Anders leben: Junge Familie segelte auf Kayaks 7.200 km durch Europa – mit zwei kleinen Kindern

"Das Leben ist gut!"

18 Monate dauerte der Trip und keinen Moment wollen die Vier davon missen. Ein Abenteuer der ungewöhnlichen Sorte, perfekt zugeschnitten auf eine eher ungewöhnliche Familie.

Vielleicht stimmt es ja, was die meisten Abenteurer gerne zu Beginn ihrer Erzählungen sagen: Der erste Schritt sei der schwierigste, alles andere komme dann fast wie von selbst. Dem heute 40 jährigen Dänen Lars Simonsen wurde es jedenfalls ziemlich leicht gemacht, diesen ersten Schritt hin zum ganz großen Abenteuer zu machen. Er saß vor zwei Jahren bei einem Bewerbungsgespräch für einen vielversprechenden Job, mit dem er in Zukunft seine Familie bequem hätte ernähren können… und betete, dass er nicht eingestellt wird!

Denn Plan B lockte den Abenteuerlustigen viel mehr: Gemeinsam mit seiner Partnerin Suzi und den beiden Kids Tiuri (7), und Liva (5) mal eben schnell in zwei Hobie Tandem-Kayaks von Kopenhagen nach Istanbul zu paddeln und zu segeln. Deutlich spannender, als ein tristes Angestelltendasein mit Feierabend im Reihenhaus und glücklicher Familie vereint vorm Fernseher…

Es kam, wie es kommen musste. Lars Simonsen bekam den Job nicht und der wohl wichtigste, wenn nicht sogar schwierigste Schritt zu einem faszinierenden Familienabenteuer war getan.

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Die Alten haben Spaß, die Kurzen halten Mittagsschlaf © simonsen

Kaum Kohle, viel Enthusiasmus

Lars handelte ein Sponsorship für zwei Hobie Cat Mirage(R) Tandem Islands- Wanderkayaks aus , komplett mit Segeln, Mirage-Pedal-Paddelantrieb und allem Drum und Dran, was man für längere Reisen eben so braucht. Das für die Reise benötigte Geld lag im „Sparstrumpf“; wenn auch von Beginn an klar war, dass sich die Familie keine „großen Sprünge“ erlauben kann.

Als die Vier auf ihren kleinen Trimaranen im Mai 2014 in Kopenhagen lossegelten, erwartete sie die Ostsee mit ihren ruppigsten Bedingungen. „Wir lernten rasch, mit den Kayaks effizient zu segeln. Unseren Paddelantrieb brauchten wir nur , wenn wir uns abends einen schönen Strand zum Campen aussuchten,“ erinnert sich Lars auf dem Familien-Blog. Im Nord-Ostsee-Kanal fuhren sie dann erstmals auf Tuchfühlung neben den riesigen Ozeanpötten, in deren Nähe man als Kayakfahrer mit kleinen Kindern an Bord am liebsten nie, nie, nie kommen möchte. Und dennoch: Die Kids nötigten ihre Eltern, auf den Bugwellen der „Großen“ zu surfen, während die „Kurzen“ vor Freude jubelnd am Bug stehend „Wellenreiter“ spielten.

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Family-Selfie am Strand © simonsen

Durch Deutschland fuhren sie meist auf Kanälen; Wochen später wurde es in den Niederlanden besonders gastfreundlich. Was wiederum daran lag, dass Mama Suzy gebürtige Holländerin ist und so ziemlich alle Familienmitglieder die Abenteuerlustigen für „mindestens ein paar Tage“ bei sich aufnehmen wollten.

In Belgien machten die Vier erstmals Bekanntschaft mit dicht aufeinander folgenden Schleusen, was in Frankreich schließlich alltäglich wurde. Dort überwanden sie innerhalb von sechs Stunden in 26 Schleusen 80 Höhenmeter.

Irgendwann, vom Mistral durchgepustet, landeten sie in der Camargue an der Mittelmeerküste. Die Kids und die Eltern waren mittlerweile längst ein eingespieltes Team und das Timing stimmte auf den Punkt genau. Denn Nesthäkchen Liva hatte sich für ihren Geburtstag pinkfarbige Flamingos gewünscht… und die stolzierten ein paar Meter vor ihrem Zelt, als sie morgens mit Happy Birthday-Gesang von ihrer Familie geweckt wurde.

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Gedeckter Tisch am Strand © simonsen

Vernunft und Vorsicht

Natürlich, es braucht schon eine gewisse Portion Glück, um solche Abenteuer mit kleinen Kindern ohne Gefahr für Leib und Seele zu überstehen. Doch das Wichtigste ist eine vernünftige Herangehensweise, wenn sich das auch angesichts einer Familie, die über 7.000 Kilometer in Segelkayaks zurücklegen will, etwas paradox lesen mag.

