Atlantik Rekord: Francis Joyon über Strategie, Zweifel und das Leben an Bord.

„Immer kurz vorm Kentern!“

Hubschrauber-Aufnahmen (im Rohzustand) von der Überquerung der Ziellinie. Krasses Hochgeschwindigkeitssegeln!

Nach seinem neuen Fabelrekord berichtet der 57jährige Franzose von den wichtigsten Entscheidungen und Momenten an Bord seines 29,70 m langen Katamarans „IDEC“.

Nachdem Francis Joyon den alten Geschwindigkeitsrekord auf der Nordatlantik-Route von Thomas Coville um mehr als 16 Stunden unterboten hatte (05:06:56:10 Tage), gab er trotz extremer Übermüdung („Ich habe in den fünf Tagen höchsten 10 Stunden geschlafen!“) den Medienvertretern am Steg Auskunft.

Joyon, Rekordsegeln, Nordatlantik

“Irgendwann war alles klatschnass” © IDEC, Liot

Der Mann, der die wichtigsten Einhand-Geschwindigkeitsrekorde unter Segeln einstellte (um die Welt, Entdeckerroute, 24 h und jetzt Nordatlantikroute) über…

…das Wetterfenster:

Es war nicht unbedingt  verlockend, und das aus mehreren Gründen. Als ich in New York ankam, hing das Zentrum eines Tiefs über Miami, was wiederum eine Menge Regen vor Ort in New York mit sich bringt und Wind im Süden nach sich zieht. Nicht gerade günstig, diese Situation, zumal der Verlauf des Tiefs nicht exakt vorherbestimmt werden konnte. Aber gemeinsam mit Jean-Yves Bernot, meinem „Router“, haben wir beschlossen, dass die Warterei ein Ende haben soll. Schließlich wollten wir endlich ein bisschen spielen…

…die längere Strecke (3.222 sm):

Das Tief hätte einen nördlicheren, also kürzeren Weg nehmen oder, im Gegenteil, noch tiefer im Süden durchziehen können, was wiederum katastrophal gewesen wäre. Letztendlich haben wir einen Kompromiss gefunden, der genau passte. Und es gab ja noch einen weiteren Vorteil auf der eher südlichen Route: Keine Eisberg-Gefahr vor Neufundland und deutlich weniger Nebel als bei meiner letzten Rekordfahrt in der Gegend. Unterm Strich hätte man rein rechnerisch auf der gewählten Strecke einen halben Tag gutmachen können.

Joyon, Rekordsegeln, Nordatlantik

Der Herr der Rekorde: Francis Joyon © liot, IDEC

…die Grenzen des Maxi-Trimarans „IDEC“:

Es war von Anfang an klar, dass ich auf dieser eigentlich längeren Strecke, auf der ich nun unterwegs war, maximale Geschwindigkeiten fahren musste, um die zusätzlichen Seemeilen zu kompensieren. 26 kn waren das im Durchschnitt. Meine Erfahrung aus dem 24-Stunden-Geschwindigkeitsrekord (666,23 sm) haben mir dabei sehr geholfen. Ich bin ja nun schon einige Jahre auf den Mehrrumpfgiganten unterwegs und dennoch überrascht es mich immer wieder, wie viel zusätzliches Geschwindigkeitspotential noch in ihnen steckt. Eigentlich dachte ich, längst am Maximum angelangt zu sein, und dann kitzelt man doch noch ein paar Knoten mehr raus. Geschwindigkeiten von 35 kn werden längst erreicht und überschritten, wir sind schon bei 40 kn und mehr. Das sind Bereiche, die ich so nicht gekannt habe – um ehrlich zu sein: ich kenne die Grenzen dieser Schiffe überhaupt nicht. Alles hängt vom Seegang, vom Wind und seiner Richtung ab, da ist offenbar noch so viel rauszuholen.

…zwischenzeitlich 144 sm Rückstand auf Thomas Coville und dennoch nie Zweifel gehabt?

Nie! Ich hatte ja die Rekordfahrt von Thomas genau studiert und wusste, dass er mit seiner leicht nördlicheren Route zwar weniger Seemeilen fahren musste, aber gegen Ende der Strecke auch weniger Wind hatte.

Joyon, Rekordsegeln, Nordatlantik

Permanenter Stress, immer kurz vorm Kentern © liot, IDEC

…das Leben an Bord der IDEC:

Normalerweise nehme ich für solche Rekordfahrten frische Nahrungsmittel mit an Bord. Nur diesmal hatte ich vor der Abfahrt keine Zeit zum Einkauf. Zum Glück hat mir ein befreundeter russischer Segler ein paar Sachen mitgegeben, die für Abwechslung von den sowieso an Bord gelagerten Dosenrationen sorgten. Was die Schlaferei anbelangt: Insgesamt habe ich weniger als 10 Stunden in den fünf Tagen geschlafen. Was allerdings das Schlimmste war: Es hat sehr viel geregnet bei dieser Rekordfahrt, weil ich ja im „aktiven“ Bereich des Tiefs unterwegs war. Zuletzt war alles an Bord klatschnass.

…den Umgang mit Stress:

Auf diesen Schiffen steht man immer kurz vor dem Kentern. Man muss permanent trimmen, um die IDEC beim Eintauchen in die Wellen zu entlasten. Das bedeutet: permanenter Stress. Die ersten drei Tage war ich beunruhigt. Am vierten Tag war ich abgestumpft: ich hatte mich an einen Stress gewöhnt, wie ich ihn nie zuvor erlebt habe.

Joyon, Rekordsegeln, Nordatlantik

Geht doch, auch noch mit 57 Jahren © Liot, IDEC

…den enormen sportlichen Erfolg:

Ich habe die letzten drei Rekordfahrten auf einem Schiff gemacht, mit dem ich 2011 vor New York kenterte. Es lag mir wirklich am Herzen, es allen zu zeigen, dass genau dieser Trimaran weiterhin ein großes Potential in sich birgt. Und was zudem befriedigend war: Alle Rekorde fuhr ich mit dem Original-Segelsatz  – die Segel, mit denen ich schon 2007 um die Welt raste.

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Atlantik Rekord: Francis Joyon über Strategie, Zweifel und das Leben an Bord.“

  1. avatar Manfred A. sagt:

    Wie witzig: Mit Segeln von 2007! 🙂

    Da soll nochmal einer sagen man bräuchte jede Saison neue Klamotten. Kann mir jemand den Segelmacher nennen 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 16 Daumen runter 0

    • avatar Alex sagt:

      Ist er mit diesen Segeln eigentlich auch gekentert?

      Ob die danach so einen grünen oder braunen Streifen im Top hatten?

      Ach ne war ja vor NY da ist es tief genug.

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    • avatar Olli sagt:

      Der Segelmacher ist wie bei fast allen größeren Ozeanrennyachten Incidence. Das Tuch ist GPL Doppeltaft. Ein Carbonsandwich mit beidseitigem Taftschutz, das radial verarbeitet wird. Sehr zu empfehlen in Hinblick auf Haltbarkeit wenn hohe Lasten am Werk sind.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar Heini sagt:

    Ich überlege gerade, ob man Joyon als die Nr. 1 bezeichnen kann / muss.
    Mit fällt niemand ein, der vergleichbares geleistet hätte, weder die Peyrons noch Coville, Cammas, Desjoyeaux und wie sie alle heissen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 3

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