Antrieb-Alternative: Energy Observer in der Arktis – Blake-Yacht mit Brennstoffzelle und Segeln

Der Mix macht's

Der Katamaran „Energy Observer“ ist während seiner mehrjährigen Weltreise mit Brennstoffzellen-Antrieb und Wing-Segeln vor Spitzbergen angekommen. Wegweisende Premiere mit Potential für die Zukunft.

Während mehr und weniger weltberühmte Persönlichkeiten möglichst emissionsfrei in einer IMOCA über den Atlantik segeln und damit für viel Wirbel sorgen, geraten andere Projekte mit ähnlichen Ambitionen zumindest im deutschsprachigen Raum schnell in Vergessenheit. 

Wie zum Beispiel die „Energy Observer“. Das französische Projekt rund um einen umgebauten, einst ebenfalls berühmten, aber kaum wieder zu erkennenden Katamaran und seinen Kapitän Victorian Erussard, macht derzeit in Frankreich und Kanada viel Furore. Nein, nicht wegen irgendwelcher VIPs unter den Passagieren, sondern schlicht wegen ersten Etappenerfolge auf einer Reise um die Welt. 

Nur ein weiterer Abenteurer im Hohen Norden?

Klartext: Bis 2022 will der Hochseekatamaran „Energy Observer“ völlig autark und ausschließlich von regenerativen Energien angetrieben, um die Welt segeln. Laut Kapitän Erussard hat der 33 Meter lange und 18 Meter breite Katamaran jedoch schon die „vielleicht wichtigste Etappe der Reise bravourös gemeistert“ – die Energy Observer ist Mitte August auf Spitzbergen angekommen und erkundet derzeit den „Brennpunkt des Klimawandels“, also die Arktischen Regionen. 

Energy Observer, Arktis, Brennstoffzelle

Im Brennpunkt des Klimawandels angekommen: Energy Observer im Hohen Norden © energy observer

Nun zählen Fahrten in den Hohen Norden und entsprechend PR-trächtige Erkundungstörns längst zum guten Ton in der Abenteurer- und vermeintlichen Expeditionsszene. Doch kann die Leistung der „Energy Observer“ nicht genug gelobt werden – nicht zuletzt, weil mit und auf dem Katamaran ernsthaft und mit reichlich Engagement alternative Antriebstechniken unter extremen Bedingungen erprobt und gleich „vor Ort/an Bord“ verbessert oder ergänzt werden. 

Dritte Kampagne für die Brennstoffzelle

Ende des letzten Winters legte der Katamaran, der 1983 gebaut und u.a. als „Team Enza“ mit Sir Peter Blake bereits vor 25 Jahren die Jules Verne Trophy (schnellste Nonstop-Weltumseglung mit Crew) gewonnen hatte, im bretonischen St. Malo zu seiner dritten „Energy Observer“ Kampagne ab.

Zuvor fuhr der Kat im Jahre 2017 – damals noch ausschließlich mit Solar-Energie und Brennstoffzellentechnikdie französische Atlantikküste entlang von Hafen zu Hafen und machte 2018 eine Art Werbetour für alternative Antriebe durchs Mittelmeer.

Energy Observer, Arktis, Brennstoffzelle

Wings als wichtiger Zusatz-Vortrieb, neben dem selbst an Bord produzierten Wasserstoff © energy observer

Für den diesjährigen Törn gab es jedoch noch ein weiteres „Antriebsschmankerl“: Gemeinsam mit dem französischen Design-Büro VPLP konzipierte Erussard Flügelsegel für die „Energy Observer“, die stark an die Wing-Designs der America’s Cupper erinnern. 

„Eine logische und unerlässliche Maßnahme, wenn man in den hohen Norden segelt, wo bekanntlich nicht immer die Sonne vom wolkenlosen Himmel strahlt,“ erklärte Erussard auf seiner Website. „Nur mit einem intelligent gesteuerten Mix aus diversen alternativen Antrieben kann so ein Törn tatsächlich bewältigt werden!“ 

Energy Observer, Arktis, Brennstoffzelle

Spektakuläre Einfahrt in St. Petersburg © energy observer

Dieser dritte Törn führte den Katamaran im April sogar für einige Tage nach Hamburg, wo er an den Magellan-Landungsstegen für seine alternativen Antriebe warb. Danach mit mehreren Etappenstopps durch die Ostsee, inklusive St. Petersburg und dann ins nördlichste Norwegen, von wo aus der bislang längste Schlag der Energy Observer nach Spitzbergen gelang.

Auf den mehr als 600 Seemeilen zwischen Tromsø und Longyearbyen begegnete „Energy Oberserver“ und ihre Crew zudem typisch nordischen Wetterbedingungen, die jedoch im Mix der unterschiedlichen Antriebssysteme ohne Probleme gemeistert wurden. 

