Beziehungssegeln im Mini: Falsche Tonne, miku rockt den Rock – ausgerechnet mit Andrea!

Auf dem Topf

Wenn eine bretonische Untiefe schon „le pot“, also „der Topf“ heißt! Da muss man sich ja draufsetzen! Noch doofer wird es, wenn es sich ausgerechnet um die erste Ausfahrt mit der Angebeteten handelt!

Bloß nicht hinter die rote Tonne segeln! (Szene nachgestellt!!!) © miku

Nicht alle Segler haben das Glück, dass ihre Frau fürs Leben, die Angetraute, die Lebensabschnittsbegleiterin, die allerbeste Freundin… kurz: die Angebetete freiwillig mit an Bord kommt. Geschweige denn, Spaß beim Glitsch in einer kernigen Atlantikwelle oder am Sonnenuntergang unter Max-Spi empfindet. 

Oft genug ist dann Segeln ein Thema, das man höchstens im Konjunktiv II zur Sprache bringt – wünschte, hätte, wäre, könnte. 

Im Falle des Autors dieser Zeilen und „seiner“ Andrea ist es noch etwas facettenreicher. Denn sie hing schon als zarter Teenie im Trapez des 470er „Kamikaze“ oder machte eine gute Figur am Draht des hochbordigen Familien-Spankers. Aber bitteschön nur auf Baggerseen oder Altrheinarmen.

Action ja, Welle nein!

Denn Andrea hasst Wellen. Schon beim kleinsten Schwanken wie bei der Hafenrundfahrt in Hamburg oder beim Überqueren des Rheins auf einer Gierseilfähre macht sich bei ihr sofort ein „ungutes Gefühl“ im Magen bemerkbar. Gerne aufs Wasser, gerne auch Action – aber ohne jegliche Welle. 

Nun ist das eine schwierige Angelegenheit, weil sich Andreas Partner, also der Autor dieser Zeilen, vor ein paar Jahren unbedingt einen mittlerweile 20 Jahre alten Vintage-Mini-Protoypen zulegen musste. Der selbstredend stilecht in Lorient ausgeführt wird und dort ein glückliches Dasein zwischen seinesgleichen fristet. Nicht dass Andrea etwas gegen den Mini gehabt hätte! Oft genug stand sie grinsend mit einem Begrüßungskaltgetränk am Steg, wenn ich von einer meiner Solo-Heldenfahrten (die andere, zugegeben, als nette Trainingseinheit bezeichnen würden) zurückkehrte. 

Doch mitmachen, mitsegeln, mitspasshaben stand aus wellenspezifischen Gründen jahrelang für Andrea nicht zur Diskussion. Punktum! 

Lust drauf

So klingelten gleich alle Glücksglöckchen, als ich von ihr letzten Sommer bei einem morgendlichen Café mit Croissant und Blick übers Meer in einem Nebensatz vernahm: „Heute könnte das doch klappen mit uns beiden, oder? Nur kleine Wellen, drei Beaufort, strahlender Sonnenschein, und redest Du nicht dauernd was von Delfinen? Ich glaub’, ich hab’ da jetzt Lust drauf!“ 

Ganz da hinten lauert die rote Tonne. Is’ ja noch weit! © miku

Lust drauf? Jeder Segler und jeder Mann weiß: Solche Gelegenheiten müssen beim Schopf gepackt werden. So kam es, dass wir eine Stunde später vom IMOCA-Steg in La Base/Lorient ablegten – Kranmeister Gildas genehmigt meinem Mini manchmal, aber nur zu besonderen Gelegenheiten, einen Platz zwischen den großen Schwestern. 

Um die Mittagszeit schnurrten wir also mit Hilfe des leisen (= vertrauensbildende Maßnahme) Torqeedo-Travels raus in die „Rade“. Durch diesen Vorhafen führt eine gut betonnte Route vorbei an den Befestigungen der Zitadelle von Port Louis ins offene Meer.

Jeder weiß, dass man Bedenken bei einem Vorhaben am besten durch Beschäftigung ausräumt. Also entschied sich der Skipper gegen die Variante „locker mit dem Außenborder raus auf den Ozean und erst dort die Segel setzen“. Nein, ich musste unbedingt die Plünnen schon in der Rade setzen. Was sollen denn die anderen denken! 

Also die knister-neue Fock nach oben, das labberige Groß mühsam gezogen und dabei den Bug immer schön im Wind halten – Andrea machte an der Pinne von Anfang an alles richtig. 

Leicht erhöhter Koeffizient

Hatte ich schon erwähnt, dass die lächerlichen drei Beaufort gegenan wehten? Und wir nun bei kippender Ebbe-Tide mit Koeffizient 110, in ziemlich engem Fahrwasser, die Bojen entlang hangelnd, aufkreuzen mussten? 

