Geschichte der verbrannten “Phocéa”: Vom Einhand OSTAR-Renner zum Luxusspielzeug

Länge läuft

“Phocea” hat 45 Jahre lang Geschichte geschrieben.  Sie wurde als Superlativ zu Wasser gelassen und war es auch bis zum Ende – wenn auch unter teils fragwürdigen Umständen.

War lange Zeit Die größte Segelyacht der Welt: 78m-Phocéa © Fraser-Yachts

War lange Zeit die größte Segelyacht der Welt: 78m-Phocéa © Fraser-Yachts

Eine Yacht, die immer unter dem Motto „Größenwahn“ segelte, über viele Jahre hinweg der Inbegriff für Höchstgeschwindigkeit war, als Botschafter Frankreichs über die Weltmeere schipperte, auf der sich später die Reichen und (mitunter) Schönen räkelten und die jetzt unter Verdacht steht, als Schmuggelschiff für Waffen und Drogen zu dienen.

2012 liegt “Phocéa” ein halbes Jahr vor Vanuatu bewacht auf Reede – dann wird der Kapitän überraschend gegen eine geringe Kaution  freigelassen. Höchste Zeit, das Schiff in Sicherheit zu bringen, denn die Zyklon-Saison naht.

Länge läuft

Es ist in der Epoche breithintriger Gleityachten mit Neigekiel eigentlich kaum zu glauben, aber es gab tatsächlich Zeiten, als der Erfolg beim Regattahochseesegeln auf eine einzige Formel beschränkt war: Länge läuft!

Entsprechend wuchs in den 70iger-Jahren des letzten Jahrhunderts, zu Beginn der großen Offshore-Einhand-Regatten wie etwa OSTAR, der Hang zu einer gewissen Gigantomanie. Damals, als die durchschnittliche Länge einer Hochseeyacht noch bei 9 m lag, tauchte plötzlich Segellegende Eric Tabarly mit der knapp 23 m langen Ketsch Pen Duick VI auf und segelte –einhand !– mit dem „Riesen“ gnadenlos allen Konkurrenten davon.

Alain Colas kurz vor dem Start zur OSTAR 1976 © OSTAR

Alain Colas kurz vor dem Start zur OSTAR 1976 © OSTAR

Grund genug für Alain Colas, von dem es damals hieß, er sei der einzige, der dem großen Tabarly seglerisch das Wasser reichen könne, mit einem Megaschiff aufzutrumpfen, das dieses Superlativ mehr als verdient hatte:  Die „Club Mediterranée“ war sage und schreibe  75,15 m lang, hatte 4 Masten mit Bermuda-Rigg und sollte von Colas ebenfalls einhand gesegelt werden!

Eine große Herausforderung für einen Skipper, der erst wenige Jahre zuvor mit dem Segeln in Kontakt gekommen war. Der vermögende Sohn eines Fabrik-Besitzers hatte in Australien am College französische Literatur gelehrt, war in Sydney Eric Tabarly begegnet und hatte mit ihm beim Sydney-Hobart-Rennen teilgenommen. Prompt tauschte er das Lehrer-Dasein gegen das Leben auf See ein und lernte von Tabarly.

Schließlich kaufte er sogar dessen Trimaran Pen Duick IV und segelte durch die Inselwelt von Tahiti, wo er seine Frau kennenlernte. Auf diesem Schiff gewann er 1972 die Transatlantik-Einhand-Regatta OSTAR und leitete eigentlich das Zeitalter der Multihulls ein. Dennoch ließe er den Giganten „Club Mediterranée“ bauen vielleicht auch weil er sich 1975  bei einem Unfall an Bord seines Trimarans, den rechten Fuß durch die Ankerleine abtrennte. Nach 22 Operationen gelang es, den Fuß zu retten.

Beim OSTAR 1976 lag er mit seiner Monster-Yacht, die bis zu 30 Knoten Speed erreichte schließlich mit großem Vorsprung vor Tabarly. Aber er musste wegen eines technischen Problems bei schwerem Wetter in Halifax/Neufundland Hilfe von außen in Anspruch nehmen. Das brachte ihm eine Strafe von zusätzlichen 58 Stunden Segelzeit ein – Tabarly siegte erneut!

