Anders leben: Australische Großfamilie will rundum – Geschichte eines Fotos

Mit elf Kindern um die Welt

11 Kinder, Familie, Weltumseglung

Das Foto belegte den zweiten Platz beim National Photographic Prize in Australien © vaughan

Drei Tage nachdem sie ihr letztes Kind auf die Welt gebracht hatte, kam die Fotografin an Bord. Und zeigte mit einem Bild, wie es wirklich zuging. 

Es gibt eine Menge spannender wie auch verrückter Typen da draußen auf den Sieben Meeren. Nein, diesmal soll nicht die Rede sein von den Hochseehelden in ihren (fast) fliegenden Rennern. Auch die Stars und Sternchen der Szene werden nicht zu Wort kommen. Vielmehr soll es um Menschen gehen, die auch ohne spektakuläre Auftritte das Außergewöhnliche unter Segeln wagen. Und dabei ebenfalls weit über sich hinaus wachsen. 

Kurz, es geht um eine Familie, eine Mutter und um ein Foto, das beinahe den australischen „National Photographic Prize“ gewonnen hätte. 

Alles begann damit, dass Beccie und Steve mal was anderes machen wollten, als ihre Farm im Landesinnern von Tasmanien zu bestellen. Also verkauften sie Land und Haus, packten ihre Siebensachen und die Kinder, kauften sich eine 13-Meter Segelyacht, tauften dieselbe auf den Namen „Sumbawa Pride“ und begannen ein Leben als Blauwassersegler. 

11 Kinder, Familie, Weltumseglung

Die Sumbawa-Familie © largefamilyaroundtheworld

So weit, so gut. Doch der Knackpunkt an dieser kleinen Geschichte ist die Anzahl der mitsegelnden Kinder. Sage und schreibe 10 Jungen und Mädchen aller Altersklassen zogen vor zwei Jahren mit Mom und Dad aufs Boot. Das elfte Kind kam vor einem Jahr auf dem neuen Zuhause zur Welt.

Chaos an Bord

Man muss sich das mal vorstellen: Mit 11 Kindern wollen Beccie und Steve nicht mal einfach nur auf ihrer Yacht leben, sondern tatsächlich die große Runde wagen. Die gesamte Familie hegt mittlerweile den Traum von einer Weltumseglung, wenn man auch in den letzten Monaten noch nicht sonderlich weit gekommen ist. Die meisten der Kids seien eben noch zu klein für einen wirklich langen Schlag über den Ozean, meint Vater Steve in seinem Blog, aber das könne sich bald schon ändern, wenn sich das Jungvolk mehr an das doch relativ enge Leben an Bord gewöhnt habe. 

Elf Kinder und zwei Erwachsene auf einem 13-Meter Boot! Doch, doch, es sei durchaus genug Platz für jeden vorhanden, widerspricht Beccie ihrem Gatten. Es sei eben alles eine Frage der Organisation. 

11 Kinder, Familie, Weltumseglung

Kinder, Kinder… © Vaughan

Also versucht sich die Crew der „Sumbawa Pride“ in der hohen Kunst der familiären Organisation – und scheitert. Zumindest vermittelt ausgerechnet Mutter Beccie mitunter diesen Eindruck. Denn wenn sie auch als „Hüterin des Blogs“ immer wieder von ihren fantastischen, reizenden und sowieso allerbesten Kindern spricht, so ist doch unverkennbar, dass dem Chaos an Bord kaum Einhalt geboten werden kann.

Porträts der anderen Art

Vor einem Jahr kam die in Australien bekannte Starfotografin Alex Vaughan für ein paar Stunden an Bord der „Sumbawa Pride“. Das Boot ankerte damals vor Chinaman’s Beach unweit von Sydney. Alex war auf der Suche nach Porträt-Motiven, die sich möglichst weit vom herkömmlichen Porträt-Klischee entfernen. Und mit der Sumbawa-Crew glaubte sie von Anfang an, das große Los gezogen zu haben. Als Steve dann auch noch erzählte, dass seine Frau gerade vor drei Tagen an Bord ihr 11. Kind entbunden hatte, war für die Fotografin sogleich klar, wie das Gruppenfoto der Familie aufgebaut sein muss: Kids und Ehemann rund um die Mutter und das Neugeborene. 

