Abenteuer: Yvan Bourgnon hat die Nordwestpassage bezwungen – segeln im Kühlschrank

Odyssee im Packeis

Yvan Bourgnon, Arktis, Nordwestpassage

“Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich zuhause geblieben!” © bourgnon

Yvan Bourgnon hat die Nordwestpassage von West nach Ost in seinem offenen Strandkat bezwungen, ist aber noch nicht an seinem Ziel auf Grönland angekommen. Die Baffin Bay hält noch einige Gefahren bereit… 

Es ist zum Heulen. Nachdem Yvan Bourgnons „Defi Bimedia“ so vielversprechend angefangen hatte (SR-Bericht), nachdem sich die Wettergötter äußerst gnädig gezeigt und dem Einhandsegler auf seinem umgebauten, offenen Strandkat nette Winde, 24-Stunden-Sonnentage und sogar völlig eisfreie Passagen geschickt hatten, nachdem also „Friede, Freude, Eierkuchen“ auf der „Loulotte“ herrschten, kam dann doch eine alte Inuit-Wetterrregel zum Tragen. Die da lautet: „Für jeden genossenen Sonnenstrahl musst du mit Schietwetter büßen. Und zwar richtig lange!“

Segeln im Kühlschrank

Für Yvan Bourgnon, der immerhin auf dem gleichen Katamaran bereits die Welt in Etappen umsegelte, der sich sein Leben lang von einem seglerischen Extrem-Abenteuer ins nächste stürzte, äußerte sich diese alte „Inuit-Regel“ in wochenlangen Wetterkapriolen, die den durchaus Sturm- und Wetterlaunen erprobten Schweizer mehrfach an den Rande eines Nervenzusammenbruchs brachten. 

Yvan Bourgnon, Arktis, Nordwestpassage

Selbst ein glimpflich verlaufener Unfall mit einem Walross brachte Bourgnon nicht aus dem Konzept © bourgnon

Was durchaus verständlich ist, führt man sich einmal vor Augen, was der 46-jährige Abenteuer so alles durchstehen musste: Stürme mit Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h, knifflige Passagen zwischen Treibeis, das sich immer mehr verdichtete und ihn nach mehreren Tagen harter Segelarbeit wieder zur Umkehr zwang. Teils starke Abweichungen von der zuvor bestimmten „Idealroute“, weil sich das Eis in diesem Sommer völlig anders verhielt als sonst. Drei Wochen andauernde Wartezeiten vor Anker, bis sich die Eisfelder vor ihm öffneten und den Weg zumindest für ein bis zwei Tagesreisen wieder frei gaben.

Yvan Bourgnon, Arktis, Nordwestpassage

So viel grandiose Natur auf einmal – ich habe sogar mehrfach Narwale direkt neben meinem Boot gesehen!” © bourgnon

Das alles gewürzt mit einer stetigen Angst vor Eisbär-Angriffen, langen Sturmpassagen und immer wieder Schnee, Schnee und nochmals Schnee. „Nichts von dem, was wir uns in Zusammenarbeit mit mehreren Meteorologen an gnädigen Wettersituationen erhofften, ist eingetreten!“ beschwert sich Bourgnon auf seinem Blog, der von Freunden anhand von Satellitentelefongespräche geführt wird. „Ich könnte ein Buch darüber schreiben, was alles Unvorhersehbares passierte! Wenn ich das gewusst hätte – ich wäre zuhause geblieben, ehrlich!“ 

Zumal dort Frau und der kurz vor der Abreise zum arktischen Abenteuer geborene Sohn warten… 

Die Leiden des Yvan

„Aber jetzt bin ich nunmal hier oben und dann ziehe ich das Ding auch durch,“ schrieb der Segelabenteurer. „Wenn nur die ewige Warterei und die garantiert im falschen Moment einsetzenden und aus der falschen Richtung kommenden Stürme nicht wären!“ 

So meisterte Bourgnon tagelange Schläge unter Segeln mit zwei bis drei Reffs, bei denen er nicht einen Moment das Ruder verlassen konnte, weil er permanent Eisbergen, Growlern oder nicht kartografierten Felsbrocken ausweichen musste . 

Yvan Bourgnon, Arktis, Nordwestpassage

Seine Frau überredete ihn mehrmals am Satellitentelefon, doch noch durchzuhalten – sonst wäre alle Mühe umsonst gewesen © bourgnon

Und das alles, bitteschön, im buchstäblich offenen Katamaran. Von wegen Schlupfkajüte: Bourgnon schläft, wenn er überhaupt dazu kommt, auf einem der Ausleger. Liegt er vor Anker, baut er sich eine Art Schutzzelt gegen die Elemente auf. „Die Kälte kriecht langsam überall hin,“ beschreibt der Abenteurer seine Leiden.“ Du kommst nicht dagegen an. Selbst im Schlafsack gibt es Nächte, in denen du das Gefühl hast, dich nie wieder aufzuwärmen. Nie!“ 

Vor allem gegen Ende seiner Odyssee durch die Nordwestpassage, wurden seine Geduld und sein Durchhaltevermögen nochmals schwer auf die Probe gestellt. Bourgnon musste sich vor mehreren herannahenden Tiefs in Sicherheit bringen und fand „eine nette Bucht“, in der er vor Anker der Dinge harren wollte, die da kommen werden. Doch der Wind blies keineswegs so heftig wie erwartet, und als Bourgnon am nächsten Morgen weitersegeln wollte… war die Passage vor ihm durch Packeis blockiert! „Gestern noch frei, 24 Stunden später eine riesige Eiswüste!“ beschreibt er.

