Anders leben: 14-jährige Katie McCabe umrundet Großbritannien – solo, unter Aufsicht

Kindheit prägt

Wie erfüllt frau Kindheitsträume? Man nehme: ein herunter gekommenes Boot, möble selbiges während Corona-Lockdown wieder auf und begebe sich – gerne auch unter Aufsicht – auf den großen Törn. Wann sonst, wenn nicht jetzt?

Katie McCabe:14 Jahre jung, solo rund Großbritannien © falanda sailing/McCabe

Kindheit und Jugend prägen. Eine Binsenweisheit, klar, aber dennoch ist viel Wahres dran. Denn was wir in diesen Zeiten erleben, kann uns für ein ganzes Leben formen. „Kann“ – denn solche Regeln werden immer erst durch Ausnahmen bestätigt. 

Sehr häufig, wenn nicht sogar fast immer gilt dies für die mittlerweile unzähligen Kids und Jugendlichen, die auf oder mit Booten aufwuchsen. Die mit ihren Blauwasser-Eltern um die Welt segeln, von Hafen zu Hafen, von einer Ankerbucht zur nächsten tingeln oder jahrelang auf einem Boot neben der Werft leben, auf der Vater und/oder Mutter gerade einen Job haben. 

Ozean oder Großstadt?

Was aus dem „Nachwuchs“ dann letztendlich wird, ist eine Frage des Typs und Charakters. Als junge Erwachsene fliehen viele „bloß weg“ von der Szene, am besten in die Berge oder in Großstädte, wollen nie mehr Meer sehen, kehren den Ozeanen für möglichst immer den Rücken zu. Und holen nach, was sie vermeintlich verpasst haben. Und es gibt die anderen, die den Duft der Freiheit wahrgenommen haben, die sich kein anderes Leben als auf dem Wasser respektive im Boot vorstellen können, die sich für immer dem „Grand Bleu“, dem „Big Blue“ versprechen. 

Der selbst restaurierte Holzklassiker “Falanda” © falandasailing/McCabe

Zur letztgenannten Kategorie zählt eindeutig Katie McCabe. Die 14-jährige Britin ist gerade dabei, solo auf ihrem 26 Fuß langen Holz-Klassiker „Falanda“ (ein West Channel One Design) Großbritannien zu umrunden. Damit will sie als jüngste Frau den großen Törn rund um die Insel schaffen. Nicht mehr und nicht weniger. 

Obwohl sie in den britischen Medien für diesen Törn ausgesprochen „gehyped“ wird und sogar schon als „neue Laura Dekker“ tituliert wurde, ist die Realität einer Katie McCabe jedoch weit von den spektakulären Rekordtörns der damals ähnlich jungen Niederländerin entfernt. 

Katie segelt zwar alleine auf ihrem Boot, ist aber permanent unter Beobachtung ihres Vaters und/oder ihrer Mutter, die beide unweit der jungen Fahrtenseglerin auf dem Familienboot unterwegs sind. Und so im Notfall immer zu Hilfe eilen können. 

Die junge Britin reist zwar alleine, was aber nicht heißt, dass sie sich nicht den einen oder anderen Zwischenstopp gönnt. Hier mal in einem netten Hafen anlegen, dort mal Proviant bunkern. Sehr entspannt alles, von Rekordzeit hat schließlich niemand geredet.

Neben dem Familienklassiker im Hafen © falandasailing/McCabe

Außerdem nimmt es Laura mit der Umseglung der Insel als solcher nicht allzu ernst. Gerade ist sie durch den kaledonischen Kanal geschippert und hat Loch Ness unter Spi durchquert, der die Ost- und Westküste Schottlands miteinander verbindet. Die nördliche Umsegelung war dann wohl doch zu gefährlich und kniffelig, zumal dort derzeit ein Tief das andere ablöst und die Gegend um die Orkney Inseln etwas ungemütlich erscheinen lässt. 

Nicht einfach, alles!

Dennoch war der Törn für Katie McCabe bisher alles andere als eine Spazierfahrt. Sie musste miserable Hafeneinfahrten gegen den Strom meistern, schlug sich mit reichlich Nebel und tagelang anhaltendem Sturzbachregen herum, schaffte ihre erste Solo-Nachtfahrt bravourös, muss immer wieder mit der Tide schon mitten in der Nacht wieder raus auf die See. Von öligen Flauten bis hin zu über 30 kn Windstärke waren zudem die Segelbedingungen sehr „gemischt“. 