Also stellten sich alle auf ihre ganz besondere Weise auf bzw. nahmen ihren selbst ausgedachten Platz im Bild ein. Alle, außer Beccie. Ausgerechnet Beccie, die sonst immer strahlt, die immer mit einem Lächeln für gute Laune sorgt und sich schier unermüdlich an ihren Kindern und deren Wildheit erfreuen kann, ausgerechnet Beccie schaut ziemlich verdrießlich drein.

So entstand ein Bild, dem man sofort ansah, dass es das Außergewöhnliche in den Gesichtern der Fotografierten eingefangen hatte. Gute Chancen also für Alex Vaughan, sich damit für den in Australien äußerst renommierten „National Photographic Prize 2019“ zu bewerben. 

Um es kurz zu machen: Die „Sumbawa-Familie“ schaffte es bis in die Endausscheidung, wurde allerdings knapp auf den zweiten Rang „verwiesen“. 

Alle außer Beccie

In der Zwischenzeit hatte sich Mutter Beccie von den Strapazen der Geburt an Bord erholt, zeigte wieder jedem ihr strahlendes Lächeln, engagierte sich erneut als Motivatorin der gesamten Familie und war dennoch (oder gerade deshalb?) sehr unglücklich über das Foto von sich und ihrer Familie. Denn mittlerweile hatten große Medien in Australien die Einreichung zum Photo-Award bereits gezeigt, der Bekanntheitsgrad der Sumbawa-Familie stieg rasant, es gab sogar den einen oder anderen Sponsor, der sich für sie und ihre Reise interessierte.  

Beccie, wie eigentlich immer © largefamilyaroundtheworld

Doch Beccie schrieb in ihren Blog: „Ich kann das Foto überhaupt nicht leiden. Alle lachen, alle sind in Bestform. Und ich? Ich wollte so aussehen, als wäre ich Wonder Woman. Ich wollte unbesiegbar wirken. In der Lage, 11 Kinder auf der einen Seite zu jonglieren, das Boot auf der anderen Seite zu organisieren, während man auf dem Wasser läuft, Kranke heilt und die Welt rettet.

Dieses Foto zeigte nichts davon. Dieses Foto zeigte mich real.

Eine Mutter, die ihr neugeborenes Baby fütterte, das müde, gestresst, dem es zu heiß war.

Es zeigte das Unbehagen, das ich fühlte, da sich mein Magen immer noch zusammenzog, als ich das Baby stillte.  Es zeigte mentale Qualen, als ich mich fragte, ob ich verrückt bin oder nicht. Es zeigte meinen Schmerz. Und genau deshalb ist dieses Bild so kraftvoll.“

Aber nicht nur die Fotografie der segelnden Großfamilie sorgte für weitere Aufmerksamkeit. Auch die „Hüter von Facebook“ trugen ihren Teil bei. Denn irgendwann schaute Fotografin Alex Vaughan auf ihren FB-Blog und musste feststellen, dass ihr Sumbawa-Familienfoto von den Sittenwächtern des FB offline gestellt worden war. Offenbar vermutete man pädophiles Ansinnen bei der Fotografin – ein Irrtum, für den man sich nach Bekanntwerden durch australische Medien seitens Facebook rasch entschuldigte und das Bild wieder zuließ. 

Geht’s um die Welt oder nicht?

Seitdem der zweite Rang beim National Photographic Prize (auch mit massiver Hilfe einer großen Segelgemeinde, die sich beim Publikums-Award die Finger wund klickte) erreicht wurde, interessiert sich halb Australien dafür, wie es denn nun mit der 13-köpfigen Seglerfamilie weitergeht. „Erstmal Segeln wir jedenfalls nicht über das große Wasser“  versicherte Steve in einem Interview mit lokalen Medien. Es gebe entlang der australischen Küsten vor allem für die Kids noch genug zu entdecken. Zudem steht der Winter auf der Südhalbkugel vor der Türe, man müsste sich reichlich beeilen, wenn man einen langen Schlag machen wolle, bevor die Stürme stärker werden und länger anhalten. 

Und vielleicht brauche sie ja in den kommenden Monaten sowieso ein wenig mehr Ruhe für sich selbst, sagte Beccie unlängst einem australischen TV-Sender. Und sollte nochmals Nachwuchs auf dem Boot zur Welt kommen, dann werde sie wieder Alex Vaughan zum Fototermin bitten. Um dann so zu lächeln, wie sie es eigentlich immer macht. 

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Michael Kunst

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