Wenn Préparateure feiern: Regatta mit Booten aus Karton und Farbe – „Jaqueline, wir sinken!“

Alles Pappe

Der erste Tag ohne Maskenpflicht in Frankreich – die Segler, Bootsbauer und Préparateure in Lorient feierten das mit ihren Familien auf ihre ganz besondere Weise. SR war dabei.

Lorient ist bekanntlich eine französische Stadt am Atlantik, in der es von Bootsbauern, Préparateuren, Seglern, Segelhelden und -heldinnen nur so wimmelt. Weniger bekannt ist, dass diese Szene nicht nur aus Singles besteht, sondern in den meisten Fällen mehr oder weniger bieder ein Familienleben führt. Mit Häuschen (gerne im Grünen), Kind, Kegel, Besuch bei Oma und Opa und Gedöns. 

Familien-Regatta mal anders

Doch gerade dieses Familienleben bringt auch gewisse Verpflichtungen mit sich, vor allem in Post-Corona-Zeiten und in Bezug auf eine sinnvolle Beschäftigung der lieben Kleinen. Worüber sich wiederum die Präsidentin und der Vorsitzende des kleinen Clubs SNL Gedanken gemacht haben.

Ihr wisst schon, das ist einer der ältesten Segelclubs Frankreichs, der schräg gegenüber von La Base sein Refugium hat und mit seiner Bootsflotte aus uralten Lasern, fliegenden Motten, betagten 420ern und rasanten A-Kats sozusagen den Gegenpol bildet zu den IMOCA, Ultim-Trimaranen, Class 40 und Foil-Figaros am gegenüberliegenden Ufer. Wir haben Euch SNL mit den Erlebnissen eines wunderbaren Tages auf und am Wasser letztes Jahr vorgestellt.

Und da sich viele Segler, Bootsbauer und Préparateure gerne in diesem Club beim Apèro und beim Jollensegeln austoben, lag es nahe, dass man eher berufsaffine Freizeitgaudi veranstaltet. 

Et voila – „ca cartonne“. 

Hierbei handelt es sich mal wieder um eines dieser französischen Wortspiele: „Ca cartonne“ bedeutet so viel wie „Volltreffer“ oder „echt stark“. Und carton ist eben… Karton! Beides gemischt und mariniert, kommt ein kreatives, pädagogisch wertvolles und vor allem die Lachmuskeln trainierendes Event heraus. Man nehme: Maximal fünf riesige Bögen Karton, die von Touri-Verein des kleinen Badeortes Larmor Plage und einem Recycling-Unternehmen gespendet wurden.

Stilechter Hintergrund mit Mini – Francois Denis im Papp-Proa © miku

Dann  lasse man sich ein paar Wochen Zeit mit dem gemeinsamen, aber kindgerechten Bau eines Bootes. Ja, tatsächlich – ein Boot aus Karton. Egal ob rund, eckig oder hydrodynamisch, das Boot sollte jedoch den essentiellen Anspruch an ein Wassergefährt erfüllen: Es soll schwimmen und das bitteschön mit einer Crew an Bord!

Bei Destrémeau abgeguckt?

Nun ist es ja so, dass Karton, vulgo: Pappe nicht gerade zu den beliebtesten Bootsbaumaterialien zählt. Auch wenn Sebastien Destremeau bei der letzten Vendée Globe genau dies mit seinem Spritzverdeck aus Karton widerlegen wollte, aber lassen wir das. Pappe saugt sich voll Wasser und das ist für einen Bootsrumpf in welcher Form auch immer der Anfang vom Ende. 

Die Regeln von „ca cartonne“ – und sie mussten strikt eingehalten werden ! – besagen, dass man für den Bau des Bootes nur Pappe und (umweltschonende) Farben verwenden durfte. Sonst nix! 

Am Tag des Events sollte dann ein ca. 300 m langer Parcours am Strand von Larmor Plage gepaddelt oder gerudert werden. Sieger ist, wer als Erster wieder den Strand erreicht. In seinem Boot, wohlgemerkt – schwimmend die Reste desselben hinter sich herziehen gilt nicht! 