Natürlich gab es auch die tollen Momente, Stunden, Tage. Die faszinierenden, ewig dauernden Sonnenuntergänge vor der Küste Schottlands, Mink-Wale, die bei ihr vorbei schauten, stundenlange Schläge auf einem Bug, mitunter sogar ein Absurfen hoher Wellen. 

„Für alles – das weniger Gute und das Faszinierende – bin ich auf diesem Törn unterwegs,“ schreibt Katie McCabe auf ihrem Blog. „Ich möchte keine einzige Minute davon missen!“ 

Durch den Nebel gekommen © mccabe/falandasailing

14 Jahre jung und schon so eng mit der See verbunden! Logisch, Katie kann nur eines dieser oben erwähnten Meeres-Kinder sein. 

Katie ist auf dem 50′ (15m) alten Fischtrawler „Ros Ailither“ ihrer Eltern aufgewachsen, der bis vor kurzem noch das Zuhause der Familie war. Ob sie nun in Topsham vor Anker lag, weil der Vater Bootsbauer ist und in nahegelegenen Werften arbeitete oder mit ihrer Familie auf einjährigen Segeltörns unterwegs war – für Katie war das immer alles nur „Paradies“. Als Kinder- und Jugendlektüre verschlang sie Berichte von Einhand-Weltumseglern, fühlt sich inspiriert von britischen Hochseeseglerinnen im Volvo Ocean Race und kürt Ellen MacArthur zu ihrem großen Vorbild und Idol. Die übrigens ihre Hochseekarriere auch mit einer Umrundung der Britischen Inseln begann. 

“Ich habe das Hochseesegeln schon immer gemocht und würde gerne mehr davon machen. Wenn ich es also gut um Großbritannien herum schaffe und bis dahin nicht die Nase voll vom Salzwasser habe, hoffe ich, dass ich mich mit dem Segeln über längere Strecken befassen kann”, erklärt Katie. “Ich habe mich dafür entschieden, das Einhandsegeln mit einer Umrundung Großbritanniens zu beginnen, weil es für mich eine großartige Gelegenheit ist, meine Segel- und Navigationsfähigkeiten zu testen, während das Land nur ein paar Meilen entfernt ist.“

Lackieren statt daddeln

Katie ließ ihren lang gehegten Traum vom eigenen Boot schon vor zwei Jahren wahr werden. Die „Falanda“ lag verkommen, fast schon ein Wrack, in der Ecke einer Bootswerft in Cornwall und war für wenig Geld zu haben. Vollgelaufen mit Regenwasser, strukturellen Schäden am Rumpf und überhaupt reichlich verrottet – Katie verknallte sich trotzdem gleich in den Klassiker. 

Unter Spi bei Nessie © falandasailing/McCabe

Wohl wissend, dass ihr Vater, klassischer Bootsbauer und Holzfachmann, bei der Restaurierung helfen würde. 

Nachdem sie mehrere gebrochene Spanten und einen Großteil des Cockpits ersetzt und den Motor überholt hatten, wurde die FALANDA zwei Tage vor dem zweiten Corona-Lockdown wieder zu Wasser gelassen. Als dann die Schulen geschlossen wurden, verbrachte Katie ihre so gewonnene Freizeit nicht mit Computer-Daddeln oder sonstigem, „normalem“ COVID-Zeitvertreib, sondern lackierte die Möbel der Kajüte, erledigte kleinere Reparaturen im Innenraum und plante minutiös ihre Reisen.

Als die Beschränkungen nachließen, begab sich Katie auf einen 400 Seemeilen langen Testtörn zu den Scilly-Inseln und zurück. Sie segelte allein auf der FALANDA, die Familie war auf einem anderen Boot in der Nähe. Kein GPS oder „sonstigen elektronischen Kram“ an Bord, navigierte Katie klassisch mit Seekarten und Plotten. Ein Törn, der Mut und Selbstvertrauen für Größeres und Längeres gab. 

Die Hälfte ihrer Great-Britain-Umseglung hat sie bereits geschafft. Nun stehen die Westküste Schottlands, die Isle of Man, Wales und das auch in Hochsee-Regattakreisen so berühmte Lands End auf dem Programm. 

Während sie segelt, sammelt Katie Geld und macht auf Meeresverschmutzung und Plastik aufmerksam, indem sie Sea Shepherd UK und Lonely Whale unterstützt. 

Auf ihrem Blog beschreibt sie in einer für Jugendliche erstaunlich sachlichen Art und Weise (Logbuch-Stil) Ihre Reise. Sehr lesenswert!

Blog Falandasailing

Facebook Falandasailing

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

17 + 19 =