Bootsbau Historie: Ljungström-Rigg für den stilvollen Schmetterling-Kurs

Ufo mit Doppel-Surfsegel

Als Frederik Ljungströms Sohn fast vom Baum über Bord geschleudert wurde schaffte der schwedische Erfinder 1932 den Großbaum ab. Das Ljungström Rigg besteht aus einem unverstagten Rollmast. 

Ljungström Rigg

Mit reduziertem Windwiderstand unterwegs: Die Signe in den 1980er Jahren mit gewölbtem Deck und strömungsgünstiger Hutze über dem Niedergang © Ljungström Archiv

Ab und zu ist in dänischen und schwedischen Gewässern ein seltsames Gefährt zu sehen. Der negative, am Bug und Heck abgesenkte Deckssprung mit separatem Flaggenmast für Gösch oder Clubwimpel und der dicke frei stehende Rollmast verblüffen. Ebenso die spezielle Schotführung an einer Art Flaggenstock achtern. Was ist das?

Ein Ufo, ein für den Hybridbetrieb mit Segeln umgebautes Motorboot? Der ganz große, bislang unverstandene Wurf? Gleitet das Ufo-artige Gefährt derart steil, dass der Pilot wie beim Runabout auf das geduckte Vordeck angewiesen ist, um bei rasanter Fahrt vorne noch was zu sehen? Ist das die Zukunft?

Es handelt sich um das sogenannte Ljungström-Boot mit gleichnamigem Rigg. Das Tuch ist ähnlich wie ein Surfsegel geschnitten, kommt allerdings ohne Gabelbaum aus. Nachdem der Sohn des schwedischen Erfinders und Turbinenfabrikanten Frederik Ljungström 1932 beinahe vom Großbaum über Bord geschleudert wurde erfand der Vater dieses baumlose Rigg.

Fredrik Ljungstroem

Fredrik Ljungstroem, schwedischer Erfinder mit Spaß am Segeln. © Ljungström

Übrigens war die Idee ein Segel um eine rotierende Spiere zu rollen, damals nicht neu. Das wurde bei den gaffelgetakelten Jollen und Jollenkreuzern im deutschen Reich schon eine Weile gemacht. Der Nachteil des starren Vorstags, das bei den gaffelgetakelten Riggs zugleich Achter- oder Backstagen entbehrlich machte, war aber das zusätzliche Gewicht und der extra Windwiderstand.

Prototyp von Lotterie finanziert

1934 präsentierte der Erfinder das sogenannte Ljungström Rigg im schwedischen Seglarbladet. Ein Jahr später erhielt der gut zehn Meter lange Küstenkreuzer „Corinne III“ den Prototyp dieses unverstagten Rollmastes. Er war 14 m lang. Wie damals üblich wurde der Bau des Bootes als sogenanntes „Lottbåt“ mit den Einnahmen aus einer Lotterie finanziert.

Der Vergleich mit einem baugleichen, allerdings herkömmlich geriggten Boot – es war im Jahr zuvor ebenfalls als Lotterieboot entstanden – ermutigte. Ebenso ein Test bei rauhem Wetter in den westschwedischen Schären. 1935 war für Ljungström klar: das ist die Zukunft. Einzig die notorisch konservative, uneinsichtige Seglerwelt musste noch davon überzeugt werden.

Der Mast stand mit seinem auf einer Kugel gelagerten Fuß auf dem Kielschwein und wurde im Prinzip wie beim Finn, der OK- oder Europejolle üblich durch die Führung an Deck gehalten. Dessen Nut hielt ein doppellagiges Tuch, das zum Setzen vom Rollmast abgewickelt und zum Reffen einige Umdrehungen eingerollt wurde.

Fredrik Ljungstroem

Fredrik Ljungstroem auf seinem ungewöhnlichen Design. © Ljungström

Der Clou: Platt vorm Laken wurden beide Tücher zum Schmetterlingssegeln auseinandergeklappt. Damit verdoppelte sich die Segelfläche. Wie bei modernen Rollanlagen wurde der Mast von einer endlos um eine große Scheibe gelegten Leine von der Plicht aus gedreht. Das war Ljungströms Verwirklichung des Traums vom sicheren Rigg zu dessen Handhabung niemand die Plicht verlassen muss.

Eigenwillige Linien, verblüffende Form

Bald machte sich der Tüftler an die Entwicklung eines zum Rigg passenden Gefährts: des sogenannten „Ljungström-Bootes“. Mit seinen eigenwilligen Linien und dem negativen, vorn und achtern zum Wasser abgesenkten Deckssprung brach es damals schon unübersehbar mit dem Schönheitsideal traditioneller Boote.

Die Form verblüfft noch heute. Sie war Ergebnis eines mittig über dem Boot angesetzten Zirkels. Deren Kreisbögen ergaben den speziellen Radius der Spanten, die vom Konstrukteur dann zu den Enden hin oben gekappt wurden. Die Form wird in Skandinavien „Cirkelbågsskrov“ genannt.

Ähnlich wie die geduckte Karosserie beim Auto mindert der negative Sprung den Windwiderstand. Er spart Material und Gewicht an den Schiffsenden. Außerdem gelangt man vom niedrigen Bug problemlos mit einem kleinen Schritt vom Liegeplatz auf die Schäre.

Den Flaggenstock und Positionslaternenhalter kennt man von Motorbooten. Er eignet sich bei der Rückkehr an Bord als willkommene Gelegenheit zum Festhalten. Gerade dann, wenn die Mittsommernacht lang wurde und gehaltvolle Getränke im Spiel waren. Außerdem fließt bei dieser Form beim Deckschrubben das Wasser rasch ab.