Die längst erprobten Abenteurer Suzi und Lars richteten jedenfalls ausnahmslos ihre Tage nach den Bedürfnissen und dem Befinden ihrer Kinder aus. Und packten diese in einen geregelten Tagesablauf, der auch in den wildesten Abenteuern möglich, wenn nicht sogar notwendig ist.

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Nacht auf einer griechischen Insel © simonsen

Aufgestanden wurde um acht Uhr, danach nahm sich die Familie immer – völlig unabhängig vom Wetter oder von der Örtlichkeit, wo sie ihre Zelte aufgestellt hatten- Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Anschließend wurde in Ruhe gepackt, die Boote beladen, um nach einem kleinen Lunch endlich die Tagesetappe in Angriff zu nehmen. Drei bis vier Stunden segelten oder paddelten die Vier, bis sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Platz für die nächste Nacht machten. Dabei suchten sie übrigens nicht immer nur die Einsamkeit: „Uns haben enorm viele Menschen ihre Gastfreundschaft angeboten – und sehr oft haben wir diese auch angenommen!“ Die dann am häufigsten gestellte Frage von Neugierigen, die sie ansprachen: „Wo haben sie denn ihr Auto geparkt? Wir fahren sie hin!“ Und die vier antworteten dann unisono: „O, das steht in Kopenhagen!“

Von Italienern bemuttert

Folgten monatelange Touren entlang der schönsten mediterranen Küsten. In Monaco wurden sie nach einem harten Tag in heftiger See vom Yacht Club gleich in eine Hotelsuite verfrachtet und in Italien wochenlang wie eine Heldenfamilie bemuttert. Die italienische Küstenwache empfahl sie von Küstenabschnitt zu Küstenabschnitt ihren Kollegen, so dass sie immer „unter Aufsicht“ waren. Und die lokalen Medien stürzten sich beim Landgang förmlich auf die vier Abenteurer aus dem Norden. „Doch das Größte war die Gastfreundschaft der Italiener und später der Griechen,“ stellt die Familie auf ihrem Blog klar. „Überall wurden wir mit offenen Armen willkommen geheißen, manchmal konnten wir uns vor Einladungen kaum retten.“

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Manchmal waren die Bedingungen auch etwas feucht-fröhlich © simonsen

Ihren Tagesrhythmus hielten sie jedoch immer ein. Ausnahmen waren lediglich ausgedehnte Landaufenthalte, die sie nach besonders ruppigen Stunden auf See einschoben. Um in den Küstenwäldern herumzustreunen oder an Stränden nach vergrabenen Seeräuberschätzen und Muscheln zu suchen.

Der Traum verdichtet sich

Als sie schließlich durch die griechische Inselwelt ihrem Ziel in Istanbul immer näher kamen, verdichtete sich ihr Abenteuer zu genau dem, was sich die Familie vor Antritt ihrer Reise ausgemalt hatte. Strahlende Sonne, azurblaue Wasser, Delfine als ständige Begleiter und wieder unfassbar gastfreundliche Menschen in jedem Hafen, an jedem Strand. Und dass sie ausgerechnet dort, im „Paradies“, kurz vor dem Ziel ihre gefährlichste Situation erlebten, als Suzis Kanu im Meltemi-Wind kenterte … geschenkt. Denn alles ist gutgegangen, die Vier waren ja längst ein eingespieltes Team und haben sich gegenseitig aus der Misere wieder heraus geholfen.

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Traumhaft © simonsen

Nach den dann doch etwas peniblen Problemen mit den türkischen Grenzschutzbehörden – die „Nordländer“ hatten offensichtlich nicht die richtigen Papiere bei sich – landeten Suzi, Lars, Tiui und Liva schließlich ein letztes Mal an einem Strand an, kurz vor Istanbul. Und dort wurden sie von Freunden und Verwandten mit Bannern, einem Festmahl und natürlich Champagner empfangen. 7.200 Kilometer in 18 Monaten auf zwei schmalen Segelkayaks… mehr muss man dazu eigentlich nicht mehr schreiben.lig-cover

Mit Informationen von hobiecat.com

Kürzlich ist ein E-Book (auf Englisch) über ihr großes Abenteuer erschienen.

Die Abenteuer der Familie sind jedoch noch nicht zu Ende. Ihre Facebook-Seite ist voll mit weiteren „Törns“, wie zum Beispiel auf dem Yukon River.

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Anders leben: Junge Familie segelte auf Kayaks 7.200 km durch Europa – mit zwei kleinen Kindern“

  1. Danke – interessante Geschichte. Es geht also mit noch viel weniger als der SSC18 …

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