Bootsbau: Das minimalistische Innenleben der 31 Meter Ketsch “Marama”

Grau in grau

Die Yachtwelt hat schon manchen Kajüt-Ausbau gesehen: Von altbacken und überladen bis hin zum neuerdings angesagten mailändischen Minimalismus ist stilistisch alles drin. Eigentlich überrascht kein Interieur mehr. Bis man dieses gesehen hat.

Marama

‘Marama’ Ende Januar vor Antigua. Die Ketsch profitiert seglerisch vom leichten Interieur und einigen qm Segelfläche mehr an längeren Masten © Vegard Bleikli

Leider werden Yachten meist schwerer als geplant. Deshalb reden versierte Bootsbauer augenzwinkernd vom Unterschied zwischen der sogenannten Konstrukteurs- und der metrischen Tonne. Bei der Konstrukteurs-Tonne handelt es sich um eine vom Wunschdenken beeinflusste, entsprechend variable Größe. Bei der metrischen Tonne um genau Tausend Kilogramm. Der Unterschied ist grausam, weil damit die Segelleistung absäuft.

Die übliche Lösung: Die Wasserlinie wird etwas höher auf die Bordwand gemalt und sämtliche Mitwisser tun so, als wäre alles in Ordnung. Das kam für Gérard Naigeon nicht in Frage, als er vor einigen Jahren in Saint Nazaire das Kasko eines seit 1994 herumstehenden Alu-Maxi entdeckt und beschlossen hatte, den Rohbau in sein nächstes Schiff zu verwandeln.

Naigeon hatte zuvor Klassiker wie die edlen Gaffelkutter „Moonbeam III und IV“ gesegelt. Er kannte den theoretisch feinen, seglerisch leider gravierenden Unterschied zwischen geplant und gebaut, zwischen Theorie und Praxis.

Rohbau zwei Tonnen zu schwer

Zwecks Prüfung der Konstrukteurs-Tonnage wurde das Kasko zunächst einmal gewogen. Das Ergebnis war niederschmetternd wie üblich. Der Rohbau war zwei Tonnen schwerer. Damit das Boot mit dem einst vorgesehenen Gewichtsschwerpunkt dennoch segelt, wurden dem 17,5 t Ballast 2,4 t Blei hinzugefügt. Und Naigeon wollte noch ein deutlich größeres Rigg haben. Jetzt schien guter Rat teuer.

Unter dem Strich waren gut 4,5 t zu sparen. Das geht in Grenzen mit leichten und kostspieligen Hightech Materialien. Einfacher ist es, wenn sich eine gravierende Position in der Gewichtsbilanz einer Yacht quasi komplett weglassen lässt, das Interieur. Er ist Franzose und ähnlich wie der Italiener hat der Gallier manchmal nicht bloß gewöhnungsbedürftige Ideen, er setzt sie auch um.

Also blieben Marmor, Edelholz, Wegerung und Deckenvertäfelungen an Land. Abgesehen von der unverzichtbaren Isolierung, etwas Moosgummi, Bildern und Teppichen ist „Marama“ unter Deck ziemlich leer. Farblich blieb Naigeon im Wesentlichen bei Aluminium-mattgrau. Das Gerippe der Spanten und Stringer, die Bordwand und die Decke wurden mit weißer Ware im Look gesteppter Barbour-Jacken gepolstert. Auch außen wurde auf Spachtel und Farbe verzichtet. Einzig das Deck erhielt einen rutschhemmenden Anstrich.

Netto um die Welt

Jetzt segelt „Marama“ derart netto um die Welt. Sie nimmt an Regatten teil und übrigens auch zahlende Gäste mit. Wie neulich bei der Superyacht Challenge von Antigua zu sehen, lohnen sich die zusätzliche Segelfläche und das sparsame Interieur seglerisch.

Wer mal ausprobieren möchte, wie es sich mit „function statt fashion“ an Bord lebt, den (Zitat) „Loft-artigen Stil mit gepolsterter Isolierung“ ausprobieren oder den abgekochten Werbetexter mal fragen möchte, wieviel er für solchen Schmonzes genommen hat, kontaktiert Yachtmakler Bernard Gallay .

Ich bin nicht sicher, ob der Naigeonismus als maritime Variante des Pariser Centre Pompidou bei Yachten Schule machen sollte. Mit etwas Spachtel, einer professionellen Lackierung und einem Innenausbau ließe sich aus „Marama“ aber bestimmt was machen.

Der Nachteil: normalgemütliche 30 m Schlitten gibt es beinahe wie Sand am Meer. Siehe die 1994 in Saint Nazaire fertig gestellte „Apache“. Das Schwesterschiff ist außen weiß statt grau und unter Deck mit Marmor, Mahagoni und bunten Möbeln unterwegs. Schon spezielle Leute, diese Franzosen. Aber die stellen ja auch Brotboxen auf die Straße und behaupten, es wäre ein Auto.

