Bootsbau Inside: Wolfson Unit Besuch. Kotznorm gegen Seekrankheit, gefrorene Erbsen

Termin für den Eimer

Modell der "Rainbow Warrior III im Windtunnel Test bei der Wolfson Unit in Southampton. © Wolfson Unit

Der Beruf des Reporters, des Segelreporters zumal, gilt als Traumjob. Dauernd in der Weltgeschichte unterwegs, Boote probesegeln, in Werften rumschnüffeln oder in sonnen- und windsicheren Revieren irgendwelchen VIPs das Mikrofon unter die Nase halten. Dieses Zerrbild muss dringend mal korrigiert werden. Folgendes Beispiel zeigt, wie übel und frustrierend der Job in Wirklichkeit ist.

Der Reporter ist extra nach Southampton geflogen, eine Stadt, die zwar ähnlich wie Kiel am Wasser liegt, aber nicht reizvoller ist als Lüdenscheid oder Recklinghausen. Das liegt maßgeblich am Besuch deutscher Bomber. Die legten im zweiten Weltkrieg die Altstadt der Hafen- und Flugzeugbaumetropole in Schutt und Asche.

Der Schreiber hat seinen Besuch des Wolfson Unit for marine technology and industrial aerodyamics gewissenhaft vorbereitet. Das Institut ist bei Bootskonstrukteuren äußerst gefragt. Es sucht Antworten auf Fragen wie zum Beispiel nach der Beeinflussung der achteren Tücher durch die vorderen bei mehrmastigen Seglern.

Arbeit mit Windtunnel und Schlepptank

Es werden verschiedene Takelagen oder Segelformen überprüft, sofern die stetig verfeinerte Software zur simulierten Darstellung der Strömungsverhältnisse nicht ausreicht oder mal ein Realitätsabgleich nötig ist. Windtunnel und Schlepptank sind die Werkzeuge der Ingenieure.

Das neuartige Dyna-Rigg der "Maltese Falcon" wurde vor dem Einsatz ausgiebig im Windtunnel getestet. © Wolfson Unit

Konstrukteure wie Gerard Dykstra, die sich immer wieder mal was ziemlich neues wie beispielsweise die „Maltese Falcon“ ausdenken oder die „Heartsease“ in „Adela“ mit neuem Rigg verwandeln, stellen hier ihre Modelle vor die Düse und gucken was passiert. Sein Kollege Andre Hoek untersuchte mal ein Modell der riesigen Ketsch „Athos“ auf dem Drehteller des Windtunnels im Wolfson Unit.

Wer immer es heute auf den Weltmeeren ziemlich eilig hat, beispielsweise beim Volvo Ocean Race, dessen Boot wurde mit einiger Wahrscheinlichkeit hier mit verschiedenen Anhängseln in verschiedenen Krängungswinkeln durchs Becken gezogen, als Modell natürlich. Eine Spezialität des Wolfson Unit ist es, trotz etwaiger Unschärfen mit wirtschaftlichen, also kleinen Modellen zu arbeiten.

Dabei befassen sich die Spezialisten nicht allein mit Strömungsverhältnissen im Wasser oder Rigg. Für die 67 Meter lange ultraleichte Riesenketsch „Hetairos“ entwickelten die Ingenieure des Wolfson Unit gemeinsam mit den Strukturspezialisten von Gurit ein Lastüberwachungssystem.

Acht im Schiff untergebrachte Sensoren geben Auskunft über die Beanspruchung von Bauteilen und warnen vor Überlastung der mit ganzen 220 Tonnen verblüffend leichten Superyacht. Die „Hetairos“ ist in mehrerer Hinsicht ein Prototyp mit außergewöhnlichen yachtbaulichen Lösungen, da lohnt der Aufwand eines solchen Monitoring.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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3 Kommentare zu „Bootsbau Inside: Wolfson Unit Besuch. Kotznorm gegen Seekrankheit, gefrorene Erbsen“

  1. avatar Marc sagt:

    Guter Artikel, amüsant zu lesen und nicht so hitzig zu debattieren wie das 470er Gerichtsthema 😉

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

  2. avatar Klaus sagt:

    Köstlich: „Bean Freezing Quarterly“.

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  3. avatar uli_s sagt:

    Wolfsons Bohnenfroster und Brechrekorder dürften zur Perfektion kultivierte Kalauer aus der Firmenhistorie sein, mit denen man – by the way – auch lästige Blogreporter abwimmeln kann.

    😉

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