Ich also wieder an der Pinne, Andrea wie in guten alten Zeiten an der Vorschot und die in immer kürzeren Abständen nötigen Wenden klappten auch von Mal zu Mal besser. 

Geht’s noch deutlicher? Hinter der kleinen Tonne ist eine Untiefe! © miku

Zwischenrein hielt ich pädagogisch wertvolle Volksreden wie „bei hohem Koeffizient läuft viel mehr Wasser ab als sonst“ oder „Siehst Du die Fähre dort am Horizont?Bis die hier ist, sind wir längst über alle Wellenberge!“

Auf Höhe Zitadelle, an der engsten Stelle des Fahrwassers, nach der x-ten Wende,  mit Blick auf das Café, wo wir vor Kurzem noch friedlich unser Croissant tunkten, entspannte sich schließlich folgender Dialog: 

M.: … und dann zieht man in Gedanken zwischen zwei Tonnen gleicher Farbe eine Linie, über die man nicht segeln sollte. So kann im Fahrwasser eigentlich gar nichts passieren! 

A.: Welche zwei Tonnen denn? 

M.: (belehrend) Na, die GROSSE rote links und die KLEINE rote da rechts, gleich nebenan. 

A.: Und warum wenden wir nicht jetzt schon? Sieht ziemlich flach aus, da vorne

M. (verkniffen) : Wenn du wüsstest was so ein paar Meter mehr später an Höhe bringen!

A.: (misstrauisch) Bist Du Dir sicher, dass Du nicht die GROSSE Tonne da hinten rechts  anpeilen solltest?

M.: (panisch) Ähhh… Wändäää…! 

KRAAAAAACH!!!!!! KNACK! KNIRSCH!

Andrea rutscht wie in einem B-Movie 1,5 Meter nach vorne und schürft sich die Haut auf. Ich knalle der Länge nach ins Cockpit und lande buchstäblich auf der Fresse. Und über uns ziehen hysterisch lachend die Drecksmöwen ihre Schleifen.

Vielleicht kennt der eine oder andere Leser dieses Gefühl von Hilflosigkeit, wenn die „Kacke schon dampft“. Wenn man weiß, es ist echter Mist passiert, aber man am liebsten die Zeit zurückdrehen möchte. Bitte, bitte, einfach nur eine Minute rückwärts und ich höre ein Mal auf die offensichtlich einzig Vernünftige auf diesem Kahn. Dieses Gefühl, wenn einem alles in die Eingeweide fährt und man sich idiotischerweise daran erinnert, wie cool das Boot eben noch segelte.

Sofort liefen Videosquenzen vor mir ab: gekenterte Yachten, weil Kiel abgefallen. Peinliche Rettungsaktionen der Küstenwache direkt vor den Augen der Apéritif-schlürfenden Meute „chez Margarete“. Und noch schlimmer: eine Andrea, die in Zukunft lieber mit den jungen und vor allem fähigen Class40-Skippern segeln will, als mit so einem Prototypen von einem Mini-Looooser. 

Eintrag ins Buch der Dusseligkeiten

Im Nachhinein ist natürlich immer alles ganz klar: Ebbe, hoher Koeffizient, besserwisserische Unkonzentriertheit = Bruch. Wir waren also mit sechs Knötchen Fahrt auf einen Felsen gerockt! Nicht am Rumpf aufgesessen, sondern mit dem 2, 00 m langen Pendelkiel angedockt. Höchststrafe für Proto-Mini-Segler! Es droht der Eintrag ins „Mini-Buch der Dusseligkeiten“.

Exkurs: Der Mini 247 „Nat’ché“ , dessen Kiel hier aufs Übelste malträtiert wurde, hat nicht nur eine Pendel- sondern auch eine horizontal in der Länge verstellbare Kielaufhängung. Soll heißen: beim Aufprall rutschte der Kiel auf seiner Schiene ein paar entscheidende Zentimeter nach hinten, das Kielende (im Boot), bog sich für zwei Sekunden dramatisch nach vorne, klappte dann aber wieder in seine Ausgangsposition. Und ganz nebenbei bemerkt: Preparateur Y. hatte gefühlt die gesamte Wintersaison an genau dieser Aufhängung gearbeitet. 

Zurück an Bord, wo mich Andrea durchdringend anschaute. Nein, es war nicht dieser „Wenn-Blicke-töten-könnten“ Ausdruck; es stand eher ein „das war das erste und letzte Mal!“ in ihr Gesicht geschrieben. Was mir dann wirklich Sorgen bereitete. 