Yvan Bourgnon, Arktis, Nordwestpassage

Freunde zeichnen seine Abenteuer aus der Ferne © corbel

Dafür gesellten sich andere Segler zu ihm (Bourgnon“ ja, es kann mitunter richtig voll da oben werden!“), die ebenfalls durch die gleiche Enge wollten und nun vom Packeis überrascht wurden. „Darunter war eine 70-jährige Australierin, die als erste Frau einhand die Nordwestpassage bezwingen wollte,“ staunte Bourgnon nicht schlecht. „Ich weiß nicht, ob sie es letztendlich geschafft hat, ich wünsche es ihr jedenfalls aus vollem Herzen!“ 

Begegnung der etwas anderen Art

Überhaupt die Begegnungen. Eine nahezu surreale Situation ergab sich, als eines Nachts in einer anderen Ankerbucht ein seltsames Gefährt unweit von Bourgnons  „Loulotte“ Schutz vor einem aufziehenden Sturm suchte: Hinter einem Schlepper wurde auf einem Schwimmponton das Wrack der unlängst gehobenen „Maud“ gezogen. Das Expeditionsschiff wurde von Roald Amundsen zwischen 1918 und 1925 bei zwei Forschungsreisen gesegelt, wobei er u.a. die Nordostpassage durchfuhr. Es sank 1930 (unter anderem Namen) im flachen Wasser der Cambridge Bay und wurde dort im Packeis ganz offensichtlich gut konserviert. Letztes Jahr gelang die Bergung der Maud mit Hilfe von 40 Luftsäcken. Und nun ist sie auf dem Weg in ihre alte Heimat Norwegen… 

„Ich dachte wirklich, dass ich jetzt so langsam anfange zu spinnen!“, berichtet der Abenteurer weiter. „Als ich das Wrack über die noch ruhigen Wasser meiner Ankerbucht schweben sah.“ Zwölf Stunden später fand er die Nähe zu dem historischen Schiff überhaupt nicht mehr angenehm.

Yvan Bourgnon, Arktis, Nordwestpassage

Begegnung der “anderen Art” – Amundsens Maud auf dem Schwimmponton © maud returns

„Über uns zog ein Sturm weg, der es in sich hatte. Mehr als 100 km/h Windstärke, eklige Wellen, die dauernde Gefahr durchs Packeis… nicht sehr angenehm, alles. Als die Böen so stark waren, dass ich trotz gefüllten Wassertanks auf den Schwimmern teilweise – vor Anker! – nur noch auf einer Kufe schwamm und sich der Katamaran zu überschlagen drohte, da sah ich, wie die „Maud“ sich verdächtig in meine Richtung bewegte. Doch die Kollegen an Bord des Schleppers hatten einen guten Job gemacht und sicherten ihr Anhängsel unter Motorkraft.“ 

Ich will da rüber!

Als Bourgnon dann schließlich die Nordwestpassage tatsächlich geschafft hatte, „konnte ich mich gar nicht richtig freuen. Ich war und bin einfach nur hundemüde und mit den Nerven am Ende,“ schreibt Bourgnon weiter. Ein Trost: es gab eigentlich „nur noch“ die Baffin Bay zu bezwingen, bis der Abenteurer auf seiner „Loulotte“ im Ziel auf Grönland eintreffen würde. Er hatte zwar fast einen Monat Verspätung, aber was ist das schon… Und das Wetter sollte ebenfalls schön bei mittleren Winden werden. „Plötzlich schien auch wieder die Sonne in meinem Herzchen,“ erzählt Bourgnon selbstironisch. Als er schließlich den großen Schlag rüber nach Grönland in Angriff nehmen wollte, kam alles ganz anders: 20 Knoten mehr Wind als vorhergesagt, unruhige See, miese Sicht, viele Eisberge. 

Nun versucht er sich an kanadischen Küsten entlang Richtung Süden zu „hangeln“. „Aber ich segle da noch rüber und bringe das offiziell im gesetzten Ziel Nuuk zu Ende!“ schwörte er gestern am Satellitentelefon. „Ich schaffe das!“ 

Yvan Bourgnon, Arktis, Nordwestpassage

Der verbleibende Weg nach Grönland © google maps

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Abenteuer: Yvan Bourgnon hat die Nordwestpassage bezwungen – segeln im Kühlschrank“

  1. Danke Miku für die Erinnerung ! Gegenüber solchen Herausforderungen und Typen relativieren sich unsere “Abenteuer” doch recht erheblich …

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