Hafeneinfahrt von Harlingen markiert den Zieleinlauf nach 2 Stunden und 48 Minuten. Der alte Zugvogel ist die 21 Seemeilen gemittelt mit fast 8 Knoten geflogen und hat nur eine Stunde länger gebraucht als die 70m lange Fähre mit 4 x 850PS.
Das beindruckt auch den Skipper einer stattlichen Motoryacht, der die Jungs auf der Nordsee passierte und hier in der Hafeneinfahrt festgemacht hat. Er springt von seinem Nachmittagstee auf, rennt zur Reling und ruft „great sailing, great sailing“.

Zugvögel zieht es im Herbst nach Süden. Dieses Ziel steuert der hölzerne Verwandte noch am gleichen Abend wieder an: hochgeslippt, abgeriggt, verpackt, angehangen und ab auf die Autobahn. Ganz automatisch wie nach so vielen Regattawochenenden, früher. Die beiden Freunde denken an das nächste Reiseziel. Wozu hat man so ein schnelles, seetüchtiges Schiff?

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