Alles Pappe oder was? Event-Poster von Szene-Illustrateur Francois Denis © denis

Als sich dann am vergangenen Samstag die Crews und ihre Boote am Strand versammelten, regnete es wie aus Kübeln. Kein Problem in der Bretagne, gehört dazu! Jeder hatte für genau diesen Fall Abdeckplanen  mitgebracht, damit die Boote nicht schon vor der Wasserung aufweichen. Die Laune der Protagonisten konnte das jedenfalls nicht verderben. Die Kids standen kurz vorm Hyperventilieren und zeigten hyperaktive Symptome. Die stolzen Bootsbau-Väter standen cool neben ihren Kreationen und kommentierten lässig die Risse der Nachbarn. Und einige der Mütter, Gattinnen und Partnerinnen hatten sich schon mal im Bistro um die Ecke ein wenig Spaß angetrunken für dieses Event, dessen Vorbereitungen ihnen immerhin ein paar Abende ohne die lieben Kleinen und die Gatten bescherte. 

Wahre Perlen des (Karton-)Bootsbaus

15 Minuten vor dem Start. Die Crew begann, sich vor Hunderten Zuschauern in ihre Neopren-Anzüge zu quetschen, Wikingerhelme aufzuziehen, Astronautenhelme oder neckische Krönchen aufzusetzen. 10 Minuten vor dem Start. Die Planen werden zur Seite gerollt und darunter hervor kommen wahre Perlen des Bootsbaus! Im ersten Moment ist es wirklich verblüffend, was so manche begnadete Bastler aus dem simplen Werkstoff Pappe alles gebaut haben. Wikinger-Schiffe, Walfische, Haie, Pegasus-Pferde aber auch eine Apollo-Raumkapsel (!). Ganz zu schweigen von einer täuschend echten Replik eines Fischerbootes (3 Monate Arbeit), einer Proa, einem Dampfer und natürlich reichlich Kisten-,Kasten- und Optimistenformen. 

Du bist zu schwer, raus hier! © miku

Was nach dem Startschuss erfolgte, ist eigentlich in Worten unbeschreiblich. Die ersten Karton-Kreationen soffen schon nach 20 Metern im kühlen Atlantik ab, fielen auseinander oder krängten zumindest verdächtig zu einer Seite. Andere wiederum hielten sich erstaunlich lange, bis erste (lachende) Hilferufe zum Ufer schallten. In manchen Booten ruderten die Kids verbissen gegen die (noch verbissener rudernden) Eltern ihrer Schulkameraden um die Wette und gewannen schließlich – wie so oft bei Regatten – aus Gewichtsgründen . Und weil das Konkurrenzboot kurz vor dem Ziel absoff. 

“Dann knie doch aufs Loch!”

Bezeichnend auch die Konversationen an Bord. „Jaqueline, hier ist ein Loch, da kommt Wasser rein! – Dann knie dich drauf! – Jaqueline, da vorne kommt auch Wasser rein – Dann setz den Fuß drauf! – Jaqueline, Spagat kann ich nicht“ Oder: „George, Du bist zu fett, wir sinken, spring raus!“ Und ein betagter Wikinger:„ Ich kann nicht schwimmen, könnte mich bitte die blonde Rettungsschwimmerin da hinten retten?“ Schließlich: „Jetzt kannst Du mal zeigen was Du drauf hast – hier ist echter Sport angesagt. Das ist was anderes als auf deiner doofen Figaro!“ 

Sogar Raumkapseln waen unterwegs © miku

Um es kurz zu machen: Es war „très sympa“! Geprägt von einer ausgelassenen Stimmung am ersten Tag nach dem Lockdown, an dem die Franzosen ohne Maske sich in Gruppen versammeln durften und in Vorfreude auf einen hoffentlich dann bald auch in der Bretagne ankommenden Sommer war die Stimmung entsprechend locker, lässig…  superbe! 

Nur ganz zuletzt wurde die eine oder andere klammheimliche Träne verdrückt, als sich die Überreste aller Boote in einem Container wiederfanden. Wochenlange kreative Arbeit in ein paar Minuten sprichwörtlich versenkt. Aber was soll’s– alles ist ja vergänglich, irgendwie!

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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