Ein Regattamonster als Botschafter Frankreichs

Alain Colas  schaffte es dann doch nicht, das im Unterhalt irrsinnig teure Schiff zum Sieger zu machen. Er segelte es schließlich zwei Jahre als „Repräsentant Frankreichs“ mit der „Club Med“ durch das Mittelmeer, die Karibik und USA. Der namensgebende Sponsor vercharterte die Megayacht inklusive Skipper leidlich amortisierend. Dann ging Colas bei der ersten Route du Rhum auf seinem Trimaran „Manureva“ auf Höhe der Azoren über Bord. Er verstarb im Alter von 35 Jahren.

Phocéa, ex Club med, heute unter welcher Flagge? © Fraser Yachts

Phocéa, ex Club med, heute unter welcher Flagge? © Fraser Yachts

Für die “Club Med” bedeutete dies: Warten auf den nächsten Exzentriker, der sich mit ihr und den enormen Nebenkosten (damals geschätzte 2 Millionen FFrancs) abgegeben wollte.

Womit der schillernde Bernard Tapie auf der Bildfläche erschien, der später die Mehrheit an Adidas erwarb und 1993 als Präsident von Olympique Marseille Champions League Sieger wurde. Er kaufte das Schiff 1982 und ließ es für eine nie genannte Unsumme vollständig umbauen.

Aus dem Regatta-Giganten wurde eine monströse Luxusyacht, die pompös im farbenfrohen Stil der frühen Achtziger-Jahre eingerichtet wurde: 9 großzügige Gästekabinen, eine Eignersuite, 1 Friseursalon, jede Menge Jacuzzis und Pools sowie Kabinen für 18 Personen Stammpersonal mussten untergebracht werden.

„Echt wilde Jahre“!

Allerdings: Die Masten wurden um 6 m verlängert, die Segelfläche nochmals vergrößert, da das Schiff um 40% schwerer wurde.

Pan lässt grüßen – "wilde Jahre"! © fraser yachts

Von Tapie eingebauter Schrank auf der Phocea.© fraser yachts

Tapie taufte sein Schiff auf den Namen „Phocea“ um – der Marseille Fan (späterer umstrittener Fußballdirektor von Olympique Marseile) wollte den Phöniziern, Gründerväter von Marseille, zu Wasser ein weiteres Denkmal setzen.

„Echt wilde Jahre“ nannte Tapie die Zeit auf der Phocea einmal, als er vollkommen pleite, bereits 10 Monate wegen eines Bestechungsskandals im Knast saß – geschätzte Kosten rund um das Tapie-Spiezeug: 100 Millionen FFrancs.

Mammon, Gerüchte, Skandale, halbseidene Welten… die Phocea schien wie geschaffen für dieses Milieu.  Das dachte sich auch Mouna Ayoub, eine libanesisch französische Salonlöwin, die gerade vom Saudi Nasser al Rashid (erfolgreich) geschieden wurde und ein paar Milliönchen für adäquates Spielzeug übrig hatte. Sie kaufte die Phocéa („ein Schnäppchen!“ ) aus Tapies Konkursmasse und ließ sie für 17 Millionen US$ umbauen: Neues, technisch aufwändigeres Rigg, eine gigantische Maschine, luftigeres Kabinendesign.

Fünf Jahre lang war die Phocea State of the Art vor allem im Mittelmeerraum, bis sie  2004 ihren Status als größte Luxussegelyacht der Welt an die brandneue „Athena“ des amerikanischen Milliardärs Jim Clark verlor. War sie frustriert oder beleidigt? Jedenfalls fuhr sie im Jahr darauf  vor Sardinien auf einen Felsen, wurde reichlich beschädigt und mehr oder weniger angewidert von ihrer Besitzerin verstoßen.

Mammon, Gerüchte, Skandale, Halbseidenes…

Doch die Phocéa hatte noch spannendere Zeiten vor sich. Nachdem sie repariert wurde und mehrfach die (IT-neureichen) Besitzer wechselte, stieß sie sie schließlich in die Flotte des des Thailänders Pascal Vu Anh Quan Saken, dessen Schiffs-Broker-Geschäfte nicht immer von Transparenz geprägt waren.

Schierer Luxus – der Eigner-Salon © fraser yachts

Schierer Luxus – der Eigner-Salon © fraser yachts

Er setzte die Phoceá offiziell als Charter-Yacht ein (260.000 $ die Woche), die Geschäfte liefen so lala, dennoch war die ehemalige Regattayacht eigentlich immer unterwegs…

2005 ließ Quan die Phocéa als Diplomaten-Yacht des südpazifischen Inselstaates Vanuatu  eintragen, obwohl sie gleichzeitig unter der Flagge Luxemburgs lief. Im Laufe der Zeit wechselte das Schiff permanent seinen offiziellen Heimathafen. Das schien sowieso nie von Belang, denn Anh Quan machte sich im Laufe der Jahre unentbehrlich für einige Inselpolitiker:

Seine Yacht wurde mehrfach auf dem Weg zwischen Thailand und Vietnam oder zwischen Australien und Papua-Neuguinea abgefangen – jedes Mal wurden offenbar nach Waffen und Drogen an Bord gesucht, es kam jedoch nie zu Festnahmen.