Radikales Konzept

Durchdenkt man das radikale Konzept eine Weile wird klar: Das Ljungströmrigg und dazu gehörige Boot war ein Versuch, das Segelboot als einfachen, handlichen und sicheren Gebrauchsgegenstand neu zu erfinden. Heute böten sich mit zeitgemäß leichten und belastbaren Materialien da ganz andere Möglichkeiten. Mit freistehenden Masten und einer ringsum bequemen wie sicheren Handhabung der Segel wird bis heute vom Dschunkenrigg der „Jester“ oder die Freedom-Yachten bis hin zum Prölsschen Takelage bei Maltese Falcon experimentiert.

Nach dem zweiten Weltkrieg betrieb Ljungström im westschwedischen Fiskebäkskil eine auf den Bau seiner Boote spezialisierte Werft. Etwa zweihundert Schiffe mit dem eigenwilligen Rigg sollen bis in die sechziger Jahren entstanden sein.

Manches Exemplar erhielt ein pagodenartiges Deckshaus, manches die Panoramaverglasung einer bei Motorbooten bewährten Windschutzscheibe – dort wird die Version im coolen Marketinglingo als „Open“ bezeichnet – andere U-Boot artige Aufbauten. Das Boot wurde sogar in die Staaten exportiert. Die kleinen offenen Daysailor hießen Ljungstömbåd, die fahrtentauglich großen Ljungströmkrysser.

Es erstaunt nicht, dass das Ljungströmboot ein Exot geblieben ist, gerade deshalb wird manches Exemplar liebevoll restauriert. Natürlich gibt es in Schweden einen unbeirrten Fanclub . Wer mit solch einem unbekannten Segel Objekt abends den Hafen ansteuert wird den Marsmänncheneffekt genießen, lässig das Groß wegrollen und so tun, als sei alles normal. Man kennt den Effekt im Straßenverkehr von der Spezies der Liegeradfahrer.

Urmodell des Saab

In diesem Zusammenhang sei an das Urmodell des Saab von 1947 erinnert. Gemeint ist dieses merkwürdige Auto, das mit einer windschlüpfrigen Karosserie und dem Charme einer umgedrehten Seifenschale durch die schwedischen Wälder kurvte. Ob sich Ljungström davon inspirieren ließ?

Übrigens haben die Schweden auch richtig praktische Sachen erfunden, wie beispielsweise den verstellbaren Schraubenschlüssel, der von Ignoranten beharrlich „Engländer“ genannt wird. Oder Getränkeverpackungen aus Pappe (Tetra Pak) Oder daheim selbst zusammenbaubare Möbel (Ikea). Der Gerechtigkeit halber sei abschließend erwähnt, dass die Schweden auch Schöpfer hinreißend schöner Gebrauchsgegenstände sind, beispielsweise des Schärenkreuzers.

 

Boote mit Ljungström Rigg wurden in verschiedenen Größen gebaut: vom 5,50 m langen, 800 kg schweren Daysailer mit 2 x 12 qm Segelfläche, über zahlreiche 7, 9 oder 12 m Modelle bis hin zur 15 m Yawl mit zwei Rollmasten.

Ljungström (1875 – 1966) war ein ideenreicher Mann. Gemeinsam mit seinem Bruder Birger (1972 – 1948) hatte er mit dem sogenannten Svea-Rad ein Fahrrad mit einem kettenlosen Antrieb erfunden. Damals waren notorisch reißende Ketten das schwächste Glied beim Fahrradfahren.

Die bedeutendste ihrer zahlreichen Erfindungen war die sogenannte Ljungströmturbine, die als „Stal-Turbine“ gefertigt ein Erfolg war. In der „Svenska Turbinfabriks Aktiebolaget Ljungström“ blieb was hängen. So konnte sich Ljungberg, der es insgesamt zu 250 Patenten brachte und dem gemeinsam mit seinem Bruder auch die Entwicklung des ersten Kfz-Automatikgetriebes zugeschrieben wird, auf seine Lieblingsbeschäftigung, die Entwicklung eines handlichen Riggs und später des dazugehörigen Bootes konzentrieren.

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Erdmann Braschos

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5 Kommentare zu „Bootsbau Historie: Ljungström-Rigg für den stilvollen Schmetterling-Kurs“

  1. avatar Lars sagt:

    Aha! 🙂 Danke, finde ich interessant.

    Gesehen habe ich diesen Typ schon öfter, allerdings nie segelnder Weise. Gibts zu den Segeleigenschaften Informationen?

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  2. avatar SR-Fan sagt:

    Schöner Artikel. Hat jemand Erfahrung, wie das Rigg am Wind performed?

    VG

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  3. avatar Ullli sagt:

    In Frankreich wurde das Prinzip eines drehbaren, unverstagten Masts ganz modern mit der Ikone J umgesetzt: http://www.espace-vag.com/ikone-j.php (als Video https://www.youtube.com/watch?v=IqyOXQPVBCM).

    Beim deutschen Importeur gibt es eine Übersetzung eines Artikels, der für dieses Boot die Segeleingenschaften für das normale Rigg und den drehbaren Mast vergleicht: http://www.biehlmarin.com/mediapool/3/35906/data/Ikone/Vergleichstest_Ikone_J_und_JS_b.pdf

    Nachdem ich am Wochenende 3x beim Maststellen geholfen habe, finde ich dieses simple Konzept immer besser. 🙂

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  4. avatar Fleischer sagt:

    Bitte kann mir jemand erklären, wie trimmt man das Ljungströmsegel bei Halbwindkurs. Mit dem Holepunkt mittschiffs achtern bildet sich ja ein dicker Bauch/Wölbung. Wenn man etwas einrollt bleibt der Bauch, nur die Segelfläche und Fahrt wird kleiner. Ergibt sich Ljungström da in sein Schicksal?

    Fleischer, Hobbysegler

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