Verzweifeltes Warten auf auf den Meister der freischwebenden Minis © andrea

Muss noch erwähnt werden, dass jetzt die Fähre am engsten Punkte des Fahrwassers stur auf uns zurauschte? Dass der Skipper jeden Moment damit rechnete, jämmerlich in den Wellen der meterhohen Fährenwand zu kentern, die da an uns vorbei zog. Weil die Bleibombe mal eben abgefallen war?

Um es kurz zu machen: Es waren die kritischsten Sekunden des letzten Sommers. Nicht nur die Beziehung hätte einen gewissen Schaden nehmen können – sogar das Boot! 

Hoffentlich sieht das keiner!

Nach einer gefühlt nanosekundenkurzen Schockpause kam Bewegung in uns: Andrea meldete dringend eine Rückkehr in den Hafen an. Und ich holte den Pendelkiel bei, um knapp unter der Wasseroberfläche zu kontrollieren, ob die Kielbombe noch dran war.

War sie, aber irgendwie kam es mir vor, als hinge sie nur noch am vielzitierten seidenen Faden. 

Mit leicht angegrauter Gesichtsfarbe startete ich frustriert den Torqeedo, nahm die Segel runter und fuhr wie auf Eiern zum Glück geräuschlos gen La Base. Und schickte Stoßgebete zum Himmel: Hoffentlich sieht mich keiner und noch hoffentlicher bleibt die Bombe dran. Ein Kentern vor der nächsten Fähre wäre das Ende, in vielerlei Hinsicht. Und Andrea? Sie hatte mittlerweile den entspannten Blick einer guten Schwimmerin aufgesetzt: Die paar Meter rüber zur „Margarete“ könnte sie kraulend in Rekordzeit zurücklegen. 

Im Hafen dann gleich rechts unter den Kran und G., den Kranmeister anrufen. Noch bevor ich die Nummer auf dem Handy gefunden hatte, fiel mir siedendheiß ein: Mittwoch! Freier Nachmittag für den Meister der freischwebenden 6.50-Meter-Flitzer. 

Blieb nur eines: Beim verletzten Boot bleiben und warten, bis der neue Tag neue Ein- und Ausblicke bringt. 

Irgendwann gegen später meinte Andrea dann, ich hätte lange genug Händchen mit dem Boot gehalten. Es sei jetzt Apéro-Zeit und der Kahn würde ohne mich schon nicht absaufen – im Gegenteil! Und hatte ich nicht eben noch alle 25 Sekunden kontrolliert, ob Wasser ins Boot eindringt? Eben! 

Der Topf – Schrecken aller Höhekitzler

Als ich am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe einem erstaunten G. – was will der deutsche Touri um diese Uhrzeit schon hier? – von meinem Malheur berichtete, entspann sich erneut einer dieser ernüchternden Dialoge: 

G. (breit grinsend): Du bist also auf einen Felsen gerockt?

M.: Oui et merde… 

G.: (zeigt auf eine Karte an der Wand): Etwa auf den hier?

M.: Äh, exactement. Woher weißt Du?

G.: Willkommen im Club! Auf dem Stein bist Du nicht der erste, der seine Duftmarke hinterlässt

M.: Ah bon? 

G.: Das Ding heißt „le pot“ – der Topf. Und auf den haben sich bereits eine Menge Segler, und durchaus auch die ganz großen Namen gesetzt. Immer bei dem Versuch, noch einen Meter Höhe mehr rauszukitzeln. 

M.: Und was ist mit meinem Kiel? Wir müssen kranen, ich muss mir die Bombe anschauen. 

G.: Quatsch, nix passiert. Der Stein ist schon ganz glatt von den vielen Kollisionen. 

M.: Und wenn die Bombe zerkratzt, ein Stück aus dem Blei herausgebrochen ist? Geschwindigkeitsverlust 0,1 Knoten? Umweltskandal!

G.(leicht angenervt): Okay, dann solltest du in den nächsten Tagen keinen Fisch von hier essen. Bleivergiftung, Du weißt schon.

Epilog 

Wie sich ein paar Wochen später beim Kranen herausstellte, hatte die Kielbombe tatsächlich nur ein paar Kratzer abgekriegt. Andrea war schon am nächsten Tag mit mir wieder auf dem großen, mitunter etwas welligen Ozean und hat seitdem keine einzige Stichelei zum Vorgefallenen von sich gegeben. Sie besteht allerdings darauf, dass sie die Peilung mit den Fahrwassertonnen übernimmt. Von wegen gedachte Linie von Tonne zu Tonne und so. 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „Beziehungssegeln im Mini: Falsche Tonne, miku rockt den Rock – ausgerechnet mit Andrea!“

  1. avatar Looploop_andy sagt:

    Mini,
    Vielen lieben Dank!!
    Bitte immer weiter schreiben.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

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