31 m Aluminium-Ketsch „Marama“

Schwesterschiff zu „Apache“ der gleichen Werft von 1994
Konstruktion: Dominique Presles
Projektleitung/Eigner: Gérard Naigeon
Interieur Design: Studio DB
Yachtbauliche Modifikationen: René Simon, Société SNM
Werft/Stapellauf: Chantier Navale N2A/2008
Länge: 31 m
Wasserlinie: 25,60 m
Breite: 6,70 m
Tiefgang: 3,50 m
Verdrängung: 68,9 t
Dieseltank: 3.000 l
Frischwasser: 1.800 l
Am Wind Segelfläche: 450 qm
Raumschots: 989 qm
12 Gäste in 6 Kabinen
Chartertarif Woche: 30.000 €

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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17 Kommentare zu „Bootsbau: Das minimalistische Innenleben der 31 Meter Ketsch “Marama”“

  1. avatar SR-Fan sagt:

    Schade ums Boot.

    Nicht das man da immer dunkles Holz braucht, Alu oder Carbon haben auch Ihren Charme – zumindest wenn Sie nicht so “rustikal” verarbeitet werden. Aber das hier, und dann noch mit diesen Kissen an der Rumpfwand, hat ja eher was von ner 30 m Gummizelle.

    VG

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  2. avatar Backe sagt:

    Ich glaube, der eigner hat als Kind zu viele Astronauten-Filme gesehen ;.)

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    • avatar Girdler-Sulfid-Prozess sagt:

      Ich glaube, in dem “Ding” wurden die Astronauten-Filme gedreht

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      • avatar Backe sagt:

        Da würden doch auch die Space-Overalls passen, die die Prada-Jungs beim Louis-Vitton in San Francisco tragen mussten…

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        • avatar Girdler-Sulfid-Prozess sagt:

          …verstehe die Disliker nicht. Haben die keinen Spaß? Oder eben anderen Spaß…

          Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 5

          • avatar Girdler-Sulfid-Prozess sagt:

            Hey Piet, da biste ja wieder! Schön!
            Aufgewacht?

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          • avatar Girdler-Sulfid-Prozess sagt:

            😉

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          • avatar Backe sagt:

            Don’t feed the trolls …

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          • avatar Backe sagt:

            Liebes SR-Team, ich finde es sehr gut und völlig richtig, dass ihr offensichtlich rein destruktive oder beleidigende Kommentare löscht. (Wie in diesem Thread geschehen …)

            Es sollte allerdings an der betreffenden Stelle ein kleiner Vermerk “Kommentar gelöscht” stehen, damit man sich beim späteren Nachlesen der Kommentare nicht wegen scheinbar zusammenhangloser Äußerungen am Kopf kratzt.
            Außerdem zeigt es eventuellen anderen Trollen: Hier ruht ein Forumstroll! Also denk lieber zweimal nach, ob du hier nun mutwillig eine Diskussion kaputt machen möchtest!

            Im Übrigen ist dies ein aktueller Trend, den ich sehr begrüße: Sogar der Deutsche Presserat möchte nun versuchen, für Internetforen die gleichen Anforderungen an Höflichkeit und Sachlichkeit durchzusetzen, wie z.B. für zur Veröffentlichung eingesandte Leserbriefe …

            Wer mehr darüber wissen möchte:
            http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/presserat-will-regeln-fuer-internet-foren-einfuehren-a-953939.html

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          • avatar Carsten Kemmling sagt:

            oops, dachte das wäre ein versehen, weil mehrfach die gleiche aussage gepostet wurde…

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          • avatar Backe sagt:

            Nee, das hat er auch schon in anderen Threads gemacht. z.B. in dem letzten von Digger. Wie gesagt, ich find eine wie auch immer geartete redaktionelle Kontrolle des Forums überfällig.

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    • avatar Arne sagt:

      Auch ein Astronauten-Film im weitesten Sinne: Mich erinnert das Ganze an die Inneneinrichtung der Flasche aus “Bezaubernde Jeannie”.

      Die ersten Staffeln waren auch noch in Schwarz-Weiß….

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  3. avatar BBB sagt:

    Das ist doch was für digger. Downsizing trotz größerem Boot.

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  4. avatar AllieBie sagt:

    Schade um das schöne Schiff!!
    Wie so etwas auch aussehen kann und trotzdem sehr schnell segelt sieht man hier:

    http://www.schwarzbuerger.de/Maxi

    Die Dame geht im Übrigen noch ein wenig tiefer und der Dichte wegen hat man sich seinerzeit für Wolfram im Kiel entschieden … kost ja nix ;O)

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  5. avatar porkus66 sagt:

    Also ich finde das sieht schon sehr gewöhnungsbedürftig aus! Wobei der Rumpf überwasser in Alu-Natur das hat was. Innen jedoch kann man das bestimmt auch ansprechender gestalten ohne dann man gleich mit dem Gewicht übertreiben muß, getrocknete Farbe kann doch nicht so schwer sein! Denke da sieht man für 50 kg schon viel. Das Steppdecken Design finde ich witzig Das hat was. Ich denke insgesamt ist das schon ein interessanter Ansatz um auch mit einem so großen Schiff sportlich zu segeln. Muß ja nicht jeder. Wem das zu spartanisch ist, wer marmorne Arbeitsflächen in der Pantry will schippert dann halt auch 200 kg Marmor übers wasser, wenns gefällt auch gut. Es gibt halt eine Sportboote und reine Wassercampingboote, beide lassen sich segeln. Auf den einen hab ich mehr Fun bei Regattasituationen auf den anderen mehr bei Familiensituation. Als Kompromis gibt es ja auch sportliche Fahrtensegler, die man zur Regatta aus- und für den Familienunlaub wieder einräumt.

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