In 2012 erhielt Quan die Vanuatische Staatsbürgerschaft, zudem stellte man ihm in Aussicht, dass er Honorarkonsul Vanuatus in Vietnam werde. Die Phocéa pendelte weiter zwischen Asien und den südpazifischen Inseln, bis sie im Sommer dieses Jahres vor Vanuatu erneut festmachte.

Phocéa gestürmt

Doch diesmal war nichts mit Blumengirlanden zum Empfang: Die Polizei stürmte das Schiff, verhaftete 13 der 16 Besatzungsmitglieder, klagte den Kapitän wegen Drogen- und Waffenschmuggels an, der wiederum den angehenden Honorarkonsul Quan anschwärzte, dessen Boeing mit Ziel Südamerika zufällig  einige Stunden zuvor abgehoben hatte. An Bord der Phocéa wurden einige Drogen („zum Hausgebrauch“) gefunden, keine Waffen, allerdings wurde festgestellt, dass Kapitän und Crew mit gefälschten Patenten und Schiffspapieren unterwegs waren.

Noch mit luxemburgischer Flagge vor Marmaris © wikipedia

Noch mit luxemburgischer Flagge vor Marmaris © wikipedia

Die Phocea interessierte das wenig, vorerst. Sie lag gut bewacht Monate lang vor Anker und harrte der Dinge, die da kommen sollten. In der Zwischenzeit wurde auf Vanuatu gewählt, und einige Politiker „erhielten nicht mehr das Vertrauen der Bevölkerung“. Ähnlich erging es Quan, dessen Honorarkonsulsposten in Vietnam schließlich vakant war. Letzte Äußerungen auf den lokalen Blog-Sites: „Von denen haben wir genug!“

Die neue Regierung sprach offen ihre Befürchtungen aus: „Wurde die Phocea für Waffen- und Drogenschmuggel im großen Stil benutzt?“ Gleichzeitig war zu hören:„Wir haben keine rechtlichen Belange, das Schiff festzuhalten, da wir keine stichhaltigen Beweise haben!“

Doch was sollte mit der Phocéa geschehen? Es gab auf der Insel keine Mannschaft, die fähig gewesen wäre, das Schiff fachgerecht zu segeln. Nur gewisse Gefängnis-Insassen.

Vermeintlich friedlich auf Reede © fraser yachts

Vermeintlich friedlich auf Reede © fraser yachts

Schließlich wurde der Kapitän gegen eine (eher symbolische) Kaution freigelassen, seine Mannschaft wenige Tage zuvor.

Denn die Zyklon-Wirbelsturm-Periode stand an, das Risiko, so eine Luxusyacht darin zu verlieren, ist enorm groß. Also wollte sich die neue Regierung dieser „Altlast“ ihrer Vorgänger schlicht entledigen. Zumal Quan seine Ansprüche auf die Yacht mehrmals geltend machte, sich allerdings weigerte, sie selbst abzuholen.

Danach verliert sich langsam die abenteuerliche Geschichte der “Pocea” in der pazifischen Südsee. Sie war zuletzt offenbar immer noch im Chartergeschäft unterwegs stand aber seit Jahren zum Verkauf.

Das dürfte sich nun erledigt haben. Der Brand vor Langkawi ist ihr Ende. R.I.P.

 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

4 Kommentare zu „Geschichte der verbrannten “Phocéa”: Vom Einhand OSTAR-Renner zum Luxusspielzeug“

  1. avatar Ketzer sagt:

    Geiler Krimi, schreibst Du super!

  2. avatar hurghamann sagt:

    Geile Story,
    hatte die nicht ursprünglich einen Uran Kiel in ihrer Regattakarriere. Ich meine mich an sowas zu erinnern.

    • avatar hurghamann sagt:

      Nee, ich les grad es war die Konkurenz:
      Taberlys PEN DUICK VI hatte einen Kiel aus abgereichertem Uran, wurde aber später gegen Blei getauscht.

  3. avatar jan eckert sagt:

    Tabarly, Colas, Brich…mehr solche gut recherchierte Geschichten….

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