Flügel sparen Strom

Zuvor hatten die Flügelsegel in der Ostsee noch „gezickt“. Am Wind arbeiteten die Segel nicht homogen, die automatisch geregelten Segelstellungen waren offenbar alles andere als optimal. Unterwegs wurden entsprechende Veränderungen am Segel als auch an der Software vorgenommen, bis die Wings ihren Job wieder korrekt erledigten.

„Ohne sie wäre die Überfahrt nach Spitzbergen überhaupt nicht möglich gewesen”, berichtet der Kapitän weiter. “Aber auch der Wasserstoff-Brennstoffzellen-Antrieb hat seinen Part bestens erledigt.“

Energy Observer, Arktis, Brennstoffzelle

Reine PR-Show oder kursweisendes Projekt? © energy observer

Es sei nur schwer nachvollziehbar für Außenstehende, berichtet Erussard weiter, wie wichtig ein tatsächlich funktionierender Mix der an Bord zur Verfügung stehenden, alternativen Energien sei. Im Prinzip muss permanent berechnet werden, woher der „Saft“ für die nächsten Seemeilen kommt. So habe beispielsweise Kaffeekochen an Bord der „Energy Observer“ einen Einfluss auf die Etmale des Katamarans. 

Die beiden von VPLP-Architekten entworfenen Segel-Flügel sind nicht sehr groß: nur je 31,5 Quadratmeter. Aber schon bei sehr leichten Windverhältnissen agieren sie effizient. Wollte man früher, ohne Wings, den Kat auf sieben Knoten SOG bringen, musste man beide Elektromotoren mit 30 Kilowatt versorgen; mit den Flügeln und nur sieben Knoten Windgeschwindigkeit waren es nur 12 Kilowatt. „Eine Ersparnis von 18 Kilowatt, die im Vergleich zur Bruttoleistung des realen Windes enorm erscheint,“ freut sich Kapitän Erussard. 

Mit Wasserstoff auf dem richtigen Kurs

Doch trotz aller Begeisterung für die Windkraft, setzt der frühere Transat Jacques Vabre und Route du Rhum Finisher Erussard weiterhin hauptsächlich auf die Brennstoffzelle. „Langfristig sind wir mit ihr auf der sicheren Seite,“ stellt er klar. „Sie speist die Elektroantriebe am verlässlichsten.

Um deren Energie, den Wasserstoff, zu speichern, wurden acht 2 Meter dicke Tanks auf den Vordecks des Katamarans montiert. Deren Fassungsvermögen liegt bei 322 Litern respektive acht Kilo Wasserstoff. Der Druck beträgt 350 bar.

Der Wasserstoff wird mit Hilfe von selbst produziertem Solarstrom und einer bordeigenen Meerwasser-Entsalzungsanlage direkt aus dem Meer gewonnen.“ Erussard ist überzeugt , dass mit diesem besonderen System – der Erzeugung des Wasserstoffs an Bord – speziell für Boote in der Größenklasse der „Energy Observer“ eine Art „perpetuum mobile“ entstehen könnte. „Wir forschen, tüfteln, basteln jeden Tag weiter an Verbesserungen im System,“ sagt Erussard. 

Energy Observer, Arktis, Brennstoffzelle

Wer aufrütteln will, braucht starke Bilder © energy observer

Gerade im Hohen Norden, dort wo der Klimawandel am deutlichsten zu erkennen ist, sei die Demonstration von Wasserstoff als Energieträger enorm wichtig. „Auch unter den teils schwierigen meteorologischen Bedingungen klappt alles bestens bei uns an Bord,“ freuen sich Erussard und seine (wechselnde) Crew.

„Hoffentlich können wir unsere alternativen Antriebsmöglichkeiten, insbesondere den Wasserstoff bzw. das Brennstoffzellen-Verfahren mit unserem Törn hier im Norden möglichst vielen Menschen näher bringen. Denn eines ist klar: Es muss sich was ändern in unserer mobilen Welt – bevor es zu spät ist!“ 

Energy Observer, Arktis, Brennstoffzelle

Starkes Team: Erussard (2.v.l.) und seine Crew © energy observer

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Antrieb-Alternative: Energy Observer in der Arktis – Blake-Yacht mit Brennstoffzelle und Segeln“

  1. avatar addi sagt:

    Hoffentlich setzt sich die Brennstoffzelle durch. Auch beim Auto. Wir Deutsche sind ja nicht in der Lage, so wie die Chinesen den ganzen Akkupack zu wechseln, der Neue Akku könnte ja nicht so gut, wie der Alte sein, und ob der dann immer voll geladen ist?

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

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